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Musik

Krieg und innerer Frieden – die Welt des Paul Gerhardt (Teil 1)

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Geschrieben von Herby Neubacher  -  Mittwoch, den 20. Juni 2012 um 10:33 Uhr
Krieg und innerer Frieden – die Welt des Paul Gerhardt (Teil 1) 4.6 out of 5 based on 124 votes.
Krieg und innerer Frieden – die Welt des Paul Gerhardt - Teil 1

Paul Gerhardt veröffentlichte folgendes Gedicht 1653 im Gesangbuch „Praxis Pietatis Melica“:

Geh aus mein Herz und suche Freud
In dieser schönen Sommerzeit
An deines Gottes Gaben
Schau an der schönen Gärtenzier
Und siehe wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben
Mach in mir Deinem Geiste Raum,
Daß ich Dir werd ein guter Baum,
Und laß mich Wurzeln treiben;
Verleihe, daß zu Deinem Ruhm,
Ich Deines Gartens schöne Blum
Und Pflanze möge bleibe

Es gehört zu seinen bekanntesten. Aber wer war dieser Paul Gerhardt? Wohl kaum jemand wird das heute noch genau beantworten können, obwohl jeder schon einmal von ihm gehört hat.

Einige haben vielleicht bereits als Kind im Schul- oder Kirchenchor gelernt sein Sommerlied zu singen, vom Herzen das auszieht die Freude in der Natur zu suchen. Es wird oft in der romantischen Fassung des Komponisten Friedrich Silcher (1789-1860) gegeben, der auch Kompositionen wie „Ich hatt’ einen Kameraden“ und die „Lorelei“ für das deutsche „Volkliedgut“ beisteuerte. Besser weil passender ist jedoch die Urfassung von Johann Georg Ebeling aus dem Jahr 1667.
Oder wir lieben es zur Karwoche ergriffen den Chorälen in den großen Passionen von Johann Sebastian Bach zu lauschen, in der „O Haupt voll Blut und Wunden“ und „Befiel’ du deine Wege“ zu den „Hits“ gehören – aber wohl kaum jemand wird diese Dichtungen auf den Autoren Paul Gerhardt zurückführen.
Vor allem treffen wir den Paul Gerhardt des Evangelischen Gesangbuchs: Den kennen allerdings meist nur noch das stetig abnehmende Häuflein der tapferen Kirchgänger. Alle Jahre wieder, zu Weihnachten, wenn wir mit ihnen singen „Ich steh’ an deiner Krippen hier...“

Eine genauere Recherche nach Paul Gerhardt lohnt, denn der Dichter – hundert Jahre nach Luther und fast hundert Jahre vor Bach – wirkte nachhaltig im frühen 17. Jahrhundert und ist einer der Schöpfer deutscher Sprache, wie vor ihm der große Reformator aus Wittenberg, auf den er sich gerne berief.

Paul Gerhardt begann eine Bewegung der „inneren Besinnung“ und Suche nach der persönlichen Seele. Und dies nach der schrecklichen Erfahrung von drei Jahrzehnten Krieg und Vernichtung. Diese Exodus-Erfahrung reichte bis in die frühe Neuzeit und nahm im sogenannten „Pietismus“ des Früh- und Hochbarock ihren Anfang.
Gerhardt schrieb Gedichte, die Musik in sich tragen und die von Komponisten aller Epochen bis hin zu Max Reger (1873-1916) immer wieder neu vertont wurden. Die Gedicht-Musik-Konstellation funktioniert deshalb so gut, weil sie die menschliche Seele zum Mittelpunkt zwischen Himmel und Erde macht und das Alltägliche, die Natur mit einbezieht.

War Gerhardt quasi ein „Zen-Jünger“ des Frühbarocks?
Niemand passt wohl besser von damals in unsere heutige Zeit als er, in der wir das Seelenheil in fernöstlichen Philosophien suchen und dabei oftmals die poetischen und philosophischen Edelsteine vor der Tür übersehen.

