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Film

„Legend” – Aufstieg und Fall der Brüder Kray

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(348 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 30. Dezember 2015 um 09:55 Uhr
„Legend” – Aufstieg und Fall der Brüder Kray 5.0 out of 5 based on 348 votes.
Legend Film Trailer

Ein provokanter, herrlich bösartiger Thriller, melancholisch und zynisch zugleich. Mit viel hintergründigem schwarzen Humor. Absolut grandios: Tom Hardy.
Die Zwillinge Reggie und Ronnie Kray galten in den Sechziger Jahren als die berüchtigtsten Gangster Londons. Ihr Territorium war das East End: Raubüberfälle, Schutzgelderpressung, Brandstiftung, Geldwäsche.

Im kriminellen Milieu fürchtete man die Brüder und ihre Bande, da sie Konkurrenten wie auch Zeugen mit Drohungen einschüchterten oder im Extremfall umbrachten. Die Polizei schien machtlos. Als Nachtklubbesitzer pflegten die Zwillinge gesellschaftliche Kontakte zu einflussreichen Politikern und Prominenten wie Judy Garland, Frank Sinatra und Shirley Bassey. Die zwei ehemaligen Amateur-Boxer wurden selbst eine Art Berühmtheit. Kultfotograf David Bailey porträtierte sie. Ihre Namen sorgten immer wieder für sensationelle Schlagzeilen. Die Wahrheit über die Kray-Brüder ging aber irgendwann verloren zwischen 50 Jahren Hörensagen und Boulevard Berichterstattung. Das begriff Regisseur und Drehbuchautor Brian Helgeland („Payback – Zahltag”, 1999) während seiner Recherchen sehr bald und entschied sich, einen Film über die Legende des Gangster-Duos zu drehen. Die beiden Hauptrollen spielt Tom Hardy („Mad Max: Fury Road”, 2015).

Selbst die Jahrzehnte im Gefängnis zerstörten den Mythos der Krays nicht, im Gegenteil. Dutzende von Büchern erschienen über sie wie „The Profession of Violence” des Journalisten John Pearson, auf dem der Thriller zum Teil basiert. Noch auf der Beerdigung von Reggie im Oktober 2000 sprachen manche voller Bewunderung von den Zwillingsbrüdern und beschrieben sie als generös, hilfsbereit oder gar moralisch integer. Die beiden Gangster wurden zu modernen Robin Hoods stilisiert. Tausende begleiteten den Trauerzug. Andere schilderten die Zwillinge als durchgeknallte Psychopathen. Helgeland befragte Bandenmitglieder, Freunde und Feinde der Brüder, las alles, was er über das Thema auftreiben konnte. Nur über einen Aspekt im Leben der Brüder schwiegen sich fast alle aus: Frances Shea, die unglückliche Ehefrau Reggies. Lediglich ein früherer Komplize, Chris Lambrianou gab eine ernsthafte Antwort: „Frances war der Grund, warum wir alle in den Knast gingen.” „Es war, als ob meine ganze Kray-Welt auf den Kopf gestellt würde”, erinnert sich Helgeland. „Chris sagte, dass sich Reggie nach ihrem Tod um nichts mehr kümmerte.” Dabei war er derjenige von den beiden Zwillingen, der immer alles immer Griff hatten, ein geborener Geschäftsmann. „Lambrianou zeigte auf die düstere Straße vor dem Pub The Carpenter’s Arms und sagte: Ich sah wie Reggie eines Nachts in der Dunkelheit verschwand, ungefähr zwei Wochen bevor wir festgenommen wurden, und er war der einsamste Mensch, den ich je im Leben gesehen haben.” Seit diesem Moment wusste der Regisseur, Frances sollte die Erzählerin seines Films sein

Frances Shea (Emily Browning, „Pompeii”) ist 18 Jahre alt, als sie Reggie begegnet. Sie bewundert ihn grenzenlos. Es wird die große Liebe für beide, nur der Märchenprinz hat einen Fehler: er ist ein Gangster und ein brutaler dazu. Am Anfang lässt das zarte fragile Mädchen sich noch täuschen, dem Charme ihres Reggies kann keiner widerstehen. Sie lernt auch Ronnie kennen, jenen seltsamen unheilvollen Zwillingsbruder. Er macht Frances Angst, aber sie ahnt nicht, dass er es sein wird, der ihre Ehe eines Tages zerstört. Reggie betont immer wieder, dass er eigentlich nichts anderes sei als ein Nachtclub-Besitzer, ein Unternehmer. Wenige Minuten zuvor hat er im Nebenraum einem Mann den Kiefer gebrochen, das passiert denen, die sich nicht an die Vereinbarungen mit den Krays halten. Reggie bedient sich in solchen Situationen gern eines besonderen Tricks: er bietet dem Betreffenden eine Zigarette an. Ein unerwarteter wohl platzierter Faustschlag auf leicht geöffnete Lippen lässt den Kiefer zersplittern. Frances gegenüber präsentiert sich der verliebte Ganove als Gentleman, er ist es auch auf seine Weise und wirbt mit altmodischer Ernsthaftigkeit um sie. Trotz seiner 32 Jahre klettert er voll jungenhaftem Eifer am Haus empor, hält durchs Fenster um ihre Hand an. Wenig später heiraten die beiden. Doch nach den Flitterwochen kümmert Reggie sich vorwiegend um die Geschäfte und kaum noch um seine junge Ehefrau. Die Krays wollen expandieren, nicht nur mit Spielcasinos im Westend. Sie nehmen Kontakt auf zur amerikanischen Mafia, zu Angelo Bruno (Jazz Palmintieri) einem Faktotum Meyer-Lanskys.

