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Bildende Kunst

Vergessen und wiederentdeckt, der schwedische Impressionist Anders Zorn

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Geschrieben von Christel Busch  -  Donnerstag, den 19. Januar 2012 um 08:05 Uhr
Vergessen und wiederentdeckt, der schwedische Impressionist Anders Zorn 4.6 out of 5 based on 131 votes.
Vergessen und wiederentdeckt, der schwedische Impressionist Anders Zorn

Wie kommt es, dass der schwedische Maler, Grafiker und Bildhauer Anders Leonard Zorn (1860-1920) für Jahrzehnte aus dem Blickfeld der Kunstgeschichte verschwand?
Zu Lebzeiten als Jahrhundertgenie euphorisch gefeiert, gerät er ab den 1920er-Jahren außerhalb Schwedens zunehmend in Vergessenheit. Die Retrospektive „Der schwedische Impressionist Anders Zorn“ im Museum Behnhaus Drägerhaus in Lübeck versucht dieses Phänomen zu hinterfragen.

Die thematisch geordnete Ausstellung umfasst rund einhundert Exponate. Mal in Aquarell- mal in Öltechnik gemalt, geben sie einen Einblick in das facettenreiche Œuvre des Schweden: Landschafts- und Wasserbilder, Stadt- und Hafenansichten, Selbstbildnisse und Portraits des Adels und der Bourgeoisie, Genrebilder aus der ländlichen Heimat, weibliche Akte in bäuerlichen Wohnstuben sowie Akte oder Badende in freier Natur. Hinzu kommen Radierungen, deren Technik ein Novum in der zeitgenössischen Radierkunst ist.

Zorn, 1860 in Mora, einer Stadt in der mittelschwedischen Provinz Dalarna geboren, wächst in ärmlichen, bäuerlichen Verhältnissen auf. Eine kleine Erbschaft ermöglicht dem damals erst Fünfzehnjährigen ein Studium an der Königlichen Akademie der Freien Künste in Stockholm. Seine Leidenschaft gehört der Aquarellmalerei, die er bald in Perfektion beherrscht. „Als Zorn bei uns anfing, waren es nicht seine künstlerischen Neuerungen, die uns Mitstudenten erstaunten und beeindruckten, sondern die Tatsache, dass er einfach so gut, so verdammt gut war“, bemerkt ein Studienfreund später. Sein künstlerischer Durchbruch gelingt 1860 mit dem Aquarell „In Trauer“, ein kleines, ovales Porträt, welches eine junge Frau in Trauerkleidung, mit einem schwarzen Schleier vor dem melancholischen Gesicht zeigt. Aus Protest gegen den akademischen Lehrbetrieb, verlässt Zorn nach knapp sechs Jahren die Hochschule ohne Examen. Er bereist mit einem Malerfreund Frankreich, Italien, Spanien und London. Impressionen dieser Reise hält er in zahlreichen Aquarellen fest.

Mit zweiundzwanzig Jahren lässt er sich für drei Jahre in der englischen Hauptstadt nieder. Im Hinblick auf die von ihm angestrebte Karriere mietet er ein teures Atelier in der vornehmen Brook Street. „Jetzt hieß es Entweder-oder. Es galt sich durchzuschlagen oder zu verhungern“, lautet seine Überlebensstrategie. Quasi als Werbung in eigener Sache, entsteht ein kleinformatiges, auf Holz gemaltes Ölbild „Atelier in der Brook Street“, das Einblick in das vornehme Atelier und den vor und an der Wand platzierten Arbeiten gibt. Erste Erfolge stellen sich ein. Porträtiert er zunächst nur seine schwedischen Landsleute, weiß bald die englische Upperclass seine aquarellierten Porträts zu schätzen. Obwohl „Mary im Atelier“ eins seiner Frühwerke ist, fasziniert es durch den schwungvollen Duktus und die anmutige Darstellung der jungen Frau. In London wird Zorn von Axel Hermann Hägg (1835-1921), einem schwedischen Zeichner und Radierer, in die Radierkunst eingeführt, die später zu seiner Meisterdisziplin werden soll.

