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Fotografie

Gisèle Freund. Fotografische Szenen und Porträts

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Geschrieben von Christel Busch  -  Freitag, den 06. Juni 2014 um 09:53 Uhr
Gisèle Freund. Fotografische Szenen und Porträts 4.6 out of 5 based on 158 votes.
Gisèle Freund. Fotografische Szenen und Porträts

André Malraux mit Zigarette im Mundwinkel, Jean-Paul Satre mit Pfeife, Virginia Woolf mit Zigarettenspitze, James Joyce mit Brille und Lupe, Frida Kahlo im Rollstuhl, Eva Perón vor dem Spiegel...
Die jüdische Fotografin Gisèle Freund hat sie alle vor der Linse ihrer Kamera gehabt: die Prominenz aus Kunst, Literatur und Politik. Aus ihrem umfangreichen Œuvre präsentiert die Ausstellung „Gisèle Freund. Fotografische Szenen und Porträts" in der Akademie der Künste Berlin rund 280 Fotografien in Schwarzweiß und Farbe, die allerdings dank der heutigen digitalen Bildbearbeitung nachkoloriert sind. Sie zeigen die Portraitierten in ihrem privaten Umfeld sowie Szenen aus ihrem Alltagsleben. Neben den Portraits zeichnen Dokumente, Notizen und Briefe, Zeitschriftencover und Zeitungsartikel ihren Weg als Fotojournalistin und Portraitfotografin nach. Ihre im Nachkriegs-Berlin entstandenen Fotografien runden die in 14 Kapiteln kuratierte Ausstellung ab.

Gisela Freund, 1908 als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie in Berlin-Schöneberg geboren, macht gegen den Willen ihrer Eltern Abitur. Der Vater schenkt ihr zum Schulabschluss eine Leica M, die erste in den zwanziger Jahren entwickelte Kleinbildkamera. Sie studiert Soziologie, zunächst in Freiburg, später in Frankfurt. Als Studentin engagiert sie sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, fotografiert mit ihrer Leica politische Kundgebungen und Demonstrationen, deutsche Studenten beim Hitlergruß. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 kann sie als Jüdin ihr Studium nicht fortsetzen. Im Mai flieht sie, 25 Jahre alt, mit ihrer Leica nach Paris, immatrikuliert sich an der Pariser Universität Sorbonne, um die am Frankfurter Institut für Sozialforschung begonnene Dissertation "Photographie in Frankreich im XIX Jahrhundert" abzuschließen. Sie ändert ihren deutschen Vornamen in „Gisèle".

In Paris wird die Fotografie ihr Beruf: Sie verdient ihren Lebensunterhalt mit Fotoreportagen, zu denen sie auch die Texte schreibt. Durch ihre Freundschaft mit Adrienne Monnier, Lektorin, Verlegerin und Inhaberin der Leihbuchhandlung „Maison des Amis des Livres", lernt sie die literarische Avantgarde der zwanziger und dreißiger Jahre kennen. Von den Kontakten inspiriert, beginnt sie Porträtaufnahmen der im Buchladen verkehrenden Schriftsteller zu machen. Die zwischen den beiden Weltkriegen entstandenen Portraits, darunter Walter Benjamin, André Malraux und André Breton, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir begründen ihren fotografischen Ruhm und sichern ihr einen Platz im Olymp der Portraitfotografie.

Adrienne Monnier, die ihr bei der französischen Übersetzung der in Deutschland begonnenen Dissertation geholfen hat, veröffentlicht diese 1936 in ihrem eigenen Buchverlag. Sie ermöglicht der Freundin im „Maison" ihre Portraits in Diavorträgen zu präsentieren. Geradezu euphorisch rezensiert sie die Arbeiten „[...] Ihre Portraits sind nach meiner Ansicht die schönsten und lebendigsten, die man derzeit sehen kann. [...] Dank ihrer besitzen wir die ergreifendsten Bilder der meisten unserer Schriftsteller. [...]."

