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Wünsche und Erinnerungen – Tibet Wochen in Barmstedt

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Dienstag, den 30. August 2011 um 14:41 Uhr
Wünsche und Erinnerungen – Tibet Wochen in Barmstedt 4.6 out of 5 based on 184 votes.
Wünsche und Erinnerungen – Tibet Wochen in Barmstedt - Sonam Dölma Brauen

Zum fünften Mal findet in der schleswig-holsteinischen Stadt Barmstedt ein kultureller Länderschwerpunkt statt. Nach Bulgarien, Kanada, Spanien und Südafrika wurden soeben die „Tibetischen Wochen“ eröffnet.
Was wie ein Fastfood-Motto klingt, entpuppt sich als einzigartiger Versuch, Tibet zeitgenössisch-künstlerisch darzustellen. „Erst vor ungefähr zwanzig Jahren hat sich in Tibet eine eigene moderne Kunstszene entwickelt“, schreibt Elke Hessel vom Tibethaus Deutschland im Vorwort des Katalogs.

Tibet war über Jahrhunderte ausschließlich geprägt von sakraler Kunst und hat sowohl in der Lyrik, in den bildenden und musikalischen Künsten alles dem festen Regelwerk der religiösen, traditionellen Darstellung und Komposition untergeordnet. Künstlerische Freiheiten im westlichen Sinn gab es kaum. Heute ist durch den chinesischen Einfluss, die Errichtung eines Fachbereichs „Kunst“ an der Tibet Universität im Jahr 1985 und durch Exiltibeter ein Humus entstanden, den man als zeitgenössisch und freiheitlich bezeichnen kann.

Eines der Hauptprobleme ist allerdings, dass ein großer Teil der Tibeter im Exil lebt und sich die Frage aufdrängt, wie kann sich eine Kultur ihrer Tradition besinnen ohne folkloristisch zu verdorren und gleichzeitig Zeitgenössisches hervorbringen, wenn viele tibetische Künstler rund um den Globus leben? Wie verändert (sich) die Exilkunst und in welchem Umfeld agiert sie und worauf reagiert diese?

Die Ausstellung in der Galerie Atelier III auf der Schlossinsel Rantzau in Barmstedt präsentiert Werke von drei Künstlern, die zwar alle in Tibet geboren wurden, aber längst in Deutschland, der Schweiz und den USA leben. So findet der Besucher bei den internationalen Themen und künstlerischen Ausdrucksmitteln und Techniken eine immense Bandbreite. Tibet ist als Thema zwar bei allen Künstlern präsent, aber bedingt durch das Exil kommen weitere, auch westlich orientierte Kommunikationskanäle hinzu.

Sonam Dolma Brauen zeigt Malerei und Installationen. Ihre Bilder nennt sie, in Anlehnung an die buddhistische Philosophie, illusionäre Erscheinungen. Sie wirken vergrößert, ausschnitthaft und fragmentarisch. Das, was im Bild zu sehen ist, scheint einer anderen, einer viel größeren Wirklichkeit zu entsprechen und schnell gewinnt man den Eindruck, dass mehr jenseits des Bildes liegt, als innerhalb. Sonam Dolma beschäftigt sich thematisch einerseits mit der politischen Situation ihrer Heimat Tibet und andererseits mit dem, wie sie sagt, „Machismo“ und seiner Beziehung zu Gewalt, Geld und Krieg. Ihr Kanon ist international, global und am Heute ausgerichtet. Ihr 2010 entstandenes Bild „Liu Xiaobo“, eine Reminiszenz an den in Haft sitzenden chinesischen Friedensnobelpreisträger, ist nur eines von vielen Werken, das das unmittelbare Zeitgeschehen sichtbar macht. Aber auch in dieser Tatsache sind ihre tibetische Tradition und ihre Wurzeln zu erkennen, denn ihr Blick auf die Welt und ihre Leiden an dieser, verleihen den Bildern eine enorme Kraft und Ausdrückstärke.
Seit einigen Jahren arbeitet sie auch dreidimensional, kreiert Objekte aus Ton und baut ganze Installationen. „My Fatherland’s Death“ besteht aus 49 im Quadrat aufgeschichteten Mönchsumhängen und Kleidern in den religiösen Farben gelborange und weinrot, die allesamt aus Tibet stammen. Sie bilden in ihrem Inneren erneut ein Quadrat an dessen Grund stupaförmige „Tsa Tsas“ aus Ton stehen. Diese weißen, religiösen Objekte oder Votiv-Gegenstände erinnern an Verstorbene und sind als Mahnmal für das 1950 wegen der chinesischen Invasion verloren gegangene Vaterland zu lesen.

