Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 991 Gäste online

Neue Kommentare

C.Müller zu Roots – Katja und Marielle Labèque zum Schleswig-Holstein Musik Festival in der Laeiszhalle: Erhalt des Kultursommers auf der Trabrennbahn Bah...
Marlies Lampert zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo liebe Hüsungianer,
ich bin ca. 1999...

SingulART zu Kunstmuseum Wolfsburg: This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain: Grossartige Ausstellung war das! Wir haben unsere...
tommy zu Ensemble Resonanz zu Gast bei NEW HAMBURG: gute sache, dass sie mal aus ihrem bunker rauskom...
Lena Baal zu Zum Tode von Peter Härtling: Peter Härtling war nicht nur ein großartiger Sc...

Anzeige

Lange Nacht der Museen Hamburg 2017

Hamburger Architektur Sommer 2015


Literatur

Umberto Eco: Dichter, Denker und Philosoph. „Ex caelis oblatus“ – Ein Geschenk des Himmels

Drucken
(171 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 22. Februar 2016 um 13:59 Uhr
Umberto Eco: Dichter, Denker und Philosoph. „Ex caelis oblatus“ – Ein Geschenk des Himmels 4.6 out of 5 based on 171 votes.
Umberto Eco, 2011 Buchmesse Frankfurt, Heike Huslage-Koch

Ein norditalienischer Schriftsteller und Sprachwissenschaftler, Bestseller- und Kinderbuchautor, Verfasser der in Deutschland als „Streichholzbriefe“ bekannten Zeitschriftenkolumnen, von Berufs wegen Semiotiker, Literaturkritiker, Universitätsprofessor, Medienjongleur, -wissenschaftler und -theoretiker, aus der katholischen Kirche ausgetretener, mehrfach erklärter Berlusconi-Gegner, vor allem aber ein großer Kopf: Ein wahrhaft weltoffener, europäischer, (selbst-) kritisch- und querdenkender, leidenschaftlich engagierter Intellektueller, das war Umberto Eco (1932-2016).

Ihm verdankt die Wissenschaft nicht nur eine bahnbrechende „Einführung in die Semiotik“ von 1975 – zuvor wusste kaum jemand, dass es eine Zeichenlehre überhaupt gibt – und die kulturell-akademische Aufwertung von massentauglichen Serienhelden wie James Bond, sondern auch subtil ironische, dabei (oder dadurch?) hilfreiche und durchweg unterhaltsame Bücher, z.B. wie man eine akademische Abschlussarbeit zu verfassen hat, sowie Begriffe wie „das offene Kunstwerk“, „die Intention des Lesers“ oder „die Grenzen der Interpretation“.
Schon einmal gehört?

Auf jeden Fall schrieb Eco mit seinem Mittelalter-Krimi „Il nome della rosa“ (dt. „Der Name der Rose“, 1982) im Jahr 1980 nicht nur die Vorlage für Jean-Jacques Annauds bekannte gleichnamige Verfilmung (1986) mit Sean Connery in der Hauptrolle des fiktiven „William von Baskerville“, sondern auch Kulturgeschichte: Der intertextuell und multilingual verschachtelte sowie mit zahlreichen literarischen und historischen Referenzen gespickte Roman gilt als ein Paradebeispiel für den Beginn der literarischen Postmoderne.

Eingerahmt ist dieses Werk, das Eco den internationalen Durchbruch bescherte, von einer Reihe anderer Bücher über Fernsehquiz-Sendungen (1961), unterforderte Verleger („Das Pendel von Foucault“, 1988), einen Ritter namens „Baudolino“ (2000), einen alten Buchhändler (2005) oder über den „Friedhof in Prag“ (2010). Darunter befinden sich auch Abhandlungen über die Kulturgeschichte des Schönen (2004) und des Hässlichen (2007) oder sein letztes Werk, die Mediensatire „Nullnummer“ (2015), die dem Leser gesellschaftliche Zustände wie die Korruption in Italien sowie das zähe Erbe des Faschismus bewusst macht.

Der Mitbegründer diverser Zeitschriften sowie der neoavantgardistischen Künstler- und Intellektuellengruppe „Gruppo 63“ – eine italienische Entsprechung zu der deutschen „Gruppe 47“ –, Sympathisant der Sprache Esperanto, langjähriger Verlagslektor, Fernsehmitarbeiter und lachender Berufsskeptiker, fühlte sich von den Schriftstellern James Joyce und Jorge Luis Borges maßgeblich beeinflusst.

Die englische Sprache, sagte der Piemonteser öfter, habe er vor allem am Beispiel amerikanischer Comics und durch seine Lektüre der Werke von James Joyce („Ulysses“) gelernt. Damit fing er früh an: Während seines Studiums der Philosophie und Literatur des Mittelalters an der Universität Turin improvisierte der junge Student aus Begeisterung über das z.T. ausgefallene Vokabular des irischen Romanciers ein mehrstimmiges und mehrsprachiges Radio-Experiment mit verschiedenen Sprechern und Sprachen. Das avantgardistische Sendeformat arbeitete u.a. mit elektronisch verfremdeter Sprache, um Joyce’ literarische Strukturierung des berühmten Sirenen-Kapitels nach dem musikalischen Prinzip einer Fuge an den Zuhörer zu bringen. Liebhaber hierfür fanden sich in den frühen 1950-er Jahren freilich eher nicht in Ecos italienischer Heimat, sondern nur im damals künstlerisch wohl aufgeschlosseneren Belgien, denn nur dort wurde es je gesendet. Später hatte Eco dann reichlich Gelegenheit, sein Englisch als Gastprofessor in den USA, etwa an den Universitäten Columbia, Harvard, Bloomington oder New York University, aufzupolieren.

