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Kira Kotliar – eines entsteht aus dem anderen

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Montag, den 25. April 2016 um 08:53 Uhr
Kira Kotliar – eines entsteht aus dem anderen 4.3 out of 5 based on 83 votes.
Kira Kotliar – eines entsteht aus dem anderen

„Engel ernähren sich von unseren Gedanken und sind daher eher leichtsinnig“, sagt Kira Kotliar. „Sie wohnen im Himmel, und da sie leicht herunterfallen, müssen sie stets angebunden sein“. Wenn das so ist, dann liegt das Himmelreich im Eppendorfer Weg. Denn dort wohnt das neue Mitglied der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg, deren Pappmaché-Figuren von einer Poesie beflügelt sind, wie man sie sonst nur in den alten Märchen des Orients findet.

Kira Kotliars Figuren können den Einfluss von Chagall und der russischen Avantgarde der 20er-Jahre nicht verleugnen. Fragt man die Wahlhamburgerin, die aus St. Petersburg stammt nach dem gemeinsamen Nenner ihrer phantastischen Geschöpfe, Tiere und Tiermenschen, so antwortet sie: „Mein Thema ist die Seele. Wir sind heutzutage so materiell eingestellt, dass wir mitunter vergessen, dass es noch etwas mehr als die profane Welt gibt“.

Kein Zufall also, dass ihre zarten Objekte aus Draht, Watte und Seidenpapier fast schwerelos wirken. Den geistigen Reichtum der mit archaischen Symbolen bemalten Figuren nennt sie auch als Grund, warum Fließbandproduktion für sie nicht in Frage kommt. „In einer Manufaktur würde die Seele verloren gehen“.

Also formt und malt sie selbst, ein Unikat nach dem anderen. Auch die erstaunlich große Nachfrage erklärt sich die sympathische Russin mit der besonderen Qualität ihrer prächtigen Spielzeuge. Ihrer Meinung nach rühren sie an das Unbewusste, vermögen längst verschüttete Gedanken wachzurufen: „Menschen vergessen, dass sie einmal Kinder waren. Ich glaube, meine Figuren erwecken Erinnerung an die Kindheit, an vergangene Generationen. Das ist das Geheimnis ihrer Faszination“.

Für sie selbst sind diese Erinnerungen ganz konkret. Handgefertigte Wattepüppchen, -Engel und Weihnachtsmänner gehören in Russland zum traditionellen Tannenbaum-Schmuck. Schon Mutter und Großmutter beherrschten das Kunsthandwerk mit den „armen“ Materialien, das sich in allen Schichen der Bevölkerung bis heute großer Popularität erfreut.

Stolz erzählt die Kunsthandwerkerin von ihrer Familie, in der politischer Widerstand gegen das kommunistische Regime selbstverständlich war. Der Vater, ein begabter Musiker, büßte die Opposition zu Stalin mit neun Jahre Haft in Workuta, einem der berüchtigten sowjetischen Konzentrationslager im äußersten Norden Russlands ab. In der gleichnamigen Stadt wurde Kira 1965 geboren. Die ärmlichen Verhältnisse und die harten Winter von mehr als minus 50 Grad Kälte kennt sie jedoch nur noch aus Erzählungen. Die Eltern kehrten 1967 nach St. Petersburg zurück, wo sie die Begabung ihrer Tochter nach Kräften förderten. „Seit ich denken kann, zeichne ich“, erzählt die mädchenhaft wirkende Frau lachend. Schon als Zehnjährige durfte Kira nebenbei eine Kunstschule besuchen. Fast selbstverständlich wechselte sie nach dem Abitur auf die renommierte St. Petersburger Kunsthochschule für Theater, Musik und Film. Doch das Leben als freischaffende Künstlerin ist bitter, zumal, wenn man aus einer „politisch auffälligen“ Familie stammt. Nach einigen Aushilfsjobs als Bühnenbildnerin im Theater und als Illustratorin von Kinderbüchern fand sie schließlich eine Anstellung als Zeichnerin in der archäologischen Abteilung der Eremitage. Bei einer archäologischen Exkursion ans Schwarze Meer lernte sie ihren Mann, Efim Kotliar, einen jüdischen Fotografen kennen. 1990 kam Sohn Nikita zur Welt, fünf Jahre später entschloss sich das Paar, die Ausreisemöglichkeiten für jüdische Familien zu nutzen und nach Deutschland zu übersiedeln. „Wir hatten in Russland einfach keine Möglichkeiten, zu arbeiten“, sagt die Künstlerin. „Wir hatten kaum Möglichkeiten zu reisen. „Dabei“, setzt sie lächelnd hinzu, „waren wir so neugierig auf eine andere Welt.“ Wismar hieß die neue Welt und war – zumindest kulturell – im Vergleich mit der alten Theater- und Ballettstadt St. Petersburg alles andere als ein Fortschritt. „Ich dachte damals schon wieder an Rückkehr“. Doch Kira Kotliar ist eine Kämpfernatur – auf die ihre sanfte, leise Art.

