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Film

„Broadway Therapy”.- Die Muse und das Eichhörnchen

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(293 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Anna Grillet  -  Donnerstag, den 13. August 2015 um 11:38 Uhr
„Broadway Therapy”.- Die Muse und das Eichhörnchen 5.0 out of 5 based on 293 votes.
Broadway Therapy Film Trailer

Nach dreizehn Jahren kehrt Kultregisseur Peter Bogdanovich endlich wieder auf die Leinwand zurück: „Broadway Therapy” ist eine turbulent romantische Beziehungskomödie. Bezaubernde Hommage an Ernst Lubitsch und das goldene Zeitalter Hollywoods.

 
Izzy Finkelstein aus Brooklyn (Imogen Poots) arbeitet gelegentlich als Escort-Girl, natürlich nur solange bis es mit der Schauspielerei klappt. Noch wohnt sie bei den Eltern, aber eigentlich lebt Izzy fern vom häuslichen Prekariat  in einer anderen Welt: den Schwarz-Weiß Filmen der Dreißiger und Vierziger Jahre.
Sie schwelgt in rosaroten Träumen von der Zukunft. „Heaven, I’m in Heaven”, die beschwingte Melodie, zu der Fred Astaire zusammen mit Ginger Rogers in „Top Hat” (1935) übers Parkett schwebten, stimmt den Zuschauer ein. Das burschikose hübsche Mädchen glaubt an die Magie des Zufalls, dass auch sie irgendwann eindeckt werden wird wie einst Lana Turner bei einer Coke im Drugstore.
 
An diesem Abend hat sie einen ganz besonderen Kunden. Um wen es sich handelt, ahnt Izzy nicht. Für solche Anlässe benützt man tunlichst falsche Namen. Statt das Callgirl nur für ein oder zwei Stunde zu buchen, lädt der berühmte Regisseur Arnold Albertson (Owen Wilson) sie zum Dinner ein, gefolgt von einer Kutschfahrt durch den Park und offensichtlich großartigem Sex. Zwischen den Kissenbergen des plüschigen Grandhotelbetts erzählt Izzy dem galanten Freier von ihren Plänen und Zweifeln, dem Vater, der nur lamentiert, kein Verständnis hat. Sie wirkt verwirrt, weiß im Grunde nicht, wo ihr Platz ist. Arnold schenkt dem verblüfften Mädchen 30.000 Dollar, damit es sich von nun an ausschließlich der Schauspielerei widmen kann. Nie mehr Escort, das muss Izzy ihm schwören. Was jene Szene unwiderstehlich macht, ist die Art und Weise, wie der reizende Wohltäter (und untreue Ehemann) argumentiert: „Wo gehörst du hin? Wo immer du glücklich bist. Da und nur da ist dein Platz und das kannst du am besten beurteilen. Im Central Park zum Beispiel da füttern manche gerne die Eichhörnchen mit Nüssen, aber wenn jemand Spaß daran hat, die Nüsse mit Eichhörnchen zu füttern, warum denn nicht, wenn es ihn glücklich macht?“ Cineasten erkennen das wundervolle Lubitsch-Zitat aus „Cluny Brown” (1946): „...But if it makes you happy to feed squirrels to the nuts, who am I to say nuts to the squirrels?”.
 
An so eine ironisch überdrehte Geschichte mit Retro-Touch können sich eigentlich nur zwei Filmemacher wagen: Woody Allen und eben Peter Bogdanovich. Er gehörte in den frühen Siebzigern, als er „The Last Picture Show”, „Is’ was, Doc?” und „Paper Moon” drehte, zu den spannendsten Regisseuren Amerikas genau wie Francis Ford Coppola oder Martin Scorsese. Manche verglichen ihn mit seinem Freund und Vorbild, Orson Welles. Aber irgendwann floppten die Filme. Doch weder Bankrott noch Skandale konnten den Nimbus des legendären Regisseurs  zerstören. 1980 verliebte er sich während der Dreharbeiten zu „They all laughed” in Playmate und Schauspielerin Dorothy Stratten, die sich gerade von ihrem Ehemann, dem Zuhälter und Promoter Paul Snider, getrennt hatte.  Noch bevor der Film in die Kinos kam, wurde sie von Snider ermordet. 1988 heiratete Bogdanovich Dorothys jüngere Schwester Louise. Mit ihr zusammen schrieb er auch vor 15 Jahren das Script für „Broadway Therapy”. Es kriselte zu dem Zeitpunkt in der Ehe, deshalb entschieden sich die beiden für eine Komödie, „um uns damit etwas aufzuheitern”. Man trennte sich trotzdem 2001.
 
