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Musik

„Hammonia Cantat“ – Hamburg und die Musik (Teil 2)

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Geschrieben von Herby Neubacher  -  Dienstag, den 17. Juli 2012 um 09:26 Uhr
„Hammonia Cantat“ – Hamburg und die Musik (Teil 2) 4.6 out of 5 based on 147 votes.
Hammonia Cantat – Hamburg und die Musik (Teil 2)

Hamburg hatte immer schon ein großes Interesse an der Oper.
Viele berühmte Inszenierungen und Opernexperten wie der Schweizer Rolf Liebermann (1910-1999), von 1959 bis 1973 und erneut von 1985 bis 1988 Intendant der Hamburgischen Staatsoper, gründeten den guten Ruf des Hamburgischen Musiktheaters.

Auch das hat lange 400jährige Tradition in der Hansestadt. Bereits im 17. Jahrhundert wurde unter dem Namen „Opern-Theatrum” die erste deutsche Oper am Gänsemarkt eröffnet. Sie war von 1678 bis 1738 das erste und wichtigste bürgerlich-städtische Theater im deutschen Sprachraum. Die Einweihung des Hauses fand am 2. Januar 1678 statt. Mit zweitausend Plätzen übertraf es alle zeitgenössischen Theaterräume. Die Gründung der Hamburger Oper ging auf die Initiative des weitgereisten Anwalts und Ratsherrn Gerhard Schott zurück, der von Italiens Oper beeindruckt war.

1697 übernahm Reinhard Keiser die Kapellmeisterstelle, von 1703 bis 1707 hatte er zudem das Direktorat inne. Man spielte an zwei bis drei Tagen in der Woche und kam so auf jährlich an die 90 Vorstellungen, die wegen der langen Szenenwechsel jeweils vier bis sechs Stunden dauern konnten und schon am frühen Nachmittag begannen.
Georg Friedrich Händel war im Sommer 1703, als 18jähriger nach Hamburg gekommen und spielte als Violinist im Orchester des Theaters am Gänsemarkt. Später übernahm er bei Opernaufführungen auch das Cembalo. Seine erste Oper, angekündigt als Singspiel, wurde am 8. Januar 1705 unter der Leitung von Reinhard Keiser uraufgeführt, muss also in den Monaten davor komponiert worden sein.
Die Oper hatte drei Akte. Die Gelegenheit für die Komposition ergab sich für Händel durch einen Zufall: Keiser hatte das Libretto schon vertont und wollte seine Oper 1704 in Hamburg aufführen. Jedoch musste er in diesem Jahr vor seinen Gläubigern nach Weißenfels fliehen, woraufhin Händel einen Kompositionsauftrag für dieses Libretto erhielt. Zur Premiere der Händel’schen “Almira“ war der Herr Direktor Keiser aber wieder in der Stadt und konnte die Uraufführung der Oper seines Konkurrenten und Freundes dirigieren.
Das italienische Libretto wurde von Giulio Pancieri für eine Vertonung durch Giuseppe Boniventi in Venedig 1691 geschrieben. Die von Händel verwendete Übersetzung ins Deutsche stammt von Friedrich Christian Feustking. Während die Rezitative und die meisten Arien deutsch gesungen wurden, blieben einige Arien in der Originalsprache.

“Almira” war ein durchschlagender Erfolg. Die Oper kam auf etwa zwanzig Aufführungen. Im Jahre 1732 wurde das Werk nochmals in der Gänsemarktoper aufgenommen, dann in einer Bearbeitung von Georg Philipp Telemann. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Oper auch im 19. Jahrhundert gespielt wurde: zwischen 1878 und 1905 mehrmals in Hamburg und Leipzig, allerdings in einer stark bearbeiteten und gekürzten Form. Die erste Neuaufführung des Stückes fand im Orginalklangbild am 7. Mai 1994 in Bremen mit den „Fiori Musicali” statt.

CPO erkärt zur dieser Opern-Einspielung „Almira“ im Katalog: “Almira, Königin von Kastilien“ oder „Der in Krohnen erlangte Glückswechsel“ wurde am Hamburger Opernhaus mit großem Erfolg 1705 etwa zwanzig mal gespielt. Zu dieser Zeit leitete Reinhard Keiser die Hamburger Oper und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er dem jungen Händel, der zu dieser Zeit als zweiter Tuttigeiger im Orchestergraben sein Geld verdiente, die Chance gab, unter seiner Direktion eine Oper zu komponieren und aufzuführen. Händels „Almira“ ist als Werk nicht ohne die besonderen Umstände der Hamburger Oper denkbar.

Verschiedene Stile, ja verschiedene Sprachen wurden gemischt, es gibt deutsche wie italienische Arien, Vokale Tanzsätze und Dacapo-Stücke, sowie größere instrumentale Balletteinlagen. Ein buntes Gemisch in der Tat, das so typische Händel’sche Melos allerdings ist schon überall vorhanden und schafft eine faszinierende Einheit.
Die Ersteinspielung mit einem hochkarätigen Ensemble: Ann Monoyios, Patricia Rozario, Linda Gerrard, David Thomas, Douglas Nasrawi, Jamie MacDougall, Olaf Haye, Christian Elsner.
Auf historischen Instrumenten begleitet das Barockorchester Fiori Musicali unter der Leitung von Andrew Lawrence-King.
Die 3 CD-Box Georg Friedrich Haendel „Almira“ ist erschienen bei JPC/CPO Bestellnummer 711 78 86.

