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Kultur und Management

China unter Mao

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Freitag, den 17. Oktober 2014 um 09:00 Uhr
China unter Mao 4.5 out of 5 based on 165 votes.
China unter Mao

Polit-Idol, Massenmörder oder Pop-Ikone: Das Übersee-Museum Bremen wagt mit einer großen Sonderausstellung eine Annäherung an das Phänomen Mao. 
Der Gründer des heutigen China hatte einen prägenden Einfluss innerhalb seines Landes und auf weltweite kommunistische Bewegungen in den 1960er- bis 1980er-Jahren. Gleichzeitig ist er für Gräueltaten sowie den Tod von Millionen Menschen verantwortlich und wird doch – im Gegensatz zu anderen Diktatoren – immer noch vielfach verehrt, von der Popkultur unkritisch ästhetisiert und als Souvenirkitsch bagatellisiert.

Wer sich dem Übersee-Museum nähert, dem fallen zunächst das riesige Mao-Portrait an der Fassade und die roten Fahnen mit chinesischen Schriftzeichen auf dem Dach auf. Das Haus scheint von Revolutionären besetzt zu sein. Zumindest spielt es in seiner Außendarstellung mit der Faszination und Abschreckung, die solche Gesten revolutionärer Propagandaästhetik ausüben. Gleichzeitig wird bereits hier auf eine Besonderheit Maos verwiesen: obwohl unter seiner Herrschaft Millionen von Menschen gewaltsam umkamen oder verhungerten, ertragen wir sein Bild. Damit ist man bereits im Thema der Ausstellung, bevor man das Haus überhaupt betritt.

„China unter Mao“ nähert sich dem Themenkomplex aus drei wesentlichen Perspektiven: mit der Darstellung der historischen Zusammenhänge seit der letzten Blüte des Kaiserreichs, mit Originalobjekten und Zeitzeugnissen der Kulturrevolution und mit der Reflexion dieser Ereignisse und ihrer Auswirkungen durch aktuelle Bildende Kunst. Hierbei greift die Kuratorin, Dr. Renate Noda, unter anderem auf die bedeutende Sammlung des Übersee-Museums aus der chinesischen Kaiserzeit zurück. Es war ihr ein besonderes Anliegen, einen Einblick in das China vor Mao zu gewähren, um seinen Weg und seinen Aufstieg nachvollziehbar zu machen. So sind prachtvolle Gewänder, Alltagsgegenstände aus städtischen und ländlichen Lebenswelten sowie das Modell eines Hochzeitszuges zu sehen. Man erfährt von den teils skurrilen Privilegien der elitären Beamtenschicht und vor allem über Ursachen und Phänomene des Niedergangs Chinas im 19. Jahrhundert. Das ehemals größte und reichste Land der Welt zerfiel zunehmend, wurde von den Kolonialmächten geschwächt und verlor mehrere Kriege. Hinzu kamen Naturkatastrophen, Hungersnöte, Aufstände und Bürgerkriege, welche die Zahl der Einwohner zwischen 1850 und 1878 von ca. 450 Millionen auf nur noch 370 Millionen dezimierten. Die Katastrophe kulminierte in der größten historischen Demütigung, die China hinnehmen musste: der Niederlage im Krieg gegen Japan 1895, der von unvorstellbarer Brutalität gekennzeichnet war.

Auch nach der Revolution und der Gründung der Republik 1911 herrschten weiterhin chaotische Zustände, die erst 1949 mit dem Sieg der Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg ihren Abschluss fanden. Vor diesem Hintergrund lässt sich – trotz aller Missstände und Verfehlungen – nachvollziehen, dass der „Große Führer“ Mao Zedong (1893-1976) sein Volk für den Neuanfang mobilisieren konnte und verehrt wurde. Hierfür betrieb seine Partei eine beispiellose Propagandamaschinerie. Das Land war in weiten Teilen noch vorindustriell, viele Dörfer nicht elektrifiziert, Radio und Fernsehen noch nicht ausreichend verbreitet. So bediente man sich neben den Agitprop Plakaten nach sowjetischem Vorbild und politischen Schriften vor allem der Nutzung von Alltagsgegenständen: von Schultaschen mit eingestickten Parolen über Anstecker bis zu Schallplatten, Kinderspielzeug, Porzellan und Thermoskannen reichte das Sortiment. Alles war mit Abbildungen Maos, glorifizierten Soldaten, Arbeitern und Bauern oder mit politischen Parolen dekoriert. Durch die Beschränkung auf diese Motive bei der Gestaltung von Alltagsgegenständen durchdrang die Propaganda die Lebenswelt jedes Einzelnen bis ins Detail. Hinzu kamen Mao-Büsten, die häufig an die Stelle der als konterrevolutionär verdammten Hausaltäre gestellt wurden. Die Verehrung nahm quasireligiöse Züge an.

