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Bildende Kunst

Janine Gerber – ein Atelierbesuch

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Geschrieben von Christel Busch  -  Dienstag, den 01. April 2014 um 11:09 Uhr
Janine Gerber – ein Atelierbesuch 4.5 out of 5 based on 252 votes.
Janine Gerber – ein Atelierbesuch

Die Sonne fällt durch die großen Sprossenfenster des Ateliers in der ehemaligen Schmiede im schleswig-holsteinischen Klein Barnitz.
Sie tanzt auf dem Fußboden, reflektiert sich in den monochromen Malereien und den gerissenen, von der Decke hängenden weißen und schwarzen Papierbahnen. Ein Spiel von Farben, Licht und Schatten erfüllt den Raum.

Janine Gerber gehört mit ihrer Malerei und den großen Installationen aus Papier zu den interessantesten Künstlerinnen in Schleswig-Holstein. In Karl-Marx-Stadt geboren, absolviert sie ein Kunststudium in München und Berlin. Seit Januar 2010 lebt und arbeitet sie im nördlichsten Bundesland. In ihrem Atelier steht noch der alte Amboss, eine Erinnerung an die ehemalige Werkstatt. Heute riecht es hier nach Farben und Terpentin. Ein Sammelsurium von Farbtöpfen und Farbtuben, Pinseln und Spachteln steht herum, auf der Staffelei ein angefangenes Bild. An den Wänden hängen großformatige Ölgemälde: nonfigurativ und monochrom.

Monochrom? Nicht ganz, denn beim Herantreten an das Bild erkennt der Betrachter Formen und Strukturen. Der Blick tastet über die scheinbar einfarbige Bildfläche, die durch das einfallende Sonnenlicht an Konturen gewinnt. Erdfarbene Töne in grau, ocker oder grün – von der Künstlerin selbst als „unschöne Farben" bezeichnet – dominieren den Bildraum. Die mal matten, mal glänzenden Flächen bestehen aus mehreren Farbschichten. Schicht um Schicht trage sie Öle und Pigmente „nass in nass" auf, die Farben werden anschließend mit Rakeln, Bürsten oder kräftigem Pinselduktus bearbeitet, erzählt die Künstlerin. Dynamische Formen, Strukturen und Reliefs entstehen. Aus der Tiefe der Farbschichten drängen die einzelnen Farben an die Bildoberfläche, verändern sich bei wechselnden Lichtverhältnissen. Als Malgrund verwende sie Leinen und Jute, deren grobe Gewebestruktur mit den Farbschichten und dem Licht korrespondiere. „Mein Anliegen ist, eine physische Präsenz in der Farbe zu schaffen. Der Raum, der die Illusion einer Raumdarstellung oder einer Oberfläche birgt, soll fühlbar sein und das Licht ein Licht, das das Bild trägt" erklärt die 40-Jährige lächelnd ihre Malerei. „Ich empfinde Differenzierungen des natürlichen Lichteinflusses auf Oberflächen als spannend."

Unter dem Einfluss des Lichtes verändern sich nicht nur die Farbtöne der Malereien, sondern auch die ihrer Papierinstallationen. Mit Schnitten und Rissen öffnet Gerber die Flächen der Papierbahnen. Sie werden lichtdurchlässig, werfen Schatten auf den Fußboden. Je nach Tageslicht und Standort des Betrachters tanzen Lichtreflexe auf den unifarbenen Papieren, die von grau über gelb bis rot changieren. Räumlichkeit entsteht: Die sanft schwingenden Bahnen ähneln skulpturalen Objekten.

Für eine Ausstellung entwirft die Künstlerin ihre Papierarbeiten vor Ort. Sie lässt sich vorher von der Atmosphäre des Raumes inspirieren, den wechselnden Nuancen des Tageslichtes sowie dem Standort der Betrachter. Papier ist für sie bildhauerisches Material. Von der Decke hängend, auf dem Boden stehend oder ineinander verschlungen gerollt, formt sie Papierbahnen zu dreidimensionalen Skulpturen.

Nach der Wende verlässt sie ihre Heimatstadt Karl-Marx-Stadt, berichtet die Künstlerin mit den langen braunen Haaren. München lockt. Sie studiert zunächst Betriebswirtschaft, arbeitet bei einer Münchner Firma und malt in ihrer Freizeit. Ende 1999, sie ist 25 Jahre alt, gibt sie ihren Beruf auf, bewirbt sich an der Akademie der Bildenden Künste in München und wird bei Jerry Zeniuk aufgenommen. Zwei Jahre später verlässt sie München wieder, zieht nach Berlin. Aus privaten Gründen, erklärt sie schmunzelnd. An der Kunsthochschule Berlin-Weißensee macht sie ihr Diplom bei Werner Liebmann und Katharina Grosse und arbeitet seitdem als freischaffende Künstlerin. Eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereut. Auch wenn sie von ihrer Kunst nicht leben kann und sich mit Nebenjobs über Wasser hält.