Nach dem großen Erfolg seiner Almira ließ er schon am 25. Februar 1705 seine zweite Oper mit dem Titel “Die durch Blut und Mord erlangte Liebe, oder: Nero” folgen. Diese Oper hatte, wohl wegen des schwachen Librettos, nur drei Vorstellungen und wurde dann abgesetzt.
In Hamburg komponierte Händel 1706 noch eine weitere Oper: “Florindo und Daphne”, die aber solchen Umfang annahm, dass sie in zwei Werke aufgeteilt werden musste. Zur Uraufführung dieser Doppeloper, Anfang 1708, war Händel aber längst in südlichen Gefilden.
Auch die Musik dieser Opern gilt größtenteils als verschollen. Nachdem Händel schon mehrmals Angebote von adligen Mäzenen für eine Italienreise abgelehnt hatte, darunter wahrscheinlich eines von Ferdinando de’ Medici (1663–1713), reiste er im Sommer oder Herbst 1706 auf eigene Kosten nach Italien. Er ließ zwei Kisten mit Kompositionen in Hamburg zurück, die allerdings heute verloren sind. Mit seiner in Italien vollendeten Oper „Agrippina“ (HWV Haendel Werke Verzeichnis Nr. 6) Dramma per musica in drei Akten einem errang der junge Händel 1710 seinen bis dahin größten Erfolg als Opernkomponist.

Über diesen Triumph im opernverwöhnten Venedig berichtet John Mainwaring (1735-1807), ein englischer Theologe und erster Biograph des Komponisten Georg Friedrich Händel. Seine im Jahre 1760 anonym erschienenen Händel-Memoiren gelten als erste Musikerbiographie: „Die Zuhörer bey der händelschen Vorstellung wurden dermaßen bezaubert, daß ein Fremder aus der Art, mit welcher die Leute gerühret waren, sie alle miteinander für wahnwitzig gehalten haben würde.
So oft eine kleine Pause vorfiel, schryen die Zuschauer: “Viva il caro Sassone“, es lebe der liebe Sachse! nebst anderen Ausdrückungen ihres Beyfalls, die so ausschweiffend waren, daß ich ihrer nicht gedenken mag.“

Während der Karnevalsspielzeit 1710 erlebte die Oper in Venedig 27 Aufführungen, in Neapel wurde das Werk 1713, in Hamburg während der Jahre 1718 bis 1722 und in Wien 1719 mehrfach gespielt.
„Agrippina“ wurde vielfach als eine „Imitations“-Oper konstruiert. Händel bediente sich bei eigenen vorhergehenden Kompositionen – wie zum Beispiel seinem Oratorium „La Resurrezione“ („Die Auferstehung Christi“) Rom 1708, aus dem einige Arien in „Agrippina” sozusagen „recycelt“ wurden – und nahm wohl auch die Oper „Nero“, die er vorher für den Hamburger Gänsemarkt geschrieben hatte, zum Hintergrund.

Iulia Agrippina (15-59 n.Chr.) war die Mutter Neros (Kaiser in Rom von 54-68). Die Oper erzählt mit welcher Macht und Brutalität sie ihrem Sohn zum Thron verhalf, den noch der alternde Kaiser Claudius noch innehielt.
Poppea, die „schönste Hure Roms“ kommt bei Händels „Agrippina“ noch als „Jungfrau“ daher und becirct Nero mit ihrer Unschuld. Später ist die Sache dann nicht mehr so unschuldig wie die Geschichte weiß, denn Poppea und Nero räumen die Mutter aus dem Weg...

Es gibt eine gerade veröffentlichte hervorragende Einspielung der Händel-Oper „Agrippina“ unter dem flämischen Countertenor, Dirigenten und Alte Musik-Spezialisten René Jacobs.
Er führte im vergangenen Jahr mit rauschendem Erfolg die neue und vollständig von ihm rekonstruierte Original-Agrippina als faszinierendes Bühnenstück an der Staatsoper Berlin auf. Den Mitschnitt gibt es jetzt als 3 CD Box mit einer 50 Minuten Bonus-DVD Dokumentation „Facing Agrippina“ garniert und ergänzt, auf der Jacobs Inszenierung und ihre Entwicklung und die Personen des Dramas sehr gut erklärt.

Die Musik des jungen Händel ist einfach berückend. Jacobs dirigiert die Akademie für Alte Musik Berlin die natürlich im originalen Klangbild spielt. Dazu hat er sich einen Strauß der besten Händel-Stimmen der Zeit gebunden:
als Agrippina die russische Sopranistin Alexandrina Pendatchaska – ein wirklich wildes Weib! Als Nero: Jenniver Rivera (Mezzo Sopran), Poppea singt die Koreanerin Sunhae Im (Sopran). Sie ist in Hamburg keineswegs unbekannt und bereits in vielen Rollen in Mozart-Opern gefeiert.

Ein besonderes Ereignis der Aufnahme ist allerdings der junge Countertenor Bejun Metha als Ottone, der in den letzten drei Jahren wie ein Komet am Händel-Opern- und Oratorien-Himmel aufstieg – er ist der Sohn des Dirigenten Zubin Metha und hat wohl die derzeit schönste Alto-Stimme der aktuellen Barockszene.
Claudius wird vom Bassisten Marco Fink „kaiserlich“ gesungen. Die komischen Beamtenrollen, Pallante bestens interpretiert von den Bässen Neal Davies und Lesbo von Daniel Schmutzhand. Narciso, ein befreiter Sklave, ist der wirklich hier urkomische, französische Opern-Tausendsassa und Countertenor Dominique Visse.

Diese „Jugendoper“ Händels hat eine enorme dramatische Schlagkraft durch fetzige Rezitative und mitreißende Kurzarien. Händel war noch nicht im oft ermüdenden ABA-Schema der barocken Arie gefangen. Jacobs beschreibt das sehr schön im beiliegenden ausführlichen Textbuch.
Diese Aufnahme ist bestens geeignet für die Händel-Festspiele zuhause, ganz authentisch, wie sie vor über 400 Jahren in Hamburg und Venedig stattgefunden haben mögen. Frisch wie nie! 3 CDs und 1 Bonus DVD Georg Friedrich Händel / “Agrippina“ erschienen bei Harmonia Mundi, Bestellnummer HMC 902088-90.

