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Theater - Tanz

„Der Vater“ im St. Pauli-Theater

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(109 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Montag, den 20. April 2015 um 10:21 Uhr
„Der Vater“ im St. Pauli-Theater 4.6 out of 5 based on 109 votes.
Volker Lechtenbrink Foto Isabelle Hofmann

Zum ersten Mal zeigt ein Theaterstück die Welt aus der Sicht eines Demenzkranken. Volker Lechtenbrink ist „Der Vater“ und feiert am St. Pauli-Theater Triumphe.

Isabelle Hofmann (IH): In Florian Zellers neuem Stück machen Sie in zwei Stunden einen rasanten Verfall durch, geistig, aber auch körperlich. Sie altern wie im Zeitraffer – und das ganz ohne Schminke und Maske.

Volker Lechtenbrink (VL): Ja, ich bin nach jeder Vorstellung fix und fertig. Die ganzen Emotionen muss man ja leben, wirklich empfinden, sonst wird das Ganze hohl. Die innere Einstellung zu dem Verfall geht in den Körper über. Ich werde tatsächlich immer müder, der Gang wird schleppender. Gleichzeitig muss mein Kopf aber noch funktionieren. 64 Seiten Text! Das ist ein wahnsinniger geistiger und körperlicher Kraftakt. Aber ein Geschenk, so eine Rolle zu spielen.

IH: Denken Sie während des Spiels manchmal an Ihre Mutter?

VL: Nein. Im Leben häufig, aber auf der Bühne nie. Ich habe meine Mutter auch nicht als Vorbild genommen. Ich habe mir aber von ihren Mitbewohnern im Heim etwas abgeguckt. Es gibt ja nicht DIE Demenz. Es gibt eine aggressive, eine weinerliche, eine kindliche. Manche werden auch ganz ordinär. Ich habe versucht, in der Figur des André ein Konglomerat zu bilden. Und ich habe eine hohe Identifikation mit der Rolle. Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich André, ganz und gar.

IH: Ihre Mutter wurde mit 83 Jahren dement und lebte mit der Krankheit noch vier Jahre. Schicken Sie manchmal Stoßgebete zum Himmel: Lieber Gott, erspare mir das?

VL: Nein, ich denke da nicht dran. Kein Mensch möchte dement werden, aber keiner kann sein Schicksal beeinflussen. Jeden kann es treffen, auch die Gesundheitsapostel sind nicht gefeit. Deshalb ist die Krankheit auch so erschreckend.

IH: Wer mit 70 Jahren noch 64 Seiten Text auswendig lernen kann, ist super fit im Kopf, das ist klar. Aber dennoch: Haben Sie keine Angst, erblich belastet zu sein?

VL: Nein. Mein Vater hat es ja nicht gehabt. Und wenn man die Krankheit kriegt, muss man damit umgehen können. Ich halte es für überflüssig vor etwas Angst zu haben, was unvermeidbar ist. Ein Leben in Angst vor Demenz, das wäre doppelt verschenkt.

IH: Hat Florian Zeller ihrer Meinung nach die Welt aus der Sicht eines Demenzkranken zutreffend dargestellt?

VL: Erstmal ist es ein geniales Stück mit fantastischen Dialogen. Bislang gab es nur Stücke mit Blick auf die Demenz. Zeller erzählt zum ersten Mal hundertprozentig aus dem Blickwinkel eines Demenzkranken. Aber wie es tatsächlich in einem Kranken aussieht kann keiner sagen.  Die Menschen können ja nicht mehr formulieren, welchen Grad von Traurigkeit sie in sich tragen, was sie bewegt. Ein Krebskranker kann sagen, wie er sich fühlt, ein Demenzkranker nicht.

IH: Sie erzählten, dass ihre Mutter einmal in jeder Hand eine Zigarette hielt und verkündete, sie müsse nun aber mal dringend eine Zigarette rauchen. Das ist natürlich komisch, aber sicher überwogen die schwierigen Momente. Was war am schwersten für Sie zu ertragen?

