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Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

„Techne, n.: eine Konvergenz von Kunst, Handwerk und Architektur“

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Donnerstag, den 10. Juli 2014 um 08:55 Uhr
„Techne, n.: eine Konvergenz von Kunst, Handwerk und Architektur“ 4.7 out of 5 based on 205 votes.
„Techne, n.: eine Konvergenz von Kunst, Handwerk und Architektur“

Das „Den Frie Utstillingsbygning“ in Kopenhagen gehört zu den aufsehenerregendsten Ausstellungsinstitutionen, das von Künstlern einst gegründet und immer noch bespielt und verwaltet wird.
Allein die Gründungsgeschichte, die Architektur, die Erweiterungen und die Ausstellungen würden ganze Kapitel füllen. Das „Den Frie“ – wie es liebevoll abgekürzt wird – bedeutet so viel wie „Das Freie Ausstellungshaus“. In einer Zeit als Europas Kunstinstitutionen damit beschäftigt sind, alleinig den etablierten künstlerischen Positionen Raum zu geben, bleiben die jungen, nachwachsenden Ideen von Wechsel und Wandel ausgeschlossen. Da liegt es auf der Hand eigene Institutionen zu gründen – geschehen im 19. Jahrhundert.

Was in Paris, Wien, Berlin, München und Hamburg unter dem Begriff „Secession“, den „Salon de Refusés“ und den „Salon des Indépendants“ hervorbringt findet auch in Kopenhagen ein leidenschaftliches Echo. 1891 machen Künstler sich ans Werk eine eigene, selbstorganisierte und zeitgenössische Ausstellungsinstitution zu gründen. Der Auftrag zur Planung und zum Bau des Ausstellungshauses geben diese dem Künstler und Architekten J.F. Willumsen. Willumsen ist bereits als 24jähriger ein weitgereister Mann, kennt sich aus mit Skulptur, Malerei und Grafik, arbeitet als Photograph, ist Kunstsammler, Kunsthistoriker und eben Architekt. Sein Entwurf orientiert sich an der damals in den skandinavischen Ländern präferierte Holzbauweise, das gespickt ist mit Jugendstil- und Art-Deco-Elementen, die übrigens bis heute noch im Original zu sehen sind. 1898 ist es dann soweit: das Gebäude ist fertig. Klar und eindeutig in der Form erlebt das „Den Frie“ Erweiterungsbauten bis ins Jahr 1954. Eine erfolgreiche Institution.

Besucherfreundlich ist das „Den Frie“, weil die Raumstrukturen klar und führend sind. Es gibt nicht einen Standpunkt, von dem man alles überblicken könnte, obwohl man das von dem einfachen quadratischen Grundriss annehmen könnte. Die Besucher müssen sich regelrecht von Raum zu Raum begeben, um sich der Gesamtheit zu vergegenwärtigen. Trotz der historisch-architektonisch starken Aussage eignet sich das Haus für zeitgenössische Ausstellungen in vollem Umfang. Künstler können darauf reagieren oder ihr etwas entgegensetzen – ignorieren allerdings können sie diese nicht.

Wie in jedem Jahr veranstaltet das „Den Frie“ eine Sommerausstellung. 2014 ist es eine, die vom Künstlerkollektiv KWY kuratiert wird. Die multidisziplinäre Plattform, mit Sitz in Berlin und mittlerweile auch in London, untersucht die Natur von Kollaborationen im Kontext eigens entwickelter Projekte. Ein Stamm von drei bis vier Künstlern arbeitet weltweit für das jeweilige Projekt mit unterschiedlichen Gastkünstlern, Architekten, Designern, Handwerkern, etc. zusammen. Ben Allen, Ricardo Gomes, Franziska Leuthäußer und James Bae sind KWY.

