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Fotografie

Wim Wenders: "Ich glaube an einen Gott, der uns mit freundlichen Augen beobachtet"

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Donnerstag, den 14. Juni 2012 um 10:03 Uhr
Wim Wenders: "Ich glaube an einen Gott, der uns mit freundlichen Augen beobachtet" 4.7 out of 5 based on 191 votes.
Wim Wenders

Seit Wim Wenders 1983 auf Drehortsuche für seinen vielfach preisgekrönten Film „Paris, Texas“ kreuz und quer durch den mittleren Westen fuhr, begeistert ihn die Fotografie.
Die Orte, die der international renommierte Filmemacher seitdem mit seiner analogen Mittelformat-Kamera einfängt, sind zumeist menschenleer, schäbig und heruntergekommen – aber von einer Poesie und Suggestionskraft, die atemberaubend ist. In Hamburg zeigt Wenders nun seine bislang größte Ausstellung „Places, Strange and Quiet“.

Isabelle Hofmann traf Wim Wenders in Hamburg und sprach mit ihm über die Ausstellung, seine Reisen, Stimmungen und über den Glauben sowie über die Unglücksverkettungen von Fukushima.


Isabelle Hofmann (IH): Der Katalog beinhaltet 37 Aufnahmen aus Ihrer gesamten Schaffenszeit als Fotograf. Wollten Sie nach knapp 30 Jahren ein Fazit ziehen?

Wim Wenders (WW): Nein, kein Fazit. Der Katalog ist eher ein Querschnitt. Es sind schon wieder eine ganze Menge Bilder dazugekommen, die hier zum ersten Mal gezeigt werden. 63 Arbeiten beleuchten in der Ausstellung einen bestimmten Aspekt meiner Fotografie: Diese ruhigen, schwer auffindbaren Orte, die sich durch etwas auszeichnen, das mich anzieht.

IH: Kann man das benennen?

WW: Das kann man benennen. Es ist ein unbändiges Interesse an der aberwitzigen Vielfalt von Realitäten, die man auf diesem Planeten finden kann.
Diese Ausstellung ist aber auch ein Statement. Sie bricht eine Lanze für Fotografie, die findet - und nicht erfindet. Die Abzüge stammen alle vom Negativ und sind nicht digital bearbeitet. Ich baue keine neuen Landschaften zusammen, sondern bin mit großer Freude beschäftigt, festzuhalten, was es bereits gibt.

IH: Malerei ist der Ursprung von allem, sagten Sie einmal. Ihr Foto „Butte, Montana“ erinnert frappierend an ein Bild von Edward Hopper.
 

WW: Ja, das habe ich auch deswegen gemacht! Der Ort sah aus, wie ein lebendiges Gemälde von Edward Hopper. Das ganze Städtchen, Butte in Montana, sah aus, wie ein großes Open-Air-Studio seiner Bilder. Wie Hopper habe ich die Dinge auch reduziert. Was ich nicht alles rausgeschleppt habe aus dieser Straßenecke! Blumentöpfe, Mülltonnen. Ich habe alles, was irgendwie überflüssig war, abgeschraubt. Da ist nichts digital bearbeitet. Und als an einem Morgen die Sonne richtig stand, habe ich das Bild gemacht, weil es aussah wie ein Hopper.

IH: Fühlen Sie sich dem Maler seelenverwandt?

WW: Edward Hopper ist jemand, der mich enorm beeinflusst hat. Ich habe ihn Anfang der 70er-Jahre entdeckt, als ihn in Europa noch kein Mensch kannte. Ich habe ihn so ganz für mich allein entdeckt und habe auch mit seiner Bildsprache gearbeitet, da ich ihn so gut fand – vom „Amerikanischen Freund“ angefangen. Vor allem in dem Film „Don’t Come Knocking“ gibt es viele Bilder, die ihren Ursprung bei Hopper haben.

IH: Wohl auch in Ihrer Fotografie. Sie fotografieren seit 1983 fast ausschließlich menschenleere Orte.

WW: Sobald ein Mensch in einer Landschaft steht, geht der Blick aller Betrachter auf diesen Menschen. Die ganze Landschaft ist sofort weg. Das ist selbst bei einem so winzig kleinen Menschen wie Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ so. Und weil in den Kinofilmen ja sowieso die Menschen immer sofort die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und die Landschaften, an denen mir so viel liegt, immer die zweite Geige spielen, habe ich gedacht, in den Fotos warte ich mal, bis die Leute raus sind. Dann kann die Landschaft mal endlich Vordergrund sein.

IH: Was haben die zu erzählen?

