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Film

Eine Synagoge für Bad Segeberg

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Freitag, den 14. Oktober 2011 um 08:49 Uhr
Eine Synagoge für Bad Segeberg 4.6 out of 5 based on 193 votes.
Eine Synagoge für Bad Segeberg - Walter Rothschild, Walter Blender

„Die alte jüdische Gemeinde in Bad Segeberg und ihre Synagoge wurden 1938 von Nationalsozialisten zerstört. Die neue jüdische Gemeinde hat eine Vision: In einer verfallenen Mühle im Stadtzentrum soll eine neue Synagoge entstehen.
Gemeinsam mit jüdischen Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion kämpfen die aus Weißrussland zugewanderte Ljudmila Budnikov und der deutsche Kripobeamte Walter Blender für den jüdischen Neuanfang in Schleswig-Holstein“, schreibt Regisseur Ulrich Selle zu seiner neuen, sehenswerten Langzeitdokumentation. Selle beobachtete den Neuaufbau der jüdischen Gemeinde in Bad Segeberg, die internen und externen Konflikte, die Solidarität vieler Segeberger Bürger bis zur Einweihung der Synagoge im Jahr 2007. Das Hauptaugenmerk des Films liegt nicht auf der leidvollen Vergangenheit, sondern auf einem modernen, weltoffenen jüdischen Leben in Schleswig-Holstein.

Claus Friede traf Ulrich Selle und Kiel und sprach mit ihm über seinen Film.

Claus Friede (CF): Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen und welche Berührungspunkte gab es zum jüdischen Leben? Sie haben angedeutet, Sie hatten eigentlich vor, einen Film über die Lübecker Gemeinde zu drehen?

Ulrich Selle (US): Elisabeth Saggau und ich haben 2002 mit der Recherche für einen politisch-kulturellen Hintergrundsfilm begonnen. In jenen Jahren gab es in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern relativ viele Probleme mit Rechtsextremisten. Wir hatten wachsende Neonazi-Gruppen, die Flüchtlinge und Migrantengruppen belästigt haben: in Mölln, Rostock und Lichtenhagen. Ich wollte mit meinen Mitteln dazu Position beziehen. In meiner Heimatstadt Lübeck gab es Übergriffe und mehrere Anschläge auf den jüdischen Friedhof.
Meine Fragestellung, die sich aus der Beschäftigung ergab, lautete: Was sind die jüdischen Wurzeln in Schleswig-Holstein? Zeitgleich gab es neue Einwanderer in dieses Bundesland, Familien aus Russland. Durch den Vertragsabschluss zwischen Jelzin und Kohl sollte die jüdische Immigration aus der ehemaligen Sowjetunion gefördert werden. Das beides wollte ich zusammenbringen.
Zunächst sah ich mir die zentrale Aufnahmestelle in Neumünster an, wo die Migranten ankamen und verteilt wurden. Augenscheinlich gab es urbane Zentren in die die Migranten angesiedelt und integriert werden sollten. Ich fuhr nach Lübeck und habe mir in der jüdischen Gemeinde angeschaut, welche Jugendarbeit dort stattfindet. Und erneut ergaben sich daraus Fragen: Was machen Menschen, die wenig bis nichts mit Deutschland zu tun haben und die ihr Judentum nicht praktizieren konnten? Wie gehen sie jetzt mit dieser Situation um, wo bekommen sie Hilfe und Halt? Sie kommen als Juden in ein neues Land – was ist identitätsstiftend, was ausgrenzend? Darüber sprach ich mit Jugendlichen und einem Jugendsozialarbeiter, der in der Lübecker Gemeinde tätig war. Durch einen Zufall bekam ich mit, dass sich in Bad Segeberg eine Gemeinde neugründete. Für diesen Wiederaufbau jüdischen Lebens in Schleswig-Holstein, einen jüdischen Frühling, interessierte ich mich besonders. Was da passierte, gab der ursprünglichen Filmidee eine neue Richtung.
In Bad Segeberg fand ich eine ideale Situation vor: sehr offene Leute, die sehr viel Interesse daran hatten, dass sie ihre eigene Situation erklären konnten. Beide Hauptprotagonisten des Films, Walter Blender und Ljudmila Budnikov, waren den Umgang mit Kamera und Presse nicht gewohnt und so haben beide zunächst genommen, was sie kriegen konnten. Besonders gefiel ihnen die Tatsache einer längeren Dokumentation. Man merkt im Film, glaube ich, dass sich Walter Blender auch Publizität davon versprach.

