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Musik

Königin sucht König – warum Händels Opernerstling „Almira“ glücklich macht

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Montag, den 26. Mai 2014 um 15:39 Uhr
Königin sucht König – warum Händels Opernerstling „Almira“ glücklich macht 4.6 out of 5 based on 140 votes.
www.staatsoper-hamburg.de

Ganz am Ende, nach dem Happy End im Abschlusstutti des Sängerensembles, erklingt zum Schlussbild wie ein Echo der gerade vorübergezogenen Gefühlsstürme noch einmal eine Sarabande.
Eine? Nein – die Sarabande, die später als gefühlsstarke Arie zu einem der Welt-Hits des Komponisten wurde, zu einem seiner Signaturstücke, zu „Lascia ch’io pianga“. Bei der Hamburger Neuinszenierung von Georg Friedrich Händels Opernerstling „Almira“ aus dem Jahr 1705 erklingt die Musik gleich an vier verschiedenen Stellen. Durchaus zu Recht, denn in dieser ersten Händel-Oper liegt der – damals noch instrumentale – Anfang des Erfolgsstücks.

Die Handlung von „Almira“ ist schnell erzählt, auch wenn sie auf der Bühne und musikalisch komplex erscheint. Doch die kluge Regie Jetske Mijnssens führt das Gewirr der Handlungs-, Liebes- und Intrigenfäden immer elegant auf seinen Kern zurück: Die eben 18 Jahre junge Almira wird Königin von Kastilien, sie soll den Thron übernehmen, ihr Vater hat ihr vor seinem Tod einen Mann bestimmt, ihr Herz aber geht eigene Wege. Sie will – ganz unstandesgemäß – ihren Sekretär Fernando heiraten. Die höfische adlige Männerwelt, allen vormals und anderweitig gegebenen Liebesschwüren zum Trotz, setzt alles daran, wenn schon nicht das Herz Almiras, dann wenigstens an ihrer Seite die Krone Kastiliens zu erobern.

Auf der Hamburger Staatsopernbühne wird daraus die Geschichte einer Frau, die sich nie vollständig dem höfischen Reglement unterwirft, die an ihrer Liebe zweifelt, die sich im Ränkespiel um die Macht behaupten muss und einen hohen Preis dafür zahlt, dass sie sich am Ende teilsweise durchgesetzt hat.

Das Libretto von Friedrich Christian Feustking für die Hamburger Gänsemarktoper führt eine adlige Gesellschaft mit sehr modernen Problemen vor, die auch für den bürgerlichen und urbanen Alltag interessant waren und sind: Sie zeigt Menschen, die für ihr Leben autonome Entscheidungen treffen können. Sie sind auf der Suche nach Sicherung und Verbesserung ihrer Position und gehen dabei durchaus kreativ mit gesellschaftlichen Erwartungen, mit ethischen Normen und eigenen Handlungsmaximen um. Was ernste Auseinandersetzungen, aber auch komische Momente zur Folge haben kann.

Als er im Jahr 1704 in Hamburg den Kompositionsauftrag für „Almira“ bekam, war Händel 19 Jahre alt und hatte den Kopf randvoll von musikalischen Ideen. In „Almira“ steckt dieser Ideenreichtum und die schon recht komplexe musikalische Sprache des jungen Komponisten. Hinreißend die gefühlten 100 verschiedenen Wege, ein Rezitativ zu beenden. Manches wirkt verblüffend ausgereift, manches noch gröber und nicht glatt gefeilt – aber das trifft sich gut, denn es passt zu Feustkings manchmal auch herben Späßen.