Für Kopenhagen haben drei der vier Künstler acht weitere dazu geladen und betiteln ihre Untersuchung: „techne, n.: A convergence between art, craftsmenship and architecture“. Techne ist ein altgriechischer Begriff, der bis heute für das Verständnis von Kunst, Wissenschaft und Technik bedeutend ist. Techne definiert die Unterscheidungslosigkeit von Kunst und Technik. Was so kühl, beschreibend und wissenschaftlich als Ausstellungstitel daher kommt, hat erstaunlich viel Sinnlichkeit zu bieten. Es gibt nicht nur eine sinnhafte Brücke zur Philosophie der Jugendstilkünstler, sondern insbesondere eine zum Begreifen der Fusion von Inhalt und Forum, von Geist und Material.

Jeder der sechs Ausstellungsräume hat seine ganz eigene Atmosphäre, Aussagekraft und Anmutung. Im zentralen, korridorartigen Raum sind, in natürlich selbst entworfenen „Miniateliers“, Arbeitsprozesse, Materialmuster, Text- und Skizzenbücher der einzelnen Gruppen mit den jeweiligen Themenschwerpunkten zu sehen – die „Butzen“ sind ein eigener Beitrag der schwedisch-deutschen Architektengruppe Hither Yon in Zusammenarbeit mit den beiden Italienern, die unter dem Mailänder Architekturlabel PioveneFabi firmieren.

Hat man die Eingangshalle betreten und das kleine unprätentiöse Vitrinenmodell „1:6“ von Asako Iwama und James Bae gesehen, steht der Besucher im ersten großen Raum „When horses had wings“. Auf gut 30 Sockeln haben Anders Hellsten Nissen (DK), Ben Allen (UK) und Ricardo Gomes (PT/DE) ein Sammelsurium von Pegasus-Figuren platziert. Ob Plastik oder hochwertiges Porzellan, alle Figuren und Sockel beziehen sich auf das Relief, das J.F. Willumsen außen über dem Eingangsportal anbringen ließ und einen Pegasus-Reiter zeigt, der einem grünen Sockel entspringt. Die Farbigkeit des Gebäudes ist symbolisch in den Raum transportiert und steht dafür, dass Fabrikation und Handwerk auch heute noch symbiotisch für Kunst und Architektur stehen.

Julian Stair (UK) hat in Gemeinschaftsarbeit mit KWY einen Raum geschaffen, der das Verhältnis von Keramikhandwerk und Architektur in Beziehung setzt. Dabei berufen sich die Künstler auf eine um 1930 von W.A. Thorpe verfasste Moderismus-Kritik mit dem Titel „Furniture is Structure...“
Stair positioniert Keramikurnen aus seiner „Columbarium“-Serie auf mauerartigen, grauen Bauelementen, die wiederum Bezug nehmen auf die Farbigkeit der „Den Frie“-Skulpturengalerie. Durch die unterschiedliche Präsentation auf Vorsprüngen, in Nischen und teilweise oberhalb des Sichtfeldes muss der Betrachter sich unweigerlich mit der Architektur und vorhandenen und nicht-vorhandenen räumlichen Situationen auseinandersetzen.

Über eine fragil aussehende Brücke kommen die Ausstellungsbesucher in den zentralen hinteren Raum. Sinnfälliger Weise heißt der „The Bridge“. Die Brücke ist das Produkt einer Kollaboration von Architekten, Ingenieuren und Handwerkern. Die Aufgabe war: Aus einem extrem dünnen Metall, das üblicherweise für den Bau von Gartenpforten und Zäunen verwendet wird, soll eine stabile Brücke konstruiert werden, die fünf Personen gleichzeitig hält und dem ästhetischen Anspruch der Künstler entspricht. Ihnen war die Leichtigkeitswirkung ebenso wichtig wie der Moiré-Effekt der unterschiedlich großen Muster in den Metallflächen.
Zu sehen sind des weiteren Modelle von vermeintlichen Gebäuden. Diese, von den KWY-Künstlern Allen, Gomes und Bae entworfenen Elemente, erinnern an Kenotaphe der französischen Revolutionsarchitekten Boullée und Ledoux. Auch hier sind die Architekten von Hither Yon wieder mit von der Partie.