Sie hielt durch, der Umzug nach Hamburg klappte und eine neue Aufgabe tat sich auf: Privater Kunstunterricht, anfangs für russische Kinder. Kinder an bildende Kunst heranzuführen ist ihr unerhört wichtig, seit nunmehr 12 Jahren betreibt Kira Kottliar eine private Kunstschule in ihrem Studio im Haus des Kunsthandwerks, Koppel 66. Drei Mal pro Woche unterrichtet sie dort kleine Gruppen, Kinder und Erwachsene, und hat sich dabei auf die Beratung und Vorbereitung von Jugendlichen spezialisiert, die sich an Kunsthochschulen bewerben möchten.

Ohne ihre Kinderkunstgruppe wäre sie wohl auch nie auf die Idee gekommen, als Kunsthandwerkerin Karriere zu machen. „1997 wollten wir beim ‚Markt der Völker’ im Völkerkundemuseum ausstellen. Doch die Kinder wurden mit ihren Arbeiten nicht fertig. Da musste ich einspringen“, erzählt sie lachend.

Da sich die Künstlerin schon während ihres Studiums intensiv mit Volkskunst, vor allem mit historischer Ikonen-Malerei beschäftigt hatte, entsann sie sich der russischen Tradition und begann, Geflügeltes aller Art in die Welt zu setzen: Pferde, Tiger, Elefanten, Nixen, besattelte Delphine, ganze Kutschen und Schiffe voller fantastischer Figuren. Der Erfolg war überwältigend. Drei Jahre später wechselte sie an das Museum für Kunst und Gewerbe und bereichert seitdem die Jahresmesse des Norddeutschen Kunsthandwerks regelmäßig mit ihren humorvollen Kleinplastiken.

Viele sind außerordentlich farbenfroh, doch in den vergangenen Jahren hat sie sich immer stärker auf plastische Qualitäten konzentriert und schafft mittlerweile auch Figuren, die nur hauchzart koloriert sind, um so die reine Form stärker zur Geltung kommen zu lassen. „Ich habe noch nicht alles aus dem Material herausgeholt“. Raumgreifende Installationen ganz in Weiß schweben ihr vor, doch die verkaufen sich schwer und wären an dem Küchentisch kaum noch zu realisieren. Die verspielten Figürchen ernähren sie und ihren Sohn, seitdem der Vater 2005 an Krebs starb.

Aus den Augen verliert Kira Kotliar ihre Träume deshalb aber nicht. Irgendwann wird sie riesige weiße Plastiken machen, mit einer unruhigen Oberfläche, auf der sich das Licht bricht. Das ist so unumstößlich wie ihr Glaubensbekenntnis: „Eines entsteht aus dem anderen. Alles hängt irgendwie zusammen und alles Wichtige ist im Grunde ganz einfach. In der Kunst wie im Leben“.

Weitere Informationen und Kontakt zu Kira Kotliar


Abbildungsnachweis: Fotos Isabelle Hofmann
Header: Werke von Kira Kotliar.
Galerie:

01. Engel
02. Cellist
03. Fliegender Elefant
04. Tiger
05 Kira Kotliar

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