Mit der Fotoreportage vom „I. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur" im Juni 1935, zu dem sie der Schriftsteller André Malraux eingeladen hat, gelingt Freund der Durchbruch als Reportage- und Portraitfotografin. Die Crème de la Crème der internationalen Literaturszene ist in Paris vertreten, darunter Heinrich Mann, Anna Seghers und Bertolt Brecht, Aldous Huxley und Boris Pasternak. Ihr Portrait von Malraux mit den wehenden Haaren und der Zigarette im Mundwinkel, auf der Terrasse ihres Hauses in der ‚rue Lakanal’ aufgenommen, wird zur Ikone der Portraitfotografie. Nach diesem Erfolg beginnt sie gezielt eine Portraitsammlung von Freunden, Schriftstellern und Künstlern aufzubauen. „Die Reportagen waren mein Beruf, die Portraits waren mein Glück", erzählt sie später. „Der Fotograf muss in einem Gesicht lesen wie in einem Buch. Er muss auch das entschlüsseln, was zwischen den Zeilen steht." Mit ihren Fotos wolle sie das Authentische, das Lebendige, das Wesen einer Persönlichkeit einfangen. In ihren Aufzeichnungen behauptet Freund, dass sie Inszenierungen und Posen ihrer Modelle vor der Kamera abgelehnt habe, ebenso wie die nachträgliche Retusche der Gesichter. Prämissen, die allerdings von der heutigen kunsthistorischen Forschung widerlegt werden.

Als 1938 der Farbfilm auf den Markt kommt, arbeitet sie als erste Fotografin in Frankreich mit 35-mm-Farbfilmen. Bereits ein Jahr später veröffentlicht das ‚Time Magazine’ auf der Titelseite das Farbporträt des irischen Dichter James Joyce. Ihre berühmten, vorwiegend in den 1940er-Jahren entstandenen farbigen Portraits von Walter Benjamin, André Breton, Jean Paul Satre, Virginia Woolf erlangen den Status von Kunstwerken. Für sie unverständlich. „Ich war nie der Meinung, Photographie sei Kunst. Mein Lebtag habe ich mich dagegen gewehrt, als Künstlerin angesehen zu werden", erzählt sie 1993 in einem Gespräch mit Rauda Jamis.

Vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich muss sie als Jüdin erneut emigrieren – auf Einladung der Schriftstellerin Victoria Ocampo flieht sie 1940 nach Argentinien. Sie ist allerdings kein Nobody mehr, der Ruf als berühmte Pariser Fotografin eilt ihr voraus: der chilenische Dichter Pablo Neruda lässt sich von ihr ablichten, ebenso Eva Perón, die glamouröse Gattin des argentinischen Staatspräsidenten. Nach einer Fotoreportage für das Magazin ‚Life’ über deren luxuriösen Lebensstil, kommt es zu einem diplomatischen Eklat zwischen den USA und Argentinien. Freund muss Buenos Aires verlassen und reist nach Mexiko. Frida Kahlo und Diego Rivera öffnen ihr die Türen zu ihrem Wohnhaus in Coyoacan, Mexiko City. In eindrucksvollen Bildern hält sie das private Leben des Künstlerpaares fest.
Anfang der Fünfziger kehrt die Fotografin nach Paris zurück. Weitere Portraits entstehen, darunter 1981 das berühmte Farbportrait des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand.

Die Kuratoren Janos Frecot und Gabriele Kostas nähern sich, so im Ausstellungskatalog beschrieben, „unvoreingenommen und mit frischem Blick dem Werk und der Person der Fotografin", die im März 2000 in Paris verstorben ist. Aus ihrem beruflichen und privaten Nachlass, der heute vom Institut Mémoires de l'édition contemporaine (IMEC) in Paris verwaltet wird, wählen sie neben den zu Ikonen gewordenen Portraitaufnahmen auch bisher unveröffentlichtes Bildmaterial ihrer prominenten Modelle sowie private Dokumente aus. In 14 Ausstellungskapiteln geordnet, eröffnen sie damit eine neue Sichtweise auf das Werk der berühmten Fotografin.

Der Freundschaft mit dem Berliner Philosophen und Schriftsteller Walter Benjamin widmet die Ausstellung einen eigenen Raum. Wie Freund, emigriert auch Benjamin 1933 vor den Nazis nach Paris. Etwa ein Jahr später dürften sich beide in der Bibliothèque Nationale in Paris begegnet sein. Eine Freundschaft entsteht, die erst mit dem Freitod Benjamins im September 1940 enden wird. Die junge Frau führt den mittellosen, vereinsamten Schriftsteller in den legendären Literatenzirkel von Adrienne Monnier ein. Die Schau zeigt alle Fotografien – auch die unscharfen – welche die Fotografin von Benjamin gemacht hat: Fotos in der Bibliothèque Nationale, Schwarz-Weiß-Portraits in ihrer Wohnung aufgenommen, Farbaufnahmen aus dem „Studio des Amis des Livres" von Adrienne Monnier und Bilder aus Pontigny. Legendär ist das Farbportrait von 1939, das Benjamin mit der Hand an der Stirn zeigt und von dem sechs Farbabzüge in unterschiedlichen Farbstichen existieren. Begleitet werden die Fotografien von Texten und dem Briefwechsel der beiden deutschen Exilanten, die überraschenderweise in Französisch korrespondieren.