Unglücklicherweise überrascht Hollywood Star Seth Gilbert (Rhys Ifans) Izzy und Albert beim Abschied auf dem Hotelflur. Den nächsten Tag am Flughafen wartet der Regisseur auf Ehefrau Delta (Kathyrn Hahn) und die Kinder. Dabei trifft er auf eine der vielen Vorgängerinnen von Izzy, die ihn begeistert begrüßt. Absolut der falsche Moment für lautstarke Sympathiekundgebungen. Jede Frau in Alberts Leben hält sich für etwas Einzigartiges, das glaubhaft zu vermitteln ist wahrlich ein besonderes Talent. Die Lubitsch-Anekdote plus Prämie ist für den Regisseur längst zur Routine geworden, aber es bereitet ihm jedes Mal von Neuem eine ungeheure Befriedigung, die Callgirls aus ihrem tristen Dasein zu befreien genauso wie mit ihnen zusammen zu sein. Einmal und nie wieder. Die erste Probe seines neuen Broadway-Stücks beginnt, Gattin Delta spielt die Hauptrolle, Seth flirtet heftig mit ihr. Autor Joshua Fleet (Will Forte) ist derweil noch etwas verschreckt vom letzten Streit mit seiner Freundin Jane (Jennifer Aniston), einer sehr dominanten wie aggressiven Psychotherapeutin. Da steht plötzlich Izzy im Theater. Ihre Agentin hat sie zu dem Vorsprechtermin geschickt. Dank dem Ratschlag von Jane nennt sie sich jetzt Isabelle Patterson. Der verdutzte Albert kann sein Entsetzen über das unerwünschte Wiedersehen nur schwer verbergen. Auch das einstige Objekt seiner Begierde würde am liebsten im Boden versinken. Die Rolle, um die es geht: ein Callgirl. Doch schon nach wenigen Minuten sind alle Anwesenden mit Ausnahme des Regisseurs hingerissen von dem Talent der jungen Schauspielerin. Insbesondere Delta.
 
„Broadway Therapy” ist eine zauberhafte klassische Screwball Comedy mit den genretypischen Gegensätzen zwischen Reich und Arm, Gebildet und Ungebildet, Mann und Frau. Auf Wunsch von Owen Wilson mit wenig Slapstick aber aberwitzigen Dialogen und ungeheurem Tempo. Das kunstvoll strategische Geflecht aus romantischen Verwicklungen und prosaischen Verwechslungen mutiert zu einem kleinen ironischen Wunderwerk. Bei Bogdanovich wie schon im 19. Jahrhundert bei Georges Feydeau dreht sich alles immer wieder um die bürgerliche Doppelmoral. New York ist hier mehr Fiktion als Realität. Die Acht-Millionen-Stadt schrumpft auf die Größe eines Dorfes. Die Wege der Akteure kreuzen sich permanent, alle gehen in dasselbe Restaurant, schlafen in demselben Luxushotel, flüchten zu demselben Psychotherapeuten, spielen in demselben Theaterstück. Irgendwie scheint jeder mit jedem verwandt, befreundet, liiert (oder wäre es gern), trennt sich oder verliebt sich grade. Die Geheimnisse und Lügengebilde zerplatzen wie Seifenblasen. Täter und Opfer lassen ihren Gefühlen freien Lauf, wechseln flugs die Rollen, streiten, kreischen, prügeln, bringen sich in immer verzwicktere Situationen, während der Zuschauer darauf lauert, wie sie sich wohl dieses Mal wieder rausreden. Ein ungeniert altmodischer Film, amüsant, hintergründig, albern und klug. So etwas gelingt nur einem Bogdanovich, man spürt bei ihm ähnlich wie bei Howard Hawks und Frank Capra ein tiefes Verständnis für die, vom Schicksal Benachteiligten. Ebenso wie eine unendliche Bewunderung für jene, die nicht aufgeben zu träumen.
 
