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Film

23. Filmfest Emden-Norderney: Schuld sind immer die Anderen

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Montag, den 11. Juni 2012 um 10:15 Uhr
23. Filmfest Emden-Norderney: Schuld sind immer die Anderen 4.8 out of 5 based on 183 votes.
Schuld sind immer die Anderen - Lars-Gunnar Lotz

Sie sind gerade auf Festivaltour – waren beim Filmfestival Max Ophüls in Saarbrücken, sind zur Zeit beim Filmfest Emden-Norderney und ziehen auf Einladung weiter zum Festival des deutschen Films nach Ludwigshafen und danach zum Filmfestival ins kanadische Montreal.
Regisseur Lars-Gunnar Lotz präsentiert gemeinsam mit Schauspielerin Julia Brendler, ihrem Kollegen Edin Hasanovic und der Produzentin Franziska Specht in Emden seinen Debütfilm: „Schuld sind immer die Anderen“. Nicht zu unrecht wurde der im österreichischen Bad Ischl geborene Pfarrerssohn Ende Mai in Hamburg mit dem Nachwuchspreis „Regie“ des Studio Hamburg ausgezeichnet und erntete soeben beim Filmfest Emden-Norderney den Bernhard Wicki Preis, den NDR Filmpreis für den Nachwuchs und den DGB Filmpreis.

Was Lotz da mit seiner Crew auf die Leinwand gebracht hat ist jede Filmminute wert und für viele die Entdeckung des Festivals! „Schuld sind immer die Anderen“ überzeugt, weil das Drama das sensible Verhältnis von Gezeigtem und Gesprochenem, von nicht Gezeigtem und Unausgesprochenen in einer geradezu perfekte Weise mischt. Es antwortet nicht auf die Fragen, sondern lässt dem Kinobesucher viel Raum für ihn selbst und wirkt dadurch authentisch, gleichzeitig realistisch und künstlerisch und dadurch in hohem Maße glaubwürdig. Letzteres liegt insbesondere auch an den überzeugenden schauspielerischen Leistungen der Hauptdarsteller und am Schnitt.

altSchuld sind immer die Anderen: Ben ist auf die schiefe Bahn geraten. Immer wieder überfällt er Leute, zieht sie ab und schreckt vor körperlicher Gewalt nicht zurück. Seine Taten haben bald Konsequenzen: Ben landet im Jugendknast. Doch Reue zeigt er keine.
Der Sozialarbeiter Niklas bietet ihm die Chance auf einen Neuanfang. Ben soll sich in einer Einrichtung des freien Vollzugs bewähren. Zunächst lehnt er vehement ab. Schließlich willigt er doch ein. Ben wird der Neuling im „Waldhaus“. Es gibt weder Zäune noch Mauern, dafür aber einen straffen Tagesablauf, unendlich viele Regeln und ein Bewertungssystem, durch das man sich in der Hierarchie nach oben arbeiten kann. Helfen soll ihm dabei Tobi, sein Zimmernachbar, der ihn anleitet und gleichzeitig überwacht. In der familiären Wohngemeinschaft stellt Ben sich quer, missachtet Vorschriften und mischt das Gruppengefüge auf. Als einer aus der Gruppe nach einem aggressiven Ausbruch zurück ins Gefängnis muss, wird Ben klar, dass er aufpassen muss. Denn in den Knast will er auf keinen Fall mehr.

