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„EcoFavela Lampedusa Nord“. Mehr als ein temporärer Aktionsraum auf Kampnagel

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Montag, den 16. Februar 2015 um 11:46 Uhr
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„EcoFavela Lampedusa Nord“. Mehr als ein temporärer Aktionsraum auf Kampnagel

Hamburgs derzeit aufregendstes Kunstprojekt steht auf Kampnagel: Die „EcoFavela Lampedusa Nord“. Ein Besuch bei den Flüchtlingen, die in dem „temporären Aktionsraum“ ihr Refugium gefunden haben.

„Come in, please!“ Lächelnd schiebt Ali Mosess den Vorhang beiseite und gibt den Blick frei auf einen langgestreckten Begegnungsraum mit großem Tisch und zwei Bänken. Er ist leer an diesem nasskalten Januartag. Später werden noch Künstler und ein paar „Lampedusas“ eintreffen, um hier die nächsten Aktivitäten zu besprechen und gemeinsam zu kochen. Von dem dielenartigen Raum gehen eine kleine Küche, sowie eine Reihe winziger Rückzugs- und Arbeitsräume ab.
In einem von ihnen hat der freundliche junge Ghanaer eine alte Nähmaschine aufgestellt, die ihm Moka Farkas, Mitglied der Künstlergruppe Baltic Raw, geschenkt hat. Baltic Raw zeichnet verantwortlich für das 100 Quadratmeter große, der Roten Flora nachempfundene Holzhaus, das für das Kampnagel-Sommerfestival 2014 entworfen und danach zum „temporären Aktionsraum für 24-Stunden-Performance“ umgebaut wurde.

Der Bauantrag ging problemlos durch, Baltic Raw besitzt mittlerweile internationales Renommee. Seit mehr als 12 Jahren entwickelt das Kollektiv im öffentlichen Raum Installationen auf Zeit an der Schnittstelle von Architektur und Skulptur. Erst kürzlich gab es vom Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung eine Auszeichnung „für besonders nachhaltiges Handeln“.

Die „EcoFavela Lampedusa Nord“ ist das Paradebeispiel: Ein weitgehend autark funktionierender Bau mit Regenwasseranlage zum Duschen und Trockenkompostiertoilette. „Nur der Strom muss angezapft werden“, sagt Moka Farcas, doch im Prinzip könne man „auch ein kleines Windkraftwerk aufstellen“.

Mittlerweile sind Mohamed und Patrick, eingetroffen. Auch sie stehen sehr freundlich Rede und Antwort. Seit die EcoFavela Anfang Dezember den Betrieb aufnahm, geht es an diesem Ort vor allem um Begegnungen: Nachbarn kommen vorbei, Kampnagel-Besucher, Menschen, die helfen wollen oder einfach nur neugierig sind. Für Außenstehende mutet es wahrscheinlich merkwürdig an, dass ausgerechnet sechs „Lampedusa-Flüchtlinge“ nun Teil einer „Sozialen Skulptur“ sind, die Baltic Raw hier geschaffen hat. Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard gibt zu, dass die Flüchtlinge auch gar nicht so genau wissen, was an diesem Projekt „nun Kunst sein soll“. Dabei biete der Raum „neue Verbindungen, soziale Netze und einen Austausch mit Künstlern, der an anderen Orten so nicht stattfinden würden“. Die Strafanzeige der „AfD“ (Alternative für Deutschland) wegen „Verdachts der Beihilfe zu Ausländerstraftaten sowie des Verdachts der Untreue", nimmt die Intendantin deshalb auch gelassen zur Kenntnis. Grund zur Besorgnis sei vielmehr, „dass die sozialdemokratische Regierung in Hamburg das Flüchtlingsproblem komplett ignoriert“.

Wohl wahr. Seit knapp zwei Jahren sind die Lampedusa-Flüchtlinge in der Hansestadt. Rund 350 Menschen, die offiziell gar nicht existieren, in Containern schlafen, in leerstehenden Häusern oder schutzlos auf der Straße. Und alles, weil die EU in Sachen Flüchtlingspolitik keineswegs so einig ist, wie sie es vorgibt zu sein. Ali Mosess hat vier Monate im Infozelt am Hauptbahnhof übernachtet, Mohamed „unter ein paar Pappen“ im Park, Patrick „auf der Reeperbahn“. Doch sie haben in der Stadt viele private Unterstützer und sind bereit für ihre Rechte zu kämpfen. „In Italien haben wir Dokumente bekommen, die uns erlauben in ganz Europa zu reisen“, betont Patrick, Maschinenbauingenieur und „Lampedusa-Aktivist“. „Wir haben Visa für drei oder für fünf Jahre. Doch nun verlangen die Deutschen, dass wir die langjährigen italienischen Visa gegen deutsche Dreimonatsvisa tauschen, mit denen man nicht einmal reisen darf. Das ist für uns inakzeptabel!“

Wie Ali Mosess, Mohamed und die meisten anderen „Lampedusas“ lebte auch Patrick bis 2011 in Libyen. Gaddafi hatte in den vergangenen Jahrzehnten massenweise schwarzafrikanische Gastarbeiter ins Land geholt. Es gab feste Jobs, Wohnungen und genug Geld, auch noch die Familien in den Heimatländern zu unterstützen.