Obwohl die Krays eineiige Zwillinge sind, ähneln sie einander kaum. Was sie verbindet ist die Skrupellosigkeit. Der attraktive weltgewandte Reggie kaschiert seine Neigung zur Gewalt gekonnt. Der psychisch gestörte Ron dagegen ist völlig unberechenbar und lässt sich leicht provozieren. Reggie will das Kray-Imperium nach dem Vorbild der Las Vegas Mafia organisieren, bloß weg von dem schmuddeligen kriminellen Image. Er versteht sich darauf, seine Gegner in die Irre zu führen. Wenn er zuschlägt, dann zelebriert er jeden Schlag mit fast künstlerischer Bravour. Ron, der Psychopath, braucht Blut und Brutalität für sein tägliches Wohlbefinden. Ein Bandenkrieg wäre ganz nach seinem Geschmack. Und doch, irgendwo in seinem Wahnsinn ist eine gewisse Unschuld verankert, etwas Rührendes, das niemand besser herausarbeiten kann als der Schauspieler Tom Hardy. Reggie ist offensichtlich der Sympathieträger, aber Ron gelingt es, sich mit seinen bizarr derben Auftritten in den Vordergrund zu drängen, im Film wie auch im wirklichen Leben. Er macht aus seiner Homosexualität kein Geheimnis. Schon beim ersten Treffen, ob mit Politikern oder Mafiosi, liefert er detaillierte Informationen über seine sexuellen Vorlieben. Immer wieder torpediert er mit hinterhältigem Vergnügen jeden Versuch Reggies, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Als der Bruder den Rest einer alten Haftstrafe absitzen muss, ruiniert Ron in kurzer Zeit den Nachtclub finanziell völlig. Helgeland, der das Drehbuch für den Thriller “Green Zone” (2010) und „L.A. Confidential” (1997) schrieb, sagt über die Kray-Brüder: “Ich sehe in ihnen arme Jungs aus einer heruntergekommenen Nachbarschaft, die den einzigen Weg wählten, der ihnen offensten, um Erfolg zu haben: Verbrechen. Ich habe immer versucht mit ihnen auf Augenhöhe umzugehen. Ich habe nie zu ihnen herunter- oder zu ihnen aufgeblickt. Man muss auf der Seite seiner Protagonisten stehen.”

Es geht dem Filmemacher weniger um die kriminellen Machenschaften sondern vor allem um Reggies Beziehung zu Frances. Die offensichtlich allwissende Erzählerin kommentiert aus dem Off Geschehen und Gefühle. Die Loyalität Reggies gegenüber seinem Bruder ist schwer nachvollziehbar. Sie hat etwas Selbstzerstörerisches. Ron bringt alle in Gefahr, er ist eine tickende Zeitbombe und doch hat ihn Reggie aus der geschlossenen Psychiatrie geholt. Er begegnet dem Bruder mit Respekt, gleichgültig, ob der mit einem Esel im Smoking auf einer Party erscheint, einen Mord begeht oder in Nigeria ein urbanes Utopia gründen will. Zuweilen setzt er jene tickende Zeitbombe auch bewusst als Waffe gegen seine Gegner ein. Francis kann es nicht begreifen. Sie sehnt sich nach einer bürgerlichen Existenz, etwas Geborgenheit. In dieser Familie fühlt sie sich wie ein unerwünschter Eindringling. Die Schwiegermutter und Ron machen ihr das Leben schwer. Peter Medaks Biopic „Die Krays” (1990) hatte sich auf die alles überschattende Mutterbeziehung der Zwillinge konzentriert. Hier wird sie nur kurz eingeblendet, aber es genügt, um den Ursprung der unheilvollen Abhängigkeiten und Rivalitäten zu begreifen. Irgendwann entlädt sich die lang unterdrückte Wut in einem spektakulären wahnwitzigen Kampf zwischen den beiden Brüdern. Helgeland inszeniert seinen bösartigen Thriller in der Tradition von Martin Scorsese Mafia-Epos „GoodFellas” (1990). Doch zuweilen wird er zur satirisch überzeichneten Grafic Novel, krass, schnoddrig. Bei Messerstechereien oder Schusswechseln mischt sich Realismus mit Slapstick. Der Einfluss von Guy Ritchie ist unverkennbar genau wie der von Quentin Tarantino.