Alessandro de Marchi, italienischer Barockspezialist und als Gast der Motor für das Hamburg Barockrepertoire, dirigiert im hochgefahrenen Orchestergraben die leidenschaftlichen und hoch motivierten Barock-Fans unter den Hamburger Philharmonikern vom Cembalo aus. Gut 40 Instrumentalisten hat er da, unter ihnen einige Gäste für rare Instrumente wie Gamben und Lauten, Barock-Harfe und -Gitarre sowie einen Blockflötist und am zweiten Cembalo und Glockenspiel Mariangiola Martello. De Marchi macht von all diesen Möglichkeiten reichen Gebrauch, auch von allerlei exotischem Schlagwerk, denn die Musik darf, sie soll starke Effekte machen. Immer organisch angepasst dem Geschehen auf der Bühne. Sonderlob hätten viele verdient aus diesem Ensemble, stellvertretend für alle seien erwähnt die zauberhaft feinfühlige Oboe – Händels Lieblingsinstrument – von Nicolas Thiébaud und der feine seidige Violinklang von Konradin Seitzer.

De Marchi suchte bei der Hamburger Premiere fast durchweg das Tänzerische in der Musik. Bei ihm swingt sie, kommt gern flott daher, nie aber in überzogenen Tempi. Er produziert mit den Musikern keinen verkopften Alte-Musik-Klang, sondern ein kraft-, blut- und lustvolles Musizieren, das nur in der Begleitung einiger delikater Arien ein Spürchen dezenter hätte sein können. Am Cembalo ist de Marchi Teil der Musik, omnipräsent und präzise und immer bereit, wenn es gut läuft, sich auf sehr minimalistische Gesten zurückzunehmen.

In der virtuosen Titelrolle glänzte Robin Johannsen (die übrigens gerade mit de Marchi ihre erste Solo-CD mit hinreißenden Arien und Kantaten von Antonio Caldara veröffentlicht hat). Sie meisterte die umfangreiche, sehr fordernde Partie mit extrem beweglicher, koloratursicherer, risikofreudiger und klarer Stimme – ein traumhafter Sopran, der im großen Haus bei den nächsten Vorstellungen sicher noch ein bisschen Volumen zulegen kann. Ihr Glanzstück ist das als Arie erst 1711 entstandene und in diese „Almira“ hineingeschmuggelte „Lascia ch’io pianga“. Johannsen singt eine Fassung, in der ein Assistent Händels dessen große Kunst der Verzierungen und Ausmalungen notiert hat – Höchstschwierigkeiten an der Grenze des stimmlich Machbaren, von Johannsen mit solch brillanter Selbstverständlichkeit gesungen, dass allein diese Arie den Besuch der ganzen Oper lohnt.

Außerdem spielt sie großartig das zögerliche Hineinwachsen der jungen Almira in die schwierige Rolle der selbstbewussten Herrscherin, die Zerrissenheit zwischen den Anfordungen ihres Top-Jobs als Königin und ihren ganz privaten Zielen, die bei einer Monarchin nie ganz privat bleiben dürfen.

Der Text – in den Rezitativen deutsch, in der Arien zuweilen italienisch, wird übrigens von allen fast durchweg bestens verständlich gesungen, was Halsstarre beim Schielen nach den über der Bühne eingeblendeten Untertiteln vermeiden hilft und das Vergnügen am Spielfluss enorm steigert.

Im stimmlichen Zugriff etwas direkter und nicht weniger virtuos ist Mélissa Petit in der Rolle der Edilia, deren Vorstellung von Liebe ziemlich direkt mit dem von Geld und Macht verknüpft ist. Begeisternd der äußerst bewegliche Bass von Wolf Matthias Friedrich – seine Arien sind Glanzpunkte der Aufführung. Eine gute Ensembleleistung boten dazu Florian Spiess als mauretanischer Prinz, dem Edilia final ihr Herz schenkt, der schöne lyrische Tenor Manuel Günther, der als Prinz Osman um Almira buht und der Stimme nach auch beste Chancen hätte. Rebecca Jo Loeb spielt mit voller, warmer Altstimme Bellante, Almiras Bedienstete von adligem Geblüt, die selbst verzweifelt auf der Suche nach ihrem Glück ist. Nur Victor Rud als Fernando blieb in diesem Premierenensemble ein bisschen blass.

