Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 759 Gäste online

Neue Kommentare

Herby Neubacher zu Mahlers Achte: Erlösung nicht wirklich garantiert: Faellt einem ein - nicht schoen aber laut. Es leb...
Marion Sörensen zu Unsere 17. Lange Nacht der Museen in Hamburg: Ich kann der Vorrednerin nur intensiv beipflichte...
Dirk Lübben zu Gezeitenkonzerte – Musik-Festival in Ostfriesland: Sturm und Klang: Ein schöner Artikel, der Lust macht, dieses Fest...
Some dude from north of the river zu „Gimme Danger” – Liebeserklärung an Iggy Pop & The Stooges: Das klingt wunderbar. Den Film werde ich mir ganz...
Lena Baal zu Unsere 17. Lange Nacht der Museen in Hamburg: Super unterhaltsamer, informativer Artikel, in de...

Anzeige

Spezial - Lange Nacht der Museen Hamburg 2017

Spezial - Hamburger Architektur Sommer 2015


Musik

Psycho-Krimis und Lebenslügen

Drucken
(89 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 26. Juni 2015 um 10:02 Uhr
Psycho-Krimis und Lebenslügen 4.3 out of 5 based on 89 votes.
Psycho-Krimis und Lebenslügen

Zwei spannende zeitgenössische Werke mit dem Internationalen Opernstudio: Projektion statt Begegnung. Wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, wird das Gegenüber oft eher als Spiegel der eigenen Sehnsüchte und Defizite wahrgenommen denn als Individuum mit einer eigenen Geschichte.
Davon erzählen auch die beiden Einakter „In the Locked Room“ und „Persona“. Für das Internationale Opernstudio hatte Simone Young immer abwechselnd Barock und Zeitgenössisches auf den Spielplan gesetzt. Nun beschließt sie ihre Intendanz nach Beat Furrers „la bianca notte“ im Großen Haus mit einer weiteren Uraufführung in der Opera stabile: der Kammeroper „Persona“ nach Ingmar Bergman.

Der junge Komponist Michael Langemann wurde hierfür mit einem Auftragswerk betraut. Dazu kombiniert der Doppelabend eine Deutsche Erstaufführung: „In the Locked Room“ nach einer Novelle von Thomas Hardy, komponiert von dem Waliser Huw Watkins, uraufgeführt 2012 in Edinburgh. Alle Mitglieder des Internationalen Opernstudios wirken hier mit; Michael Langemann stellte sich der Herausforderung, gezielt für die jungen Sängerinnen und Sänger zu schreiben.

Watkins versetzte den „verschlossenen Raum“ von Thomas Hardys 1894 erschienener Kurzgeschichte „An imaginative Woman“ ins Heute. Der Plot aber blieb derselbe: Ella, eine Frau von großer Sensibilität, verdorrt in der Ehe mit ihrem pragmatischen Mann, der sich ausschließlich für seine Geschäfte interessiert. Als sich das Paar in einem Ferienhaus am Meer einmietet, ist ein verschlossener Raum für den Schriftsteller Ben Pascoe reserviert, der hier gelegentlich arbeitet. Ella kennt dessen Werke zu gut – und stopft all ihre Gefühle in die herbeigesehnte Begegnung mit dem Dichter. In der Realität begegnen sich Ella und Ben nicht. Doch die Liebe hinterlässt Spuren, die mit dem Tod des Dichters nicht enden.