WW: Das Verrückte ist ja, dass die Orte vor allem über die Menschen erzählen! Deshalb mache ich die Fotos auch so groß. Das Foto wird zu einem Fenster. Und wenn man sich darauf einlässt, fangen die Orte an zu erzählen - über uns selbst, aber auch über diejenigen, die dort vorbeigekommen sind. Sie erzählen, was die Menschen dort für Spuren hinterlassen haben. Abenteuerliche Spuren.

IH: Zum Beispiel die Buchstaben in der armenischen Wüste.

WW: Im dritten Jahrhundert war Armenien der erste christliche Staat der Welt. Ein Mönch hat damals eine eigene Schrift erfunden. Dieses Land gibt es überhaupt nur noch wegen seiner eigenen Schrift. Deshalb haben sie ihrer Schrift ein Denkmal gesetzt.

IH: Was hat Sie nach Armenien gezogen?

WW: Ich wollte wissen, wie die Menschen da leben. Wie sie überleben, wo sie doch nichts haben. Nicht einmal Bodenschätze. Die haben allen Ernstes nur Aprikosen, die sie exportieren können. Sie überleben wegen ihrer eigenen Schrift. Weil die Leute lesen. Es hat mich sehr gerührt, dass ein Land aufgrund seiner Kultur überlebt und nicht aufgrund seiner wirtschaftlichen Situation.

IH: Ihr schonungsloser Blick auf das Elend der Menschen, spiegelt sich in den verlassenen Orten. Überall Schwermut, Trauer, Endzeitstimmung.

WW: Na, manchmal ist es auch zum Schmunzeln, was die Menschen alles veranstalten. Wenn man so sieht, wie wichtig sie sich nehmen und sich, um einen biblischen Terminus zu benutzen, die Erde untertan gemacht haben.

IH: Ist es nicht traurig, festzustellen, dass die Zivilisation nur Schrott zurücklässt?

WW: Das erlebt man ja sowieso jeden Tag in all unseren Landschaften, in all unseren Städten, was die Menschen für einen Mist bauen. Eigentlich ist mein Hauptanliegen weder ein nostalgisches, noch ein Interesse an Morbidem. Mein Hauptanliegen ist es, den Orten Respekt zu zollen. Auch, wenn sie geschunden sind, auch wenn sie von den Menschen ausgenutzt, malträtiert und runtergekommen sind, möchte ich ihnen mit meiner Fotografie vor allem Respekt erweisen. Und manchmal auch was aufheben von dem, was bald nicht mehr da ist. Das Hopper-Bild beispielsweise gehört schon der Vergangenheit an. Der ganze Block wurde ohne Grund und Not abgerissen. Ich würde dieses Foto jetzt nicht mehr machen können. Mitunter ist es auch Archäologie, was man betreibt.

IH: Ein Mensch mit Hang zur Depression könnte sich an Ihren Orten die Kugel geben. Warum nehmen Sie das Leben so schwer?

WW: Nein, das nehme ich gar nicht so schwer. Ich fotografiere eher mit einem Augenzwinkern, manchmal mit einem Lächeln. Ich glaube, deswegen schreibe ich auch zu allen Orten kleine Geschichten. Weil die diesen Eindruck doch etwas relativieren.

IH: Es gelingen Ihnen aber keine Bilder mit optimistischer Grundstimmung...

WW: Ich finde das Hopper-Bild hat eine optimistische Grundstimmung. Wie die Sonne da scheint, wie blau der Himmel ist, wie diese Sachen in der Fensterscheibe stehen - ich will nicht sagen, dass Hopper ein fröhlicher Maler ist – aber ich sehe dort doch auch, wie schön die Welt ist.

IH: Wollten Sie nicht auch eine Komödie drehen?

WW: Ich übe immer noch.

IH: Sie sind unheimlich viel gereist, um Ihre stillen Orte zu finden Amerika, Asien, Australien, Osteuropa - haben Sie eigentlich jemals eine organisierte Reise mitgemacht?

WW: Das habe ich Zeit meines Lebens vermieden und werde es auch nie machen. Das wäre für mich so eine Art von Fegefeuer. Auf einem Dampfer oder mit einer Reisegruppe reisen, das ist meine Idee von Hölle.

IH: Apropos Hölle: Sie fotografieren gerne Friedhöfe. Gibt es einen Friedhof, auf dem Sie begraben werden möchten?

WW: Ja. Es gibt auf der ganzen Welt die erstaunlichsten Friedhöfe, aber einer der schönsten Friedhöfe liegt bei Wuppertal, da wo Pina Bausch begraben ist. Das ist ein Waldfriedhof. Das hat mir schwer imponiert, das kannte ich noch nicht. Dann liegt man da im Wald, das ist zumindest für die Leute, die einen besuchen kommen, viel schöner, als so ein Friedhof mit Reihengräbern.

