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Architektur

Alexander Beer - Architekt der Jüdischen Mädchenschule in Berlin

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Mittwoch, den 14. August 2013 um 09:18 Uhr
Alexander Beer - Architekt der Jüdischen Mädchenschule in Berlin 4.9 out of 5 based on 286 votes.
Alexander Beer - Architekt der Jüdischen Mädchenschule in Berlin

Bereits am Vormittag ist es drückend heiß in der Auguststraße in Berlin-Mitte. Der Autoverkehr schleppt sich nur langsam voran, die Straßencafés sind gut besucht.
Elegante Boutiquen, Shops und Galerien zeitgenössischer Kunst sind hier ansässig. Restaurierte Häuser aus der Gründerzeit, schicke Neubauten, aber auch morbide Hausfassaden prägen das Straßenbild. Ein langgestreckter Klinkerbau, in dessen Fensterscheiben und rotem Mauerwerk sich die Sonne spiegelt, unterbricht die Straßenfront. Der Bau ist die ehemalige Jüdische Mädchenschule, heute ein Kulturzentrum. Eine Gedenktafel an der Außenfront erinnert an den Erbauer des Gebäudes, Alexander Beer. Wer ist dieser in Vergessenheit geratene Architekt, der in den 1920er- und 30er-Jahren für die jüdische Gemeinde in Berlin als Baumeister tätig war?

Alexander Beer, am 10. September 1873 in Hammerstein, Westpreußen geboren, errichtete die Jüdische Mädchenschule in der Auguststraße 11-13 in den Jahren 1927 bis 1928. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 17 Jahre Leiter des Bauamtes der jüdischen Gemeinde Berlin. An den Technischen Hochschulen in Berlin und Darmstadt studierte er Architektur, war danach Regierungsbaumeister in Mainz, wo er für die Restaurierung von Staatsgebäuden und Denkmälern verantwortlich war und Pläne für Verwaltungsbauten entwarf. Im Juli 1910 zog er nach Berlin, fand eine Anstellung bei der jüdischen Gemeinde, für die er bis 1930 verschiedene Bauprojekte realisierte: die Orthodoxe Synagoge Fraenkelufer, die 1938 abgebrannte Synagoge in der Prinzregentenstraße, das Jüdische Waisenhaus Berlin-Pankow, das Kriegerdenkmal auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, das Altersheim in Berlin-Schmargendorf und, wie bereits erwähnt, die Mädchenschule.

Im August 1924 heiratete er Alice Fanny Davidson, Tochter des Möbelfabrikanten Julius Davidson und seiner Frau Rosa. Fünf Jahre später kam die Tochter Beate zur Welt. Die Familie bewohnte eine geräumige Wohnung im Blumeshof 15, eine heute nicht mehr existente Straße zwischen Lützowstraße und Landwehrkanal. Sie sei in einem wohlbehüteten Elternhaus aufgewachsen, erinnert sich die Tochter. Die Familie habe kein besonders jüdisches Leben geführt. "Wir hatten keine Mesusa, die Schriftkapsel am Türpfosten, und ab und an roch man schon mal das köstliche Aroma von Schinken und Wurst."