CF: Sie sprachen von der Entwicklung der Protagonisten im Film. Mein Eindruck ist aber auch, dass Sie sich als Regisseur entwickelt haben. Wie haben Sie ihre eigene Entwicklung wahrgenommen?

US: Für uns war eigentlich immer klar, dass die Segeberger Protagonisten das irgendwie schaffen werden. Sie würden ihre Gemeinde aufbauen. Für mich persönlich war es viel mehr von Interesse, wie schaffen sie es, die Leute bei der Stange zu halten und halten sie selbst durch? Bis zuletzt ist nicht klar zu beantworten, ob es diese Gemeinde nur gibt, weil beide solche Pioniere sind und eine ungeheure Kraft entwickelt haben andere mitzuziehen.
Hinzu kommt die politische Situation, die Neuverhandlung des Staatsvertrages, der einen Neustart für das Land Schleswig-Holstein überhaupt bedeutete. Erstmals gibt es einen eigenständigen Landesverband, losgelöst von Hamburg und eine eigenständige Finanzierung. Ich hatte also keine Zweifel daran, dass sie das schaffen, auch wenn eine gewisse Abnutzung im Laufe dieser Jahre sichtbar wurde. Die Gemeindegründung, der Umbau einer alten Mühle zur Synagoge, die Kämpfe mit den anderen Gemeinden in Hamburg und Lübeck haben Kräfte gekostet, Spuren hinterlassen – auch familiäre.
Und für uns ergab sich bei der Langzeitdokumentation auch die Frage der Finanzierung. Es gab Zeiten, wo wir weniger intensiv gefilmt haben, weil einfach das Geld zur Neige gegangen war.

CF: Es gibt eine Szene in dem Film, die für mich sehr integrativ wirkt. Integrativ insofern, weil ab einem bestimmten Zeitpunkt die Gemeindemitglieder beim Ausbau der Synagoge nicht mehr alleine weiterkommen und Hilfe von „außen“ brauchen. Und die erhalten sie auch: Es sind Unternehmen aus dem Kreis Bad Segeberg, protestantische Kirchenmitglieder und selbst muslimische Bürger sind bereit und wie selbstverständlich, zu helfen. Wie haben Sie diesen Moment empfunden?

US: Ja, das muss ich auch sagen. Das hat mich sehr beeindruckt! Wir waren ganz am Anfang auf der Baustelle und haben die Nachbarn befragt, wie die die neue Situation wahrnehmen und da konnte man durchaus noch eine gewisse Distanz merken. Was passiert da jetzt in der alten Lohmühle, die soll doch eigentlich abgerissen werden... Und wieso Synagoge – was haben wir mit den Juden zu tun? Da hab ich natürlich auch gedacht, oha, wie geht das weiter?
Die evangelische Kirche war schnell in der Lage, sich zu öffnen. Die Jugendpastoren stellten sich hin und sagten zu den Jugendlichen: „Leute, wir haben ein Problem. Könnt ihr helfen?“ Sie gingen als Beispiel voran. Das weitere Engagement lief dann über persönliche Kontakte. Besonders erwähnenswert finde ich die Initiative von einer ganz normalen, ländlich geprägten Zimmerei, der Firma Abakus. Die hörten von dem Bau, die hörten, dass die jüdische Gemeinde den Ausbau nicht alleine hinbekommt und zu wenig Geld hat. „Wir aber können das und sind dabei“, war deren Credo. Eigentlich wollten sie nur kurz ein paar Arbeitstage spenden, schließlich wurden es Wochen.
Und dann war da der türkische Unternehmer, der auch seine persönlichen Kontakte hatte und aktiv wurde. Eine kleine Stadt wie Bad Segeberg ist in dem Punkt sehr angenehm, weil Hemmschwellen niedrig sind und viele einander kennen.

CF: Leider gibt es dann doch einen Wehrmutstropfen, in der Nacht vor der Einweihung der Synagoge, sind Flugblätter mit antisemitischen Parolen in der Stadt gefunden worden und schon rollt der übliche Sicherheits- und Kontrollapparat vor der Einweihung an. Wie hat das auf Sie gewirkt?