Verbrachte Zorn zuvor nur die Sommermonate in Schweden, kehrt er 1885 in seine Heimat zurück und heiratet seine große Liebe Emma Lamm. Während der Monate in Mora entstehen zahlreiche Aquarelle, die sein Lieblingsmotiv Wasser thematisieren. Von je her übte das Wasser auf ihn eine ungeheure Affinität aus, sei es das Mittelmeer, die Küsten des Atlantiks oder die schwedischen Seen und Schären. „Was mich, wie mir jetzt scheint, am meisten gelockt hat, waren das Spiel und die Spiegelungen des Wassers, es zu schaffen, dass es sich wirklich bewegt, d.h. die Wellen und alles in die richtige Perspektive zu setzen und mit minutiöser Schärfe alles wissenschaftlich zu erklären“, erzählt er in seinen Erinnerungen. In „Sommerfrische“ hat er diese Farb- und Lichtimpressionen eingefangen. Das am Horizont angedeutete felsige Ufer, der Mann im Ruderboot und die Frau auf dem Steg scheinen nur eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Die Wintermonate der Jahre 1887/88 verbringt das Paar in der englischen Künstlerkolonie St. Ives an der Küste Cornwalls. Inspiriert von seinem Künstlerkollegen James McNeill Wistler wendet sich Zorn der Ölmalerei zu. Auch diese neue Maltechnik beherrscht er virtuos, wie seine ersten Ölbilder „Emma Zorn, lesend“ und „Fischmarkt in St. Ives“ zeigen. Letzteres wird vom französischen Staat angekauft. „Mein Debüt in Öl war also ein sehr erfolgreiches“, vermerkt er später.

Im Herbst 1888 zieht das Ehepaar für acht Jahre nach Paris. Hier, im Mekka der aktuellen Kunstszene, knüpft es Kontakte zur künstlerischen Avantgarde wie Édouard Manet, Auguste Renoir oder Edgar Degas und Max Liebermann sowie dem amerikanischen Portraitisten Johan Singer Sagent. Es entsteht eins seiner schönsten Bilder: das Doppelportät „Die Fräulein Salomon“.
Die Beteiligung Japans an den Weltausstellungen 1867 und 1878 in Paris löst in Frankreich eine ungeheure Begeisterung für die japanischen Kunst und Kultur aus. Der Japonismus beeinflusst Mode, Möbel und Interieur. Asiatisch angehauchte Porträts malen zum Beispiel Claude Monet „La Japonaise“ (1876) und James McNeill Whistler „Die Prinzessin aus dem Porzellanland“ (1865). Auch Zorn greift in seinem Porträt die Japanmode auf. Doch im Gegensatz zu Monet und Whistler zeigt seine Komposition zwei junge Mädchen, die ganz offensichtlich Spaß an einer Art japanisch anmutender Verkleidung haben.

Nach seinen Erfolgen in Paris versucht Zorn den strategisch und finanziell wichtigen deutschen Kunstmarkt zu erobern. Eine Einladung von Alfred Lichtwark - seit 1886 neuer Direktor der Hamburger Kunsthalle - kommt daher zum richtigen Zeitpunkt, bot sich doch so die Möglichkeit in Deutschland bekannt zu werden. Lichtwark, der Zorns Arbeiten auf Pariser Ausstellungen kennen gelernt hat, plant eine kühne Reform: eine Galerie Hamburger Bilder. Im November 1891 erhält Zorn den Auftrag mehrere Aquarelle des Hamburger Hafens zu malen. „Es herrschte eine eisige Kälte dort draußen auf der Kaiserhöft, doch interessant, dieses schlammbraune Wasser, kleine und große Dampfer, Dampf, Ruß und Nebel zu malen“, erinnert er sich. Hatte er auf eine positive Resonanz der Hanseaten oder der Medien gehofft, sah er sich getäuscht. Das Bild „Hamburger Hafen“ soll fast zehn Jahre im Magazin verstauben. Auch mit der Bezahlung nimmt es der Museumsdirektor nicht so genau. Erst nach mehrfacher Mahnung, erhält der Künstler 1901 sein Honorar. Neun Jahre nach Lichtwarks Tod wird das Aquarell 1923 an das Stockholmer Nationalmuseum verkauft.

