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Kultur und Management

Galeristin Silke Thomas: „Wir sehen schwierigen Zeiten entgegen!“

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Mittwoch, den 09. November 2016 um 13:03 Uhr
Galeristin Silke Thomas: „Wir sehen schwierigen Zeiten entgegen!“ 4.1 out of 5 based on 60 votes.
Galerien in Deutschland – Wir sehen schwierigen Zeiten entgegen!, Silke Thomas, München

München, Kunstareal, beste Lage in Schwabing, gleich gegenüber liegt das Museum Brandhorst. Wer die Räume der Galerie Thomas betritt, ist beeindruckt. Nolde, Chagall oder Schlemmer – Silke Thomas und ihr Vater Raimund sind auf deutschen Expressionismus spezialisiert.

Doch zuerst sticht die neueste Ausstellung des Ablegers „Thomas Modern“ ins Auge: Flirrend und voller Energie strahlt die Neon-Kunst von Peter Halley von den Wänden. Und diese Energie scheint auch von Galeristin Silke Thomas auszugehen. Mit klaren und schnörkellosen Worten beschreibt sie die Lage des deutschen Kunsthandels. Wenn es allerdings um die neuesten Reglementierungen für den deutschen Markt geht merkt man, dass es in ihr brodelt.

Carola Hug (CH): Frau Thomas, Ihre Kunden kommen aus der ganzen Welt. Auf welche Schwierigkeiten treffen Sie als deutsche Galeristin im internationalen Handel?

Silke Thomas (ST): Uns wird in Deutschland das Leben durch die Politik extrem schwer gemacht. Das betrifft sowohl die steuerliche Behandlung als auch das neue Kulturgutschutzgesetz.

CH: Von welchen Regelungen werden Sie und Ihre Kollegen besonders hart getroffen?

ST: Ganz vorne steht die Erhöhung der Mehrwertsteuer vor zwei Jahren auf 19 %. Vorher hatten wir den verminderten Satz von 7%. Das schlägt natürlich gravierend zu Buche, da es sich direkt auf die Preise auswirkt. Der Kunde wird also automatisch benachteiligt, wenn er in Deutschland kauft. Versuchen Sie, das einem Amerikaner zu erklären, der in Europa ein Haus hat. Der sagt doch „Ihr spinnt! Da kaufe ich woanders, weil ihr so teuer seid!“ Gerade in unserem Bereich geht es schon mal in den sechs- und siebenstelligen Bereich, da schlägt die erhöhte Mehrwertsteuer ganz schön zu Buche.

CH: Inwiefern betrifft Sie als Galeristin die Künstlersozialversicherung und das Folgerecht?

ST: Wir müssen die 5,2 % der Honorare oder Einkaufspreise beim direkten Kauf vom Künstler auch für internationale Künstler an die KSK abführen. Nehmen wir zum Beispiel den Künstler Peter Halley, den wir im Moment in der Galerie Thomas Modern ausstellen. Er ist Amerikaner, aber ich muss auch für ihn in die Künstlersozialkasse zahlen. Allerdings wird er nie etwas davon haben. Eine Galerie in der Schweiz oder in Amerika spart sich das natürlich. Die deutschen Galerien sind hier klar benachteiligt und haben somit einen erhöhten Einkaufspreis.
Das gleiche haben wir beim sogenannten Folgerecht. Der Künstler bzw. seine Familie haben bis 70 Jahre nach dem Tod das Recht auf eine prozentuale Beteiligung beim Verkauf eines Werkes. Auch wenn es mit Verlust verkauft wird! Ein Beispiel: Ich kaufe etwas für 100.000 Euro und greife dabei daneben. Nach ein paar Jahren verkaufe ich das Bild dann für 50.000 Euro. Dennoch muss ich die Nachfahren laut Folgerecht an den 50.000 Euro beteiligen. Mein Verlust ist also noch größer! Das ist – gelinde gesagt – absurd!

CH: Seit dem Sommer haben wir ein neues Kulturgutschutzgesetz. Es soll u.a. für Deutschland wichtige Kunstwerke vor dem Verkauf ins Ausland schützen. Die Folge: Es herrscht Verunsicherung und namhafter Künstler und Kunsthändler protestieren. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?