Aber warum hat sie dem Großstadtleben den Rücken gekehrt, ist 2010 nach Klein Barnitz gezogen, einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein? Sie liebe das dörfliche Leben, die Weite der Landschaft, die intensiven Farben der blühenden Rapsfelder oder das satte Grün der Felder und Wälder. Nach ihren Aufenthalten in München und Berlin empfinde sie das Licht in Schleswig-Holstein als etwas besonderes, es sei flirrender und härter. In den Großstädten dagegen sei das Licht diffuser. Deshalb habe sie zunächst in ihrer Malerei vorwiegend Grauabstufungen und eher erdige Farbtöne bevorzugt. „Ich habe jetzt mehr das Bedürfnis nach hellen Farben, die jedoch immer gemischt und nie rein sind. Mein Farbgefühl orientiert sich an der Natur. Meine Arbeiten sind ein Spiel von Farben, Licht und Schatten."

Einige Titel ihrer Malereien und Papierinstallationen klingen rätselhaft. Sind es Erinnerungen an erlebte Situationen? „Ja, ich denke bei den Bildtiteln fast immer an eine spezifische Situation", sagt sie. "Ich beobachte meine Umwelt sehr genau, mache Skizzen oder Schwarz-Weiß-Fotos von interessanten Situationen, die sich nicht nur aus visuellen Komponenten zusammensetzen. Mich interessiert der Raum, den die Figur beschreibt, der Klang von etwas, das Licht, dass sich vorsichtig zwischen Flächen und Kanten schält. Die Bildtitel nutze ich auch, da ich die Poesie von Worten mag und es dem Betrachter überlasse, eigene Assoziationen durch die Titel zu zulassen. Zum Beispiel beschreibt „Die Wagentür schiebt sich nach links" einen Mann, der etwas in seinen VW-Bus lädt. Bei „Die Tür der Kajüte klappt" öffnet sich beim Schaukeln des Schiffes die Tür zum Barkassenführer. Der Titel „Er neigt sich zurück. Das Licht fällt auf seinen Kragen" entsteht, als ich einen Mann in einem Café beobachte. Ich mochte es, wie er dasitzt, sich beim Reden zum Gesprächspartner bewegt". Sie lacht und streicht eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Allerdings entstehen die Titel der Arbeiten erst, wenn das Bild fertig sei, räumt sie ein.

Ein Leben ohne künstlerische Arbeit ist für sie undenkbar, aber es gibt auch ein Leben neben der Kunst: sie liest gern – ihr Lieblingsbuch ist „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust, besucht Kunstausstellungen, liebt lange Spaziergänge und Fahrradtouren durch die schleswig-holsteinische Landschaft, trifft sich mit Freunden.

Janine Gerber war auf zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland, China und Japan vertreten. Sie war Stipendiatin der GEDOK Schleswig-Holstein, erhielt das Brückenwächter-Residenzstipendium für Künstler und Wissenschaftler in Stúrovo, Slowakei sowie 2013 den Jahresschaupreis der Gemeinschaft Lübecker Künstler e.V.

Janine Gerber wohnt in der Schmiede, Klein Barnitz 12 a, 23858 Barnitz (Schleswig-Holstein). Ein Atelierbesuch ist nach vorheriger Anmeldung möglich.
www.janinegerber.de


Abbildungsnachweis: Alle © Janine Gerber
Header: Blick ins Atelier, 2014
Galerie:
01. Janine Gerber, 2011 in der FFactory. Foto: A. M. Bernard
02. o.T. 2013, Tusche auf Aquarellpapier, je 40x30 cm
03. o.T. 2014, Tusche auf Aquarellpapier, je 24x18 cm
04. Ausstellung in der Stiftung Landdrostei, Pinneberg, 2012, Foto: MIO Qoos
05. „Die Wagentür schiebt sich nach links." 2011, Öl auf Baumwolle, 145x170 cm, Atelieraufnahme
06. Ausstellung in Kiel, 2010
07. "Sie beschrieb", 2009, Öl auf Leinen, 160x130 cm. Kunstverein chez Linda, Hamburg, 2010
08. o.T. 2014, Tusche auf Aquarellpapier, 30x40 cm.

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