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Enteignungsgeschichte erzählen und Forschung vorantreiben

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Mittwoch, den 10. Februar 2016 um 17:33 Uhr

Seit 1960 verwahrt das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) rund 3.000 Silberobjekte, die infolge einer Beschlagnahmeaktion während der NS-Zeit in seine Sammlung gelangten. Hamburg einigte sich mit „Jewish Trust Corporation“ auf die Zahlung eines Ausgleichsbetrags für das verbliebene Silber, das nicht an die einstigen Besitzer oder ihre Erben zurückgegeben werden konnte.


Offen ist jedoch die Frage, wie die museale Arbeit mit einem Kulturgut aussehen kann, das so unmittelbar mit dem Holocaust verbunden ist und die Museen zugleich in die Pflicht nimmt, es jederzeit zurückzugeben, wenn Ansprüche geltend gemacht werden. Im Rahmen seiner Ausstellung Raubkunst? Provenienzforschung zu den Sammlungen des MKG thematisiert das Museum seit Oktober 2014 zum ersten Mal die Geschichte seiner Silberbestände. Am 4. und 5. Februar lud das MKG in Kooperation mit der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius Wissenschaftler aus Museen und historischen Forschungseinrichtungen sowie Vertreter jüdischer Institutionen zu einem Symposium ein, um einen angemessenen Umgang mit diesen Silberbeständen zu diskutieren. Grundsätzlich liege es, so ein zentrales Fazit der Gespräche, in der moralischen Verantwortung der betreffenden Museen, immer wieder für das Thema zu sensibilisieren und den Umgang mit den Objekten transparent zu machen. Für eine fundierte Forschung seien die Zugänglichkeit relevanter Dokumente, ein kontinuierlicher Informationsaustausch und der interdisziplinäre Dialog wichtige Voraussetzungen. Am Beispiel der in großen Mengen vorhandenen Silberbestände hätten die Museen außerdem die Aufgabe aufzuzeigen, wie sich die Enteignungsgeschichte des Nationalsozialismus durch alle Bevölkerungsschichten zog. Dafür sollten geeignete Ausstellungsformen und Vermittlungsformate gefunden werden.

 

In der Forschung gelte es, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Für eine grundlegende Bestandsaufnahme müsste die Archivbestände der Museen zur Verfügung stehen und digitalisiert werden. Die Bilddaten der Silbergegenstände sollen den Opfern und deren Erben, etwa auf dem Online-Portal www.lostart.de, zugänglich gemacht werden. Ebenso sei es unverzichtbar, Datenbanken in Bibliotheken und Archiven zugänglich zu halten und Forschungsergebnisse für die öffentliche Nutzung zur Verfügung zu stellen. Für eine fundierte und zeitnahe Herkunftsforschung müssten die Kulturinstitutionen aber auch mit ausreichenden personellen und finanziellen Mittel ausgestattet werden. Eine zentrale Aufgabe der Provenienzforscher sei der intensive Austausch etwa mit Wirtschafts-, Rechts- und Zeithistorikern. Wichtige Impulse kämen auch von Herkunftsforschern ethnologischer Disziplinen, die bereits seit 30 Jahren wertvolle Erfahrungen in der Aufarbeitung der europäischen Kolonialgeschichte gesammelt haben.

 

Die Silberbestände aus ehemals jüdischem Besitz bieten den Museen eine Chance, über ein Phänomen der Enteignungsgeschichte zu sprechen, das bisher kaum im Fokus der Öffentlichkeit steht. Die Beschlagnahme oder der Zwangsverkauf originaler Gemälde oder Kunstsammlungen spiegeln die Verstrickungen der bürgerlichen Schichten im Nationalsozialismus wider. Die Masse der Silberobjekte zeigt darüber hinaus exemplarisch, dass unzählige Alltagsgegenstände wie Geschirr, Silber oder Möbel auch aus den Haushalten jüdischer Mittel- und Arbeiterschichten unrechtmäßig entzogen wurden, etwa durch Beschlagnahme von Umzugsgütern oder Verteilung des Hausrats an Ausgebombte. Neben der Kommentierung von Exponaten aus ehemals jüdischem Besitz in den Sammlungspräsentationen, sei es auch die Aufgabe der Museen, in Sonderausstellungen die Enteignungsgeschichte ihrer Stadt oder Region zu erzählen. Hamburg stehe besonders in der Verantwortung seine Rolle aufzuarbeiten. Als Hafen- und Auswandererstadt veranlasste die Hansestadt viele Enteignungen und Zwangsauktionen. In diesem Zusammenhang sei es wichtig, dass die Museen über andere und neue Präsentationen und Vermittlungsformen nachdenken, um auch junge Generationen zu erreichen.

 
Quelle: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

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