Trotz dieses Missgeschicks gelingt es dem Schweden sich peu à peu in der deutschen Kunstszene zu behaupten. Bereits 1891 und 1892 präsentiert er sehr erfolgreich Ölgemälde, Aquarelle und Radierungen auf der Münchner Jahresschau im Glaspalast. Dank der Protektion Liebermanns, der Zorn in die Berliner Gesellschaft einführt, beteiligt er sich ab den 1890er-Jahren an Ausstellungen in Berlin, Dresden, München, Hamburg und Wien. Seine Bilder erregen Aufsehen und werden gekauft. Der kometenhafte Aufstieg des Schweden als Porträtist, Genremaler und Radierer beginnt. Es sind vor allen Dingen seine druckgrafischen Werke, die dem Publikum gefallen. Sie zeigen eine ganz eigene, virtuose Schraffurtechnik: Zorn verzichtet auf Kreuzschraffuren und harte Umrisslinien. Es gibt nur parallel verlaufende Striche in unterschiedlicher Dichte, Intensität und Richtung, die seinen Radierungen Dynamik verleihen und Licht- und Schattenreflexe erzeugen. Für den Betrachter, jedoch, wird das scheinbar verhüllte Motiv erst aus einem gewissen Abstand erkennbar. Es sind vor allen Dingen prominente Persönlichkeiten „Augustus Saint Gaudens II“ sowie eigene Aquarelle und Ölgemälde, die der Künstler auf der Kupferplatte festhält.

An der Weltausstellung in Chicago 1893 nimmt Zorn als Leiter der Abteilung für schwedische Kunst teil. Es soll der internationale Höhepunkt seiner Künstlerkarriere werden. Seine Bilder machen ihn in Amerika schlagartig berühmt. Er avanciert zum Starporträtisten der amerikanischen High Society, die geradezu astronomische Honorare für ein Gemälde des Schweden zahlt. Zwischen 1893 und 1911 malt er auf seinen Amerikareisen rund 100 Portraits. Ein Mammutprogramm!

Auch wenn Zorn jahrelang im Ausland lebte und ständig auf Reisen war, fühlte er sich seiner schwedischen Heimat verbunden. 1896, mit sechsunddreißig Jahren kehren er und seine Frau nach Mora zurück. Seine innige Verbundenheit mit seinem Heimatland dokumentieren zahlreiche Genrebilder, die das bäuerliche Leben auf dem Lande widerspiegeln. Treffsicher und mit virtuosen Pinselstrichen illustriert er die Arbeit auf den Feldern, in den Backstuben oder Brauereien sowie die ländlichen Feste. Seine Landschaften mit den Seen und Wäldern oder die Akt- und Badeszenen sind in einer harmonischen Farb- und Bildsprache gehalten. Seine Komposition „Eine Premiere“ zeigt eine junge Frau in Rückenansicht, die ein nacktes Kind behutsam ins Wasser führt. Mit realistischer Detailtreue sind die Wellenbewegungen des grünlich schimmerndes Wassers gemalt. Das Sonnenlicht reflektiert sich auf den Wellen und taucht die nackten Körper in ein mattes Licht. Wohl das schönste Bild aus dem Sujet der Badenden ist „Sommerabend“. Als Rückenakt komponiert, steigt eine junge Frau über Steine zum Baden in einen See. Ihre rechte Hand sucht Halt an den felsigen Steinformationen. Der abendliche Sonnenschein spiegelt sich auf dem ruhigen Wassers des Sees. Licht, Wasser und der weibliche Körper verschmelzen zu einer farblichen Einheit. Die untergehende Sonne wirft Schattierungen in Blau, Violett und Gelbbraun auf Steine und Felswand. Als „die schönsten Triumphe in Zorns Schaffen“, bezeichnet Leistikow seine badenden Frauen, sie seien von Licht und Luft umstrahlt und von tausend goldenen, warmen und kühlen Reflexen bespült.
Beeindruckend ist das Porträt „Ein Toast in Idun“. Der Protagonist Harald Wieselgren ist Schriftsteller, Publizist und Sekretär der Idun-Gesellschaft, einer Loge in Stockholm. Seine füllige Gestalt mit der goldenen Uhrkette vorm Bauch dominiert das Bild. Ein Glas und eine Zigarre haltend, das bärtige Gesicht vom Alkohol leicht gerötet scheint er sein Publikum mit einer launigen Rede zu amüsieren. Aus dem hinteren Raum beobachten einige Logenmitglieder die Szene.

In den folgenden Jahren macht der Schwede eine beispiellose Karriere. Er ist kein armer Bohemien mehr, sondern einer der erfolgreichsten und wohlhabendsten schwedischen Künstler. Er ist auf dem Zenit seines Ruhms. Dementsprechend selbstbewusst präsentiert er sich in „Selbstporträt im Wolfspelz“, welches fünf Jahre vor seinem Tod entsteht. Im Alter von sechzig Jahren stirbt Zorn, von Krankheiten gezeichnet, 1920 in Mora. Das von ihm erbaute große Wohnhaus wird drei Jahre nach dem Tod seiner Frau 1939 in ein Museum umgewandelt und ist heute Teil der Museumsanlage Zornsamlingarna.