Gerade von der Fülle dieser Gegenstände lebt die Ausstellung, verdeutlichen sie doch die Omnipräsenz der Propaganda im Alltag jener Zeit. Hierfür wurden rund 850 Stücke aus der Sammlung Opletal vom Wiener Weltmuseum entliehen. Der spätere ORF-Redakteur und Korrespondent in Peking, Helmut Opletal, kam bereits 1973 als Austauschstudent erstmals nach Peking und befasst sich seit dem mit der jüngeren Geschichte des Landes. In China hat eine Aufarbeitung der Kulturrevolution quasi nicht stattgefunden, und außer der 1981 verurteilten Viererbande wurden keine Täter zur Verantwortung gezogen. Doch geht es ihm nicht um Vergangenheitsbewältigung für China: „Ob und wie das geschieht, wird irgendwann dort entschieden werden müssen.“ Seine Sammlung und die Bremer Ausstellung sind von Europäern für Europäer gemacht. Im Fokus steht das Wirken der historischen Person in ihrer Zeit, und davon ausgehend ein besseres Verständnis des heutigen China. Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist der exemplarische Blick auf ein totalitäres System.

Hierzu tragen Interviews mit ehemaligen Maoisten bei, die offen über ihre frühere Begeisterung und ihre finale Enttäuschung sprechen. Jene Interviews wurden nicht nur in China sondern auch in Bremen geführt, das während der 1970er-Jahre eine Hochburg der kommunistischen Bewegung Westdeutschlands war. Mit diesen Zeitzeugnissen und der Dokumentation des Terrors der Kulturrevolution bietet „China unter Mao“ ein umfassendes Bild der Faszination und des Schreckens, die Mao in verschiedenen Teilen der Welt ausgelöst hat.

Ergänzend und kontrastierend werden ausgewählte Positionen zeitgenössischer Kunst präsentiert, die sich teils kritisch, teils ironisch mit dem China unter und nach Mao beschäftigen. Darunter finden sich Werke des in Deutschland lebenden chinesischen Künstlers Ren Rong, des zynischen Realismus von Yue Minjun und der sogenannten Narbenkunst, also von chinesischen Künstlern, die selbst einst begeisterte Maoisten waren und nach ihrer Enttäuschung zu einer kritischen Reflexion der Ereignisse gefunden haben. Einige Arbeiten, wie etwa die „Vier Dämonen“ des tschechischen Bildhauers Jan Koblasa, sind kontrastierend in den historischen Ausstellungsteil integriert. Mit den aktuellsten Werken endet der Ausstellungsrundgang und führt damit wieder in die Gegenwart.

Kunstgeschichtlich Interessierte werden außerdem die extra restaurierten Rollbilder aus dem 18 Jahrhundert zu schätzen wissen. Ebenso die Originalgemälde aus der Zeit Maos, die sich deutlich von denen des sozialistischen Realismus sowjetischer Prägung unterscheiden, indem sie Stilmittel der Romantik und der Alten Meister verwenden, um die Arbeit im und am Sozialismus noch stärker zu romantisieren und zu heroisieren.

Wie andere Diktatoren vor und nach ihm hatte auch Mao die Doktrin ausgegeben, die Kunst müsse vor allem den Volksmassen dienen. Und wie immer, wenn Parteikader Kunstproduktion lenken, entstanden auch in China unfreiwillig komische Werke. So zum Beispiel das Revolutionsballett, das sich Nixon 1972 bei seinem Staatsbesuch ansehen musste und von dem Ausschnitte in einem Video zu sehen sind.


Die sehenswerte Ausstellung „China unter Mao“ im Übersee-Museum Bremen wird gezeigt bis zum 5. April 2015. Bahnhofsplatz 13 in 28195 Bremen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 9 bis 18 Uhr, Sonnabend und Sonntag 10 bis 18 Uhr.
Weitere Informationen
Zu der Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Führungen (teilweise mit Zeitzeugen oder ausstellenden Künstlern) und einem Filmprogramm. Nähere Informationen und Termine.


Abbildungsnachweis:
Header: Kalenderblatt 1969 (Ausschnitt). © Sammlung Helmut Opletal des Weltmuseums Wien
Galerie:
01. Besucherin betrachtet chinesischen Hochzeitszug. © Übersee-Museum Bremen, Foto: Matthias Haase
02. Chinesischer Beamter in „China unter Mao“. © Übersee-Museum Bremen, Foto Matthias Haase
03. Alltagsgegenstände. © Sammlung Helmut Opletal des Weltmuseums Wien
04. Mao-Abzeichen. © Sammlung Helmut Opletal des Weltmuseums Wien
05. Misshandlung General Huang Xinting als Konterrevolutionäres Element, Peking 1968. © Weltmuseum Wien
06. Besucher vor „Mao Zedong“ von Ren Rong, 2014, Fotocollage, Lack, Holz. © Ren Rong, Foto: Matthias Haase
07. Besucher vor „Traumszene Li Bin, ... Straße der Gerechtigkeit Nr. 1“, Öl auf Leinwand, 2010, Reproduktion. © Li Bin, Fot: Matthias Haase
08. Chen Yu, Untitled 2002 Series No. 13, 2002, Öl auf Leinwand, 90x140 cm. © Sammlung Wemhöner
09. Shi Xinning, „Cigarette“, 2008, Öl auf Leinwand, 150x150 cm. © Sammlung Wemhöner
10. Yue Minjun, „Romanticism & Realism Series 1“, Acryl auf Fiberglas 2003. © Sammlung Wemhöner, Foto: Matthias Haase.

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