Die Welt des Paul Gerhardt – sie erlaubt am einfachsten, mit tief empfundenen Worten und großer dichterischen Kraft den Zugang zu dem was Goethe über hundert Jahre nach Gerhardt seinen „Faust“ und mit ihm uns alle suchen lässt: „ ...was die Welt im Innersten zusammenhält.“

Krieg und Frieden
Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehöret, viel Klagens, Weinen und Heulens.
Rahel beweinete ihre Kinder und wollt’ sich nicht trösten lassen.
Denn es war aus mit ihnen.
(Matthäus 11, 18)
Motette Nr. XXVIII a 7
Aus Heinrich Schuetz „Geistliche Chormusik 1648“

Andreas Gryphius, einer der dichtenden Zeitgenossen Paul Gerhardts, schrieb das Sonett „Tränen des Vaterlandes. Anno 1636“, das bis heute zu den meist zitierten Antikriegsversen zählt. Es beginnt:
Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun’
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun,
Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret ...

Der flämische Maler Pieter Breughel der Ältere hatte zuvor mit seinem Gemälde „Triumph des Todes“ bereits um 1560 die Vision des kommenden Schreckens auf Leinwand gebannt, die 30 Jahre Krieg ein halbes Jahrhundert später über ganz Europa bringen sollten.
Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 war rein historisch betrachtet ein Konflikt um die Hegemonie in Deutschland und Europa und zugleich ein katholisch-protestantischer Religionskrieg.
Dieser Krieg sah zum ersten Mal Heere mit bezahlten Soldaten, sogenannten Söldnern und war deswegen so grausam, weil diese marodierenden Handwerker des Todes alles zerstörten was sie fanden. Oft nicht entlohnt und hungernd zogen sie über Land und brannten Dörfer nieder und plünderten die Bevölkerung aus. Morden und Brandschatzen, verwüstete Landstriche – namentlich das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ wurde durch diesen ersten modernen Vernichtungskrieg entvölkert. Fast 60% der Menschen kamen in den regionalen Schlachten und im folgenden Söldnergemetzel ums Leben. Außerdem fielen viele den Seuchen, die Krieg und Hungersnot nachfolgten, zum Opfer. Diese Kriegsjahrzehnte hinterließen in den Menschen eine geradezu unmenschliche Verrohung, eine externe wie innere seelische Verwüstung.
Ein authentisches Sittengemälde dieser Zeit gibt der Roman „Das abenteuerliche Leben des Simplicius Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, um 1686 geschrieben. Schließlich, am 24. Oktober 1648 endete der Krieg in Deutschland mit dem Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück.

Paul Gerhardt war ein Kind dieser schlimmen Zeit. Er wurde mitten im Krieg am 12. März 1607 in Gräfenhainichen im Kurfürstentum Sachsen als zweites von vier Kindern in eine Gastwirtsfamilie geboren. Er besuchte die Stadtschule, in der er Grundkenntnisse in der lateinischen Sprache und im Chorgesang erwarb. Wie viele andere Familien in Kursachsen hatten auch die Gerhardts unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges – Hungersnot, Seuchen und den Übergriffen der Soldaten – zu leiden. 1619 starb sein Vater, 1621 die Mutter. Der Junge besuchte ab dem 4. April 1622, wie schon sein Bruder, die Fürstenschule St. Augustin in Grimma, danach folgte ein Studium im Bereich Theologie und an der philosophischen Fakultät der Universität Wittenberg. Durch Elternhaus und Schule hatte er sich schon zuvor mit Luthers Lehre befasst.
In Wittenberg hatten viele Menschen vor den Folgen des Dreißigjährigen Krieges Zuflucht gesucht, außerdem grassierte im Jahr 1636/37 die Pest. Das Kirchenamt musste für die Pesttoten sogar eigene Sterbebücher anlegen.
Paul Gerhardts nahe gelegene Geburtsstadt wurde am 11. April 1637 von schwedischen Soldaten vollständig zerstört. Am 7. November 1637 starb Gerhardts Bruder Christian. Die Erfahrungen in Wittenberg wirkten auf Gerhardt prägend. Seine Lyrik versuchte den äußeren Krieg mit dem inneren Frieden der geistlichen Zuflucht zu überwinden. Das Erlebnis von nicht enden wollendem Krieg, Hunger, Krankheiten und allgemeiner Zerstörung ließ eine Lyrik von bis dahin nicht gekannter Eindringlichkeit entstehen, in der sich die Gewissheit von Tod und Vergänglichkeit mit barocker (Über-) Lebensfreude und geistlicher Innerlichkeit verband. 1643 beendete Gerhardt seine Studien und ging nach Berlin. Die dortige Bevölkerung war durch den Krieg sowie durch Pest, Pocken und die Ruhr um mehr als die Hälfte reduziert: von 12.000 vor dem Krieg auf 5.000 bei Kriegsende.
Die Kriegserlebnisse, in die er theologische und persönliche Themen einfließen ließ, verarbeitete Gerhardt nun in Gedichten und Liedtexten. Damit gab er den Zeitgenossen neuen Mut und neue Hoffnung. Paul Gerhardt wurde Pfarrer an der Nikolaikirche in Berlin. Nach einer zwischenzeitlichen Anstellung in Mittenwalde kehrte er im Mai 1657 als er zweiter Diakon an die Berliner Nikolaikirche zurück.

