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Fotografie

Über die Bedingung des Menschseins

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Geschrieben von Claus Friede  -  Dienstag, den 08. September 2009 um 10:41 Uhr
Über die Bedingung des Menschseins 4.6 out of 5 based on 252 votes.
„Noorderlicht Photofestival 2009“ - Anabel Guerrero „Vox du Monde - Délocalisation“

Berlin ist von Hamburg genauso weit entfernt wie das nordniederländische Groningen. Nur leider fährt dort hin kein ICE und in 90 Minuten schafft man es nie und nimmer.
Dennoch lohnt es sich, die Reise von dreieinhalb Stunden anzutreten, um ein Fotografie-Festival zu besuchen, das sich „Noorderlicht“ (Nordlicht) nennt und zum sechzehnten Mal stattfindet.

Mit dem Titel „Human Conditions“ widmet sich das aus sechs Hauptausstellungen und verschiedenen Workshops bestehende Festival den menschlichen Bedingungen, politischen Um- und Zuständen, konkret: den Konflikten, dem Kampf ums Überleben im Großen wie in den kleinen Alltäglichkeiten und den konstruktiven wie zerstörerischen Seiten menschlichen Miteinanders. Die Ausstellung stellt keine künstlerischen Positionen vor, sondern fotografische, die sich an der Reportage, der Dokumentation und der vermeintlichen Wirklichkeit orientieren. „Noorderlicht“ ist somit auch ein politisches Festival.

 

Wie politisch die Ausstellung tatsächlich ist, lässt sich an den Auseinandersetzungen im Vorfeld und mit Wirkung in die Ausstellung hinein gut festmachen. Einer der fünf Gastkuratoren ist der 1956 in London geborene Fotograf Stuart Franklin. Die von ihm kuratierte Ausstellung „Point of No Return“ beschäftigt sich mit der israelischen Intervention im Gazastreifen zwischen Dezember 2008 und Januar 2009. Elf Fotografen, Palästinenser und Ägypter zeigen Bilder des Leids, des Todes und der Zerstörung. Sie zeigen das, was der militärische Angriff Israels hinterlassen hat. Sie zeigen kein objektives Bild! Es sind keine einschlagenden Raketen auf israelischem Territorium zu sehen, auch keine ängstlichen Kindergesichter oder Verwundete und Tote in Israel. Es ist eine der vielen Wahrheiten und eine der Tatsachen, die die "Conditio Humana" - oder besser "Conditio Inhumana" - aufzeigt. Die Fotos präsentieren ausschließlich das Leid und die Trauer im Gaza, auf palästinensischer Seite. Über ein einseitiges Bild kann man diskutieren, aber legitim ist eine solche Auswahl dennoch. Stuart Franklin wollte die ungesehenen Bilder zeigen, das, was die internationale Presse nicht zeigen konnte, weil die israelische Armee den Gaza für Journalisten abriegelte.

Nun schrieb der Kurator einen Essay für den Katalog, der auf erbitterten Widerstand einer der größten Fotoagenturen der Welt „Associated Press“ stieß. Als Rechteinhaber vieler der Fotografien, drohte die Agentur damit, die Bilder für „Noorderlicht“ nicht freizugeben, wenn Franklins Essay im Katalog erscheinen sollte. Laut der Festivalleitung begründete „Associated Press“ deren Veto damit, dass in ihrer Satzung allen Angestellten und Mitgliedern untersagt sei, politische Positionen einzunehmen. Weder der Kurator Franklin und die Festivalveranstalter auf der einen, noch „Associated Press“ auf der anderen Seite konnten sich auf einen Kompromiss verständigen. Anstatt des Kuratorentextes stehen nun drei Statements an der Stelle im Katalogbuch, der eine von Stuart Franklin, der andere von Festivaldirektor Ton Broekhuis und der dritte von Koen F. Schuiling, Vorsitzender des Vereins „Noorderlicht“, die alle drei mahnend an die Rede- und Meinungsfreiheit appellieren. Durchgesetzt hat sich jedenfalls die mächtige Agentur „Associated Press“ und hat damit für viel Zündstoff und Diskussion gesorgt – auch ohne, dass die Macher ein einziges Foto gezeigt hätten. Als Besucher und Kulturjournalist ist es für mich immer besser sich kritisch mit den präsentierten Fotografien und einem Text auseinanderzusetzen, als mit dem Unausgesprochenen. Die Fotos erzählen selbst und haben ihre eigene Sprache, jedoch ist die Kommentierung eine andere, weil sie kontextualisiert. So hat man eher das Gefühl gegen Windmühlen zu kämpfen, denn der Kuratorentext von Franklin ist nicht bekannt - ist eine Leerstelle - und so bleibt auch hier die ganze Auseinandersetzung ein Stück weit nebulös.

Keines der Fotos in keiner der Ausstellungen ist unpolitisch und das ist bei dem großen Thema gut so. Und auch die Bandbreite hier fehlender, in diesem Kontext von „Human Conditions“ noch denkbarer Bilder, ist ein politisches Statement.

Kurator Simon Njami nennt seine Ausstellung „Ordinary Pain“. Er liebt das Einfache, Unaufgeregte, von der Welt nicht medial fokussierte. Er wählte neun Fotografen aus, die das Alltägliche auf unterschiedliche Weise ablichten. Nichts deutet in den Fotografien auf etwas hin, das Außergewöhnlich wäre, aber allen ist gemein, dass ein latentes Leiden an der Welt spürbar ist. Ob in Tibet, Kuba oder in einem Flüchtlingscamp in Afrika, die Protagonisten versuchen sich mit ihren Mitteln und Möglichkeiten eine ganz normale Existenz aufzubauen.

 



 

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