Ben beginnt, sich auf das Projekt einzulassen, lernt Praktikantin Mariana kennen und kommt mehr und mehr in der Gemeinschaft an. Doch als Niklas’ Frau Eva, die Hausmutter der Einrichtung, von einer Kur zurückkommt, ist er geschockt. Sie ist das Opfer einer seiner brutalen Überfälle, welcher nie aufgedeckt wurde. Für ihn beginnt ein Versteckspiel, bei dem er jederzeit damit rechnen muss, von Eva erkannt zu werden. Für Eva wiederum wird jeder neue Tag zu einer kräftezehrenden Herausforderung.
Je mehr sie versucht das Vergangene zu vergessen, umso mehr nimmt es sie ein. Niklas sorgt sich zunehmend um seine Frau. Und Ben fällt es immer schwerer, sein Geheimnis zu bewahren. Denn er erfährt, welche dramatischen Konsequenzen sein Überfall für Eva hatte. Auch Tobi bemerkt Bens Veränderung und beginnt zu ahnen. Aber er schweigt und deckt Ben.
Doch dann schöpft Eva Verdacht. Als der sich bestätigt, scheint für Ben die Situation ausweglos. Sowohl für ihn als auch für Eva bricht eine Welt zusammen. Ben fühlt das erste Mal die schmerzhafte Hilflosigkeit eines Schuldigen, ein Gewissen, und Eva die nie gekannte Schwäche eines Opfers, das vergeben will, aber nicht kann. Dinge, an die sie früher glaubte, verlieren jetzt ihren Wert. Für beide wird das Zusammenleben zur Grenzerfahrung und keiner weiß, wie es enden wird.

Claus Friede sprach mit Regisseur und Hauptdarstellern beim Filmfestival Emden-Norderney.

Claus Friede (CF): 2009 konnte ich in Berlin deinen Film „Für Miriam“ sehen und es scheint so, als ob sich das Thema „Schuld und Sühne“ wie ein roter Faden durch dein junges Werk zieht...

Lars-Gunnar Lotz (LGL): Das gilt zumindest für die letzten beiden Filme und liegt sicherlich auch daran, dass beide von der gleichen Autorin geschrieben wurden. Im Vorfeld zu den Planungen meines neuen Films war das ein Diskussionspunkt, aber wir haben sehr schnell auch gesehen, dass die Themen sich ausreichend unterscheiden. In jedem guten Drama geht es doch auch immer um Schuld. Ich glaube Schuld und Vergebung ist ein existenzielles Thema, nicht nur bei mir mit meinem christlich geprägten Hintergrund, dem ich aber gleichzeitig auch kritisch gegenüberstehe. Dieses moralische Phänomen wollte ich in den normalen Alltag bringen, vermenschlichen, dort ansetzen, wo der Begriff der Vergebung keine Selbstverständlichkeit ist. Und wir haben auch in „Schuld sind immer die Anderen“ einen Punkt erreicht, wo Vergebung nicht möglich ist, obwohl sie als Instanz anvisiert wird.

CF: Bei meinem Resümee des Films blieben am Ende drei große „A“s stehen: Aggressionen, Angst und Aufarbeitung. Ich würde die drei Begriffe gerne einzeln beleuchten. Aggressionen durchziehen den Film, sie werden aber nicht wirklich verortet, der Zuschauer erfährt nicht woher diese eigentlich kommen, welchem Schicksal sie entspringen. Warum?

LGL: Ja genau, die einzelnen Biographien und deren Geschichte sind latent vorhanden, werden aber nicht erzählt, es gibt nur einen kleinen Moment, ziemlich am Ende des Films, an dem der Betrachter erfährt, dass Ben im Alter von vierzehn Jahren abgehauen ist und dann ins Heim kam. Mehr nicht. Die Beziehungsgeflechte zu seinen Eltern beispielsweise können nicht erzählt werden, weil sie zu komplex sind und in unserem Kontext oberflächlich und klischeehaft gewirkt hätten. Ben kommt aus einer zerrütteten Familien, deswegen schlägt er? Nein. Es gibt auch andere mit diesem Hintergrund, die meistern ihr Leben sehr gut und ganz ohne Gewalt. Die Gründe für Bens Aggressionen können auch nicht als Rückblende gezeigt werden, sondern mit Einschränkungen höchstens in Dialogen auftauchen, aber auch das hätte hier weder formal noch inhaltlich funktioniert. Wir wollten, dass der Zuschauer subtil spürt woher er kommt und sich seine eigenen Gedanken machen kann und es nicht platt von uns erzählt bekommt.

CF: Auch die Angst taucht im Film in sehr komplexer Art auf, es gibt regelrecht unterschiedliche Aggregatszustände der Angst und alle Figuren haben mit ihr zu kämpfen. Vielleicht mit einer Ausnahme: Mariana, die Praktikantin, scheint an keiner Stelle Angst zu spüren, weil sie entweder naiv ist oder ein ungeheures Vertrauen hat oder beides zusammen. Welche Arten der Angst haben die Filmfiguren?