Beeindruckend ist der Raum „Nur die Harten kommen in den Garten (dry landscape garden) von Jan Brüning (DE) und Gianna Ldermann (CH). Wie Stalagmite ragt scheinbar gewachsenes und grob-bepudertes Material aus dem Ausstellungsboden. Auch die beiden Künstler beziehen sich auf J.F. Willumsen und seine Zeichnungen eines angelegten Gartens mit Fontänen und Büschen. Die Formensprache erinnert sehr daran und sind nun, seit über 100 Jahren, wie eingefrorene Ideenrelikte erhalten worden.

„Reflected Roof“ von Jesper Carlsen (DK) und Akane Moriyama (JP) gehört zu den verblüffendsten Werken in der Ausstellung. Als ob die beiden Künstler die Form des Glasdaches mit einem großen semi-transparenten Stoff gespiegelt hätten, hängt das feine Gewebe in Zeltform von der Decke und bewegt sich unterschiedlich im Wind von 5 Ventilatoren, die aufgereiht nebeneinander auf dem Boden stehen. Sie lassen den Stoff zu einer sich ständig veränderbaren Skulptur werden. Je nach Schaltung der Windmaschinen modelliert sich die flüchtige Skulptur immer unterschiedlich ist mal geknautscht und eingedrückt, mal Schlauch und dann nichts weiter als amorphe Form.

 

Die kreative Zusammenarbeit der verschiedenen Künstler, Architekten und Handwerker, die einfühlsame Kombination aus Philosophie, Geschichte, Handwerk und Konstruktion machen die Ausstellung „techne, n.“ zu einem besonderen Erlebnis. Die Faszination liegt darin, dass alle Künstler sowohl die Historie des Ortes, die Räume als auch die Inhalte und zeitgenössischen Aspekte perfekt miteinander verbunden haben.


Die Ausstellung „techne, n.“ ist noch bis zum 3. August zu sehen im
Den Frie, Oslo Plads 1 in Kopenhagen Ø 2100, Dänemark.
Mit Werken von: Ben Allen (UK), James Bae (US), Jan Bünnig (DE), Jesper Carlsen (DK), Ricardo Gomes (PT/DE), Asako Iwama (JP/DE), Gianna Ledermann (CH), Akane Moriyama (JP/SE), Anders Hellsten Nissen (DK/DE), PioveneFabi (IT), Emma Sheldon (UK), Julian Stair (UK) and Hither Yon (US/DE).

Weitere Informationen:
Den Frie
KWY


Abbildungsnachweis: Alle Fotos: Claus Friede
Header: Blick in die Ausstellung. Raum „The Bridge“, Ben Allen, James Bae und Ricardo Gomes.
Galerie:
01. Das „Den Frie“-Gebäude im Winter. Foto: Den Frie
02. Blick in die Ausstellung. Raum „The Bridge“, Ben Allen, James Bae und Ricardo Gomes
03. Raum „When horses had wings“, Anders Hellsten Nissen mit KWY
04. Raum „Columbarium“, Julian Star und KWY
05. Raum "The Bridge", ben Allen, James Bae und Ricardo Gomes. Foto: Lior Zilberstein
06. Raum „The Bridge“ (Detail), Ben Allen, James Bae und Ricardo Gomes
07. Raum „The Bridge“ (Detail), Ben Allen, James Bae und Ricardo Gomes .
08. Raum „Nur die Harten kommen in den Garten“, (dry landscape garden) Jan Bünning und Gianna Ledermann
09. Raum „Reflected Roof“, Jasper Carlsen und Akane Moriyama
10. Raum „The sixth room“, Hither Yon und PioveneFabi.
Video: Claus Friede

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