Nach dem Medienrummel um sein folgenträchtigstes Hauptwerk „Der Name der Rose“, das in Deutschland den u.a. im Italienschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 1988 erkennbar gewordenen sogenannten „Eco-Effekt“ auslöste, rief der kosmopolitische Allrounder Eco just in dem Jahr an der Universität Bologna ein weiteres ungewöhnliches transkulturelles Kulturprogramm über die „Anthropologie des Westens“ aus der Sicht von Nicht-Westlern ins Leben. In einem kollaborativen Rahmen veranstaltete das intellektuelle Multitalent einen Konferenzzyklus, der an diversen Orten in China, Mali, Europa und Indien ausgetragen wurde, um den Ost-West-Dialog sowie die internationale Verständigung auf breiter akademischer Ebene netzwerkartig zu fördern.

Vergangenen Freitagabend verstarb dieser vielseitige, widerständige Mann, der 1962 die deutsche Illustratorin, u.a. als Lehrerin an der Deutschen Schule in Mailand sowie als Kunst- und Museumsdidaktikerin tätige Renate Ramge geheiratet und einen Sohn und eine Tochter mit ihr hatte, an einer Krebserkrankung in seiner Wohnung in Italien im Alter von 84 Jahren. Sein kritischer, rebellischer und nachdenklicher Humor, seine ironische Skepsis und sein Sinn für geistreich doppelbödige Unterhaltung auf höchstem Niveau werden in der italienischen, europäischen und internationalen Kulturszene fehlen. Wer wird nun für „Freiheit und Gerechtigkeit“ („Libertà e giustizia“) – so der Name einer Oppositionsgruppe, die Eco 2002 in spielerisch-paradoxaler Namensverkehrung der historischen, gegen Mussolini kämpfenden Partisanen-Gruppierung „Giustizia e libertà“ mit Freunden und Gleichgesinnten im Berlusconi-bedrohten Italien gründete – ebenso vehement, gekonnt und überzeugend wie der Träger von weltweit 39 Ehrendoktorwürden streiten: „Ecco: Eco!“?

Hoffen wir auf weitere Geschenke des Himmels: Der Nachname „Eco“ bedeutet auf Deutsch wohlgemerkt nicht nur „Echo“, sondern soll sich als Akronym vom lateinischen Ausdruck „ex caelis oblatus“ – wörtlich ein „Geschenk aus den Himmeln“ – ableiten. Ein städtischer Beamter verlieh ihn Ecos Großvater, der ein Findelkind gewesen sein soll. Wenn das nicht erfunden ist, so ist es allemal hervorragend ausgedacht oder einfach nur: ein Glücksfall der Geschichte.

Abbildungsnachweis:

Header: Umberto Eco auf der Frankfurter Buchmesse, 2011. Foto Heike Huslage-Koch

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

avatar Mieke Bal
+4
 
 
What a lovely tribute! Yes, I have known Umberto personally and loved the man and his work. The combination of profound theorizing with political mischief is irresistible. There is a beautiful documentary about him by Teri When-Damisch.
Mieke
Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
Abbrechen
Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Literatur > Umberto Eco: Dichter, Denker und Philosoph. ...

Mehr auf KulturPort.De

200 Jahre Kunstverein in Hamburg
 200 Jahre Kunstverein in Hamburg



„Just what is it that makes today’s Kunstverein so different? So appealing?” Nach Charity Auktion (14.9.) und Festakt im Rathaus (22.9.) klingen mit einer  [ ... ]



Fassadendemokratie und tiefer Staat. Das marktgetreue Grinsen
 Fassadendemokratie und tiefer Staat. Das marktgetreue Grinsen



Was denn? Das Volk sei unfähig, Politisches zu durchschauen oder gar mitzuregieren? Liest man dies im Buch „Fassadendemokratie“, dann ist man bass erstaunt, [ ... ]



„Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik
 „Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik



Er inspirierte Künstler wie Andy Warhol, Robert Mapplethorpe und die Village People, seine markanten erotischen Zeichnungen veränderten radikal das Selbstverst [ ... ]



Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem
 Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem



Gerade war sie noch beim Schleswig-Holstein-Musikfestival zu hören und debütierte – nun kommt zeitnah dazu ihr Debütalbum auf dem Markt. Gemeinsam mit Piani [ ... ]



Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel
 Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel



Es ist dunkel in der Hamburger Gralsburg, als Achim Freyer mit seiner „Parsifal“-Interpretation den Start in die neue Saison der Staatsoper zelebriert. Der 8 [ ... ]



Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage
 Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage



Wie kann ein Künstler heute ungebunden und frei arbeiten? Ungebunden ist durchaus möglich – frei arbeiten stößt aus unterschiedlichen Gründen an Grenzen.  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.