Am 1. November 1933 trat das Reichskulturkammer-Gesetz in Kraft, das allen jüdischen Architekten Berufsverbot erteilte und Juden, jüdischen Mischlinge und mit Juden Verheiratete aus der Reichskulturkammer ausschloss. Viele jüdische Architekten emigrierten daraufhin oder wurden später in Konzentrationslagern ermordet. Dieses Verbot betraf auch Alexander Beer. Von der jüdischen Gemeinde fortan nur mit kleineren Projekten betraut, war er für die Verwaltung der Bauten und Grundstücke verantwortlich. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 brannte die Synagoge in der Prinzregentenstraße bis auf die Grundmauern nieder. Beer, von den Nazis in dieser Nacht abgeholt, musste nicht nur dem Brand seiner Synagoge zusehen, sondern auch später die Trümmerteile beseitigen. "Ich sah am nächsten Morgen die Rauchschwaden aus ihren Ruinen aufsteigen", so die Tochter. Den Zweiten Weltkrieg und die Judendeportationen vorausahnend, brachten die Eltern ihr neunjähriges Kind in Sicherheit. Rechtzeitig vor Ausbruch des Krieges wurde es mit dem vorletzten Kindertransport nach England geschickt. "Wie die meisten Kindertransportkinder erwartete ich eine aufregende Abenteuerfahrt und dachte, Weihnachten wäre ich wieder zu Hause." Es kam jedoch anders. Beate sollte ihre Eltern nie wieder sehen. Die Kriegsjahre überlebte sie in einer Pflegefamilie in Bridgnorth. Der Kontakt zu ihren Eltern schlief immer mehr ein. "Wir wuchsen auf schmerzhafte Weise auseinander. Ich wurde immer britischer." Alice Beer starb 1941 an Krebs. Ihr Mann wurde am 15. März 1943 als Jude ausgebürgert, sein Vermögen, das " ... im Rahmen der Abschiebung durch Einbeziehung dem Reiche angefallen ist", beschlagnamt. Am 17. März deportierten die Nazis ihn unter der Nummer 11843 mit dem 4. Großen Alterstransport von Moabit in das Konzentrationslager Theresienstadt. Er starb dort am 8. Mai 1944.

Erst nach dem Krieg erfuhr Beate von dem Tod der Mutter und dem des Vaters in Theresienstadt. Die junge Frau wanderte mit 18 Jahren nach Sydney, Australien, aus, arbeitete dort als Sekretärin. 1962 heiratete sie Phillip Hammett, ihre beiden Kinder wurden 1963 und 1965 geboren.

Zurück zur Jüdischen Mädchenschule. Die Gemeinde besaß neben dem Kinderheim Ahawa, Auguststraße 14-15, ein großes Grundstück, das mit der Rückseite an die von Eduard Knoblauch errichtete Neue Synagoge in der Oranienburger Straße grenzte. Quasi als Kontrapart zu der historisierenden Straßenarchitektur, entwarf Beer ein Gebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit. Ein an Funktionalität und Zweckmäßigkeit orientierter Architekturstil, eine Abkehr vom Jugendstil und dem Historismus der Kaiserzeit. Der Grundriss ist L-förmig. Der Hauptflügel erstreckt sich zur Auguststraße, der Seitenflügel zur Hofseite. Im Eingangsbereich befindet sich das von Pfeilern getragene Haupttreppenhaus, im Seitenflügel ein Nebentreppenhaus. Der viergeschossige Bau gliedert sich in zwei Bereiche: den, die Frontlinie des Ahawa-Gebäudes aufnehmenden Seitenrisaliten mit großen, mehrteiligen Metallfenstern und einem seitlichen, mit aufgesetzten Staffelgeschoss zurückgesetzten Baukörper, dessen Horizontale durch einheitliche Fensterfronten und das rot-weiß gestreifte Eingangsportal betont wird. Eisenklinker verblenden die Fassaden. Ein Klinkerdekor umrahmt die Fensterflächen des unteren Geschosses und lockert die Fassadenfront auf. Im seitlichen Vorbau befanden sich im Erdgeschoss eine Turnhalle mit Geräteraum, Waschräumen und Duschen, im Obergeschoss die Aula. Die übrigen Räume nutzte man als Amts- und Lehrerzimmer, Bibliotheks- und Zeichenraum, Handarbeits- und Physikzimmer. Im Seitenflügel waren 14 Klassenzimmer, nach modernsten schulpädagogischen Erkenntnissen ausgestattet: Tische mit Stühlen, Schreibflächen an den Wänden, verschließbare Wandschränke mit Schiebetüren. Der Dachgarten diente den Kindern während der Pausen als Aufenthalt.