Dieses Changieren zwischen Wirklichkeit und Fantasie hat auch Regisseurin Petra Müller fasziniert. Die Berliner Regisseurin, die als Spielleiterin an der Hamburgischen Staatsoper zahlreiche Werke betreut, hat bereits mehrere zeitgenössische Opern in Szene gesetzt, zuletzt die beiden „Black Box“-Abende „I am your Opus“ und „Ophelia_HM“. Für Huw Watkins’ „In the Locked Room“ wirft sie aus der heutigen Perspektive einige Rückblicke auf die historische Vorlage von Hardys Short Story: „In der – realen oder erträumten – Begegnung mit dem Dichter steigert sich Ella in seine romantische Aura hinein. Wie ein ‚Mister Darcy’ bietet er ihr eine Flucht aus dem Alltag. Sie sieht einen Seelenverwandten in ihm, aber diese Liebe bleibt in ihrer Imagination.“ Die österreichische Sopranistin Christina Gansch, seit dieser Spielzeit Mitglied des Opernstudios und hier bereits als Gretel und Oscar erfolgreich, übernimmt die empfindsame Ella. Im zweiten Opernstudio-Jahr ist Vincenzo Neri, der dem romantischen Dichter Ben Pascoe Stimme und Statur verleiht und im Großen Haus bereits als Belcore oder Dancaïro nachhaltig auf sich aufmerksam machte. Der amerikanische Tenor Benjamin Popson singt den börsenorientierten Ehemann Stephen. Noch eine zweite Frau ergänzt die spannungsvolle Figurenkonstellation in „In the Locked Room“: die Vermieterin Susan Wheeler, die ein zwielichtiges Spiel mit Ellas Fantasie treibt. Als Gast aus dem Ensemble ist Maria Markina für diese Rolle dabei. Huw Watkins, der in Cambridge Komposition bei Alexander Goehr und Robin Holloway studierte und mittlerweile selbst als Kompositionsprofessor an der Royal Academy of Music in London lehrt, arbeitete für die Adaption von Hardys Novelle bereits zum zweiten Mal mit dem renommierten Schriftsteller David Harsent zusammen. Als „nach innen gewandt und reflektiv, verbunden mit tiefen Emotionen“ beschreibt Watkins seine Oper, die nach der erfolgreichen Uraufführung für einen »Olivier Award« nominiert wurde. Auch bei den BBC Proms, der Wigmore Hall London oder dem Théâtre de la Monnaie Brüssel fanden Watkins’ Werke große Resonanz.

„Persona“, das zweite Stück, „fängt eigentlich da an, wo das erste endet«, sagt Petra Müller: „Thematisch und atmosphärisch haben diese beiden Werke viele Gemeinsamkeiten. Bei ‚In the Locked Room’ interessiert mich das Verhältnis der beiden Frauen zueinander: In den zunehmenden Obsessionen Ellas nimmt die Vermieterin mehr und mehr die Rolle einer Wärterin ein. Diese Situation finden wir in ›Persona‹ noch gesteigert vor: Hier ist es eine Krankenschwester, die über den Fall ihrer Patientin wacht.“ Die junge Krankenschwester Alma betreut die Künstlerin Elisabet Vogler, die plötzlich verstummt ist und sich von der Welt zurückgezogen hat. Im Sommerhaus auf dem Land soll Elisabets Therapie mit Alma beginnen. Doch stattdessen verstrickt sich Alma immer mehr in ihre Beschäftigung mit Elisabet – bis hin zur völligen Preisgabe ihrer eigenen Identität. „Ich könnte mich aber in dich verwandeln. Ich meine, innerlich“, so offenbart die Krankenschwester ihrer Patientin. Beide Frauen, so Susan Sontag in ihrem „Persona“-Essay, tragen Masken: „Elisabets Maske ist ihre Stummheit, Almas Maske ist ihre Gesundheit, ihr Optimismus.“ Und „Persona“ ist tatsächlich die Bezeichnung für die Maske im griechischen Theater. Doch schon C. G. Jung füllte den Begriff mit psychoanalytischem Gehalt auf: „Für Jung ist die ‚Persona’ der Ausschnitt des Ich, der eine Beziehung mit der Umwelt eingeht, ein Schutzmechanismus in sozialen Beziehungen“, sagt Petra Müller. Auch in Bergmans »Persona« wird diese soziale Rolle definiert: Zwischen der braven Krankenschwester, die sich arrangiert hat, und der extravaganten Künstlerin, die aus den Konventionen ausbricht, entsteht ein verhängnisvolles Machtspiel.