Der Dichter und die Seele
Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
Der Welt und ihrer Kinder;
Es geht und träget in Geduld
Die Sünden aller Sünder;
Es geht dahin, wird matt und krank,
Ergibt sich auf die Würgebank,
Verzeiht sich aller Freuden;
Es nimmet an Schmach, Hohn und Spott,
Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod
Und spricht: Ich will's gern leiden.
Ein weniger bekanntes Passionslied von Paul Gerhardt herausgegeben im „Deutschen Kirchenamt“ Straßburg AD 1625

Suchte der Reformator Martin Luther (1483-1546) einen persönlichen Zugang zu einem „gnädigen“ Gott und stellte sich damit gegen die Lehrmeinung der offiziellen (katholischen) Kirche, die Gotteserfahrung nur über ihre Institution und ihre Vertreter akzeptiere, so begab sich Paul Gerhardt mit der gleichen Intensität auf die Suche nach einer Seele, die den Zugang zur Allerfahrung Gottes und seiner Natur und des menschlichen Lebens erlaubte.
Gerhardt, wie vor ihm Luther, entwickelte dabei eine Kraft und Innerlichkeit der Sprache die nur als „musikalisch“ treffend zu beschreiben ist. Alle inneren Zustände und meditativen Erfahrungen mussten kraftvoll benannt und somit für den Leser und Hörer direkt erfahrbar gemacht werden. Gerhardt schuf dazu die Begrifflichkeit der deutschen Sprache neu – wie es Luther es hundert Jahre vorher am Beginn dieser Bewegung durch die Übersetzung der Bibel aus dem Griechischen und Lateinischen vorgemacht hatte.