ST: Das Kulturgutschutzgesetz ist vielschichtig und behandelt Einfuhr und Ausfuhr von Kunstwerken, die Unterschutzstellung als nationales Kulturgut und will den illegalen Handel unterbinden. Es regelt zudem auch die Sorgfaltspflichten des Kunsthandels.
Es bringt uns Galeristen aber in eine schwierige rechtliche Situation. Im Bereich des Deutschen Expressionismus haben wir natürlich eine erhöhte Sorgfaltspflicht, da es sich um Kunst vor 1945 mit einer eventuell problematischen Provenienz handelt.
Wir als privates Wirtschaftsunternehmen sollen hier aber etwas leisten, was nicht einmal Museen leisten müssen. Aber die Werkzeuge dazu haben wir nicht in ausreichendem Umfang. Wir müssen theoretisch endlos auf eigene Kosten recherchieren und können im Zweifel den Verkauf nicht durchführen. Die existierenden Datenbanken sind unvollständig, ungenau und keine große Hilfe. Das behindert uns im Moment extrem.
Darüber hinaus wurde auch der EU-Binnenmarkt eingeschränkt. Wir brauchen zusätzliche Ausfuhrgenehmigungen. Das ist nicht nur eine weitere finanzielle Belastung, es kostet uns zusätzlich Zeit. Stellen Sie sich vor: Ein Kunde aus Übersee reist nach Paris und möchte ein bestimmtes Bild sehen. Früher habe ich das Bild eingepackt und bin hingeflogen. Der Sammler konnte sich das in Ruhe anschauen und dann entscheiden. Jetzt brauche ich erst alle Genehmigungen. Das dauert manchmal 10 Tage und dann kann ich es erst nach Paris schicken Bis dahin ist der Kunde schon wieder zuhause.
Dem Kulturgutschutzgesetz haben wir es leider zu verdanken, dass viel Kunst aus Deutschland gebracht wurde – vieles davon vor Inkrafttreten des Gesetzes. Ein riesiger Verlust – nicht nur für Händler, sondern für alle Kunstliebhaber. Sie werden diese Kunstwerke hier vielleicht nie zu Gesicht bekommen, weil sie weit weg im Ausland sind. Man möchte als Galerist ja auch dem allgemeinen Publikum attraktive Ausstellungen bieten und herausragende Werke zeigen, und nicht nur verkaufen! Ich verstehe den Kunsthandel auch als kulturellen Beitrag zu unserer Gesellschaft, so wie es seiner Tradition gerade in Deutschland entspricht. Und hier wird es mir durch die Politik heute unendlich schwer gemacht.

CH: Ist es im Ausland so viel leichter?

ST: Nehmen wir als Beispiel Amerika. Die Handelsmöglichkeiten sind dort weitaus freier für die Galerien. Die Amerikaner kennen solche Abgaben und Gesetze nicht. Und sogar im europäischen Ausland gibt es Regelungen, die wesentlich freundlicher für den Kunsthandel sind. Italien ist da allerdings eine negative Ausnahme – und dort ist der Kunsthandel ziemlich tot.

CH: Welche Folgen hat das für Galerien in Deutschland?

ST: Es wurden hier den Galerien so viele Steine in den Weg gelegt, dass manche Kollegen dabei sind, sich in anderen Ländern aufzustellen – weg von Deutschland. Wir sehen schwierigen Zeiten entgegen.
Wir haben in allen Branchen eine Globalisierungstendenz. Das betrifft natürlich nicht nur den Kunstmarkt. Die großen, global aufgestellten Händler verdrängen hier die kleineren, die das besonders zu spüren bekommen. Wenn dann vom Gesetzgeber noch solche Hürden aufgebaut werden, schränkt das die Marktfähigkeit enorm ein.

Weitere Informationen zur Galerie
Galerie Thomas
Galerie Thomas Modern



Abbildungsnachweis:
Headerfoto von Silke Thomas: Robert Haas

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