Für seinen berühmten Schwarzweiß-Film von 1966 schrieb Ingmar Bergman ein theatralisches Drehbuch, das der Komponist Michael Langemann und die Dramaturgin Kerstin Schüssler-Bach als Libretto eingerichtet haben. Michael Langemann selbst hat sich den Stoff ausgesucht: „Ich war fasziniert von dem ständigen Wechsel zwischen psychoanalytischer Klarheit und surrealen Anteilen, zwischen Direktheit und Chiffriertheit. Außerdem behält Bergman immer das Sinnliche im Auge. Es ist ein überaus kammerspielhafter Stoff, unmittelbar nah an den Figuren. Lyrische Szenen sozusagen, um Tschaikowsky zu zitieren“, sagt der 1983 in Moskau geborene Komponist, der heute in Köln lebt. Studien führten ihn zu Manfred Trojahn, George Benjamin und Tristan Murail. »Persona« ist bereits sein drittes musiktheatralisches Werk: 2013 wurde „Musik“ nach Wedekind auf ein Libretto von Helene Hegemann an der Oper Köln sowie „Orlando“ an der Oper Bielefeld uraufgeführt. 2016 folgt „Anna Toll“ nach Schnitzlers „Anatol“-Zyklus an der Oper Frankfurt. Langemann erhielt bereits zahlreiche Auszeichungen, darunter den Composition Prize der Royal Philharmonic Society und den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen.

„Persona“ ist ein großer Film, aber Michael Langemann will dessen eigenwillige Ideen- und Bilderwelt in eine eigenständige musiktheatralische Metamorphose übersetzen. „Bergman stellt seinem Skript die Aussage voran, dass er kein ‚Drehbuch im herkömmlichen Sinne’ geschaffen habe, sondern ‚eine Melodie’, die er ‚gut instrumentieren’ wolle. Bergman lädt die Fantasie des Zuschauers ein, ‚frei über das hier bereitgestellte Material zu verfügen’, wie er schreibt. Beide Aussagen waren für mich eine spannende Aufforderung, wie man sich dem Stoff, der auch über die Kunstform an sich reflektiert, mit eigenem Zugriff nähern kann“, sagt der junge Komponist.

Der Kenner des Films wird gleich auf eine Schwierigkeit bei der „Veroperung“ stoßen: Bei Bergman ist die Patientin Elisabet Vogler eine Schauspielerin, die ihre Sprache verloren hat – mithin fast während der ganzen Zeit keinen Ton spricht. Für eine Opernfigur wäre das wenig ergiebig. Und so wird aus der Schauspielerin bei Langemann eine Sängerin, die mit Vokalisen, Summen oder Imitationen auf ihre Pflegerin Alma reagieren kann. „Dass Elisabet eine darstellende Künstlerin ist, wirft interessante Fragen nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft auf“, so Michael Langemann. „Bergman macht diese Reflexionen auf eine sehr tiefgehende und umittelbare Weise zugänglich, die sich sicher auch aus seiner autobiografischen Erfahrung nährt.“ Der gegenseitige Identitätswechsel Elisabets und Almas und das übergreifende Rollenspiel steigern sich in ein erbarmungsloses Psychoduell aus Lebenslügen, bei dem am Schluss auch Elisabets Ehemann den Überblick verliert. „Bergman kommt aber allen Figuren mit Empathie entgegen“, meint Langemann. „Das will ich noch verstärken. Alle sind in einer Einsamkeit gefangen, selbst der Arzt, der seine zynischen Analysen aufgibt.“

