Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 920 Gäste online

Neue Kommentare

Giselheid Otto zu Dialog über Grenzen: Kunst aus Ost und West – Die Sammlung Riese: Lieber Herr Riese,
ich bin Michaelas Freun...

Willem van Rensenbrink zu „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri”. Oder die Heimat des Zorns: Danke für den Tipp. Ein klarer Oscar-Kandidat!...
h. pöhls zu James Rosenquist. Eintauchen ins Bild – vom Plakatmaler zur Pop-Art-Ikone: war genauso beeindruckt. Gut beschrieben....
Gerd Kruse zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo Frau Lampert,
ich war durch meine He...

Herby Neubacher zu Elbphilharmonie: Das perfekte Buch zum Bau: Absolut richtig. Ich habe das gabnze Drama Elbphi...

CDs JazzMe

Max Raabe: Eine Nacht in Berlin

Drucken
(271 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 06. Februar 2015 um 13:11 Uhr
Max Raabe: Eine Nacht in Berlin 4.8 out of 5 based on 271 votes.
Max Raabe: Eine Nacht in Berlin

Kein anderer als Max Raabe knödelt so hingebungsvoll und gekonnt-altmodisch herzzerreißende Melodien aus den 20ern und 30ern des vorigen Jahrhunderts über Kakteen, zu lange Röcke, unwillige Liebhaber oder Badewannenkapitäne.
Die CD und DVD, die nun vorliegen, zeigen ihn und – wie immer – das Palast Orchester beim Zelebrieren einer Nacht in Berlin. Eingeleitet durch ein stilechtes Fahrrad-Solo des Herrn Raabe hin zum Admiralspalast, wo die Party im passenden Ambiente und mit teils angemessen gekleideten Publikum startet. Deshalb schnell das Eisbärenfell vor den DVD-Recorder gezogen und reingeschaltet.

Max Raabe COVER„Ich bin nur gut, wenn keiner guckt“ beginnt Herr Raabe, was die Lüge des Jahrhunderts ist. Denn natürlich ist keiner besser als er, wenn er mit schief gezogenem Kinn und süffisanter Mimik Alltagswirren und kleine Intimitäten vor vollem Saal ausbreitet. Gleich im zweiten Titel schmachtet er einem Mädchen hinterher. Und obwohl man gut gelaunte Musiker und den Herrn im Frack am altmodischen Mikro sieht, hat man doch eine entzückende Kleine im bunten Flatterkleid vor Augen, die durch den jeweils schönsten Sommertag der letzten 90 Jahre hüpft. Ja, das kann Raabe gut: Zuhörer und Zuschauer mit launigen Bemerkungen und stilecht dargebrachtem Liedgut in eine andere Zeit und an andere Orte versetzen. Er knödelt und schnalzt, er säuselt und haucht, er lockt und bezirzt und schafft es zudem, sich stets formvollendet und elegant an der Retro-Technik vorbei zu verbeugen – unnachahmlich.

Das Palast Orchester spielt – wie immer – nicht nur mit hervorragenden Musikern. Das Video zeigt, sie spielen auch alle alles mit. Jeder kriegt sein Spotlight, scherzt und neckt den Nachbarn, trägt mit witzigen Intermezzi – musikalisch und gestisch – zum grandiosen Ergebnis bei. Allen voran natürlich die einzige Frau des Ensembles an der Geige. Und vier der männlichen Raabe-Begleiter zeigen im „Blauen Engel“-Song „Wir sind von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ quasi eine Version à la Comedian Harmonists – 1A! Eine Frosch-ähnliche Handpuppe, die an anderer Stelle schluchzt und Liebesworte ins Mikrofon haucht, bringt mit ihren Soli auch die anderen Herren der Instrumente vor die Linse. Ihnen allen merkt man den Spaß am wiederholten Eintauchen in diese andere musikalische Welt mit all seinen Facetten an.

Und Raabe tut, was er am besten kann. Er präsentiert diese Welt – schelmisch, leicht, salbungsvoll, keck und ironisch. Je nachdem, was grade anliegt. Auf jeden Fall macht er es so reduziert-elegant wie kein anderer im deutschen Show-Biz.

Max Raabe - Eine Nacht in Berlin - CoverCole-Porter-Songs sind dabei, Kurt Weill, Friedrich Hollaender und viele andere aus den wilden 20ern. Aber seit drei Jahren stammt jeder dritte Song von Musikproduzentin Annette Humpe und Christoph Israel, die sich mit Max Raabe an Songs mit dem besonderen Touch dieser Zeit wagten. Spätestens bei dem längst bekannten Titel „Küssen kann man nicht alleine“ wissen Sie, was ich meine. Es klingt einfach, als gehörten diese heutigen Songs dennoch in die Zeit der Flapperdresses, Charlestonkleider und Mafiakostüme. Man hat es plastisch vor Augen, obwohl die Regisseure der DVD mit viel Sorgfalt und Freude vor allem Raabe und seine Musiker ins Bild setzen. Und zwar ganz altmodisch und modern in einem: entsättigte Farben, dazu Kachel-Laufbänder, Nahaufnahmen, Kameraschwenks knapp unter der Decke oder Filmprojektionen hinter den Musikern.