Wurden zu Beginn der 30er-Jahre über 400 Schülerinnen unter der Leitung ihrer Direktorin Johanna Kaphan unterrichtet, stieg nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und dem Verbot, dass jüdische Kinder keine öffentlichen Schulen mehr besuchen durften, die Schülerzahl sprunghaft an. Bereits 1938 hatte das Naziregime die Grundstücke in der Auguststraße 11-17 als "Sühneleistung" für den Novemberpogrom konfisziert. Johanna Kaphan gelang es 1939 mit einigen Mädchen nach Schweden zu emigrieren, wo sie und die Kinder den Naziterror überlebten. Das Schicksal anderer jüdischer Mädchen liegt im Dunkel der Geschichte. Im Juli 1942 wurde die Mädchenschule von den Nazis geschlossen. Sie diente bis zum Ende des Krieges als Lazarett. Die DDR nutzte das Haus als Polytechnische Oberschule "Bertolt Brecht". Nach der Wende erhielt die jüdische Gemeinde Häuser und Grundstücke zurück. Die ehemalige Mädchenschule stand rund zehn Jahre leer und rottete - aus finanzieller Not - vor sich hin. 2006 erwachte das Gebäude jedoch aus seinem Dornröschenschlaf. Unter dem Motto von „Von Mäusen und Menschen“ nutzte die 4. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst die Auguststraße und die ehemalige Schule als Kunstevent. Der morbide Charme des Hauses beeindruckte damals den Galeristen Michael Fuchs. Von der jüdischen Gemeinde mietete er 2011 das Haus für 30 Jahre, investierte rund fünf Millionen Euro in die Renovierung. Ein Haus für "Kunst und Esskultur" entstand, so Fuchs. Im Erdgeschoss befinden sich heute zwei Restaurants, in den Obergeschossen Kunstgalerien und das Kennedy-Museum.

Nach Betreten des Gebäudes empfängt den Besucher eine angenehme Kühle. Der Eingang ist mit türhohen rot-weiß-grünen Mosaiken gefliest. Das helle Foyer schmücken ebenfalls Mosaikfliesen an den Wänden und auf dem Fußboden. Ein moderner Fahrstuhl ist eingebaut. Die mit grau-weißen Majolika-Kacheln dekorierten Pfeiler reflektieren das Licht. Der Bodenbelag im Treppenaufgang zeigt noch Spuren der Vergangenheit. Dem Architektenteam Armand Grüntuch und Almut Ernst ist es gelungen, die originale Bausubstanz zu erhalten und die damalige Atmosphäre der Mädchenschule einzufangen. Dort, wo einst Kinderstimmen die Räume erfüllten, flanieren heute allerdings Restaurantgäste und kunstinteressierte Besucher.

Doch, wer von ihnen kennt schon die wechselvolle Geschichte der einstigen Jüdischen Mädchenschule und das tragische Schicksal ihres Architekten Alexander Beer?


Fotonachweis:
Header: Fassadenzeichnung der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule (Grüntuch Ernst Architekten)
Galerie:
01. Portrait Alexander Beer
02. Gedenktafel für Alexander Beer an der Fassade der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule. Foto: Christel Busch
03. Straßenfrontansicht. Foto: Christel Busch
04. Mosali im Eingangsbereich. Foto: Christel Busch
05. Treppenaufgang. Foto: Christel Busch
06. Rückwärtiger Seitenflügel. Foto: Christel Busch
07. Beate Hammett geb. Beer, Australien 2005. Foto: privat

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avatar Renate Rosenau
+3
 
 
Nach Abschluß des Studiums absolvierte er seine staatliche Ausbildung beim in dem Großherzoglichen Hochbauamt in Mainz mit Einsatzorten Mainz, Worms, Dieburg, Oppenheim usw. , nach Abschluss der Ausbildung war er am Neubau der Großherzoglichen Landesirrenanstalt Alzey (heute Rheinhessen-Fachklinik Alzey) und am Großherzogl. Gymnasium in Worms beteiligt, wofür er von der hess. Regierung eine Dank- und Ehrenurkundde bekam
Renate Rosenau, Alzey
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