1722 übernahm dann Georg Philipp Telemann die Leitung des Opernhauses am Gänsemarkt, die er bis Ende der letzten Spielzeit 1738 innehatte.
Mit ihm beschäftigen wir uns im Anschluss, im Kapitel über Hamburgs Musikleben von Renaissance und Barock bis zur frühen Klassik.

1765 wurde das inzwischen leerstehende und baufällige Opernhaus am Gänsemarkt endgültig abgerissen und an seinem Platz das Deutsche Nationaltheater errichtet, an dem Gotthold Ephraim Lessing 1767 für drei Jahre als Dramaturg wirkte.

Telemann und Hamburg – Kapitäne, Tafel- und Wassermusik

Senat und Bürgerschaft soll leben !
Die Oberalten hoch daneben,
Das hochachtbare Fundament
Von Hamburg’s gutem Regiment !
Heil über dir, Heil über dir, Hammonia, Hammonia !
O wie so kräftig stehst du da !

Den Bürgern drin auf allen Wegen
Fried’, Eintracht, Kunstfleiss, Glück und Segen !
Das Meer fleusst um die Erd’ herum,
Drum „floreat Commercium!“
Heil über dir, Heil über dir, Hammonia, Hammonia !
O wie gesegnet stehst du da !

Georg Philipp Telemann war der wohl bekannteste Musiker des Barock in Hamburg. Der führende Kopf in Hamburgs barockem Musikleben war ohne Zweifel er und erlangte für die Hansestadt die Bedeutung, die Johann Sebastian Bach für Leipzig zufiel.
Doch die Nachwelt ging mit dem Hamburger Meister weniger freundlich um, als mit Bach – völlig zu Unrecht, wie unsere ausgewählte Reise durch Telemanns vielfältige, bunte und inspirierte, musikalische Welt hoffentlich beweisen kann.
1681 in Magdeburg geboren und 1767 in Hamburg verstorben, prägte Telemann sagenhafte 46 Jahre das Musikleben in der Hansestadt. 1721 nahm Telemann das Angebot an, als Nachfolger von Joachim Gerstenbüttel das Amt des „Cantor Johannei“ und „Director Musices“ der Stadt Hamburg zu übernehmen. Vermutlich schlug Barthold Heinrich Brockes seinen Namen vor. Als musikalischer Leiter der Stadt wirkte Telemann unter anderem an den fünf großen lutherischen Stadtkirchen.

Telemanns feierlicher Amtsantritt fand am 16. Oktober statt. Er begann Werke aller Formen zu komponieren und aufzuführen. In seinem neuen Amt verpflichtete sich Telemann zur Komposition von zwei Kantaten wöchentlich und einer Passion pro Jahr. Bereits kurz nach Telemanns Amtsantritt in Hamburg berichtete der gerne und öffentlich als „Kunstrichter“ regelmäßig publizierende Johann Mattheson, dass Telemann „sich bisher, der ihm beywohnenden großen Geschicklichkeit und Arbeitsamkeit zu Folge, äußerst, und mit sehr gutem Fortgange, angelegen seyn lassen, die geistliche Music so wohl, als auch Privat-Concerte, aufs neue zu beseelen.“
Beigetragen zu Telemanns Ruhm in Hamburg und seiner beispiellosen Karriere hatte die Tatsache, dass er neue, beliebte musikalische Entwicklungen vorantrieb.

Der größten seiner Passionen, der Passion nach dem Textbuch des Hamburger Politikers und Poeten Barthold Heinrich Brockes, „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende JESUS“, daher genannt die „Brockes Passion“ wenden wir uns zunächst zu.
Ein Vergleich mit Johann Sebastian Bachs Passionsmusiken drängt sich dabei ganz natürlich auf. Bach schrieb seine Passionen wie folgt: Johannes-Passion (BWV 245 im Jahre 1724), Matthäus-Passion, (BWV 244 im Jahre 1727), Lukas-Passion (apokryph; BWV 246 im Jahre 1730) und die Markus-Passion (BWV 247 im Jahre 1731).

Bei den letzteren beiden ist man sich bei der apokryphen Lukas-Passion fast sicher, dass Bach eine Passionsmusik eines anderen (Hamburger) Musikers aufführte. Die Passion des Markus ist von dem niederländischen Alte Musik-Experten und Organisten Ton Koopman aus einer handvoll Arien und Rezitativen rekonstruiert worden – vieles erinnert auch darin an (Hamburger) Vorlagen.

Telemanns „Brockes Passion“ stammt aus dem Jahr 1716. Sie wurde also fast ein Jahrzehnt vor Bachs großen Passionen komponiert. Man weiß, dass Bach gute Kontakte zu Hamburg hatte. Er kannte auch Brockes Text, manche Passagen seiner Passionen stammen aus den Ideen Brockes. Lieferte vielleicht die Telemann’sche „Brockes Passion“ die Vorlage für Bachs berühmtestes Werk?
Telemanns Passion unterscheidet sich dennoch sehr von Bachs Oratorien – nicht in der Form von Rezitativen, Evangelien-Bericht und mitreißenden Chorälen – aber deutlich in der persönlichen Dramatik und Aussage. Es ist vergleichbar den Gemälden von Rembrandt und Rubens. Bach ist oft in seinen Passionen in stiller, eherner Trauer und hält sich sehr streng ans Evangelium, er komponiert – wie Rembrandt malt – in Licht und Schatten.