Losang Gyatso verließ Tibet 1959 als Sechsjähriger und siedelte zunächst nach Indien um. Später führte ihn sein Weg über Großbritannien in die USA, wo er Kunst in San Francisco studierte. Seine Acrylbilder spielen mit der Ästhetik digitaler Kunst und beziehen sich stilistisch auf seine jahrelange Arbeit in der Werbebranche. In der Ausstellung ist ein Zyklus zu sehen, dessen Titel „Zeichen aus Tibet – Kloster Jokhang“ lautet. Seine gerasterten, gepunkteten und hart kontrastierten Schwarz-Weiß-Bilder zeigen schemenhaft Gesichter von Mönchen. Allerdings keine – wie man annehmen mag – in Meditation versunkene oder buddhistische Texte rezitierende, sondern leidende, wütende, ärgerliche und Schmerz verzerrte Gesichter. Es sind Mönche, die protestieren und randalieren, sich auflehnen und so gar nicht dem friedfertigen Bild entsprechen. Hintergrund dieser Reihe waren die Proteste und Ausschreitungen im Jahr 2008 im Kloster Jokhang, dem ältesten existierenden Heiligtum Lhasas, der Hauptstadt Tibets und an der großen Klosteruniversiät Labrang in Amdo. Beide Orte gehören zu den wichtigsten kulturellen Stätten Tibets. Wie aus dem Nichts und vor den Linsen der internationalen Presse kam es zu Protesten gegen die chinesische Einmischung in religiöse und kulturelle Fragen sowie in Erinnerung an den Jahrestag des 1959 niedergeschlagenen Aufstandes gegen die chinesische Fremdherrschaft.

Puntsok Tsering Duechung ist der jüngste der ausstellenden Künstler. Er wurde 1979 in Zentraltibet geboren und lernte nach seinem Schulabschluss in Lhasa bei einem der großen Meister traditionelle tibetische Malerei und Kalligraphie, später studierte er klassische Poesie und tibetische Literatur an der Universität von Lhasa. Seit 1998 lebt er in Deutschland. Er baut mit seinen Kunstwerken eine Brücke zwischen dem Gestern und Heute. Puntsoks Kalligraphien sind Form, Gestalt, Poesie, aber kein Ausdruck von Religion. „Dazu muss man wissen, dass die tibetische Schrift ein Symbol für den tibetischen Glauben darstellt“, sagte Martin Brauen, Kurator des Rubin Museums of Art in New York in seiner Einführungsrede.
Puntsok baute einen Raum der Wünsche in die Ausstellung. In der Mitte des Raumes steht auf einem Podest ein mit gelben und weißen Tüchern abgedeckter Sitz, als Symbol des „leeren Throns“ auf Tibets Pässen, umgeben von Gebetsfahnen an denen die Tibeter sich die Rückkehr das Dalai Lamas wünschen. Der Raum der Wünsche dient jedem Besucher als Ort die eigenen Wünsche äußern zu können. Am 15. September um 15 Uhr schreibt der Künstler in tibetischer Kalligraphie diese auf und installiert sie im Raum.

Die ganze Ausstellung basiert auf Wünschen und Erinnerungen. „Wünsche sind Erwartungen und diese wiederum basieren auf Erinnerungen. Erinnerungen an die Heimat, die verlassen werden musste, deren Kultur zugrunde zu gehen droht, an eine Heimat, in der noch immer großes Unrecht herrscht“, formulierte es Martin Brauen.


Tibetische Wochen, 27. August bis 9. Oktober 2011
Kunstausstellungen, Filmwoche, Vorträge, Begegnung
Galerie Atelier III
Schlossinsel Rantzau
25355 Barmstadt
www.galerie-atelier-3-barmstadt.de
Ein Katalog mit einem Grußwort des Dalai Lamas ist für 8 Euro erhältlich.

Fotonachweis:
Header: Sonam Dolma Brauen, Detail aus „My Fatherland’s Death“, 2010
Galerie:
01. Plakat der Tibetischen Wochen in Barmstedt
02. v.l.n.r.: Puntsok Tsering Duechung, Sonam Dolma Brauen, Martin Brauen. Foto: © Helga Pergande, 25355 Barmstedt
03. Tanz zur Eröffnungsveranstaltung. Foto: © Helga Pergande, 25355 Barmstedt
04. Yak-Tanz zur Eröffnung. Foto: © Claus Friede
05. Sonan Dolma Brauen o.T., 2010, Acryl auf Leinwand, 102x74 cm
06. Sonan Dolma Brauen „Liu Xiaobo“, 2010, Acryl auf Leinwand, 154x121 cm
07. Sonam Dolma in ihrem New Yorker Atelier
08. Puntsok Tsering Duechung, Kalligraphie
09. Puntsok Tsering Duechung, Raum der Wünsche
10.-12. Losang Gyatso, aus der Serie „Labrang“, Drucke auf Aluminium, 45x45 cm

Bei Kultur-Port.De finden Sie weitere Artikel zum Thema Tibet hier.
alt

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avatar Müller
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Sehr interessant!
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avatar David
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Sehenswerte Ausstellung! Danke für den informativen Artikel.
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