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Theater - Tanz

Ivan Liška, Tänzer

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Mittwoch, den 15. Juli 2015 um 10:07 Uhr
Ivan Liška, Tänzer 4.5 out of 5 based on 118 votes.
Ivan Liska in Peer Gynt Foto H. Badekow

Länger als 20 Jahre war Ivan Liška einer der prägenden Tänzer bei John Neumeier im Hamburg Ballett; heute ist er Ballettdirektor des Bayerischen Staatsballetts in München.
Die Hamburger Tanzexpertin und -journalistin Dagmar Ellen Fischer hat in „Ivan Liška, Tänzer – Die Leichtigkeit des Augenblicks“ die Lebensgeschichte des Tschechen aufgezeichnet – ihr Buch ermöglicht es, dem großartigen Tänzer und seiner Arbeit ganz nahe zu kommen.

Über Tanz schreiben heißt Wörter finden für eine Kunst, die alles, was sie sagen kann und will, in einer wortlosen Welt der Bewegung und des körperlichen und mimischen Ausdrucks verhandelt. Wie aber kommt dieser Ausdruck zustande, was geht in den Tänzerinnen und Tänzern vor, welche Arbeit steckt hinter dem perfekten Tanz? Was macht einen guten, was macht einen großen, gar einen richtungsweisenden Tänzer aus?

Dagmar Ellen Fischer hat ein Buch geschrieben über Ivan Liška, in Hamburg noch in bester Erinnerung aus seinen mehr als 20 Jahren als einer der bedeutenden und prägenden Solisten in John Neumeiers Hamburg Ballett zwischen 1977 und 1998 und seither in München nicht weniger umjubelt als Direktor des Bayerischen Staatsballetts. Es trägt den Titel: „Ivan Liška, Tänzer – Die Leichtigkeit des Augnblicks“.

Natürlich schildert die Autorin liebevoll und detailreich den Lebensweg Liškas. Hineingeboren wurde er 1950 in eine tschechische Künstlerfamilie – der Vater ist Maler, die Mutter war Opernsängerin, der Großvater Konzertmeister am Nationaltheater Prag. Schule, erste Tanzkurse, Talent, Elevenklasse am Prager Nationaltheater. So wuchs er in sein Tänzerleben hinein, begann mit 14 Jahren die professionelle Ausbildung zum Bühnentänzer am Prager Konservatorium.

Der Bruch kommt im August 1968, als Panzer des Warschauer Pakts die liberale Öffnung während des „Prager Frühlings“ niederwalzen. Die Eltern flohen mit den Geschwistern nach Deutschland, Ivan hatte ein Visum für ein Gastspiel bei den Bregenzer Festspielen und blieb ebenfalls im Westen, wo er schon im Oktober 1060 bei der Düsseldorfer Oper am Rhein engagiert wurde.

Im Rückblick sieht das glatt aus, die nächtlichen Alpträume des jungen Flüchtlings bekam ja keiner mit. Er tanzte, fiel auf durch Kraft, Ausdruck und die Leidenschaft, mit der er das tat, saugte auf, was immer er über Tanz lesen und sehen konnte. Und fand noch in Düsseldorf die Frau seines Lebens – er bewundert die Sehnsucht in ihren Bewegungen der fünf Jahre älteren südafrikanischen Tänzerin Colleen Scott. Der Zettel mit dem ersten Kompliment, dass er ihr damals unter den Scheibenwischer ihres Autos klemmt, ist im Faksimile abgedruckt. Es wächst eine Liebe und Partnerschaft, die bis heute Bestand hat.

1974 tanzt Liška in München vor – und bekommt dort ein Angebot zwischen Gruppentänzer und Solist – „Vortänzer“ hieß das. Er nimmt es an, und Colleen Scott kündigt ihren frischen Solisten-Vertrag in Düsseldorf, sie gehen zusammen nach München. 1975 tanzt Liška seine erste abendfüllende Hauptrolle in „La Fille mal gardée“ – der Start in eine ganze Reihe anspruchvoller Rollen, die er in München tanzte.
1977 fliegen Liška und Scott nach Hamburg, um bei John Neumeier vorzutanzen. Als sie in Hamburg als Solisten anfangen, hatten sie geheiratet und teilten nun das private und ihre künstlerische Arbeit.

Tänzer und Choreograph sprechen über ihren Blick auf die gemeinsame Arbeit
Das faszinierendste und mit 50 Seiten auch ausführlichste Kapitel des Buches ist das mit der Nr. 8 und dem Titel „Kongeniale Partnerschaft mit John Neumeier.“ Denn hier kommt im Kern zur Sprache, was am Tänzerleben mehr ist als eine lange Abfolge von Rollen, Choreographen und Tanzpartnern. Den in diesem Kapitel reflektieren Ivan Liška und John Neumeier, was ihnen die gemeinsame Arbeit im Hamburg Ballett bedeutet hat. Sind es bei Liška viele Zitate aus mehreren Gesprächen, ist es bei Neumeier ein großes Interview, dem seine Sätze entstammen. Und hier schafft es Dagmar Fischer, ganz dicht heranzukommen an die magischen Momente, in denen im Dialog, im Ausprobieren, im Spielen mit Ideen der finale Ausdruck einer Choreographie geboren wird.

