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Klartext Rainer Moritz: Hamburg – (k)ein gutes Pflaster für die Literatur?

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Montag, den 19. August 2013 um 09:09 Uhr
Klartext Rainer Moritz: Hamburg – (k)ein gutes Pflaster für die Literatur? 4.5 out of 5 based on 233 votes.
Klartext Rainer Moritz: Hamburg – (k)ein gutes Pflaster für die Literatur?

Zur Literatur in Hamburg, in Thesenform:
• Literatur braucht für ihre Entstehung keinen bestimmten Ort, kein Zentrum. Man kann sehr wohl in Nussdorf, Heilbronn oder Verden an der Aller leben und bedeutendere Texte als Berliner, Münchner oder Leipziger Autoren schreiben.

• Aber: Literarisches Leben braucht Vielfalt, Austausch und Anregung. Das geschieht an Orten, wo viele Buchverlage sitzen, Kritiker arbeiten, Übersetzer und Autoren leben. Hamburg hat (selbst wenn wir Reinbek und Rowohlt eingemeinden) wenige Publikumsverlage mit literarischer Strahlkraft. Von der Verlagsstadt Hamburg sprechen kann man nur, wenn man die Kinder- und Jugendbuchliteratur meint.

• In Hamburg arbeiten – auch dank „Spiegel“, „Zeit“, NDR u.a. – nicht wenige Literaturkritiker und Literaturvermittler. Das „Hamburger Abendblatt“ und der NDR nutzen in meinen Augen zu selten die Gelegenheit, bekannte Autoren, die in der Stadt sind, zu interviewen und so der Literatur auch im gesellschaftlichen Gefüge mehr Stellenwert zu geben.

• Hamburg hat – ohne dass wir uns selbst loben wollen – ein Literaturhaus mit vielfältigem Programm und internationaler Reputation. Darüber hinaus gibt es eine Fülle von Veranstaltern, die sich aktiv um sehr unterschiedliche Literaturformen kümmern. Hamburg wird von Autoren gern besucht; Verlage beziehen Hamburg stets bei ihren PR-Überlegungen ein.

• Hamburg hat mehrere gut angenommene Literaturfestivals (Harbour Front, Vattenfall Lesetage, Krimifestival), doch keines, das ein unverwechselbares literarisches Profil aufweist. Die „Eventisierung“ der Literatur fördert einseitig Mainstream auf Kosten qualitativ hochrangiger Literatur. Lediglich im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur sind unverwechselbare Marken wie das "Seiteneinsteiger"-Festival im Herbst entstanden... doch leider ignorieren viele Feuilletons all das, was nichts mit der "Erwachsenenbelletristik" zu tun hat.

• Die Literatur spielt im öffentlichen Bewusstsein Hamburgs keine zentrale Rolle. Obwohl es Stiftungen und Mäzene gibt, die Literatur aktiv fördern, und viel für Leseförderung u. ä. getan wird, spielt die „stille“ Literatur im Vergleich mit den auffallenderen anderen Künsten selten die erste Geige. Literatur wird zu oft marginalisiert.

• Hamburg ist aufgrund seiner Mietpreise kein attraktiver Ort, um Autoren anzuziehen.

• Hamburg hat keine Residenzmöglichkeit für Autoren und zu wenig hochrangige Literaturpreise.

• Die Förderung der Literatur durch die Kulturbehörde ist, keineswegs nur auf das Literaturhaus bezogen, enttäuschend niedrig. So schön es ist, altgediente Autoren wie Siegfried Lenz, Wolf Biermann, Ulla Hahn, Jutta Bauer, Brigitte Kronauer, Kirsten Boie oder Ralph Giordano in Hamburg zu haben und sich mit ihnen zu schmücken, so sehr muss man sich dafür finanziell engagieren, dass solche Literatur auch künftig entstehen kann. Kunst entsteht nicht nur in Museen, Opern und Theatern.

Ihr Rainer Moritz

Rainer Moritz (* 26. April 1958 in Heilbronn) ist ein deutscher Germanist, Literaturkritiker und Autor.
Nach dem Abitur am Robert-Mayer-Gymnasium Heilbronn im Jahr 1977 studierte er an der Universität Tübingen Germanistik, Philosophie und Romanistik. 1988 promovierte er mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit über Hermann Lenz. Von 1989 bis 2005 arbeitete er in mehreren Verlagen, zunächst bis 1991 als Lektor beim Tübinger Francke-Verlag, 1991 bis 1995 als Leiter der Philologischen Abteilung beim Berliner Erich Schmidt Verlag, dann als Cheflektor beim Verlag Reclam Leipzig und als Programmgeschäftsführer beim Verlag Hoffmann und Campe. Seit 2005 leitet er das Literaturhaus Hamburg. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Hinweis: Die Inhalte von "Klartext" geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

Foto: Claus Friede

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