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Film

„Paterson” – Die Poesie des Alltäglichen

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(296 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 10. November 2016 um 10:58 Uhr
„Paterson” – Die Poesie des Alltäglichen 4.6 out of 5 based on 296 votes.
Paterson

Routine will genossen und nicht ertragen werden. Das ist eins der vielen Geheimnisse, die uns Kultregisseur Jim Jarmusch anvertraut in seiner melancholisch minimalistischen Tragikkomödie „Paterson”, dem Porträt eines Dichters im Verborgenen.
Es erzählt vom höchst seltsamen Phänomen einer glücklichen Beziehung. Der Film ist verblüffend undramatisch, Kleinod und Kuriosum zugleich, das Tempo langsam, bedächtig fast meditativ, aber unwiderstehlich durch seinen subtilen lakonischen Humor. 

Adam Driver („Star Wars – Das Erwachen der Macht”, „Girls”) spielt einen Busfahrer aus New Jersey, er heißt Paterson genau wie die Stadt, in der er lebt. Ein unauffälliger stiller Typ. Mit seiner Freundin Laura (Golshifteh Farahani) wohnt er in einem weißen einstöckigen Haus mit kleinem Vorgärtchen. Morgens, kurz nach sechs wacht Paterson auf, einen Wecker braucht er nicht, es folgt der liebevolle Kuss  für Laura, sie schläft weiter. Zum Frühstück eine Schale Cheerios, dann greift der Busfahrer seine metallene Lunchbox und macht sich auf zur Arbeit. Gegen 18:00 Uhr kommt er heim, rückt als erstes den schiefen Briefkastenständer wieder grade. Er begrüßt Laura herzlich und sagt „Hallo Marvin”, die englische Bulldogge gibt nur einen unfreundlichen Schnaufer von sich. Und wie jeden Abend um diese Stunde macht unser Protagonist mit dem Hund einen Spaziergang. Draußen vor der Stammkneipe wird Marvin angebunden, drinnen plaudert Paterson mit Wirt und Gästen, trinkt ein Bier, nie mehr, dann geht es wieder zurück zu Laura.

Doch etwas unterscheidet den scheinbar so durchschnittlichen braven Bürger von seinen Kollegen: er hat eine heimliche Passion. Jeden Tag, bevor die Schicht beginnt und er schon hinter dem Lenkrad seines Busses sitzt oder später in der Mittagspause, schreibt er Gedichte in sein Notizbuch. Es sind in ihrer Einfachheit betörende Oden an die versteckte Transzendenz des Alltäglichen. Die erste, die wir hören ist über die altmodischen Ohio Blue Tip Streichholzschachteln, und die Qualität ihres Produkts, daraus entwickelt sich eine Hommage an die romantische Liebe. Scheinbar Bekanntes wird erkundet wie Neuland. Während der Fahrt schnappt Paterson hier und da Gesprächsfetzen auf, Impulse für seine Phantasie, die Worte beginnen sich zu formieren, nehmen Gestalt an. (Die berührenden Verse ohne Reim sind von dem 73jährigen in Oklahoma geborenen Dichter Ron Padgett). Auch wenn Laura immer darauf drängt, seine Werke zu veröffentlichen, verspürt der Busfahrer keinerlei Verlangen, sie auch nur irgendjemandem zu zeigen. Für ihn sind die Gedichte wie ein Tagebuch, das sich selbst genügt. Er erhebt keinerlei Anspruch auf den Status des Künstlers.