VL: Dass meine Mutter mit sich selbst so ungeduldig wurde und spürte, dass sie bestimmte Dinge nicht mehr im Griff hat. Der schlimmste Punkt für mich war wohl zu sagen, Du kannst nicht mehr in deiner Wohnung bleiben, du musst ins betreute Wohnen. Da hat sich alles in ihr gesträubt, so viel Bewusstsein war noch da.

IH: Andererseits merkte Ihre Mutter nicht, dass sie schon zwei angezündete Zigaretten in den Händen hielt. Leben Demenzkranke nicht vielleicht doch in einer ganz anderen Welt?

VL: Das ist der springende Punkt. Wenn man wüsste, man merkt nicht mehr, was mit einem passiert, dann hätte man auch nicht so viel Angst. Das wäre eine Gnade. Aber das wissen wir nicht. Vielleicht weiß der kranke Mensch doch ganz genau, was er tut und schämt sich dafür, er kann nur nicht anders. Viele Kranke strahlen eine ungeheure Traurigkeit aus.

IH: „Mit Würde und heiterer Gelassenheit älter zu werden, ist vielleicht die größte Lebenskunst überhaupt“, schreiben Sie in Ihrer Biografie „Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf“. Gelingt es oder hadern Sie im Grunde Ihres Herzens doch mit dem Alter?

VL: Hadern? Nein! Das Alter ist unabwendbar und mit etwas Unabwendbaren zu hadern wäre Dummheit. Ich finde es schade, dass das Ende immer näher rückt, das gebe ich zu, sonst würde ich lügen. Das Alter hat unglaublich schöne Seiten, zum Beispiel die Dinge mit Humor zu sehen. Außerdem: Alter ist eine Einstellungssache.

IH: Walter Jens, einer der brillantesten Denker des 20. Jahrhunderts, litt jahrelang an Demenz. Gunter Sachs hat sich unter dem Verdacht dieser Krankheit mit 78 Jahren das Leben genommen. Haben Sie schon eine Vorstellung, wie Sie im Fall der Fälle reagieren würden?

VL: Ich glaube, das weiß man erst, wenn es soweit ist. Ich akzeptiere die Entscheidung zu einem Suizid durchaus. Ulrich Wildgruber hat sich umgebracht, weil er keine Texte mehr behalten konnte. Hemingway, weil er nicht mehr schreiben konnte. Hemingway war ja Großwildjäger, Frauenheld, und merkte auf einmal: Das Leben, das ich gelebt habe, kann ich nicht mehr leben und ein anderes will ich nicht. - Ich akzeptiere das. Ich gehöre auch zu denjenigen, wo der Beruf ganz oben steht.

IH: Suizid wäre es für Sie also eine Option?

VL: Als gesunder Mensch kann man das nicht sagen. Meine Urgroßeltern hätten bestimmt niemals gedacht, dass sie sich umbringen. Doch im Krieg stand auf einmal ihr Haus in Flammen. Man hätte sie noch retten können, doch sie schlossen sich im Keller ein und erwarteten gemeinsam ihren Tod. Sie wollten ohne das Haus nicht sein und sie wollten ohneeinander nicht sein.

IH: So geht es ja vielen Menschen, Die ein Leben lang zusammen waren – in guten wie in schlechten Zeiten. Sie haben nun schon vier Ehen hinter sich.

VL: Mit meiner ersten Frau Yvonne wäre ich jetzt 50 Jahre verheiratet. Wir feiern das. Wir gehen essen und gucken uns tief in die Augen und denken daran, wie schön es damals war. Es muss ja nicht nur der eine Mensch sein, mit dem man sein Leben verbringt.

IH: Sie haben unter den Scheidungen jedoch ziemlich gelitten, schreiben Sie in Ihrer Biografie.

VL: Wir waren immer traurig, wenn wir uns getrennt haben.

IH: Sie haben zu allen Ihren Ex-Frauen noch einen herzlichen Kontakt und die wiederum sind auch untereinander befreundet.