Hier soll eine meditative Reflektion auf Gerhardts weniger bekanntes Passionslied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ folgen, die versucht diese ungeheure und tief ergreifende Sprachgewalt aufzuzeigen, die Bilder vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen lassen und ihn ermuntert nach seiner eigenen Seele zu suchen. Das bekanntere „gerhardtsche“ Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ folgt einer alten lateinischen Tradition des „Membra Jesu Christi“ – der meditativen Betrachtung des Leibes Jesu am Kreuz und all seiner Glieder („Membra“ lateinisch für „Glieder“). Gerhardt folgte dieser Meditation, die durch den Heiligen Bernhard von Clairvaux (1090-1153) als „Salve caput crucentatu“ – Gegrüßtest seist du gekreuzigtes Haupt“ gedichtet wurde, mit einer eigenen Version „Passionssalve des Heiligen Bernardi an die Gliedmaßen des Herrn Jesu“.
Der Theologe und Kirchenlieddichter fügte daneben dieser hochdramatischen, meditativen Betrachtung des Kreuzestodes Christi eine intime, eigene bei – das „Lämmlein“ das die Sünden der Welt trägt, die nicht so bekannt wurde, aber wohl eher die tiefe persönliche Sicht und Seelenempfindung des Dichters widerspiegelt. Dieses Gedicht, zum Kirchenlied komponiert, wird gemeinhin auf die Melodie von „An Wasserflüssen Babylon“ von Wolfgang Dachstein (1525) gesungen und ist im heutigen Evangelischen Gesangbuch unter der Nr. 84 zu finden. Schon dieser musikalische Umstand ist interessant weil „An Wasserflüssen“ ja die Knechtschaft Israels in babylonischer Gefangenschaft beschreibt und direkt zum gefangenen Christus und der Hoffnung auf Befreiung durch das Kreuz hindeutet.
Gerhardt trennt sich zunächst von der Ikone der lateinischen Hohen Messe, dem „Agnus Dei“ – von dem Bild des „Lamm Gottes“ in seinem Gedicht und diminuiert dieses Lamm, das die Sünden der Welt trägt, zu einem „Lämmlein“. Kleiner als klein – nichtiger als nichtig, schwächer als schwach. Es trägt die Schuld der Welt wie eine ungeheure Last – der „Welt und ihrer Kinder“. Kinder sind wir alle – unschuldig- schuldig – machen kaputt ohne zu wissen, müssen entschuldet werden. „Es geht dahin“ – schleppt sich eher, „wird matt und krank“. Wie tief und mitleidsvoll ist dieses Bild von einem Lämmlein, das matt und krank wird, sich selber so schafft. „Verzeiht sich (verzichtet) aller Freuden.“ Keine Freude in diesem Bild – „ergibt sich auf die Würgebank“. Eine (Folter-) Bank auf der man gewürgt wird – ein Bild der Garotte, deren Grausamkeit der schlimme Krieg wohl jedem klar vor Augen gestellt hat. Kein Kreuz – schlimmstes Erwürgen.
„Es nimmet an Schmach, Spott und Hohn“ – wer den Film „The Passion of the Christ“ (2004) von Schauspieler-Regisseur Mel Gibson gesehen hat, dem wird klar was diese „Schmach, Spott und Hohn“ bedeuten können – nichts mehr von dem fernen Christus am Kreuz ist da übrig – nur noch der gepeinigte Mensch „Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod“ – als ob Gerhardt schon im Frühbarock das Drehbuch für diesen Film hätte schreiben wollen.
„ Und spricht: ich will’s gern leiden!“ – Freiwilligkeit. Eine Selbsttötung, um die Welt zu retten.
In Folge beschreibt Gerhardt in seinem Gedicht einen wundervollen Dialog zwischen Gott Vater und Sohn, der sein eigen Blut im Fleisch zur Rettung der Welt ans Kreuz schickt und Christus antwortet: „Ja Vater, ja von Herzensgrund! Leg’s auf, ich will’s Dir tragen.“ Es ist ein Hinweis auf die alttestamentarische Geschichte von Abraham der seinen Sohn Isaak Gott als Opfer schlachten soll, ihn sogar das Holz zum Brandoper tragen lässt (Genesis 22.5 bis 22.8) und dem zuletzt von einem rettenden Engel das „Lämmlein“ als „Ersatz“ gestattet wird - Christus der Sohn, das „Lämmlein“, das Gott der Vater opfert. Es folgt eine grausame Beschreibung der Kreuzigung und des Blutopfers, das am Ende das „Kleid der Seele“ werden wird und den Eintritt ins Paradies frei macht:
„Wenn endlich ich soll treten ein in deines Reiches Freuden, so soll dies Blut mein Purpur sein (der purpurene „Königsmantel des Spottes“, den die römischen Häscher Christus umhängten) Es soll sein meines Hauptes Kron’ (erinnernd an die Dornenkrone) in welcher ich will vor dem Thron des höchsten Vaters gehen.“

„Und dir, dem er mich anvertraut, als eine wohlgeschmückte Braut an deiner Seite stehen.“ - Die Hochzeit der Seele als Braut mit Christus wurde späterhin zum beliebten Motiv im Barock – zum Beispiel in der Bach Kantate BWV 180 „Schmücke Dich du liebe Seele“ (auch nach einem Gerhardt Kirchenlied betitelt) und bestimmt für den 20. Sonntag nach Trinitatis als Vorbereitung auf die große „Hochzeit im Himmel“ am Ewigkeitssonntag und den „Bräutigam“ der erwartet wird im Advent und an Weihnachten im Kind erscheint.

Das Lämmlein das wir alle sind – den Hohn und Spott, das Kreuz das wir alle tragen müssen, adelt uns einstmals an „Seiner Seite“, als mit dem Insignien des Kreuzes Mantel und Dornenkrone geschmückt, zu stehen.
Man erkennt an diesen wenigen Betrachtungen welche prachtvolle und gewaltige geistige und geistliche Welt der Bilder Paul Gerhardt in seinen Texten beschwört. Es ist kein Wunder das diese Kraft bis heute wirkt – auch wenn sie sich manchmal merkwürdige Wege gesucht hat – zum schlichten „Volksgut“ wurde.