Laura hat keinen Job, aber eine Obsession für Schwarz-Weiß: sie dekoriert, kreiert, bemalt alle Oberflächen im Haus mit schwarz-weißen Mustern, vorzugsweise schwungvolle sinnliche Kringel. Alles wird eingekreist: Kissenbezüge, Duschvorhang, Kommode, Wände, Türen. Die Wohnung ist ihre Leinwand oder besser eine Objektmontage in ständigem Wandel begriffen. Laura träumt davon, Karriere zu machen als Cupcake-Bäckerin. Sie ist überzeugt, schwanger mit Zwillingen zu sein. Den nächsten Tag will sie Gitarre spielen lernen, um eine berühmte Country-Sängerin zu werden. Ständig hat sie neue brillante Ideen, und Paterson muss die alle finanzieren. Er tut es ohne zu murren. Die beiden unterstützen einander vorbehaltlos. Für Laura ist die Realisierung dieser Träume greifbar nahe wie der nächste Kinobesuch. Sie ist selbstbewusst, rastlos, immer in Bewegung, voller Ambitionen und einer ungeheuren Sehnsucht nach Anerkennung, das Gegenteil von unserem bescheidenen, äußerlich etwas farblosen Helden. An diesem Wochenende sehen die beiden sich einen Schwarz-Weiß-Film von 1932 an „Island of Lost Souls”. Sie leben in der Vergangenheit. Ihre Liebe setzt die Zeit außer Kraft genau wie bei Jarmuschs Vampirpaar in „Only Lovers Left Alive”.

Diese Welt ist so ganz anders als unsere digitale Ära, wo sich alles sofort, jetzt und hier amortisieren soll. Der Film weicht vom gängigen Zeitgeist ab, so wie sich Paterson Smartphone und Handy verweigert. Jarmusch kehrt zurück zum analogen Lebensgefühl, er zelebriert die winzigen Nuancen scheinbarer Gleichförmigkeit, das Nebensächliche wird das Wesentliche, wir entscheiden darüber. „Die Fahrt”, schreibt Paterson in sein kleines Notizbuch, „Ich fahre durch Billionen von Moleküle.” – „Kann es losgehen”, unterbricht ihn sein Kollege. „Ja, alles okay?” – „Jetzt, wo Du fragst: Meine Tochter braucht eine Zahnspange, an meinem Auto ist das Getriebe kaputt, meine Frau will nach Florida, aber ich bin mit den Hypothekenraten im Verzug. Mein Onkel hat aus Indien angerufen, weil er noch Geld für die Hochzeit meiner Nichte braucht und ich habe einen merkwürdigen Ausschlag am Rücken. Also, sag Du es mir mein Freund. Und bei Dir?” „Alles Bestens.” Der wortkarge etwas kauzige Paterson strahlt Ruhe und Güte aus, ganz langsam entdeckt er sich selbst und die suggestive Kraft der Worte, die Gedichte ziehen den Zuschauer immer mehr in ihren Bann. Etwas schwerfällig liest er sie Laura vor, als könnten diese Verse gar nicht seine eigenen sein. Parallel erscheinen sie in leicht verschnörkelter Handschrift von Musik untermalt auf der Leinwand, sind plötzlich leicht, zart wie eine Feder.

Kameramann Frederik Elmes („Blue Velvet”, „Broken Flowers”) greift den lyrischen minimalistischen Ton auf, setzt ihn um in nostalgisch puristische Bilder. Die Tristesse der heruntergekommenen Industriestadt entwickelt einen seltsam verstaubten Vintage-Charme, die grandiosen malerischen Wasserfälle des Passaic Rivers haben dagegen etwas Unwirkliches, als wären sie eine Fata Morgana zwischen all dieser roten Backsteindüsternis. Hier auf der Parkbank verzehrt der Busfahrer den mitgebrachten Lunch und schreibt weiter an seinen Gedichten. Paterson war einst Zentrum für Textilien. Viele der Arbeiter in den Fabriken kamen aus Italien und Irland, sie wurden gnadenlos ausgebeutet, es kam zu erbitterten Streiks und Straßenkämpfen, angefeuert von den Anarchisten. Doch meist wurde das Aufbegehren mit Gewalt im Keim erstickt. Nichts ist übrig geblieben von den großen Hoffnungen, heute bescheiden sich die Menschen dort mit wenig. Laura erzählt dem Freund ihren nächtlichen Traum, er, Paterson sei im Nahen Osten auf einem auf einem silbernen Elefanten durch die Stadt geritten.” Unser Held überlegt, zögert, fragt sich, ob es im Nahen Osten überhaupt Elefanten gäbe. Einer will immer Zwietracht säen, in diesem Fall ist es die Bulldogge Marvin, nicht etwa der Schwarze, der mit einem geladenen Gewehr in der Bar auftaucht. Keiner zuckt deswegen auch nur mit der Wimper. In solchen kleinen beiläufigen Szenen kommentiert Jarmusch Gegenwart und globale Gewaltspirale. Dass Laura irgendwann Paterson überzeugen würde, die Gedichte kopieren zu lassen, war zu erwarten. Aber es kommt nie dazu.