Bach schrieb in seiner Matthäus-Passion-Partitur den Text des Evangeliums sogar in roter Tinte um sein S.D.G. Lebens-Motto („Soli Deo Gloria“ = Gott allein die Ehre) selbst noch in der Schreibweise Ausdruck zu verleihen.
Außerdem weisen Bachs Passionen viele musikalische Formen der Renaissance und des Frühbarock auf, wie zum Beispiel die filigrane Polyphonie der Chorpassagen, die Schlichtheit der Choräle, mancher nennt Bach den letzten großen Renaissance-Komponisten.

Telemann ist Rubens – kraftvoll, emotional, irden. Er ist ein vollblütiger Opernkomponist und führt in die Mitte des Passionsgeschehens und lässt – ganz in der Tradition der Pietisten – den Hörer „mitleiden“, im Sinne von Mitleid. Er geht auch sehr freizügig und dramatisierend mit dem Evangelium um und verzichtet im zweiten Teil der Passion fast völlig auf den „Originaltext“ der Bibel. Er kehrt sich musikalisch eher zur geschlossenen Harmonie und Monodie und zur hochbarocken Dramatik. Vieles bei Telemanns musikalischer Sprache weist sogar schon auf die „Empfindsamkeit“ der nachfolgenden Musikergenerationen der Bach-Söhne und schließlich Mozarts hin.
Bei Telemanns „Brockes Passion“ findet am Schluss, wie in der Bach’schen verinnerlichten Schluss-Choral-Vision „Ach Herr lass Dein lieb Engelein (...) als denn vom Tod errette mich, das meine Augen sehen dich in aller Freud o Gottes Sohn...“ der „Johannes Passion“, die Auferstehung statt.
„Wisch ab der Tränen bitt’rer Ströme“ ist eine pralle letzte Trompetenarie mit Koloratursopran, ähnlich der Engelsarie am Beginn von „La Resurrezione“ von Händel („Disseratevi, o Porte d’Averno“), die den Bruch des Höllentors proklamiert und die Auferstehung verkündet.
Danach, prächtig mit strahlenden Clarinen begleitet endet die “Brockes Passion“, den Ostermorgen der Ewigkeit beschwörend, mit drei Strophen aus dem Choral von Nikolaus Herman (1560) „Wenn mein Stündlein vorhanden ist“ (EG 522): „Weil Du vom Tod erstanden bist, werd’ ich im Grab nicht bleiben...“
Kurz: Christus ist bei Telemann charakterisiert als ein „göttlicher Mensch“, während er bei Johann Sebastian Bach eher als ein „menschlicher Gott“ erscheint.
Der Vergleich zwischen der Bach’schen „Matthäus Passion“ und der „Brockes Passion“ Telemanns ist äußerst spannend! Es würde hier nun zu weit führen, ihn vollständig zu analysieren, daher das Ergebnis vorweg: die „Brockes Passion“ steht in ihrer beeindruckenden Gewaltigkeit der „Matthäus Passion“ künstlerisch in nichts nach!

Aber warum ist sie nicht so bekannt geworden, wie Bachs Karfreitagswerke?
Wohl aus dem Grund, dass vieles von Telemann im Laufe der Zeiten verloren ging und mancher der späteren Musikergenerationen ihn für einen eher „zweitklassigen“ Komponisten hielten. Die aktuelle Telemann-Renaissance in der Alten Musik-Szene fördert nun einen Schatz nach dem anderen aus der Vergessenheit empor. Den Verdienst die „Brockes Passion“ des Hamburger Musikergenies Telemann zu neuem Leben geführt zu haben, gebührt erneut dem flämischen Countertenor und „modernen Magier“ der Alten Musik, den wir schon früher mit seiner neuesten Aufnahme der Händel’schen Jugendoper „Agrippina“ vorgestellt haben: René Jacobs.
Er besetzte erstmals diese Passion mit jungen Opernsängern – ein genialer Streich, der die innere Dramatik der Musik und der bühnenhaften, theatralischen Aussage unterstreicht. Telemann hatte nämlich keinerlei Berührungsängste, wie Bach, mit seiner Passionsmusik eine echte „geistliche Oper“ zu schreiben.

Jacobs beschäftige außerdem einen eher „modern“ orientierten, komplett besetzten, gemischten Chor, den RIAS Kammerchor, mit den vokalen Tutti-Passagen und erneut die Akademie für Alte Musik, deren Spiritus Rektor und künstlerischer Leiter er für eine Zeit lang in Berlin war – ein Orchester im Originalklang – mit dem instrumentalen Part.
Die Aufnahme schlug bei Veröffentlichung 2009 ein, wie eine „musikalische Bombe“ und hat das Telemann-Bewusstsein fundamental in der Szene für immer positiv verändert. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet und international gefeiert und ist eine der spannesten und beeindruckendsten Passions-Aufführungen, die man heute auf den CD Teller legen kann: 2 CDs Telemann / “Brockes Passion“ erschienen bei Harmonia Mundi, Bestellnummer HMC 902013.14

Telemann war ein schier unermüdlicher Schreiber. Allein seine Kirchenmusik umfasst hunderte von Werken, hauptsächlich Kantaten und Oratorien. Erwähnt seien hier noch mehrere Bände klein besetzter Kantaten für Solostimme und Instrumente mit Basso Continuo für den sonntäglichen Hausgebrauch, die er unter dem Titel „Harmonischer Gottesdienst“ 1725/26 und eine weitere Sammlung 1731/32 veröffentlichte. Diese Kantaten werden zur Zeit übrigens von der norwegischen Alte Musik-Gruppe „Bergen Barokk“ vollständig eingespielt.