„Mut zum Melos und zur großen Geste“ will Langemann mit seiner Uraufführung beweisen: „Es wird eine theatrale Musik, in der der Gesang viel Raum hat. Das Orchester repräsentiert stilisierte Atmosphären, die in Bergmans Film sehr wichtig sind: Dort gibt es raffinierte akustische Überblendungen, die mehr über den Zustand einer Figur aussagen als bloße Illustration.“ Dirigent Daniel Carter wird sich mit dieser Produktion von der Staatsoper verabschieden. Als Assistent von Simone Young dirigierte der Australier hier auch „Die Zauberflöte“ und „Il Barbiere di Siviglia“. Zwei Mitglieder des Opernstudios werden noch ein zweites Jahr in Hamburg anschließen: der russische Bass Stanislav Sergeev, der den Arzt singt, und der australische Tenor Daniel Todd, hier als Herr Vogler eingesetzt. Der Showdown der beiden Frauen wird in besten Kehlen sein: Anat Edri, Sopranistin aus Israel, die hier als Papagena oder Rossinis Clorinda zu sehen war, singt die geheimnisvolle Elisabet. Und Alma, deren Abgründe erst langsam aufbrechen, wird von der Österreicherin Ida Aldrian gesungen, die jüngst in „Wien: Heldenplatz“, als Dorabella und letzte Spielzeit als Orontea begeisterte. „Eine große Chance, für so herausragend talentierte junge Sänger zu schreiben“, freut sich Michael Langemann.

Huw Watkins / Michael Langemann: In the Locked Room / Persona
Inszenierung: Petra Müller
Bühnenbild: Heinrich Tröger von Allwörden
Kostüme: Erika Eilmes
Sa, 4.07.2015 18:00 Uhr
Mo, 6.07.2015 19:30 - 22:00 Uhr
Di, 7.07.2015 19:30 - 22:00 Uhr
Do, 9.07.2015 19:30 - 22:00 Uhr
Fr, 10.07.2015 19:30 - 22:00 Uhr
So, 12.07.2015 19:30 - 22:00 Uhr
Ort: Opera stabile, Kleine Theaterstraße, 20354 Hamburg
Preise: 12,- bis 18,- € (Stabile)
Weitere Informationen


Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper. Frau Dr. Kerstin Schüssler-Bach arbeitet dort als Leitende Dramaturgin und schrieb diesen Beitrag für das Journal Nr. 5 2014/2015.


Abbildungsnachweis:
Header: "In the Locked Room". Fotodesign: Jörn Kipping
Galerie:
01. "In the Locked Room". Fotodesign: Jörn Kipping
02. Huw Watkins
03. Michael Langemann

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Musik > Psycho-Krimis und Lebenslügen

Mehr auf KulturPort.De

Daniel Behle: Hamburger Jung und Ausnahme-Tenor
 Daniel Behle: Hamburger Jung und Ausnahme-Tenor



In der Elbphilharmonie singt er den Loge im „Rheingold“, in Bayreuth den David in „Die Meistersinger von Nürnberg“. Gerade hat er ei [ ... ]



Kopf-Hörer 15: Bach
 Kopf-Hörer 15: Bach



Neues vom Planeten Bach: Dass sein Wohltemperiertes Klavier dereinst auf einem Akkordeon gespielt würde, und dann noch so grandios, wie Mie Miki das tut – [ ... ]



Sybille Homann – Glasdesign aus Hamburg St. Pauli
 Sybille Homann – Glasdesign aus Hamburg St. Pauli



„An die Flasche geraten und hängengeblieben“ – so fasst Sybille Homann ihre Biografie zusammen und meint es damit durchaus ernst. Die gebürti [ ... ]



„Nocturama”. Wenn Anarchie zu unwiderstehlicher Ästhetik mutiert
 „Nocturama”. Wenn Anarchie zu unwiderstehlicher Ästhetik mutiert



Bertrand Bonellos Leinwand-Epos „Nocturama” ist überwältigend schön und zutiefst verstörend. Die Reaktion bei Kritikern wie Publi [ ... ]



Endless: Lost Lake
 Endless: Lost Lake



Die französischen Musiker David Haudrechy (Saxophon) und Grégoire Aguilar (Piano) gehen mit ihrem neuen Album „Lost Lake“ auf eine kontemplative Re [ ... ]



Hamburger Kammeroper glänzt mit zwei Wahnsinnsopern
 Hamburger Kammeroper glänzt mit zwei Wahnsinnsopern



Zwei verrückte Menschen am Rand des Abgrunds. Unrettbar verloren die eine, sicher aufgefangen in einer reißfesten Liebe der andere. Zwei Einakter von  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.