Edin Hasanovic (EH): Angst zuzulassen hat etwas mit Intelligenz zu tun. Der Ben, den ich spiele, lässt die gar nicht sichtbar zu, er blockt alles ab, was ihn mit dem Begriff irgendwie in Verbindung bringen könnte. Sein Credo ist die Aggression, die sich immer nach Außen entlädt und niemals nach innen. Das Publikum kann Bens Angst nur über den Umweg seiner Aggression entdecken.

LGL: Beide Hauptfiguren sind in permanenter Anspannung und stehen unter Druck und man fragt sich ständig in welche Richtung sich das alles entlädt. Bei Eva geht das eher nach Innen, sie will selbst und allein mit ihren Ängsten klarkommen und kann sich nicht offen und vertrauensvoll äußern. Sie hat ein bestimmtes Bild von sich gehabt, das durch den brutalen, unaufgeklärten Überfall zerstört wurde und sie sucht ihre alte Stärke, findet sie aber nicht. Der Täter hat abgesehen davon, dass er zunächst Angst hat geschnappt zu werden oder später dann zurück in den Knast zu müssen, Angst davor sich mit sich selbst zu beschäftigen. Diese unterschiedlichen Bewegungsrichtungen stehen sich gegenüber.
Die Szene in der sich Mariana und Ben küssen zeigt solitär, dass Ben auch eine weiche Seite hat und die ist nur möglich, indem Mariana angstbefreit ist. Sie hat keinerlei Vorbelastung und schaut nicht auf die Vergangenheit und die kriminellen Taten von Ben, sondern nur auf den Moment. Beide treffen sich zudem auch noch altersmäßig, denn die Sozialarbeiter im offenen Vollzug sind ja eher die Elterngeneration.
Übrigens ist diese kleine Liebesgeschichte der Realität entnommen, denn es gab im offenen Vollzug schon so einige Beziehungen zwischen jungen Praktikantinnen und jungen Straftätern, bis hin zu Hochzeiten...

CF: ... also entstand daraus ein Lebenspraktikum! Was ging Dir, Eva, als erster Gedanke durch den Kopf, als Du das Drehbuch gelesen hast?

Julia Brendler (JB): Bitte, lieber Gott, lass mich die Rolle kriegen! Ich war so begeistert von dem Buch, so sehr ergriffen, dass ich die Eva unbedingt spielen wollte.

EH: Ich war gefesselt – von Seite, zu Seite – dass ich am Ende dachte, es ist ein Geschenk das spielen zu dürfen!

CF: Und wie war Eure Zusammenarbeit am Set?

EH: Extrem gut! Weißt Du, wir haben den Text zwar als roten Faden, aber unser Spiel harmonierte so derartig gut, dass es fast schon an eine Choreographie erinnerte. Ich mache eine kleine Bewegung und sie reagiert sofort darauf, ein feinsinniges Miteinander mit Herz und Kopf.

JB: Wir haben einander im Spiel immer ernsthaft beobachtet, ich dachte weniger an meinen Text als an das Agieren und Reagieren. Mir kam es so vor, als seien wir die ganze Zeit in einem Gespräch. Das gelingt nicht mit vielen Schauspielkollegen! Außerdem hat uns Lars immer Raum für unser Spiel gegeben...

EH: ...eine Mischung aus Freiheit und Schutz und nach einer Szene reichte der Augenkontakt, um zu wissen Daumen hoch oder eine kurzes Gespräch und noch einmal.