Telemann komponierte ebenfalls zahlreiche Musiken für private und öffentliche Anlässe, etwa für Gedenktage und Hochzeiten sowie Trauermusiken für Hamburger Bürger von Rang. Das bekannteste Werk ist die Trauerkantate „Du aber Daniel gehe hin“ von der ich hier eine Originalklangaufnahme, kombiniert mit weiteren Kantaten Telemanns zum Thema Tod und Ewigkeit, mit dem hervorragenden Alte Musik-Ensemble Cantus Coelln unter den Lautenisten Konrad Junghänel dringend empfehlen möchte: CD Telemann / Trauer-Actus erschienen bei Harmonia Mundi unter der Bestellnummer HMC 901768.

Von besonderen Reiz und Eindruck ist die Kantate die Telemann zum Tode des beliebten und allseits hochverehrten Hamburger Bürgermeister Garlieb Sillem aus eigenen Texten des Stadtpolitikers komponierte, den „Schwanengesang“.
Garlieb Sillem (1676 -1732) wurde 1717 Hamburger Bürgermeister. Nachdem der kaiserliche Gesandte Graf Fuchs 1719 die 1693 im Gesandtschaftshause errichtete katholische Kapelle erneuern lassen hatte, erwachte das hanseatische Misstrauen gegen die Römisch-Katholischen wieder und die Bevölkerung zerstörte die Kapelle, wobei auch das Gesandtschaftshaus niedergerissen wurde.
Seine katholische Majestaet, Kaiser Karl VI. (1685-1740) verlangte, dass eine feierliche Deputation Hamburgs in Wien tiefgebeugt Abbitte leisten solle, wobei er auch die Anwesenheit des präsidierenden Bürgermeisters forderte.

Sillem reiste, in Vertretung des erkrankten Vorsitzenden des Rates, zusammen mit Barthold Heinrich Brockes nach Wien, wo sie im Mai 1721 eintrafen. Es gelang ihnen, die kaiserliche Huld wiederzugewinnen und die Entschädigungssumme herunterzuhandeln.
Der Wiener Hofjustiziar Graf Windischgrätz gab kund „die Stadt (Hamburg) hätte verdient, von Grund auf vertilgt zu werden“. Am 27. Oktober kehrte die Deputation, gefeiert für ihren Erfolg, in die gerettete Hansestadt zurück.

1723 stieg Sillem zum präsidierender “Ersten Bürgermeister” auf. Er scheint er ein Freund der Dichtkunst gewesen zu sein. Für seine Leichenfeier hatte er seine letzten „Schwanengesang“ selbst gedichtet. Sillem starb in der Weihnachtsnacht des 26. Dezember 1732. Sein musikalisches Testament erklang seinem letzten Wunsch folgend auf der Begräbnisfeier in der Petri Kirche am 5. Januar 1733 in der Vertonung des Kantors Georg Philipp Telemann, wie der zeitgenössische Bericht schreibt: „...in Anwesenheit der Angehörigen und 420 Paar der vornehmesten Kaufleute und Bürger ohne die Anzahl der Gelehrten, Priester und Trauerleute…“
Die Worte Sillems zu seinem geliebten Hamburg stehen im Mittelpunkt der Trauerkantate: „So sterb’ ich denn und lege meine Glieder zur längst gewünschten Ruhe nieder.

Gehab dich wohl, geliebtes Ehegemahl! Geliebte Kinder, lebet wohl!
Da Gott will, das ich scheiden soll, so sterb ich diesfalls sonder Qual und überlass euch all, mit festgesetztem Mut, des großen Vaters Huld und Hut.
Geliebte Stadt, geliebte Bürgerschaft, für die ich jederzeit, nach aller Kraft und meiner Pflicht, gesorget und gewacht, zu guter Nacht!
Indem ich weiter nichts für dich verrichten kann, so höre noch zuletzt mein Wünschen und mein Flehen von den schon blassen Lippen an: Herrscher der gestirnten Höhen, schütze Hamburg vor Gefahr! Sende Deinen Gnadenregen!
Lass es stets in Flor und Segen, Einigkeit und Wohlergehen, Immerdar bis zur Erde Ende stehen!“

Meine persönliche Referenzaufnahme dieser „Trauermusik“ wird gespielt von La Stagione Frankfurt, einem weiteren hochkarätigen Ensemble für Alte Musik unter dem Leiter und Blockflötisten Michael Schneider. Er ist ein profunder Telemann-Kenner und spielt zur Zeit das gesamte Werk des Hamburger Meisters für Bläser bei JPC/CPO ein (bis zu Volume 7 bereits erschienen).
Seine Aufnahme der „Trauermusik des Hamburgischen Bürgermeisters Garlieb Sillem“ stammt von 1993 und vereinigt die Creme der Sänger der damaligen Alten Musik-Szene: Barbara Schlick (Sopran), Mechtild Georg (Alt), Christoph Pregadien (Tenor) und Gotthold Schwarz (Bass).
Letzterer stellt als Allegorie die Person des Bürgermeisters selber dar und trägt seine oben angeführte Rede rezitativisch stimmungsvoll vor.
Auf der CD findet sich außerdem eine Kantate Telemanns zum 19. Sonntag nach Trinitatis „Herr strafe mich nicht in deinem Zorn“. CD Georg Philip Telemann / Funeral Music for Garlieb Sillem „Schwanengesang 1733“ erschienen bei JPC/CPO, Bestellnummer 999 212-2.

Wir wenden uns nun der letzten Etappe in Telemanns Leben als Konzertmeister und Unterhaltungsmusiker zu. Mit dieser Musik erreichte er ungeteilten Ruhm schon zu Lebzeiten, weil er eben ein echter „Hit-Schreiber“ seiner Zeit war. Bis heute hat seine weltliche Musik nichts von dieser, auch für den Klassik Laien einfach zu erreichenden, populär-musikalischen Grundstimmung verloren und namentlich Telemanns Orchester-Ouvertüren und dabei speziell die „Tafelmusik“ ist ein Hit aller Barockorchester und aller Zeiten geworden.

