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Antony Gormley: Horizon Field Hamburg

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Mittwoch, den 16. Mai 2012 um 10:45 Uhr
Antony Gormley: Horizon Field Hamburg 4.6 out of 5 based on 97 votes.
Antony Gormley / Horizon Field / Deichtorhalle

Schlange stehen vor einer leeren Ausstellungshalle und dann noch beim Betreten die Schuhe ausziehen – so etwas hat Hamburg bislang noch nicht erlebt.
Doch in der Tat: Der Andrang ist groß. Jeder will Antony Gormleys „Horizon Field“ sehen: Die schwarz-spiegelnde Ebene knapp acht Meter über dem Boden der großen Deichtorhalle verspricht eine ganz ungewöhnliche Art der Selbsterfahrung.

„Es gibt Dinge, die können nicht artikuliert werden“, hat Antony Gormley einmal über seine Kunst gesagt. „Dinge, die sich dem Diskurs entziehen. Für die es einfach keinen präzisen Ausdruck gibt. Ich möchte dort anfangen, wo die Sprache endet.“ Wenn man acht Meter über dem Boden der Deichtorhalle auf seinem horizontalen Feld herumläuft, allein oder vielleicht auch mit vielen anderen Besuchern, kommen einem diese Worte in den Sinn. Natürlich meint der britische Künstler nicht die materielle Beschaffenheit seines Gesamtkunstwerks aus Technik und menschlicher Partizipation. Die lässt sich sehr gut in Worte fassen: Die schwebende Plattform war eine technische Herausforderung, wie sie die Deichtorhallen noch nicht erlebt haben. Zwei Jahre lang arbeiteten der Künstler und sein Team mit Hamburger Ingenieuren und Architekten daran, sie zu meistern. Gormley wollte eine möglichst dünne Tragfläche an sehr starken Drahtseilen schaffen – die aber möglichst unsichtbar sein sollen. Die hochglänzende Oberfläche, die bis zu 100 Personen gleichzeitig betreten dürfen, musste unzerkratzbar sein, um über die gesamte Zeit der Präsentation ihre Illusionskraft zu behalten. „Einerseits soll Horizon Field so filigran wie ein Musikinstrument sein und einem das Gefühl von Schwanken und Grenzenlosigkeit vermitteln, anderseits soll es mit deutschen Baunormen und Sicherheitsvorkehrungen vereinbar sein“, erläutert Deichtorhallen-Chef Dirk Luckow den Spagat, den das Team hier zu bewältigen hatte und scheint sich immer noch darüber zu wundern, dass es überhaupt geklappt hat. Immerhin hängt hier eine 1.200 Quadratmeter große Stahlkonstruktion von über 70 Tonnen Gewicht in der Luft.

Die Plattform, die hier in einem beispiellosen Kraftakt installiert wurde, ist nur das Instrument für das anthropologische Experiment, das hier von statten geht. Die überraschenden Erfahrungen, die man hier vielleicht macht. Die merkwürdigen Gefühle, die in einem aufsteigen, sobald man die vibrierende Ebene betritt und für die man noch keine rechten Worte hat. Man steht mit beiden Beinen auf einer Fläche und hat doch den Boden unter den Füßen verloren. Die Schwingungen und Schwankungen, ausgelöst durch Springen, Laufen oder den Gleichschritt einer Gruppe, erzeugen leichten Schwindel und eine fundamentale Verunsicherung: Ein Balanceakt – mit einem Mal existiert nur Körper und Raum. Unversehens wird man sich der Abhängigkeit von seinen Mitmenschen und ihrem Handeln bewusst. Gleichzeitig erscheint die Welt unendlich weit entrückt. Für Gormley, der drei Jahre lang in Indien und Sri Lanka lebte und dort die Technik der Vipassana-Meditation erlernte, ist Horizon Field auch ein meditativer Ort, wie er sagt.

Je mehr er sich mit der Halle befasst hätte, umso mehr hätte sie ihn inspiriert, erzählt der 61-jährige Künstler. Die Form des Feldes hätte sich gleichsam aus einer zwingenden Logik heraus ergeben, die Halle selbst sei „die Mutter der Erfindung“: Keine Schnörkel, keine überflüssigen Elemente, alles nur Funktion, die ursprünglich dazu diente, hier Lebensmittel und Blumen zu verkaufen. Horizon Field soll zu dieser ursprünglichen Bestimmung zurückführen. Zu einem Ort der Begegnungen im Sinne des antiken Marktplatzes, der griechischen Agora. Zu einem Ort, an dem sich die Kraft der Kunst entfaltet und nicht die des Kunstmarktes. Zu einem Ort, an dem man sich selbst wieder zu spüren lernt.

Horizon Field Hamburg ist noch bis zum 16. September in den Deichtorhallen zu erleben. Deichtorstraße 1-2, 20095 Hamburg.
Alle Infos unter www.deichtorhallen.de
Der Eintritt ist frei.

Fotonachweis:
Header: HORIZON FIELD HAMBURG. Foto: Viviane von Veltheim
Galerie:
01. Antony Gormley auf dem HORIZON FIELD HAMBURG, 2012 Antony Gormley HORIZON FIELD HAMBURG, 2012 Steel 355, steel spiral strand cables, stainless steel mesh (safety net), wood floor, screws & PU resin for top surface coating. 206 x 2490 x 4890cm, 60000 Kg Installation view Deichtorhallen Hamburg Photograph by Henning Rogge
02. HORIZON FIELD HAMBURG, 2012 Steel 355, steel spiral strand cables, stainless steel mesh (safety net), wood floor, screws & PU resin for top surface coating. 206 x 2490 x 4890cm, 60000 Kg Installation view Deichtorhallen Hamburg Photograph by Henning Rogge
03. HORIZON FIELD HAMBURG, 2012 Steel 355, steel spiral strand cables, stainless steel mesh (safety net), wood floor, screws & PU resin for top surface coating. 206 x 2490 x 4890cm, 60000 Kg Installation view Deichtorhallen Hamburg Photograph by Helmut Kunde
04. Preview mit Antony Gomley. Foto: Viviane von Veltheim
05. Meditation mir Antony Gormley auf HORIZON FIELD HAMBURG. Foto: Viviane von Veltheim

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