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Bildende Kunst

Frank Stella. Retrospektive.

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Geschrieben von Wilfried Dürkoop  -  Donnerstag, den 13. September 2012 um 10:15 Uhr
Frank Stella. Retrospektive. 4.5 out of 5 based on 183 votes.
Frank Stella. Retrospektive.

Das Kunstmuseum Wolfsburg hat dem amerikanischen Maler und Plastiker Frank Stella eine Retrospektive mit mehr als 60 großformatigen Gemälden, Reliefs, Skulpturen und Architekturmodellen sowie gut 80 Zeichnungen aus den Jahren von 1958 bis 2012 eingerichtet, die der Meister selbst arrangierte.
Frank Stella, Jahrgang 1936, reicht herüber aus der großen Zeit der amerikanischen Malerei in den ersten beiden Dezennien nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit seinen „Black Paintings“ trat er 1959 erstmals an die Öffentlichkeit; sie gelten als Reaktion auf die Überväter seiner Generation, Barnett Newman und Mark Rothko. Ihnen ist eine starke Emotionalität Eigen, zweifellos auch aufgrund ihrer tiefen Schwärze, vor allem aber aufgrund ihrer leise vibrierenden Linien, die der Künstler nicht 'gezogen' hat, sondern die im Negativverfahren – durch Aussparen bei der schwarzen Streifenbemalung – entstanden sind. Diese Sparsamkeit der Bildmittel führte dazu, dass Stella oft zur Minimal Art gezählt wurde – in Anbetracht des späteren Werkes offenbar zu Unrecht.


Die verschiedenen Phasen seines Werkes nennt der Künstler „Series“ - die Zählung ist heute bei 36 angekommen. In seiner Anfang der 60er Jahre entstandenen „Protractor Series“ bilden gleich breite parallele, farbige Streifen, angeordnet in Kreissegmenten, geometrische Formen. Für die Farben und die gegenseitige Durchdringung von Kreisen entwickelte der Künstler eigens eine Systematik. Gleichwohl war ihm das Malen wichtiger als theoretische Konzepte. „Ich übersetze keine Ideen“, sagte er einmal. „Wenn ich ein Bild male, male ich wirklich ein Bild. Das Konzept hat für mich nichts Erregendes. Ich liebe das Malen selbst.“
 

Stellas erster Schritt vom Tafelbild in den Raum war seine „Polish Village Series“, für die er sich von einem Buch über die von Deutschen in Polen zerstörten Synagogen anregen ließ. Der Künstler arbeitete dabei mit Formen des Kubismus und des russischen Kontruktivismus und applizierte Filz, Sperrholz oder Pappe ineinander verschachtelt auf Karton. Die Materalien waren verschieden dick und ergaben Reliefs – sie können als eine frühe Vorwegnahme seiner dreidimensionalen Objekte gelten. Stella spricht allerdings lieber von „2,7-dimensional. Das ist ein guter Aufenthaltsort“.
 Im Wolfsburger Museum, dessen großzügig gestalteten hohen Hallen geradezu geschaffen sind für die Kunst Stellas, dominieren neben riesigen Gemälden raumgreifende Assemblagen aus Aluminium, Carbonfaser, Edelstahl, Stoff, Sperrholz oder Leichtschaumplatten. Mit solchen Materalien biegt oder dreht der Meister wunderbare Formen, setzt Dreiecke, Balken, Rohre oder Trapeze ein, lässt Bogen oder Kreise sich überschneiden. In diesen irrwitzigen Materialkompositionen scheinen dynamische Kräfte und Gegenkräfte am Werk zu sein, scheinen Kämpfe ausgefochten zu werden zwischen Flächigkeit und Körperhaftigkeit. Manche Gebilde, die zuweilen in grellen, fluoreszierenden Farben gehalten sind, wirken heiter und leicht, geradezu schwebend.
 Die kühn in Szene gesetzten Werke sind, obwohl sie von der Wand weit in den Raum ragen, dem Meister „Paintings“: „Es sind Bilder, die wie ein Bild funktionieren. Sie schweben, Skulpturen schweben nicht. Man betrachtet sie, wie man Bilder betrachtet. Sie sind wie Bilder angelegt.“

Die großartige Ausstellung zeigt Stella als Entdeckungsreisenden neuer Formen von der puristischen Malerei zu ausufernden barocken Gestaltungen und als Schöpfer eines der bemerkenswerten Oeuvres der jüngeren Kunst.


Frank Stella. Retrospektive. Zu sehen bis 20. Januar 2013 im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, in 38440 Wolfsburg.

Der Katalog ist im HatjeCantz Verlag erschienen und kostet im Museum 42 Euro.
Weitere Informationen unter: www.kunstmuseum-wolfsburg.de


Fotonachweis:

Header: Installationsansicht Frank Stella - Die Retrospektive. Werke 1958-2012. Kunstmuseum Wolfsburg.
v. l. n. r.: Bene come il sale, 1987, Mischtechnik auf Aluminium, 238x227x157 cm, Sammlung Henkel. Isfahan, 1969, Öl auf Leinwand, 305x612x7,5 cm, Sammlung Henkel. The Grand Armada (IRS, No. 6, 1X), 1989, Bemaltes Aluminium, 315x186,5x99 cm, Fondation Beyeler, Riehen/Basel. Dawidgrodek II, 1971, Acryl auf Leinwand auf Holzrahmen, 274x208,5x9,3 cm, Lehmbruck Museum, Duisburg.
© VG Bild-Kunst Bonn, 2012, Foto: Marek Kruszewski.
Galerie:
01. "Lo sciocco senza paura", 1987, Mischtechnik und farbig geätztes Magnesium auf Aluminium, 266,7x215,3x163,2 cm. Sammlung Froehlich, Stuttgart. Foto: Marek Kruszewski © VG Bild-Kunst, Bonn 2012
02. "Effingham I", 1967, Acryl auf Leinwand, 327x335,5x10,1 cm. Sammlung Van Abbemuseum, Eindhoven, Niederlande. Foto: Peter Cox, Eindhoven, Niederlande © VG Bild-Kunst, Bonn 2012
03. "Ostropol III", 1973, Verschiedene Materialien auf Karton, 234x268x43 cm. Sammlung Henkel. Foto: Jack Richmond © VG Bild-Kunst, Bonn 2012
04. "Khurasan Gate I", 1968, Acryl auf Leinwand, 240x720x10 cm. Kunsthalle Bielefeld. Foto: von Uslar, Bielefeld © VG Bild-Kunst, Bonn 2012
05. "Measurement of the Whale's Skeleton", 1988, Mischtechnik auf Aluminium, 426x485x47 cm. SCHAUWERK Sindelfingen © VG Bild-Kunst, Bonn 2012
06. "Ifafa II", 1964, Metallpuder und Acryl auf Leinwand, 197x331,5x7,5 cm
Kunstmuseum Basel. Foto: Martin P. Bühler, Kunstmuseum Basel © VG Bild-Kunst, Bonn 2012
07. Blick in die Ausstellung Frank Stella – Die Retrospektive (08.09.2012 – 20.01.2013), Kunstmuseum Wolfsburg.
Links: The Grand Armada (IRS, No. 6, 1X), 1989, Bemaltes Aluminium, 315X186,5x99 cm, Fondation Beyeler, Riehen / Basel. Rechts: Mysterious Bird of Ulieta I, 1976, Lack, Öl und Glas auf Aluminium, 300x400x60 cm, Staatsgalerie Stuttgart. © VG Bild-Kunst Bonn, 2012, Foto: Marek Kruszewski.
08. Frank Stella. Foto: Erik Hesmerg

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