Sara-Maria Saalmann ist die singende der drei kleinen Amoretten, die mal als Verkörperung von Almiras Gedanken und Wünschen, mal sehr selbstständig die Handlung beeinflussen und vorwärtstreiben, als Liebesboten, als neckische Spötter, mit der Waage der Gerechtigkeit oder als todbringende schwarze Gestalten.

Das ist vielleicht das stärkste Bild von Regisseurin Mijnssen: Als der verzweifelten Almira das ganze Männergebalze zuviel wird, fällen ihre Schwarzen Gedanken die Herrengesellschaft einen nach dem anderen, ohne Diskussion, zügig und effektiv – und Ruhe ist.
Mijnssen hat eine sehr puristische Inszenierung vorgelegt. Gespielt wird auf einer klaren drehbare Holzkonstruktion, die immer neue Durchblicke und andere Perspektiven aufs Geschehen öffnet und die die Anmutung einer roh gezimmerten Theaterbühne wach hält (Bühnenbild und Kostüme: Ben Baur).

Etwas overdone: das viermalige Wechseln der Zeitebene durch immer neue Kostümserien – aus dem französischen Absolutismus geht es zum Vorabend des Ersten Weltkriegs, zurück ins Elisabethanische und von dort wieder ins Hier und Jetzt – das ist hübsch und hat die Gewandmeisterei sicher gefordert, trägt aber kaum zum tieferen Verständnis bei. Außer dass Almira fast immer in unzeitgemäßen Klamotten auf der Bühne steht und so ständig aus der Zeit gefallen wirkt.

Stark aber ist der offene Schluss nach dem Tutti-Finale: Nachdem eigentlich alles geregelt ist, wird wieder die innere Einsamkeit all der Liebessucher auf der Bühne sichtbar. Niemand bleibt beim anderen, jeder geht still und nachdenklich seiner Wege. „Lascia ch’io pianga“ – lass mich weinen...

Händels einzige erhaltene Oper aus seiner Hamburger Zeit ist unter den Händen des Teams Mijnssen/de Marchi zu einem so vergnüglich wie nachdenklich machenden Stück Theater geworden, ein musikalisches Juwel, spannende, unterhaltsame, in vielen Aspekten sehr jetztzeitige Oper zu Themen, die noch lange nicht erledigt sind. Ein Opernabend, der glücklich macht.


Georg Friedrich Händel: Almira.
Nächste Vorstellungen: 28. + 31. Mai, 6., 9., 15. und 19. Juni, 19 Uhr in der Hamburgischen Staatsoper.
Karten unter (040) 3568 68 oder im Internet: www. staatsoper-hamburg.de
Musikalische Leitung: Alessandro De Marchi Inszenierung: Jetske Mijnssen
Bühnenbild und Kostüme: Ben Baur


Abbildungsnachweis – alle Fotos: Jörn Kipping
Header: Rebecca Jo Loeb (Bellante), Florian Spiess (Raymondo), Robin Johannsen (Almira), Wolf Matthias Friedrich (Consalvo), Manuel Günther (Osman), Mélissa Petit (Edilia), Viktor Rud (Fernando)
Galerie:
01. Florian Spiess (Raymondo), Manuel Günther (Osman, von hinten), Robin Johannsen (Almira), Mélissa Petit (Edilia, von hinten), Wolf Matthias Friedrich (Consalvo), Sara-Maria Saalmann (Tabarco) und Kinderstatisten.
02. Robin Johannsen (Almira)
03. Robin Johannsen (Almira)
04. Robin Johannsen (Almira), Sara-Maria Saalmann (Tabarco) und Kinderstatisten
05. Robin Johannsen (Almira)
06. Sara-Maria Saalmann (Tabarco), Robin Johannsen (Almira)

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