Frances zieht sich zurück, wird zusehends depressiver, knallt sich mit Tabletten voll. Sie hat all ihren Mut aufgebracht, gebettelt und aufbegehrt, was sonst keiner sich traut in der Welt der Kray-Brüder. Sie will keinen Mann, der im Gefängnis sitzt. Das hatte ihr Reggie versprochen, sie nie allein zu lassen. Den blutigen grausamen Kampf zwischen den Brüdern, sie wird ihn nie vergessen. Ein rotes Sportcoupé ist kein Trost. Die Musik übernimmt eine zentrale Funktion in “Legend” genau wie einst in „GoodFellas”. Rock, Blues und Jazz, wie er in den West End Clubs, dem Marquee oder Esmaralda’s Barn gespielt wurde, entwickelt sich zum Subtext zur Handlung. Der Soundtrack reflektiert Gedanken, Erwartungen und Gefühle, steht manchmal in bewusstem Kontrast zur Handlung. Die Sängerin Duffy schrieb den Song für das Ende des Films, der den inneren Monolog von Frances aufgreift: „It took a lot of love to hate you,” Es brauchte viel Liebe Dich zu hassen. Vielleicht hätte der Zuschauer eher das Gegenteil vermutet. Aber genau das ist Frances mit all ihren Widersprüchen: Für sie gab es nur eine Lösung. Noch einmal verspricht Reggie ihr ein neues, anderes Leben. Er kauft die Flugtickets nach Ibiza, die sie sich so wünschte. Zu spät, Frances hat Selbstmord begangen. Nur wenige Monate später tötet Reggie auf einer Party vor Dutzenden von Augenzeugen einen seiner Leute, Jack ‘The Hat’ Mac Vite. „Legend” ist nicht nur ein Thriller und das Psychogramm einer gescheiterten Beziehung sondern auch eine gelungene Milieustudie der Swinging Sixties. Bonbonfarben schillernde Clubs wechseln mit regennasser Londoner Tristesse. Clubs und Partys werden zum Spielplatz der High Society. Politische Prominenz lebte hier ihre geheimen Sehnsüchte aus, um dann von den Krays mit Fotos erpresst zu werden. Die Regierung schwieg, die Opposition schwieg, denn die belastenden Dokumente betrafen beide Parteien. „Legend” ist ein furioser Thriller, der das Blut in den Adern gefrieren lässt, aber zugleich auch komisch und ergreifend sein kann.

An den 35 Drehtagen, an denen Tom Hardy beide Rollen spielen musste, begann er immer mit dem Bruder, der in der Szene die meiste Zeit vor der Kamera stand. In der Regel war das Reggie. Wenn er die Szene abgedreht hatte, verschwand der Schauspieler in der Maske und kehrte als Ron zurück. Helgeland und sein Kameramann Dick Pope („Mr. Turner”, 2015) benutzten verschiedene Techniken. Wie man Zwillinge dreht, hat sich seit Haley Mills eine Doppelrolle in „Die Vermählung ihrer Eltern” (1961) spielte, im Prinzip kaum verändert. Die Split Screen ist der meistgenutzte Spezialeffekt. Manchmal setzte der Regisseur auch die wesentlich zeitaufwendigere Motion Control Kamera ein. Hardy nahm den Dialog als einer der Zwillinge auf, der ihm dann über Kopfhörer wieder vorgespielt wurde, wenn er nachmittags in die Rolle des anderen schlüpfte. In einigen wenigen Szenen wie dem chaotischen Boxkampf der beiden Krays wurde auch das sogenannte ‚face replacement’ angewendet. Eine Technik, bei der Stunt und Body-Double Jacob Tomuri möglichst genau die Körpersprache der Rolle treffen musste. Später ersetzten die Techniker sein Gesicht durch das von Tom Hardy. „Das größte Problem waren die Dialoge,” so Helgeland. Sie klangen nur wirklich glaubhaft, wenn sie sich überlappten. Zum Glück bewies Hardy großes Talent, sich selbst ins Wort zu fallen.



Originaltitel: Legend
Regie: Brian Helgeland
Darsteller: Tom Hardy, Emily Browning, Paul Anderson
Produktionsland: Großbritannien, Frankreich, 2015
Länge: 131 Minuten
Verleih: StudioCanal Deutschland
Kinostart: 7. Januar 2016

Fotos & Trailer: Copyright StudioCanal

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