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Musik

Eine Idee, ein Experiment: der erste Hamburger Piano-Sommer

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Mittwoch, den 31. August 2016 um 15:28 Uhr
Eine Idee, ein Experiment: der erste Hamburger Piano-Sommer 4.4 out of 5 based on 120 votes.
Hamburger Pianosommer

Vier gestandene Pianisten aus Hamburg, aber aus unterschiedlichen Ecken des Klavier-Repertoires: Klassik, Jazz, Boogie. Vier große Namen, ein edler Saal, dreimal ausverkauft, und zwei große Steinways auf der Bühne. In der Hamburgischen Staatsoper servierten Axel Zwingenberger, Joja Wendt, Sebastian Knauer und Martin Tingvall einen virtuos gemixten Sommer-Cocktail ihrer Tastenkunst. Große Musik, beste Unterhaltung.

Der große Saal der Hamburgischen Staatsoper ist nicht nur bei der Premiere am Montag restlos ausverkauft, sondern auch Dienstag und am Mittwoch – und das gegen Ende der Hamburger Sommerferien. Auf der Vorderbühne schmiegen sich zwei große Steinway-Konzertflügel aneinander. Und zwei Mal 88 Tasten warten auf das, was da gleich über sie hereinbrechen wird.

Die vier Akteure stehen unsichtbar an der Seite. Vier Musiker, von denen jeder mit seinen ureigenen Qualitäten locker einen großen Saal alleine füllen würde. Heute haben sie sich zusammengetan. Eine Idee, ein Experiment: der erste Hamburger Piano-Sommer.

Sebastian Knauer beginnt ganz zart und klassisch, dann lösen sie einander nahtlos ab, die Klassik wendet sich mit Joja Wendt ins Jazzige mit Boogie-Tupfern, Martin Tingvall, der schwedische Hamburger, dreht den Auftakt in verträumte Jazz-Klänge, Boogie-Meister Axel Zwingenberger übernimmt die Tasten für einen Hauch von Blues und Boogie. Ein überraschender und dichter Auftakt für einen Abend, dem auch Entertainer-Qualitäten nicht fehlen.

Joja Wendt, Mitinitiator des Piano-Sommers, stellt seine drei Mitstreiter mit launigen Worten vor. Und dann legt Sebastian Knauer, mit klassischen Konzerten weltweit unterwegs, einen hinreißenden Balance-Akt zwischen Jazz und Klassik hin: Gershwins „Rhapsody in Blue“ in einem großartigen Arrangement, das alle Klangfarben, die Gershwin in den Orchesterpart seines Hits von 1924 Hit komponiert hat, in den Ausdrucksmöglichkeiten des Solo-Pianos konzentriert. Knauer lotet das mit viel Feingefühl aus – ein hinreißender, ein bejubelter Auftakt.

Dann Joja Wendt, der ja nicht nur im Boogie zu Hause ist (was er gleichwohl beweist), mit Musik des wegweisenden Piano-Sonderlings Satie und mit einem Stück von Art Tatum, dem virtuosesten aller Jazz-Pianisten, über den Horowitz sagte: „Gut, dass er keine Klassik spielt, sonst könnten wir alle einpacken.“ Wendt spielt das technisch aberwitzig-perfekt, die Spielpausen inklusive, in denen der Pianist seinen Lohn, das nächste Getränk in der Kneipe, ans Klavier ordern konnte.

Helle Sommersonnentupfer über Ohrwurm-Bässen
Nach der Pause dann der Poetischste der vier Piano-Männer: Martin Tingvall, tief gegründete Jazz-Seele von hohen Graden, mit fein gesponnenen Ideen, verträumt, oft tastend, helle Sommersonnentupfer über komplexen Ohrwurm-Bässen, manchmal eine Melancholie, die direkt aus Schuberts melancholischer Tonsprache zu kommen scheint. Im Publikum kann man in solchen Momenten da die berühmte Stecknadel fallen hören.

Und dann, zunächst mit einem tief empfundenen Blues, dann mit der unaufhaltbaren Urgewalt einer Hochgeschwindigkeits-Dampflok, Axel Zwingenberger, den bis heute weltweit niemand überholt, wenn es um Boogie-Woogie geht. Weder beim Tempo (da ist sein Anschläge-pro-Sekunde-Wert sicher unübertroffen), noch bei seiner gefürchteten Linken, die rollende und grollende Bässe in die Tasten donnert, die bei jedem Boxkampf einen sofortigen K.o. zur Folge hätten. Der große Steinway lässt sich mit Lust fordern und hält durch, auch wenn Zwingenberger in nahezu unendlicher Folge immer neue Variationen des Boogie aus den Tasten zaubert. Das ist große Kunst: Würde man das in Noten vor sich sehen, sähe man: Das ist hochgradig dissonant, oft bitonal, gern setzt er Akkorde ein wie ein Schlagzeug, spielt entfesselt, das Publikum tobt und klatscht im Takt, doch Zwingenberger ist bei weitem ausdauernder. Weltmeisterlicher Applaus und pures Piano-Glück in den Augen der Zuschauer.

Eine neue Konzertidee, die vom Publikum begeistert gefeiert wird
Den Charme des Konzepts „Piano-Sommer“ macht aber nicht allein die Reihung von vier exzeptionellen Klavier-Könnern aus. Es ist mehr: die lockeren Ansagen, der spürbar hohe Respekt, mit dem sie miteinander umgehen und aufeinander eingehen. Die stilistische Bandbreite der Vier, die bei weitem den Reiz von drei Tenören übertrifft. Die Leichtigkeit des Seins, die in ihrem Spiel und ihren Improvisationen erklingt. Und der Witz der Stücke, in denen sie zu zweit, zu dritt oder viert an zwei Tastaturen sitzen und ihr eigenes Können mit dem der anderen verschmelzen – im Miteinander oder im gekonnten Nacheinander, wenn sich einer in die Musik des andern einfädelt und ihr eine neue, überraschende Richtung gibt.

So wie bei Gershwins „Summertime“ aus dem eben in der Staatsoper gespielten „Porgy and Bess“. Das beginnt Axel Zwingenberger mit leichter Hand nach seinem großen Auftritt, dann übernimmt Joja Wendt, Martin Tingvall bringt es zum Aufblühen und Sebastian Knauer formt es dann endgültig zum anrührenden Wiegenlied, mit dem die vier ihr Publikum mit Zwischenstopp am CD-Stand in den späten und kühlen Sommerabend entlassen.

Joja Wendt, seine Mitstreiter und der Hamburger Veranstalter Funke Media GmbH dürfen sich gratulieren: Selten nur geht eine neue Konzertidee so harmonisch auf und wird vom Publikum so einhellig positiv aufgenommen. Die drei ausverkauften Konzerte darf man ruhig als Experiment mit einem so überzeugenden Ergebnis verstehen, das wohl im kommenden Jahr eine Neuauflage haben wird. In diesem Konzept hätte sogar noch ein Überraschungsgast Platz, der noch in ganz andere Ecken des Piano-Repertoires hineinleuchtet.

Abbildungsnachweis:
Haeder: v.l.n.r.: Axel Zwingenberger, Joja Wendt, Sebastian Knauer und Martin Tingvall. (c) Public Address

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