Telemanns Tätigkeit in Hamburg gedieh also auf allen Gebieten. So übernahm er für ein weiteres Jahresgehalt von 300 Thalern die Leitung der Oper. Dieses Amt führte er bis zur Schließung des Hauses im Jahr 1738. Von den etwa 25 Opernwerken aus dieser Zeit sind die meisten verschollen. Einiges wird aber heute rekonstruiert.
Dieses Jahr hat die wiederentdeckte Telemann-Oper „Der geduldige Sokrates“ beim Amherst Early Music Festival in Connecticut in den USA Premiere.

Daneben erschien gerade eben bei Deutsche Harmonia Mundi eine weitere Oper von Telemann „Flavius Bertaridus, König der Langobarden“, geschrieben in Hamburg 1729. Es spielt und singt ein Ensemble um den italienischen Alte Musik-Experten Alessandro De Marchi und seine Academia Montis Regalis: 3 CDs Telemann / „Flavius Bertaridus, König der Langobarden“ sind bei Deutsche Harmonia Mundi zu haben, Bestellnummer dhm 088 691 926 0526.

Telemanns hochbeliebte Konzertveranstaltungen fanden meist im „Drillhaus“, der Exerzierhalle der Hamburgischen Bürgerwehr statt und waren aufgrund des hohen Eintrittspreises den höheren Schichten vorbehalten. Telemann lieferte für seine Aufführungen, abgesehen von denen im Opernhaus, fast ausschließlich eigene Kompositionen.

Neben den prestigeträchtigen Posten und Angeboten aus höfischem und städtischem Umfeld zeugen auch Quellen aus künstlerischen und populären Kreisen von Telemanns hohem, stetig wachsendem Ansehen. Hamburger sogenannte „Kapitänsmusiken“ wurden zum jährlich stattfindenden Hamburger Fest der Bürgerwache im 18. Jahrhundert aufgeführt, bei dem die Bürgerkapitäne der Stadt geehrt wurden. Telemann komponierte dazu 44 Kapitänsmusiken, von denen noch neun vollständig und drei in Teilen erhalten sind.
Die Kapitänsmusiken sind traditionell in ein geistliches „Oratorio” und eine weltliche „Serenata” eingeteilt. Das “Oratorio” wurde vor dem ausgedehnten Festmahl gespielt. Während des Essens und zum Übergang in die Abendstunden wurde die “Serenata“ aufgeführt. Dabei wirkten nicht nur Berufsmusiker mit, sondern in den Ensembles musizierten auch einfache Bürger. Die Inhalte der Kapitänsmusik-Texte waren Themen wie die wehrhafte Stadt und die Herstellung des Friedens. Oft wurden auch aktuelle Ereignisse behandelt. Der Inhalt des “Oratorio” war eher geistlich geprägt. Gott wurde gelobt und das friedliche Zusammenleben der Bevölkerung geistlich untermauert.
Der Inhalt der „Serenata“ war weltlich gehalten. Dazu zählten Themen wie die Elbe oder Krieg und Frieden, die oft in fiktiven musikalischen Dialogen von einem Kriegs- und einem Friedensgeist dargestellt wurden.

Hier sollen drei dieser Kapitänsmusiken empfohlen sein. Sie werden von drei Telemann-Experten-Ensembles aufgeführt. Die Musiken stammen aus den Jahren 1724, 1744 und 1755.
Die erste Kapitänsmusik von 1724 „Freuet euch des Herrn“ ist genau wie anderen, nach dem oben erwähnten, zweiteiligen Schema des „Oratorio“ und der „Serenata“ aufgebaut. Die Treffen der Bürgerkapitäne fand oft im Hamburger Ratskeller statt und war mit einem rauschenden Umtrunk und deftigem Mahl verbunden. Vergleichbar mit dem heute noch veranstalteten Matthiae-Mahl – historisch als „Convivium eines ehrbaren Rates“ bezeichnet, ist es das älteste noch begangene Festmahl der Welt: seit 1356 und findet jährlich um den 24. Februar herum im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses statt.
Die Aufnahme dieser ersten Kapitänsmusik fand im Zusammenhang mit den alljährlichen Telemann-Festspielen in Michaelstein, in Sachsen-Anhalt statt.

Dort bei Magdeburg, Telemanns Geburtsstadt, baute der Dirigent undTelemann-Experte Ludger Remy eine Musikkultur auf, die sich den Werken des Hamburger Meisters widmet und vieles neu entdeckte und rekonstruierte.
Remy leitet das Telemannische Collegium Michaelstein und ein junges Saengerensemble auf dieser Aufnahme: CD Georg Philip Telemann / Kapitänsmusik 1724 „Freut euch des Herren“ bei JPC/ CPO unter der Bestellnummer 777 176-2.

Die zweite Kapitänsmusik stammt aus dem Jahr 1744. Das Stück wurde bei der Kapitänsfeier am 3. September des Jahres gespielt und ist besonders prächtig und ausladend. Das Oratorium „Vereint euch ihr Bürger“ mahnt Hamburger Einheit an und die Serenata „Freyheit“ hat starken militärische Klangfarben. Die Angst saß noch tief in den Knochen der Hanseaten – die Türkenkriege waren erst gerade friedlich beendet worden. Am 18. September 1739 schlossen Österreich und das Osmanische Reich den Frieden von Belgrad. Als Teilstaat des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation geriet Hamburg in der Zeit der Türkenkriege in schwere Bedrängnis. Dichter und Musiker schrieben und komponierten darüber. Doch hauptsächlich sprach sich in den Dichtungen für die Kapitänsmusiken die Hoffnung auf baldigen Frieden aus. Der Hansestadt Hamburg als internationalem Handelsplatz war sehr an einer stabilen Welt und Wirtschaft gelegen. Wenn ein Krieg ausbrach, wurde normalerweise auf die Bürgerwache zurückgegriffen, die von den so genannten Kapitänen angeführt wurde. Diesen oblagen nicht nur militärische Aufgaben, sondern auch kommunale Verpflichtungen wie beispielsweise die Aufsicht über alle Fremden (sic !), die in die Stadt kamen.