Wenn Raabe nach dem Schlussapplaus formvollendet, völlig ungerührt vom nahenden Ende des Abends und absolut liebenswürdig darum bittet, noch ein weiteres Lied vortragen zu dürfen – man kann einfach nur noch schmunzelnd zustimmen. Mein Großvater hätte übrigens bereits nach zwei, drei Liedern kopfschüttelnd gesagt: „Was für alte Schnoken der da singt.“ Schnoken war sein altschlesischer Begriff für Humoresken, witzige Lieder. Und er hätte bis zum Ende mitgesummt. Weil es einfach Spaß macht.

Und wenn Sie nach dem Anschauen nicht wenigstens heimlich einen wilden Charleston auf dem Badvorleger tanzen, dann weiß ich auch nicht. Wenn Sie sich trauen, dann begeben Sie sich ins Wohnzimmer – mit der Oma, die sicher gern noch mal mit einem Schwoof in Jugendzeiten abtaucht. Oder mit den Kindern und dem Hund oder wer sonst noch aus der Familie Lust zum Tanzen hat – Tangos, Chansons und Tanzmusik mit ganz viel Humor liegt grade auf… Herrlich!
PS: Bis Anfang März gibt es zudem fast täglich Konzerte in Deutschland, auf denen die Neuerscheinung vorgestellt wird.

Max Raabe & Orchester: Eine Nacht in Berlin
CD/CD Deluxe/DVD
Label: We Love Music / Universal Music

Tracklisting
1. Ouvertüre - Ich bin nur gut wenn keiner guckt
2. Marie Marie
3. Schöne Isabella von Kastilien
4. Speak Low
5. Mir kann nichts passieren
6. Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt
7. Ich schlaf am besten neben Dir
8. I won’t dance
9. Kleine Lügen
10. Für Frauen ist das kein Problem
11. Du passt auf mich auf
12. Lasst mich rein, ich hör Musik
13. Moritat von Mackie Messer
14. Am Amazonas
15. Am Ende kommt immer der Schluss
16. Küssen kann man nicht alleine
17. Mein kleiner grüner Kaktus
18. Schlaflied

Hörprobe
Video: Max Raabe - Eine Nacht in Berlin (Trailer)
Video: Max Raabe - Ouvertüre - Ich bin nur gut, wenn keiner guckt


Abbildungsnachweis:
Header: Max Raabe. Foto: © PR/Marcus Hoehn
CD-Cover

JazzMe - In Kooperation mit Christoph Forsthoff, Sabine Meinert, Sven Sorgenfrey und Willy Theobald. Weitere CD-Kritiken, Interviews und Informationen aus der Welt des Jazz unter AboutJazz.

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Kolumne > CDs JazzMe > Max Raabe: Eine Nacht in Berlin

Mehr auf KulturPort.De

„Shape of Water – Das Flüstern des Wassers”. Oder die Monster des Guillermo del Toro
 „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers”. Oder die Monster des Guillermo del Toro



Betörender Genre-Mix aus Märchen, Musical, Spionagethriller, Liebesgeschichte, Neo Noir. Guillermo del Toro verändert nachhaltig den magischen Kosmos von ‚L [ ... ]



Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd
 Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd



Gut Ding will Weile haben, heißt es. Manchmal erstaunlich lange Weile: Zum ersten Mal untersucht eine Ausstellung den Einfluss außereuropäischer Kunst auf das [ ... ]



„Alles Geld der Welt”. Die Kapitalismuskritik des Ridley Scott
 „Alles Geld der Welt”. Die Kapitalismuskritik des Ridley Scott



Elegantes Kidnapping-Drama als Psychogramm menschlicher Gier.
Rom, Juli 1973. „Bambino” nennen ihn die Prostituierten vom Piazza Farnese ironisch-mitleidig, [ ... ]



Machen sie mich schön, Madame d’Ora
 Machen sie mich schön, Madame d’Ora



Sie setzte mit großer Leidenschaft die schönen Dinge des Lebens in Szene: Die Mode. Die Kunst. Die feine Gesellschaft im Wien der K.u.k.-Monarchie und später  [ ... ]



Uri Korea – Ruhe in Beschleunigung
 Uri Korea – Ruhe in Beschleunigung



In den vergangenen Monaten machte Korea oft Schlagzeilen, aber immer war es Nordkorea, verbunden mit den Drohgebärden seines atomraketenverliebten Staatschefs K [ ... ]



„The Disaster Artist”. James Franco und der Kult um das Scheitern
 „The Disaster Artist”. James Franco und der Kult um das Scheitern



Vor vierzehn Jahren erlangte Tommy Wiseaus Leinwand-Epos „The Room” in Hollywood zweifelhafte Berühmtheit als „schlechtester Film aller Zeiten”. Lächer [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.