Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 594 Gäste online

Neue Kommentare

C.Müller zu Roots – Katja und Marielle Labèque zum Schleswig-Holstein Musik Festival in der Laeiszhalle: Erhalt des Kultursommers auf der Trabrennbahn Bah...
Marlies Lampert zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo liebe Hüsungianer,
ich bin ca. 1999...

SingulART zu Kunstmuseum Wolfsburg: This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain: Grossartige Ausstellung war das! Wir haben unsere...
tommy zu Ensemble Resonanz zu Gast bei NEW HAMBURG: gute sache, dass sie mal aus ihrem bunker rauskom...
Lena Baal zu Zum Tode von Peter Härtling: Peter Härtling war nicht nur ein großartiger Sc...

Anzeige

Lange Nacht der Museen Hamburg 2017

Hamburger Architektur Sommer 2015


Theater - Tanz

Der Kontrabass

Drucken
(217 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 08. Oktober 2012 um 13:04 Uhr
Der Kontrabass 4.8 out of 5 based on 217 votes.
Der Kontrabass - Stephan Schad, Henning Kiehn

Er ist kein bloßes konzertantes Instrument, das steht fest.
In Patrick Süskinds Novelle „Der Kontrabass“, seinem einzigen Theaterstück, aber auf deutschen Bühnen meistgespielt, wechseln tragisch-komische und tiefsinnig-heitere Momente im Minutentakt. Auf dem Spielfeld des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg eröffnete das Stück ganz neue Horizonte.

Max Claessen lieferte ein Regie-Meisterstück ab, dass durch das Spiel von Stephan Schad, Solofigur und Kontrabassist, und der die und seine Welt erklärt, zu einem grandiosen Premierenabend wurde.
Henning Kiehn am Bass, als Alterego und einfühlsamer Musiker an einem Instrument, das niemals solo sein möchte und auch im Duett Komposition sucht. Seine Stimme ist wunderbar und sein Spiel erdig, sein Gestus zurückhaltend. Er kennt die Begrenzungen seines Kontrabasses. Das Outfit, weiße Hose mit Glitzerfigürchen ging schon in den 80er-Jahren haarscharf vorbei.

Der Mann ist 49 Jahre alt, etwas spießig, Beamter, Mitarbeiter in einem Unternehmen namens Staatsorchester, Kontrabassist am dritten Pult. Er liebt Bach und hasst Wagner, unterschlägt hier und da im Spiel gerne Noten, teilweise viele Noten, am liebsten bei Gastdirigenten und erklärt die Welt der Musik, die ohne den Kontrabass sich nicht drehen würde. Er oszilliert in Monologen zwischen Liebe und Hass zu seinem Instrument und der Orchesterwelt. Er stillt seinen Feuchtigkeitsverlust mit Bier und hat sich verliebt – in die Sopranistin, nein, Mezzosopranistin Sarah, 23, doch sie geht nicht mit ihm aus zum Fischessen, sondern mit jemand anderen. Schuld für das Scheitern – wie könnte es anders sein – ist der Kontrabass.

Stephan Schad ist die Rolle wie auf den Leib geschnitten und er hat sich über ein Jahr darauf vorbereitet. Das merkt man vom ersten Augenblick an. Er fliegt über den Text, der längst keiner mehr ist, sondern Erklärung, Lamento, Lehre und Witz. Die Präzision in der Einfühlsamkeit, im Humor, in den Zäsuren, Brüchen und Stimmungsschwankungen und dem feinen Rhythmus, verrät ein sensationelles Timing. Die Worte sitzen, die Sprache besticht, die Geschwindigkeit glaubwürdig, die Stimmlage gewechselt, der Schrei durchdringt. Kafkaeske Augenblicke werfen den Musiker auf sich selbst zurück. Der Bass ist kein Instrument, er ist Welt und Leben, Partner und Voyeur, Last und gnadenlos gut, weil er alle anderen an die Wand spielen kann.
Seine Wohnung scheint in ihrer musikalischen Schallisolation ebenso neurotisch wie der Protagonist, der sich in ihr aufhält. Das Instrument ist selbst im Ruhezustand Bedrohung und reisen mit ihm macht auch keinen Spaß. Das Ding macht ihn fertig, da hilft auch keine Arroganz oder Überheblichkeit.
Der innige Augenblick als Schad mit angedeuteter Falsettstimme Dorabellas Arienschmerz aus Mozarts ‚Così fan tutte’ singt, kennt nicht nur plötzlich Obertöne, sondern gebärdet sich als Erkenntnis- und Wendepunkt.
Schließlich kommt er auf den Trichter: Es geht letztlich um Freiheit, sich lösen, der orchestralen Masse entgleiten zu können. Ferne Sehnsucht, unerreichbar für einen beamteten Nörgler. Stephan Schad steht am Ende im braunen Frack da, fein gekleidet und gut duftend – zumindest unter einer Achsel – und kämpft mit dem Innenleben eines einsamen Menschen.