VL: Ja, als mir meine Galle rausgenommen wurde, waren sie alle da. Und meine beiden Töchter, die 25 Jahre auseinander sind und verschiedene Mütter haben, glucken wie Geschwister zusammen.

IH: Yvonne ist die einzige der Ex-Ehefrauen, die älter ist als Sie es sind. Die anderen drei sind deutlich jünger. In Ihrer Biografie deuten Sie an, dass der Altersunterschied von 26 Jahren zwischen Jeanette Arndt und Ihnen auch mit ein Grund der Trennung war.

VL: Sie war Ende 30 als wir uns getrennt haben, und wollte noch mal durchstarten. Und ich wollte nicht, dass sie an meiner Seite traurig wird.

IH: Ihre jetzige Lebensgefährtin Gül ist 23 Jahre jünger. Wieviel Zeit geben Sie der Beziehung?

VL: Einer Beziehung eine „vorgegebene Zeit“ zuzuweisen – wie unromantisch! Wenn man liebt, geht man nie von Zeit aus, man denkt immer wieder, es ist für ewig. Ich bin jetzt seit fünf Jahren mit Gül zusammen und freue mich jede Sekunde, wenn ich sie sehe. Ich bin sehr sicher, dass ich mich nach Gül in niemanden mehr verlieben werde. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich überhaupt noch einmal verliebe.

IH: Mit zunehmendem Alter tritt der Altersunterschied aber immer deutlicher zum Vorschein. Das könnte problematisch werden, oder?

VL: Ich denke, es kommt auf den Typus Mensch an. Gül wusste ja, wie alt ich bin. Ich habe mir meine Frauen nie nach Alter ausgesucht. Ich habe ja keine Fragebogen verteilt und gefragt, wie alt sind Sie? Wenn ich einen Menschen gesehen habe, dann habe ich mich in den Menschen verliebt. Gül ist jetzt 47, aber wenn sie 67 wäre, wäre ich auch in sie verliebt.

IH: Sie wirken selbst immer noch erstaunlich jung. Vielleicht auch, weil Sie für viele auf Immer der „Brücke-Junge“ bleiben. Bedauern Sie das?

VL: Nein. Wenn ich mit 14 Jahren „In der Lederhose wird gejodelt“ gedreht hätte, würde mir das zu schaffen machen, aber mit der „Brücke“ zu leben, ist ein Ritterschlag. Ich hatte zwar nie den Ehrgeiz Weltruhm zu erlangen, aber Bernhard Wickis Film „Die Brücke“ hat es tatsächlich zu Weltruhm gebracht. Ich bin immer noch sehr stolz darauf.

IH: Sie haben so viel gemacht, Schauspiel, Lieder, Intendanz. Sie waren Romeo, Prinz von Homburg, des Teufels General, Hauptmann von Köpenick, König Lear. Was reizt Sie jetzt noch?

VL: Die neuen Stücke junger Autoren wie Florian Zeller oder Daniel Kehlmann. Jedenfalls mache ich so lange weiter, so lange die Freude überwiegt. Wenn eines meiner Kinder sagt, Papa hör besser auf, dann höre ich auf. Denn denen glaube ich.

„Der Vater" von Florian Zeller
zu sehen im St.Pauli-Theater, bis zum 25. April
Deutsch von Annette und Paul Bäcker - Deutschsprachige Erstaufführung -
Mit Volker Lechtenbrink, Johanna Christine Gehlen, Stephan Schad und Victoria Fleer
Regie: Ulrich Waller
Karten unter (040) 4711 0666 oder online unter www.st-pauli-theater.de


Abbildungsnachweis:
Header: Volker Lechtenbrink. Foto: Isabelle Hofmann
Galerie:
01. Der Vater v.l.n.r.: Volker Lechtenbrink, Johanna Christine Gehlen. Foto: Stefan Malzkorn
02. v.l.n.r.: Stephan Schad, Volker Lechtenbrink, Johanna Christine Gehlen. Foto: Stefan Malzkorn
03. v.l.n.r.: Volker Lechtenbrink, Stephan Schad, Johanna Christine Gehlen. Foto: Stefan Malzkorn
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