Die Kapitänsmusik 1744 wird von der Weser-Renaissance unter Manfred Cordes auf CD angeboten. Cordes der in unserer Reise schon mehrfach als Fachmann für Alte Musik aus Hamburg auftauchte, versammelte für diese Aufnahme schöne junge Stimmen von Rang und Namen aus der Originalklang Szene: Dorotee Mields (Sopran) als „Die Betrachtung“ und „Hamburgs Schutzgeist“, Monika Mauch (Sopran) als „Liebe zum Vaterlande“, Ulrike Hofbauer (Sopran) die „Freyheit“ und der „Leichtsinn“, Immo Schroeder (Tenor) als die „Allegorie der Freude“ und das „Vertrauen“ und Dominik Wörner (Bass) als „Dankbarkeit“: Georg Philip Telemann / Kapitänsmusik 1744 bei JPC/CPO unter der Bestellnummer 777 390-2.

Um zum guten Schluss zum Thema Hamburger Kapitäne die Musik die Telemann 1755 für das alljährliche Bürgerwehrfest komponierte, beriets als alter Mann. Und immer noch war er als Komponist und Musiker öffentlich aktiv.
Die „Kapitänsmusik 1755“ ist erneut unterteilt in ein „Oratorio“ mit dem eher schlichten Titel „Danket dem Herrn“. Die „Serenata“ widmet sich flammend hanseatischer Wehrhaftigkeit „Ihr rüstigen Wächter Hamburgischer Zinnen“.
An dieser Musik ist zu spüren, wie der wirklich zwar alt gewordene aber geistig jung gebliebene Telemann der musikalischen Strömung der Zeit folgt.

Die Stimmung dieser Kapitänsmusik befreit sich aus dem Korsett der barocken Formenstarrheit und zeigt schon deutliche Anklänge an die Musik der Aufklärung und der „Empfindsamkeit“. Die Musik hatte sich gründlich verändert – schwirrende Violinen-Passagen, leichte tänzelnde Flöten – keine Schwere mehr, sondern fast zarte Empfindlichkeit. Dennoch taten sich bereits erste dunkle Wolken am Himmel der feinen Hamburger Lebensart auf. 1756, nur ein Jahr nach dieser Kapitänsfeier begann der Siebenjährige Krieg, der Hamburg zwar zunächst weitgehend verschonte und sogar für gute Kriegsgeschäfte sorgte, an dessen Ende 1763 dennoch Not und Elend und der totale Zusammenbruch des bürgerlichen Lebens des Stadt stand.
Man feierte also 1755 schon auf dem Vulkan, „Wachsamkeit auf den Zinnen“ war in der Tat guter Rat.

Die brillante, tänzerische Aufnahme dieser Kapitänsmusik nahm wieder La Stagione Frankfurt unter Michael Schneider vor, die wir oben schon anlässlich der Trauermusik für Garlieb Sillem vorstellten. Auch das Sängerensemble ist wiederum vom Feinsten, tolle Musik, die man zur besten Unterhaltung genießen kann: 2 CDs Georg Philip Telemann / Kapitänsmusik 1755 erschien bei JPC/CPO unter der Bestellnummer 999 211-2.

In Hamburg nahm Telemann auch und besonders eine Tätigkeit als gefeierter und gelehrter Musiktheoretiker und Musikverleger auf. Um Kosten zu sparen, stach er sogar höchstpersönlich die Kupferplatten für den Drucker. Bis 1740 veröffentlichte er 46 Notenwerke im Selbstverlag, die er in mehreren deutschen Städten sowie in Amsterdam und London an Buchhändler verkaufte.
In diesem Zusammenhang erschien Telemanns größter Hit: die Sammlung von verschiedenen Ouvertüren, Quartetten, Sonaten und Konklusionen bekannt als „Tafelmusik“.

Es handelt sich bei der „Tafelmusik“ um eine 1733 veröffentlichte Sammlung von Instrumentalwerken. Der Originaltitel lautet “Musique de Table”. Das Werk ist eine der bekanntesten Kompositionen Telemanns. Es gilt musikhistorisch als Höhepunkt und gleichzeitig eines der letzten Beispiele höfischer Tafelmusik.
Telemann, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Musikdirektor von Hamburg war, reimte über seine Veröffentlichung: „Diß Werk wird hoffentlich mir einst zum Ruhm gedeien, Du aber wirst den Wehrt zu keiner Zeit bereuen...“

Das Werk gliedert sich in drei Teile („Produktionen“) mit gleichem Aufbau:
Sie beginnen mit einer groß besetzten Ouvertüre, dann folgt ein Quartett für drei Instrumente und Continuo, ein Konzert für mehrere Soloinstrumente und Streicher, eine Triosonate und eine Solosonate mit Continuo. Den Abschluss bildet jeweils ein Satz, den Telemann mit „Conclusion“ überschreibt: Er nimmt Tonart und Besetzung der einleitenden Ouvertüre wieder auf. Im Übrigen folgen Besetzungen und Tonart keinem erkennbaren Schema.
Mit Ouvertüre, Konzert, Trio- und Solosonate sowie dem sonst seltenen, von Telemann aber bevorzugten Quartett bietet jeder Teil also je ein Beispiel der wichtigsten instrumentalen Genres.
Bei uns wird das Telemann’sche leckere, musikalische „Viergang-Menu“ angerichtet durch das Freiburger Barockorchester, unter der Leitung von Petra Muellejans und Gottfried von der Goltz.
Dieses Orchester hat sich eine großen Namen erspielt mit sehr mutigen und ungewöhnlichen Aufnahmen nicht nur von hochbarocken Werken, sondern besonders von Musik der Frühklassik bis hin zu Mozart. Die Musiker interpretieren Telemann mit einer Zartheit und Luftigkeit – ein reines Hörvergnügen. Man kann alles bei dieser Musik, träumen, lieben, natürlich gut und ausgiebig Speisen und selbst solche Artikel schreiben.
Die Aufnahme erschien 2011 und ist bislang durch nichts Ähnliches übertroffen worden an Inspiration und Feingefühl für (hoch-)barocke Aufführungspraxis: 4 CDs Georg Philip Telemann / “Musique de Table“ erschienen bei Harmonia Mundi unter der Bestellnummer HMC 902042-45.