IH: Die jüngsten Fotos stammen aus Fukushima und zeigen eine verwaschene Landschaft, über die eine einzige große Sinuskurve läuft.

WW: Ich habe die Fotos außerhalb der Sperrzone gemacht. Unser Geigerzähler zeigte einen Wert von 8,19 Mikrosivert an, weit über jedem Wert, den ich jemals gelesen habe. Und in diesem Gebiet lebten Menschen, auch Kinder. Die Fotos haben die Radioaktivität festgehalten.

IH: Die Auseinandersetzung mit dem Tod begleitet Sie nun auch schon ihre ganzes Schaffen. Hoffen Sie dadurch die Angst vor dem Tod zu überwinden?

WW: Nö. Eigentlich eher, weil ich keine Angst davor habe. Eigentlich eher, weil es zum Leben dazu gehört. Und weil es viel zu viel aus dem Kino entfernt worden ist. Es dürfen zwar in jedem Film tausend Leute sterben, aber der Tod als solcher darf nicht thematisiert werden. Das finde ich schon ziemlich schizophren.

IH: Ursprünglich wollten Sie einmal Priester werden – sind Sie immer noch ein gläubiger Mensch?

WW: Ja, wieder! Lange nicht. Ich bin gläubig aufgewachsen und dann kam das Kino, Rock n‘ Roll, 68, der Sozialismus, die Psychoanalyse und Gott weiß was alles dazwischen. Und das hat 20 Jahre Suche und viele Reisen hervorgerufen, um irgendwann voller Freude zu merken: Da, wo ich aufgebrochen bin, mit meinem kindlichen Glauben, da kann ich auch wieder hin zurück.

IH: An was glauben Sie?

WW: Ich glaube an einen Gott, der uns mit freundlichen Augen beobachtet. Was für eine Form der hat, weiß ich nicht, was für einen Geist der hat, kann ich mir vorstellen. Ich bin durchaus kein Fundamentalist und denke nicht, dass er die Welt in sieben Tagen gemacht hat. Aber sich den menschlichen Geist, das Leben überhaupt vorzustellen, ohne dass es uns jemand reingefunkt hat, ist mir undenkbar.


Wim Wenders wurde 1945 in Düsseldorf geboren und studierte nach Umwegen an der Hochschule für Film und Fernsehen in München, wo er 1971 mit anderen Autorenfilmern des Neuen Deutschen Films den Filmverlag der Autoren gründete. Mit Filmen wie „Alice in den Städten“ (1973), „Der amerikanische Freund“ (1977) und „Paris, Texas“ (1984) wurde der vielfach ausgezeichnete Regisseur international bekannt. „Der Himmel über Berlin“ (1987) zählt zu seinen kommerziell erfolgreichsten Filmen. Für seinen Film „Pina“ über das Leben der Tänzerin Pina Bausch erhielt er 2011 den Deutschen Filmpreis und 2012 eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester Dokumentarfilm. Wenders, der heute mit seiner dritten Frau Donata in Berlin lebt und seit 2003 an der Hamburger Hochschule für bildende Künstle lehrt, begann in Vorbereitung zu „Paris, Texas“ seine Karriere als Fotograf.


Seine bislang größte Ausstellung „Places, Strange and Quiet“ mit 63 Panoramaaufnahmen präsentiert nun die Sammlung Falckenberg, die Harburger Dependenz der Deichtorhallen Hamburg.
Bis 19. August, Wilstorfer Straße 71, 21073 Hamburg. Alle Infos unter www.deichtorhallen.de und www.sammlung-falckenberg.de

Fotonachweis:

Header: Portrait Wim Wenders (Innen an eine Friedhofsmauer gelehnt)
Galerie:
01. Street Corner Butte, Montana, 2003 c-print 186 x 224 cm. Courtesy Wenders Images.
02. Open Air Screen, Palermo, 2007. C-Print. 186 x 213 cm. Courtesy Wenders Images.
03. Walled In,2005. Digital c-print. 131 x 125 cm. Courtesy Wenders Images.
04. The Chopper, 2005. Digital c-print. 124.5 x 125 cm. Courtesy Wenders Images.
05. Sun Bather, Palermo, 2007 c-print 132 x 148 cm. Courtesy Wenders Images.
06. Policeman, Heiligendamm, 2007 c-print 132 x 148 cm. Courtesy Wenders Images.
07. Dusk in Coober Pedy, 1978. Silver gelatin on baryt paper. 65 x 85 cm

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