Ali Mosess kam mit 18 Jahren nach Tripolis. „Mein Vater war reich, ich hatte eine gute Kindheit in Ghana“, erzählt der gelernte Schneider auf Englisch. Doch als der Vater starb, beanspruchten sein Onkel und dessen Söhne das Erbe. „Meine Cousins kamen mit großen Messern und Gewehren. Sie wollten mich töten. Ich bin weggelaufen und habe ihnen alles überlassen“. Über Bukina Faso und Nigeria schlug sich der Teenager durch. In Libyen fand er 2001 in einer Ölkompagnie einen Job als Koch und blieb im Land – bis der von der Nato gepuschte Bürgerkrieg 2011 seine Existenz je zerstörte. Die Rebellen propagierten damals, alle Schwarzafrikaner seien „Gaddafis bezahlte Schergen“ und begannen eine beispiellose Menschenjagd. „Dunkelhäutige wurden durch Tripolis gehetzt und abgeknallt wie Tiere“.

Ali Mosess erzählt, dass sein Freund neben ihm, auf offener Straße, erschossen wurde. „Ich kann nicht alles erzählen, was ich gesehen habe“, sagt er und stockt, „es ist einfach zu schrecklich“. Das findet auch Mohamed, der 2009 aus Bukina Faso nach Tripolis kam. „Ich habe in Libyen alles gehabt und nie irgendein Problem mit irgendjemandem“, erzählt der Bauarbeiter auf Französisch. „Gewalt kannte ich nur aus dem Fernsehen. Dann kam der Bürgerkrieg und ich habe Sachen erlebt, die ich mir vorher nicht vorstellen konnte“.

In dieser hoffnungslosen Lage forderte Gaddafi schließlich selbst die Schwarzafrikaner auf, das Land zu verlassen. Das Militär sammelte alle Gastarbeiter ein und verfrachtete sie auf Boote. „Ich wollte gar nicht nach Europa, aber man ließ uns keine Wahl“, sagt Ali Mosess, der mit 700 Leuten an Bord ging. „Wir waren über eine Woche auf dem Meer, ohne Wasser und Brot. Elf Frauen und Kinder starben. Einige wurden verrückt und sprangen über Bord. Aber ich wusste, was mich erwartete. Meine Freunde haben mir gesagt: Entweder du stirbst auf dem Meer oder du rettest Dein Leben“. Als ein NATO-Flugzeug das Boot entdeckte und die Italiener alarmierte, wusste Ali Mosess, dass er leben würde.

Auf Mohameds Boot waren 400 Menschen drei Tage zusammengepfercht. „13 Personen, die ich kannte, sind tot“. Nichts habe er auf die Reise ins Ungewisse mitnehmen dürfen. „Selbst das Handy haben mir die Militärs vorher noch abgenommen“.

So unterschiedlich die persönlichen Schicksale der „Lampedusa-Flüchtlinge“ auch sind, sie alle verbindet die traurige Tatsache, „Kollateralschaden“ der größten Militärmacht der Welt zu sein – der NATO. Am 19. März 2011 begannen Frankreich, Großbritannien und die USA mit Luftangriffen auf Libyen. Die Bomber leisteten ganze Arbeit: Mehr als 26.000 Einsätze in sieben Monaten forderten geschätzte 50.000 Menschenleben und stürzten das Land ins totale Chaos. „50.000 Opfer eines Krieges, der allein aus dem Ziel, solche Opfer zu verhindern, seine Legitimation zu beziehen vorgab!“, schreibt Reinhard Merkel, Professor für Strafrecht, Völkerstrafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg. Auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung legt der Jurist ausführlich dar, warum die NATO-Intervention eklatantes Unrecht war und gegen die Grundsätze des Völkerrechts verstieß „Allein zum Schutz von Zivilisten und zur Durchsetzung einer Flugverbotszone hat der UN-Sicherheitsrat den Militärschlag autorisiert, nicht aber zum Sturz des libyschen Regimes unter Muammar al-Gaddafi“, so Merkel. Diktaturen seien zwar „scheußlich, aber eine Bedrohung der internationalen Sicherheit und damit ein legitimer Kriegsgrund sind sie nicht“.

Patrick steht die Wut ins Gesicht geschrieben, wenn er von den Bomben spricht. „Es waren Europäer, die die Rebellen mit Waffen versorgten. Es waren Europäer, die nach Afrika kamen, um uns zu töten“, bricht es aus ihm heraus. „Wer gab der NATO Visa? Wer hat die NATO gebeten, in Afrika zu intervenieren? – Unser Leben, unsere Familien, alles wurde zerstört“.

Beim Gedanken an seine fünf Kinder und die alte Mutter, die sich in Togo nun ihr Essen zusammenbetteln müssen, weil er nicht für sie sorgen kann, kommen ihm die Tränen. „Warum dürfen wir hier nicht arbeiten und unser Leben aufbauen?“, fragt er weinend. „Was will die deutsche Regierung? Sollen wir Drogen verkaufen, Geschäfte ausrauben? Wir sind keine Kriminellen, wir haben Hunger und wir wollen arbeiten. Wenn Europa uns die Lebensgrundlage in Afrika nimmt und alles zerstört, muss es auch die Konsequenzen tragen“.

Hamburgs Politiker haben das offenbar noch nicht begriffen, aber die „EcoFavela“ auf Kampnagel trägt ja vielleicht dazu bei, dass sie darüber nachdenken.



Abbildungsnachweis:
Header: "EcoFavela Lampedusa Nord" by Baltic Raw. Fotos: Isabelle Hofmann
Galerie:
01. Lampedusa-Graffiti an der "Roten Flora". Foto: Dagmar Reichardt
02. Blick in den Versammlungsraum
03. "Lampedusa"-Sprecher Patrick
04. v.l.n.r.: Ali Mosess, Mohamed, Patrick
05. v.l.n.r.: Mohamed, Moka Farkas, Ali Mosess
06. Ali Mosess stickt eine Hamburg-Fahne

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