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Wu Muye: Die Kraft des Virtuosen und der Charme des Leisen

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Donnerstag, den 06. April 2017 um 09:35 Uhr
Wu Muye: Die Kraft des Virtuosen und der Charme des Leisen 3.9 out of 5 based on 78 votes.
Wu Muye

Das Debütkonzert des jungen chinesischen Pianisten Wu Muye im Kleinen Saal der Laeiszhalle in Hasmburg gab Anlass zum Staunen über Tastentechnik und Virtuosenkraft. Und forderte reizvolle Vergleiche heraus zwischen dem fernöstlichen und dem bekannten westlichen Klavierspiel.

Das war schon ein besonderes Konzert, das da mit der Naturgewalt eines Gewittersturms durch den Kleinen Saal der Laeiszhalle fegte. Ein Anschlag so kompromisslos hart, dass man zeitweilig um das Wohlergehen des Schimmel-Flügels zu fürchten begann. Die pianistische Kraft von Wu Muye hätte locker den Großen Saal gefüllt und sicher auch Potenzial für unverstärktes Arenenformat gehabt. Vermutlich war es für ihn die größte Herausforderung des Abends, wenigstens hin und wieder das intime kammermusikalische Format des Kleinen Laeiszhalle-Saals im Ohr zu behalten. Ein spannendes Erlebnis für die überwiegend chinesischen Zuhörer, das einen guten Vergleich ermöglichte zwischen östlicher und westlicher Klavierkunst.

Wu Muye bei der ProbeWu Muye ist ein chinesischer Pianist, Jahrgang 1985, der in China längst in der Qualitätsklasse gehandelt wird, die hierzulande von Lang Lang besetzt ist. Sein chinesisches Klavierstudium hat ihn zu kompromissloser Höchstqualitätstechnik geführt, im Anschluss daran hat Wu Muye am ‚Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse’ in Paris sein Spiel vervollkommnet. Er ist in Frankreich, Spanien, Italien aufgetreten und natürlich in den großen Konzertsälen seines Heimatlandes zu Hause. Und hat in China Karriere gemacht, ist Solopianist beim Chinesischen Staatsorchester und durfte 2016 beim G20-Gipfel in Hangzhou auftreten. Wer weiß, wie sehr China darauf bedacht ist, sich bei solchen Ereignissen von seiner besten Seite zu zeigen, ahnt, was man dem jungen Künstler zutraut. Bei seinem Hamburger Debüt-Auftritt trägt er denn auch unter dem weißen Einstecktuch einen Pin der Flagge der Volksrepublik China am Frack.

Das Programm ist Schwerarbeit an den Tasten. Chopins 24 Etüden op. 10 und op. 25 – die Summe der zur damaligen Zeit denkbaren pianistischen Herausforderungen, hineingepackt in einer knappen Stunde. Wu Muye geht sie zunächst in überraschend bedächtigem Tempo an, spielt schön aus, legt aber auch hörbar Wert auf die artistischen Seiten der Stücke. Testet auch mal die Grenzen der Höchstgeschwindigkeit, seine Technik macht Staunen. Sein Chopin chinesischer Lesart setzt häufig auf das Eindeutige, Gegenwärtige, auf die Eruptionen, auch auf Raserei in Höchstform. Sehr klar modelliert – und das geht zu Lasten des Raunenden, Untergründigen. Zarte Erinnerungen, bange Vorahnungen, ausgelotete Seelentiefe gehören da eher nicht dazu. Nun wird das auch nicht eben vom Schimmel-Flügel unterstützt, der einen harten, klaren Direktklang produziert und das warme, golden singende Timbre zarter Gefühle doch vermissen lässt.

Erstaunlich selten benutzt Wu Muye das rechte Pedal in diesem 24 Etüden, er verzichtet hier bewusst auf die Chance zum Nachklingen und eleganten Verwischen, sondern verlässt sich, schwieriger allemal, auf sein ultraperfektes, nahtloses Legato-Spiel. Großer Beifall, aber der Künstler ist keiner, der darin ausgiebig badet. Nach dem ersten gemeisterten Dutzend seht er kurz auf, knappe Verbeugung, und weiter geht die Reise.

Leise Töne haben es generell wohl etwas schwerer in China
Auch im zweiten Teil nach der Pause setzt Wu Muye spielerisch aufs große Virtuosentum, ist aber kein Showman, der das auch optisch zelebriert. Selten bei ihm, dass eine Hand über einem Nachklang schweben bleibt oder dass die Rechte einem schnellen Lauf in höchste Höhen hinterherflattert. Mu Muye Spiel ist Effizienz und harte Arbeit. Und man fragt, sich, was er alles dem Flügel entlocken könnte, wenn er noch häufiger den leisen Tönen, den fragenden Wendungen, Zweifeln und zarten Gefühlen vertrauen würde. Aber leise Töne und Zweifel, die Ahnung drängt sich dann doch auf, haben es derzeit generell wohl etwas schwerer in einem Land, das mit Macht den Weg zum Anschluss zur Weltspitze beschreitet.

Wu Muye beim Schlussapplaus LaeiszhalleDann fasziniert doch eher der pianistische Höllenritt des „Après une lecture de Dante“, bei dem er mit jeder Faser seines Körpers die Schauer und Pein der ewigen Qualen ausmalt. Hier darf auch das rechte Pedal kräftig mitspielen, Wu Muye kostet die technische Raffinessen des Großvirtuosen Liszt genüsslich aus, und das frappierte Publikum muss erstmal kurz durchatmen vorm verdienten Applaus.
Und dann sehnt man sich geradezu nach einem klingenden Pianissimo: In Liszts „Liebestraum Nr. 3“ und in Debussys klarem „Clair de lune“, das übrigens, wie eine der chinesischen Zugaben erkennen ließ, sehr dicht an chinesische Klangvorstellungen herankommt. Im Andante der „grande polonaise brillante“ op. 22 von Chopin passiert es dann doch noch: Bevor sich die ganze Pracht der Polonaise entfaltet, schwebt neben der rechten Hand aus der Linken eine zarte, ein hauchzarte feine Melodie daher, als wäre sie nicht von dieser Welt. Natürlich kann Wu Muye das auch.

Nach dem donnernden Abschluss, in dem der Flügel noch einmal alles gibt und man sich fragt, welche Kraft da gerade auf die Feinmechanik herunterprasselt, zwei chinesische Zugaben, Hommage an sein Heimatland und seine Landsleute im Publikum. Und dann, mit einem Blumengruß dem Solisten überreicht und charmant unperfekt vom Blatt gespielt, Brahms’ Wiegenlied. Standing Ovation – und das Publikum geht nach Hause, noch immer ungläubiges Staunen im Gesicht im Rückblick auf das erlebte Virtuosentum. Soviel Klavier erklingt selten an einem Abend im Kleinen Saal der Laeiszhalle, ganz nahe dem Platz, an dem einst das Geburtshaus von Johannes Brahms gestanden hat.



Abbildungsnachweis:
Header: Wu Muye, 2015. Foto: Shanghai Festival
Wu Muye bei der Probe im Kleinen Saal der Laieszhalle, Hamburg
Wu Muye beim Schlussapplaus

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