Ein genialer Schachzug von Jim Jarmusch, Adam Driver für die Rolle des unauffälligen stillen Dichters zu wählen, er, der sonst so viele Worte und Gesten braucht, um Gefühle auszudrücken, nimmt sich hier ganz zurück und berührt dadurch um so mehr. Die Tragikkomödie ist eine Ode an den häuslichen Frieden, ein Dasein sublimer Alltäglichkeit. Die eheähnliche Gemeinschaft fühlt sich an wie ein schützender wohliger Kokon. Haushaltsgegenstände avancieren zum Fetisch, jeder Cupcake erhebt Anspruch mehr zu sein als das, was es ist, jeder Kringel im Grunde ein verhindertes Kunstwerk. Das Leben, es dreht sich scheinbar im Kreis. Scheitern ist hier fast unvorstellbar. Diese Zuversicht Garant für ein erfülltes Dasein. Als Begegnung entscheidend wird für den Busfahrer/Poeten das Zusammentreffen mit einem zehnjährigen Mädchen, das ihm das Gedicht vorliest, was es verfasst hat. Vor allem aber ein japanischer Tourist, der Paterson vor den Wasserfällen in ein Gespräch verwickelt. Der Mann (Masatoshi Nagase) ist Gelehrter und selbst ein Dichter. Er hält die japanische Übersetzung von William Carlos Williams’ Epos „Paterson” in der Hand. Williams (1883-1963) ist das große Vorbild und Idol unseres Protagonisten. Ein Kinderarzt, der sich nur in seinen wenigen freien Stunden der Kunst widmen konnte. Jarmusch über ihn: „Seine Philosophie ist die Poesie der kleinen Details und der Dinge des täglichen Lebens. Eine der Gedichtzeilen, die Method-Man von der New Yorker Hip-Hop-Gruppe Wu-Tang Clan zitiert, lautet „No ideas but in things”. Das bedeutet, dass man Ideen aus der realen Welt, beziehungsweise aus den Details der realen Welt bezieht. Seine Philosophie und seine Herangehensweise an Poesie formten den Film. Dass Method-Man ihn in dem kleinen Rap, den er für den Film schrieb, zitiert, war keine Idee von mir. Er kam damit zu mir, nachdem er selbst etwas von William Carlos Williams gelesen hatte. So schließt sich der Kreis.” 

Die englische Bulldogge Nellie wurde für die Rolle des Marvins bei den Filmfestspielen in Cannes 2016 posthum mit dem Palm Dog Award ausgezeichnet.


Originaltitel: Paterson
Regie / Drehbuch: Jin Jarmusch
Darsteller: Adam Driver, Golshifteh Farahani, Helen-Jean Arthur, Kara Hayward, Method Man
Länge: 113 Minuten
Produktionsland: USA, 2016
Verleih: Weltkino Filmverleih
Kinostart: 17. November 2016

Fotos & Trailer: Copyright Weltkino Filmverleih

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avatar Ein Miltenberger in Eimsbüttel
+9
 
 
Ein neuer Film von Jim Jarmusch ist (zumindest für mich) eine ebensolche Pflichtveranstaltung wie z. B. ein neues Album von Neil Young. Apropos: Gibt es einen Grund, dass Ihr hier keine Rockmusik behandelt? Fällt diese etwa nicht unter den Überbegriff "Kultur"?
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avatar Claus Friede
+3
 
 
Aber natürlich fällt Rockmusik darunter!
Allein uns fehlt die Autorin/derAutor, um diese ehrenvolle und -amtliche Aufgabe zu übernehmen...
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