Neumeier sagt: „Ich denke, wenn man länger mit einem Tänzer arbeitet und es gut geht, entwickelt sich eine bestimmte Qualität, wenn man immer tiefer in seine Persönlichkeit eindringt und versucht, immer neue Farben in diesem Tänzer zu entdecken. (...) Das sind eher Dinge, die ich instinktiv mache: ausprobieren, was noch geht, was noch in Ivan steckt.“

Neumeier treibt die Tänzer dazu, in sich selbst neue Fähigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten zu entdecken. Was manchmal auch Zweifel und Konflikt auslöst – wie der leidenschaftliche Kuss, den Liška in „Songfest“ 1979 mit Roy Wierzbicki tauschen soll. Oder der Moment der Erkenntnis, dass er in Neumeiers „Matthäus-Passion“ die Rolle des Judas tanzen solle.

Liška lernt in Hamburg viel über die Rolle des Choreografen, über die Momente, wo aus privatesten Gefühlen heraus Kunst geformt wird, indem er seine Emotionen in die Bewegungen der Tänzer und deren Konstellationen im Raum bringen kann.

„Ivan war ein wunderbares Instrument für einen Choreografen“
Die Biographie geht ausführlich alle die großen Rollen durch, von denen Neumeier nicht wenige für Liška geschaffen hat. Kein Wunder, denn Liška geht immer wieder an Grenzen, überschreitet sie. Über ihre Arbeit an „Fünfte Sinfonie von Gustav Mahler“ schreibt Neumeier: „Ivan war ein sehr dynamischer Tänzer, eine großer Mann, der wirklich Freude daran hatte, sich herumzuschmeißen. Es gibt Tänzer, die sehr vorsichtig sind und besessen davon, eine technische Perfektion zu erreichen. Und es gibt andere, die mit einem größeren Pinsel malen, und ich denke, Ivan war so einer. Er hatte großen Mut, sich an Dingen zu versuchen, die nicht sicher waren.“

Und noch ein Lob vom Hamburger Ballettchef. „Ivan Liškas Einzigartigkeit war seine Hingabe an die Kreativität. (...) Und auch durch seine Stärke als Partner war er ein wunderbares Instrument für einen Choreografen. Im Dialog einer Choreografie bot er sehr viel an. Ich arbeite hauptsächlich mit Improvisation, und er war jemand, der sehr viel zurückgegeben hat.

Das zehnte Kapitel beleuchtet schließlich Liškas Arbeit als Choreograph und Ballettdirektor des Bayerischen Staatsballetts, sein Arbeitsplatz bis heute, den er 1998 antrat.

80 Fotos, überwiegend aufgenommen vom Hausfotografen des Hamburg Balletts, Holger Badekow, illustrieren ausgiebig die lange Karriere des großartigen Tänzers, sie erlauben auch etliche Blicke in sein Privatleben. Vor allem aber rufen sie viele der großen Rollen hervor, die man automatisch mit seinem Namen verbindet: den Lysander in Neumeiers „Sommernachtstraum“ 1977, Peer in „Peer Gynt“ 1989, Mozart in „Fenster zu Mozart“ 1991 oder den Odysseus in „Odyssee“ 1995. Ausführlich Listen im Anhang zählen sie alle auf, auch 16 eigene Choreografien Liškas. Ein gut lesbares, hoch informatives Buch, Für Tanz-Fans, natürlich. Aber auch für alle, die irgendwann einmal von der Ausstrahlung Ivan Liškas berührt worden sind.

Dagmar Ellen Fischer: Ivan Liška, Tänzer – die Leichtigkeit des Augenblicks
184 Seiten mit 80 Fotografien,
Henschel Verlag Leipzig
24,95 Euro


Abbildungsnachweis:
Header: Ivan Liška in „Peer Gynt" (Uraufführung), © Hamburg Ballett 1989. Foto: Holger Badekow
Galerie:
01. Buchumschlag. Henschel Verlag
02. Mit Colleen Scott in Der Widerspenstigen Zähmung, 1982. © Privatarchiv Ivan Liška
03.
Während einer Probe zu John Neumeiers Die Kameliendame im Ballettsaal des Nationaltheaters München, 1997. © Privatarchiv Ivan Liška
04. In Venedig, 2002. © Privatarchiv Ivan Liška

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