Andere Kapitel zeigen Fotoserien vom „I. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur" im Juni 1935, die Bibliotheksreportage von 1937. Ein Thema ist ihre innige Freundschaft zu Adrienne Monnier von „Les Amis des Livres" und deren Lebensgefährtin, der Amerikanerin Sylvia Beach von „Shakespeare and Company". Beide haben ihre Buchhandlungen in der ‚rue de l'Odéon’, auf dem linken Seine-Ufer. Während bei Monnier Autoren der französischen Literaturszene ein- und ausgehen, ist die Buchhandlung von Beach Treffpunkt englischsprachiger Dichter und Romanciers wie James Joyce, F. Scott Fitzgerald, Thornton Wilder oder Ernest Hemingway. Durch die Publikation „Ulysses" des irischen Schriftstellers James Joyce wird Sylvia Beach und die „Shakespeare and Company" weltberühmt.

Weitere Ausstellungskapitel zeigen Fotoreportagen – heute als Home-Story bezeichnet – in denen Gisèle Freund berühmte Literaten und Künstler besucht und sie in ihrem privaten Umfeld fotografiert: André Breton, Schriftsteller, Kunsttheoretiker und Begründer des Surrealismus, Jean-Paul Satre und Simone de Beauvoir, James Joyce, Vladimir Nabokov, den russischen Emigranten, der erst 1955 mit seinem Roman „Lolita" weltberühmt wird, die englischen Paare Virginia und Leonard Woolf sowie Vita Sackville-West und Harold Nicolson, Pablo Neruda, Frida Kahlo und Diego Rivera. Die 1950 in Buenos Aires fotografierte Bildserie Eva Peròn zeigt die Präsidentengattin zum einen als Charity-Lady, zum anderen ihren luxuriösen Lebensstil, ihre Pelze, Kleider, Hut- und Schmucksammlung. Trotz des Skandals, dürften die im In- und Ausland publizierten Bilder zu ihren – auch finanziell – erfolgreichsten Fotoserien gehören.

Als Hommage an ihre Geburtsstadt Berlin präsentiert die Ausstellung Fotografien der Jahre 1957 und 1962, welche die Berliner Nachkriegsjahre dokumentieren, die Zerstörungen und den Wiederaufbau der geteilten Stadt sowie den Alltag seiner Bewohner.

Gisèle Freund gilt heute als eine der berühmtesten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Fotografien sind einzigartige Zeitdokumente. Als Fotojournalistin und Portraitfotografin hat sie das Leben von Literaten, Künstlern und Politikern in Paris, London und Lateinamerika dokumentiert.

Die Ausstellung "Gisèle Freund. Fotografische Szenen und Porträts" ist bis zum 10. August 2014 in der Akademie der Künste Berlin, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin-Tiergarten zu sehen.
Die Öffnungszeiten sind dienstag bis sonntags von 11 bis 19 Uhr.
Ein Katalog ist erschienen.
www.adk.de


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus Gisèle Freund; Schaufenster mit Süßwaren, 1957. © Stadtmuseum Berlin
Galerie:
01.  Gisèle Freund : Selbstporträt mit Rolleiflex, Mexico, 1952. © IMEC, Fonds MCC, Vertrieb bpk / Photo Gisèle Freund
02. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch
03. Gisèle Freund: Frida Kahlo mit ihrem Chirurgen Dr. Juan Farill in ihrem Haus in Coyoacan, Mexico City, ca. 1948. © IMEC, Fonds MCC, Vertrieb bpk/ Photo Gisèle Freund
04. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch
05. Gisèle Freund, Simone de Beauvoir, Paris 1948, Farbfotografie, Chromogener Farbdruck. © Courtesy Sammlung Dr. Marita Ruiter, Galerie Clairefontaine, Luxemburg
06. Gisèle Freund, Internationaler Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, Saal der Mutualité, Paris 1935, Schwarzweißfotografie, Silbergelatine-Abzug. © Courtesy Sammlung, Dr. Marita Ruiter, Galerie Clairefontaine, Luxemburg.

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