Wie konnte ein so großartiger und vielseitiger Künstler in Deutschland in Vergessenheit geraten?
Mit dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des Kaiserreiches verlor Zorn seine potentielle Käuferschaft. Vor allen Dingen die, welche zuvor seine Kunst goutiert hatten, begannen jetzt aus finanziellen Gründen seine Werke zu verkaufen. Viele Gemälde aus privaten und öffentlichen Sammlungen wurden dem schwedischen Kunsthandel zum Kauf angeboten. Hinzu kommt, dass der Kunstgeschmack sich verändert hatte. Zorn war nicht mehr modern. Der Expressionismus eroberte die Kunstszene. Während der Weimarer Republik, im Dritten Reich und im Nachkriegsdeutschland verschwand er aus dem Blickfeld der Kunstgeschichte. Erst in den letzten Jahrzehnten begann man sich seiner mit kleineren Ausstellungen zu erinnern.

Die hervorragende Ausstellung im Behnhaus Drägerhaus in Lübeck dürfte zur Renaissance des schwedischen Künstlers beitragen. Eine ideale Ergänzung der Sonderausstellung ist die Sammlung des Museums mit Arbeiten der Skandinavier Edvard Munch und Severin Krøyer sowie der deutschen Impressionisten Max Liebermann, Lovis Corinth, Maria Slavona, Gotthardt Kuehl oder Ulrich Hübner.


Museum Behnhaus Drägerhaus
Königstraße 9-11
23552 Lübeck
Ausstellungsdauer: bis 15. April 2012
Öffnungszeiten: 15.01.-15.04. | Di-So | 10-18 Uhr und vom 15.04.-31.12. | Di-So | 10-17 Uhr
www.museum-behnhaus-draegerhaus.de

Bildnachweis:
Header: Detail aus Anders Zorn: Emma Zorn, lesend, 1887, Öl/Lw., 40,2 x 60,6 cm, Zornmuseet, Mora. Foto: Patric Evinger
Galerie:
01. Selbstporträt im Wolfspelz, 1915, Öl/Lw., 90 x 58,5 cm, Zornmuseet, Mora. Foto: Patric Evinger
02. Emma Zorn, lesend, 1887, Öl/Lw., 40,2 x 60,6 cm, Zornmuseet, Mora. Foto: Patric Evinger
03. Die Fräulein Salomon, 1888, Aquarell, 101 x 68,8 cm, Zornmuseet, Mora
04. Hamburger Hafen, 1891, Aquarell, 46,5 x 67 cm, Nationalmuseum, Stockholm. Foto: Nationalmuseum, Stockholm
05. Augustus Saint Gaudens II, 1897, Radierung, 200 x 135 mm, Zornmuseet, Mora
06. Mitternacht, 1891, Öl/Lw., 69 x 103 cm, Zornmuseet, Mora
07. Tanz in der Gopsmorkate, 1914, Öl/Lw., 120 x 90 cm, Zornmuseet, Mora. Foto: Patric Evinger
08. Landschaftsstudie aus Mora, 1886, Aquarell, 30,3 x 18,9 cm, Nationalmuseum, Stockholm, Foto: Nationalmuseum, Stockholm
09. Eine Premiere, 1888, Gouache auf Papier, 76 x 56 cm, Nationalmuseum, Stockholm. Foto: Nationalmuseum, Stockholm
10. Sommerabend, 1894, Öl/Lw., 80 x 55 cm, Zornmuseet, Mora
11. Ein Toast in Idun, 1892, Öl/Lw., 89 x 81 cm, Nationalmuseum, Stockholm. Foto: Nationalmuseum, Stockholm
12. Markt in Mora, 1892, Öl auf Leinwand, 133 x 167,3 cm, Stadt Mora
13. Sommerfrische, 1886, Aquarell, 30,2 x 18,8 cm, Zornmuseet, Mora

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avatar heidemarie grobe
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Die Ausstellung in Lübeck war wunderbar, nun möchte ich für ein paar Tage die Künstlerkolonie in Mora besuchen. Wie am Besten ?
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