Wie jeder Besuch in Hamburg endet auch unsere musikalische Reise um, am oder auf dem Wasser – der Elbe und der Alster.
Die Wassermusik Georg Philipp Telemanns – auch mit dem Beinamen “Hamburger Ebb’ und Fluth“ nach der gleichnamigen Gigue versehen – ist eine Ouvertüre-Suiten in C-Dur.
Sie wurde im Jahr 1723 – zwei Jahre nach seiner Anstellung - aus Anlass der Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen der Hamburgischen Admiralität aufgeführt.
Zur gleichen Gelegenheit schrieb Telemann die „Hamburger Admiralitätsmusik”. Auffallend am Werk ist die Tonmalerei in der Einleitung der Ouvertüre, die durch lang liegende Töne der Oberstimme die ruhige See nachbildet.
Den Schluss unserer Betrachtung bildet daher eine Aufnahme dieser Wassermusik von zeitloser Schönheit – gespielt von Musica Antiqua Köln unter dem Violinvirtuosen Reinhard Goebel. Leider gibt es die Gruppe in dieser Zusammensetzung nicht mehr – die CD von 1984 hat zum Glück diese Hamburg Schifffahrt in feinster Manier konserviert.
Bitte an Bord zu kommen – als Dreingabe sind auf der CD noch drei der schönsten Telemann-Concertos zu finden: CD Georg Philip Telemann / “Wassermusik Hamburger Ebb’ und Fluth“ erschienen bei DGG Archiv unter der Bestellnummer 413 788- 2.

Konklusion: Wo ist Hamburgs „Getreuer Musikmeister“ von Heute?

Telemanns berühmtestes, musiktheoretisches Werk habe ich in meinem Artikel bislang nicht erwähnt, den „Getreuen Musikmeister“. Eine Sammlung von exemplarischen Sonaten und Sinfonien für den Hausgebrauch.
Dieser getreue Musikmeister fehlt der Hansestadt heute in jeder Hinsicht.
Vielleicht habe ich der Kultursenatorin am Anfang dieses Beitrags, in Teil eins, ja bitteres Unrecht getan und Hamburg hat wirklich sein neues Leben als lebendige Musikstadt noch vor sich. Ich erkenne leider nur das Hamburg diese Position als international gefeierte Musikstadt 600 Jahre hinter sich hat.
Betrachtet man welche Spielorte Hamburgs Musik heute pflegt, so ist von all dem was ich vorgestellt habe kaum etwas ins heutige „Hammonia“ gerettet worden.
Lediglich das Ensemble „Ratsmusik“ ist Hamburgisch. Alles andere findet in Berlin, Bremen, Magdeburg, Frankfurt, Freiburg und anderswo statt.
Hamburg braucht keine großmäuligen Prestige-Groschengräber, wie die Elbphilharmonie, sondern mehr engagierte Menschen, wie meinen Namensvetter Jürgen Neubacher, die wieder zutage fördern, was pralles Hamburger Musikleben bedeutet hat und wieder bedeuten könnte.
Warum hört man auf den alljährlichen „Tagen Alter Musik“ in Regensburg eigentlich mehr über Hamburger Musik als in Hamburg selbst?
Schade eigentlich. Hamburg hat so viele musikalische Schätze, die noch gehoben werden könnten. Er wird noch gesucht der „Getreue Musikmeister“ Hamburgs – vielleicht wird er ja mal gefunden...

Und dann Tschüss, Hamburgs schönste Musiken. „Hammonia Cantat“ – es ist eine solche Reise wert.


Teil 1 ist hier nachzulesen.

Fotonachweis: Alle Abbildungen aus Archiv Herby Neubacher oder sind Wickipedia entnommen.
Header: Blick auf Hamburg vom Großen Grassbrook, um 1700, Kupferstich
Galerie:
01. Die Oper am Gänsemarkt, 1727, Kupferstich
02. "Chandos-Portrait", Porträt G. F. Händels, Sir James Thornhill (1675-1734), zugeschrieben, Öl auf Leinwand, 87,7x102,2 cm, um 1720
03. CD-Cover G.F. Händel / “Aggrippina”
04. Georg Philipp Telemann, koloriertes Aquatinta-Blatt von Valentin Daniel Preisler nach einem verschollenen Gemälde von Ludwig Michael Schneider (1750)
05. Johann Sebastian Bach, Porträt von J.E. Rentsch dem Älteren, 1715
06. Portrait Garlieb Sillems, Gemälde aus dem 18. Jahrhundert
07. CD-Cover Georg Philip Telemann / Kapitänsmusik 1724
08. CD-Cover Georg Philip Telemann / Kapitänsmusik 1744
09. Offiziere und Mannschaftsdienstgrade des Hamburger Militärs von 1755
10. CD-Cover Georg Philip Telemann / “Musique de Table“
11. CD-Cover Georg Philip Telemann / „Wassermusik“

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