Geist und Witz ist eine unschlagbar gute und überzeugende Kombination.



"Mitschnitt 1 vom 03.10.12" (Das bin ich) 3:15min


"Mitschnitt 2 vom 03.10.12" (Plumpes Instrument) 4:23min


"Mitschnitt 3 vom 03.10.12" (Drittes Pult) 1:52min


"Mitschnitt 4 vom 03.10.12" (Der letzte Dreck) 0:36min


"Mitschnitt 5 vom 03.10.12" (Goethe sagt...) 1:40min


"Mitschnitt 6 vom 03.10.12" (Gehen Sie oft in die Oper?) 9:44min


"Mitschnitt 7 vom 03.10.12" (Der Schrei des Kontrabasses") 1:49min


Der Kontrabass von Patrick Süskind mit Stephan Schad und Henning Kiehn (Bass)
auf dem Spielfeld des Deutschen Schauspielhauses, Kirchenallee 39, in 20095 Hamburg

Regie: Max Claessen
Bühne und Kostüme: Oliver Helf
Licht: Wolfgang Schünemann
Musikalische Leitung und Musik: Henning Kiehn (Bass)
Es spielt Stephan Schad

„Das Stück Kontrabass schrieb ich im Sommer 1980. Es geht darin um das Dasein eines Mannes in seinem kleinen Zimmer. Ich konnte bei der Abfassung insofern auf eigene Erfahrung zurückgreifen, als auch ich den größten Teil meines Lebens in immer kleiner werdenden Zimmern verbringe, die zu verlassen mir immer schwerer fällt. Ich hoffe aber, eines Tages ein Zimmer zu finden, das so klein ist und mich so eng umschließt, dass es sich beim Verlassen von selbst mitnimmt. In einem so gearteten Zimmer will ich dann versuchen, ein Zwei-Personen-Stück zu schreiben, das in mehreren Zimmern spielt.“ (Patrick Süskind)

Fotonachweis:
Alle Abbildungen: Deutsches Schauspielhaus. Fotos: © Kerstin Schomburg
Header: Stephan Schad (l), Henning Kiehn (r)
Galerie: Henning Kiehn, Stephan Schad
Soundclips: Mitschnitte Deutsches Schauspielhaus.
 

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Theater & Tanz > Der Kontrabass

Mehr auf KulturPort.De

200 Jahre Kunstverein in Hamburg
 200 Jahre Kunstverein in Hamburg



„Just what is it that makes today’s Kunstverein so different? So appealing?” Nach Charity Auktion (14.9.) und Festakt im Rathaus (22.9.) klingen mit einer  [ ... ]



Fassadendemokratie und tiefer Staat. Das marktgetreue Grinsen
 Fassadendemokratie und tiefer Staat. Das marktgetreue Grinsen



Was denn? Das Volk sei unfähig, Politisches zu durchschauen oder gar mitzuregieren? Liest man dies im Buch „Fassadendemokratie“, dann ist man bass erstaunt, [ ... ]



„Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik
 „Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik



Er inspirierte Künstler wie Andy Warhol, Robert Mapplethorpe und die Village People, seine markanten erotischen Zeichnungen veränderten radikal das Selbstverst [ ... ]



Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem
 Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem



Gerade war sie noch beim Schleswig-Holstein-Musikfestival zu hören und debütierte – nun kommt zeitnah dazu ihr Debütalbum auf dem Markt. Gemeinsam mit Piani [ ... ]



Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel
 Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel



Es ist dunkel in der Hamburger Gralsburg, als Achim Freyer mit seiner „Parsifal“-Interpretation den Start in die neue Saison der Staatsoper zelebriert. Der 8 [ ... ]



Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage
 Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage



Wie kann ein Künstler heute ungebunden und frei arbeiten? Ungebunden ist durchaus möglich – frei arbeiten stößt aus unterschiedlichen Gründen an Grenzen.  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.