Izzy ist nicht nur der Auslöser für all das Chaos sondern auch irgendwie das Alter Ego des heute 76jährigen Regisseurs und Autors. Sie liebt das Kino der Dreißiger und Vierziger Jahre mit jener Hingabe wie auch er es tut. Bogdanovich schrieb Filmkritiken für den Esquire, Bücher über Orson Welles, Howard Hawks, Alfred Hitchcock, John Ford und Fritz Lang, nur um einige zu nennen, organisierte Retrospektiven im MoMA. Erst 1968 folgte er dem Beispiel der Cahiers du Cinéma Kritiker, Francois Truffaut, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Éric Rohmer, und begann Filme zu drehen. Izzy mit dem burschikosen Charme eines Tollpatschs erobert Männerherzen im Sturm. Ihre Natürlichkeit, Aufrichtigkeit, dieser etwas jungenhafte Gang, herrlich unelegant, ist entwaffnend. Sie hat eine ganz besondere linkische Art sich umzudrehen, uns anzuschauen, erstaunt ohne jede Koketterie. Die Geschichte wird in Rückblicken erzählt, von Anfang an ist klar, dass Izzy/Isabelle den Durchbruch als erfolgreiche Schauspielerin geschafft hat. Sie wird interviewt von einer sauertöpfischen Journalistin, die wenig von der Magie des Zufalls oder Wundern hält, sondern eher auf ein paar schlüpfrige Details aus zu sein scheint. Doch Izzy sieht sich nicht als Escort sondern als Muse. Ungerührt schwärmt die Schauspielerin ausführlich weiter von den Stars ihrer Lieblingsfilme, Lauren Bacall, Humphrey Bogart, Audrey Hepburn. Mit der rührenden Loyalität der Arbeiterklasse schildert sie ihr Dasein in den heimischen vier Wänden. Voller Stolz erzählt sie von Dad, dem wirrköpfigen Erfinder und Mum, die einmal sogar Beauty Queen wurde, eigentlich nur weil Dad den Konkurrentinnen etwas Fieses auf die Sandwichs schmierte, so dass sie alle aufgeben mussten. Diese Welt mag Außenstehenden armselig erscheinen, aber wie in Woody Allens „Purple Rose of Cairo (1985) besitzt das Kino genug Macht, die Realität außer Kraft setzen. Alles wird möglich, selbst dass der Protagonist die Leinwand verlässt und sich in eine Zuschauerin verliebt.
 
Imogen Poots als Izzy erinnert entfernt an Greta Gerwig in „Frances Ha”, jene Mischung aus Selbstzweifel, Hoffnung, Naivität und absurder Zuversicht, die aus der Protagonistin die geborene Tagträumerin macht. Ihre kindliche Ernsthaftigkeit hat einen umwerfenden Charme. Den tragisch-komischen Selbstfindungstrip seiner kuriosen Heldin inszenierte Regisseur Noah Baumbach damals in melancholischem Schwarz-Weiß, ein Hommage an Jean-Luc Godard und Woody Allen. Also nicht erstaunlich, dass er und Wes Anderson ihre Unterstützung anboten und als ausführende Produzenten ins Team einstiegen. „Die beiden sind Fans von mir und ich bin ein Fan von ihnen”, erzählt Bogdanovich. „Unser Verhältnis ist sehr herzlich: Sie sagen Paps zu mir und ich nenne sie meine Söhne, Sohn Noah und Sohn Wes. Beide waren unglaublich hilfreich, um dieses Projekt zu realisieren. Ihnen verdanke ich Owen Wilson und Jennifer Aniston”. Eigentlich wollte der Regisseur, dass Aniston die betrogene Ehefrau spielt. Aber dazu verspürte die Schauspielerin keinerlei Lust, in der Hinsicht haben Brad Pitt und Angelina Jolie ihr gereicht, sie wählte die Rolle der bösartigen Therapeutin Jane mit einem deutschen Schäferhund an ihrer Seite. Unfreundlich wie unfähig gleichermaßen vertritt sie vorübergehend ihre Mutter, die in einer Reha mit schweren Alkoholproblemen kämpft. Jemand der so unsympathisch ist wie Jane, hat nicht unsere Bewunderung aber die volle Aufmerksamkeit. Aniston brilliert als Stadtneurotikerin, stoisch wütend auf sich und den Rest der Welt. Eine böse Anspielung auf die erfolgreichen Karrierefrauen der Metropole. Jane ist zutiefst davon überzeugt, Psychotherapie solle funktionieren „wie eine Schweizer Uhr”, wer möchte da widersprechen. Doch selbst sie findet überraschend ihr Lebensglück.  Die beste Partie macht, wie zu erwarten Izzy/Isabelle: Quentin Tarantino! Das Eichhörnchen, selbst als Plüschtier (auf dem Foto noch in der Tüte), verursacht am Ende schlimmste Turbulenzen.


Originaltitel: She ‘s Funny That Way  
Regie:  Peter Bogdanovich  
Darsteller: Owen Wilson, Imogen Poots, Jennifer Aniston, Rhys Ifans, Kathryn Hahn, Austin Pendleton, George Morfogen, Quentin Tarantino  
Produktionsland: USA, 2014   
Länge: 93 Minuten  
Verleih: Wild Bunch Germany   
Kinostart: 20. August 2015

Fotos & Trailer: Copyright Wild Bunch Germany

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