US: Das war für viele eine große Verunsicherung. Solche Provokationen vor einer Synagogen-Einweihung gehen von militanten Neonazis aus, ich vermute vom NPD-Umkreis. Wir wissen, dass die sogenannten freien Kameradschaften im Norden NPD-nah sind. Aber ich glaube, dass das Thema „der Umgang mit einer jüdischen Gemeinde“ für militante Neonazis zu heiß ist. Gerade in Bad Segeberg.
Walter Blender und Ljudmila Budnikov haben einen richtigen Weg gewählt und hochrangig zur Einweihung eingeladen. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, Minister und Staatssekretäre und viele Gäste waren da und haben mit ihrer Anwesenheit ein Zeichen und Bekenntnis gesetzt, da gibt es überhaupt gar keine Zweifel. Ich glaube, dass diese Wucht der Öffentlichkeit letztlich die Gefahr von militanten Neonazi-Spinnern reduziert hat. Da trauen die sich nicht. Und natürlich ist es auch gut, dass Walter Blender Kriminalpolizist ist. Die Synagoge ist zudem entsprechend gesichert. Es ist natürlich schade, dass es notwendig ist, solche Einrichtungen zu sichern. Letztlich ist aber die Provokation der Rechten, die im Film zitiert wird, so marginal wie es dargestellt wird.

CF: Der Film ist fertig, Sie hatten vor ein paar Monaten die Premiere. Wie sind die Reaktionen?

US: Es gibt eine große Resonanz. Wir haben zunächst in den kirchlichen Bereichen angefragt und haben den Film dort gezeigt sowie in verschiedenen Kinos. Es gibt bei vielen Zuschauern großes Erstaunen darüber, mit welchem Minimum an moralischer Schwere der Film auskommt und die jüdische Gemeinde ihr Judentum lebt. Das Selbstverständnis der Menschen wie sie ihre Religion für sich wieder entdecken und ihre Herkunft und Tradition zeigen können, beeindruckte viele. Der Film zeigt nicht die belastete, historische, leidende Ecke der Gesellschaft aus der heraus das Judentum wirkt, sondern einen Teil der Gegenwart und Zukunft. Man begeht in der Gemeinde die religiösen Feiertage, man zeigt sich auf der Straße, man sorgt dafür, dass es ein positives Denken und Gedenken gibt.

CF: Die Dokumentation ist viel vorwärtsgewandter als rückwärtsgewandt...

US: Ja. Und es scheint so zu sein, dass es eine Akzeptanz dafür gibt. Auch und gerade auf jüdischer Seite. Das ist, wenn ich das richtig verstehe, auch in den jüdischen Gemeinden immer ein Streitpunkt gewesen: Ist es in Ordnung als Jude nach Deutschland zu kommen und hier zu leben und nicht doch auf gepackten Koffern zu sitzen, um bald nach Israel zu gehen?
Das sind die Rückmeldungen, die wir bekommen haben: Großes Erstaunen und Freude darüber, dass es einen unbefangenen Film gibt, der nicht primär über den Weg des Holocausts einen Neubeginn zeigt.


„Eine Synagoge für Bad Segeberg“.
Nächste Vorführtermine:
09.11.2011, Jüdisches Museum Rendsburg.
17.11.2011, 19:30h, Aula der VHS Cuxhaven, mit Elisabeth Saggau.

Ulrich Selle: In Lübeck geboren. Absolvent des deutsch-dänischen Dokumentarfilm-Interreg-Programms „filmtrain“, Mitarbeiter der Universität Kiel und freier Dokumentarfilmer. Filme: „Ja dann, gute Reise“ (2003), „medicina de todos, von Pflanzenheilern und Biopiraten in Chiapas“ (2004), „Winterschwimmer“ (2006), „Land in Sicht“ (2008), „Elternlotsen“ (2010).

„Eine Synagoge für Bad Segeberg“
Dokumentarfilm, DVCAM 85 Min.
Regie: Ulrich Selle. Schnitt: Elisabeth Saggau, Kamera: Ulrich Selle, Elisabeth Saggau, Ali Shokre, Moses Merkle. Ton: Elisabeth Saggau, Moses Merkle. Musik: Felix Thomsen. Sprecherin deutsch: Jutta Schülke-Hagemann. Sprecher englisch: Bernd Söhnel. Sprecher russisch: Vladimir Gritskiy
selle filmproduktion 2011
Als DVD erhältlich bei Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , www.sellefilm.de

Fotonachweis:
alt Alle Fotos und Filmstills © selle filmproduktion

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