LGL: Das ist wichtig. Ich erinnere mich, dass ich mir immer während meines Studiums und den ersten Projekten den Mund fusselig geredet und dann schnell gelernt habe: Nicht zu viel reden – machen lassen!
Vieles von dem was da schauspielerisch zu sehen ist, haben wir in der Probewoche angesprochen, diskutiert und uns um Sicherheit bemüht und einige komplexe Szenen erarbeitet. Was aber nicht heißen soll, alles sei bis ins Detail durchgeprobt, denn ich suche einen bestimmten Moment. Und dieser Moment der Einmaligkeit, der nicht wiederholbar ist, den will ich am Set und nicht bereits in der Probe. Ich glaube nicht an 12 bis 13 Takes, um eine Szene dann endlich zu erhalten. Mit diesen beiden wunderbaren Schauspielern hatte ich es nach zwei bis drei Takes im Kasten und ich merkte natürlich schnell, dass auch beide diesen Moment des Einmaligen suchten.

CF: Gab es denn auch Momente der produktiven Reibung, der unterschiedlichen Auffassung?

LGL: Ich war der Anfänger am Set und beide Schauspieler haben jahrelange Erfahrung. Dieser Unterschied setzt Vertrauen voraus und natürlich reibt man sich, wenn die Vorstellungen eines Schauspielers total anders sind als die eigenen. Ich habe mir einige Abende schon Gedanken gemacht: Wie drehen wir das Morgen mit so unterschiedlichen Auffassungen...

EH: ...ich hatte zwischendurch die Furcht, dass „mein“ Ben zu schnell zu weich wird und musste auf die Führung von Lars vertrauen, was im Ergebnis sehr gut funktioniert hat.

JB: Ich kann mich an gar keine Reibungspunkte erinnern!

LGL: Ich hatte mein Reibungsquantum schon mit der Autorin, mit den Produzenten und Redakteuren und das hat schon alles zu einer Präzision und vielen Verbesserungen geführt. Der Film ist Teamwork, ich ziehe da ja kein Ding durch!

CF: Wo wir mitten in der Aufarbeitung des Filmmachens sind, lasst uns noch bitte über das letzte große „A“ sprechen, die Aufarbeitung des Geschehens im Film. Lars, du sezierst nicht, legst keine einzelnen Schichten von Psychogrammen der Personen frei. Warum deutest Du die Charaktere oft nur an?

LGL: Sprachlich-dialogisch zu viel erzählen zu wollen ist ein häufig gemachter Fehler. Meine Prämisse liegt darin, dass man die Charaktere in meinen Filmen am Handeln erkennen soll und nicht nur darüber was sie sagen. Ein Bild, ein Blick, eine Mimik reichen oft erzählerisch bereits aus. Der Zuschauer ist danach schon viel weiter als ich noch mit Worten und Dialogen erzählen könnte.
Es war bei diesem, meinem ersten Langfilm schön zu sehen, dass das so reduziert funktioniert und ich vieles auch wieder dazulernen konnte.

 


„Schuld sind immer die Anderen“
Hauptdarsteller: Pit Bukowski, Edin Hasanovic, Julia Brendler, Marc Ben Puch, Natalia Rudziewicz
Regie: Lars-Gunnar Lotz
Drehbuch: Anna Maria Praßler
Bildgestaltung: Jan Prahl, Bvk
Schnitt: Julia Böhm
Musik: Sea + Air
Produktion: FFL Film-und Fernseh-Labor Ludwigsburg GmbH & Co. KG
Producer: Franziska Specht
Länge: 93 Minuten


Fotonachweis: © Laura Schleicher
Header: Ben (Edin Hasanovic) in der Hilfreichen-Hinweise-Runde
Galerie:
01. Filmplakat
02. Ben (Edin Hasanovic) im Gefängnis
03. Eva (Julia Brendler)
04. Niklas (Marc Ben Puch)
05. Praktikantin Mariana (Natalia Rudziewicz)
06. Eva (Julia Brendler) schöpft Verdacht
07. Ben (Edin Hasanovic, links) wird von Tobi (Pit Bukowski, Mitte) und Niklas (Marc Ben Puch, rechts) zurechtgewiesen
08. Eva (Julia Brendler) weicht Niklas (Mark Ben Puch) aus.
09. Ben (Edin Hasanovic) weiß nicht mehr weiter.
10. v.l.n.r.: Lars-Gunnar Lotz, Julia Brendler, Edin Hasanovic und Produzentin Franziska Specht beim Filmfest Emden-Norderney. Foto: Filmfest Emden-Norderney

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