Vieles, das Gerhardt schrieb wie zum Beispiel „Die güldene Sonne“ (Evang. Gesangbuch (EG) Nr. 449) wurde so selbstverständlich in deutschen Liederbüchern, das (leider) kaum noch einer darüber nachdenkt was eigentlich gemeint ist und was man da singt...

Der Dichter und die Musiker
Du meine Seele, singe,
Wohlauf, und singe schön
Dem, welchem alle Dinge
Zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben
Hier preisen auf der Erd,
Ich will ihn herzlich loben,
So lang ich leben werd.

Ihr Menschen, laßt euch lehren,
Es wird sehr nützlich sein:
Laßt euch doch nicht betören
Die Welt mit ihrem Schein.
Verlasse sich ja keiner
Auf Fürstenmacht und Gunst,
Weil sie wie unser einer
Nichts sind, als nur ein Dunst.

Hier sind starken Kräfte,
Die unerschöpfte Macht,
Das weisen die Geschöfte,
Die seine Hand gemacht:
Der Himmel und die Erde
Mit ihrem ganzem Heer,
Der Fisch unzählig Herde
Im großen wilden Meer.

Er weiß viel tausend Weisen,
Zu retten aus dem Tod,
Ernährt und gibet Speisen
Zur Zeit der Hungersnot,
Macht schöne rote Wangen
Oft bei geringem Mahl
Und die da sind gefangen,
Die reißt er aus der Qual.

Er ist das Licht der Blinden,
Erleuchtet ihr Gesicht,
Und die sich schwach befinden,
Erliebet alle Frommen,
Und die ihm günig seind,
Die finden, wenn sie kommen,
An ihm den besten Freund.

Paul Gerhardt schrieb dieses Gedicht 1667. Es trägt noch lyrische Spuren der Erfahrung des Hungers und der Not (Macht schöne, rote Wangen selbst bei geringem Mahl!“) und wurde in seiner Vertonung von Johann Georg Ebeling 1666 eines der bekanntesten Lieder des Dichters (EG Nr. 302).

Als 1618 ausbrach der Dreißigjährige Krieg, verursachten dessen verheerende Auswirkungen nicht dass nur gut ein Drittel der deutschen Bevölkerung das Leben verlor, sondern auch den fast völligen Zusammenbruch deutscher Kultur. Der Komponist Heinrich Schuetz (1585-1672), Zeitgenosse von Paul Gerhardt, schrieb selbst davon, wie „die löbliche Music von den anhaltenden gefährlichen Kriegs-Läufften in unserm lieben Vater-Lande Teutscher Nation nicht allein in großes Abnehmen gerathen, sondern an manchem Ort gantz niedergeleget worden“. Schuetz musste seine Ansprüche an Aufführungspraxis und Instrumentarien erheblich verringern, „damit mein von Gott verliehenes Talentum in solcher edlen Kunst nicht gantz ersitzen bleiben sondern nur etwas weniges schaffen und darreichen möchte.“


Teil 2 folgt am 28. Juni 2012
Anmerkung der Redaktion: Für die biographischen Daten diente Wikipedia als Quelle.

Fotonachweis:
Header: Komposition; Befiehl du deine Wege
Galerie:
01. Paul Gerhardt-Denkmal in Gräfenhainichen. Foto: Torsten Schleese, 2006. Quelle: Wikipedia.
02. Jacques Callot: Les misères de la guerre'; 11. Les pendus (Schrecken des Krieges. Der Galgen), 1632, 8,1×18,6 cm platemark, Art Gallery of New South Wales, Sydney/Australien
03. Söldner des 30-jährigen Kriegs, zeitgenössische Darstellung, Kupferstich
04. Pieter Brueghel d. Ä.: „Triumpf des Todes“, erste Version, um 1560, 117x162 cm, Museo del Prado, Madrid/Spanien.
05. Evangelisches Gesangbuch
06. Rembrandt van Rijn: „Portrait eines Musikers“ (Möglicherweise Heinrich Schuetz), um 1640, Corcoran Gallery of Art, Washington D.C.

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Inge Mager, geboren 1940, international führende Kirchenhistorikerin mit Schwerpunkt Reformation, Gegenreformation, konfessionelles Zeitalter. Sie hielt bis 2005 eine Professur für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Universität Hamburg. Letzte Veröffentlichung: Frauen – Profile des Luthertums (2005)
http://www.faberundfaber.de/index3.html
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