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Musik

Die Organistin der Elphi: Frisch verliebt, aber noch beim respektvollen Siezen

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Montag, den 30. Januar 2017 um 10:00 Uhr
Die Organistin der Elphi: Frisch verliebt, aber noch beim respektvollen Siezen 4.5 out of 5 based on 82 votes.
Iveta Apkalna Foto Nils Vilnis

Iveta Apkalna (40) gilt als beste klassische Organistin. Sie spielt mit den größten Orchestern und Dirigenten, zeitgenössische Komponisten widmen ihr Werke.
Als erste Orgelspielerin gewann sie 2005 einen „ECHO Klassik“ als „Instrumentalistin des Jahres”, daneben diverse weitere hochrangige internationale Preise. Zudem schaffte sie es, mit ihrem offenen, freundlichen Auftreten auch außerhalb der Kirchen und Konzertsäle, neues Publikum für Orgelmusik zu interessieren. Jetzt ist sie zudem die Titularorganistin der Elbphilharmonie. Die Möglichkeiten der 4.765 Pfeifen in 69 Registern, mit einer Frequenz von 16 Hertz bis 15.600 Hertz, konnte Apkalna am 27. Januar beim ersten Orgelkonzert der Elbphilharmonie im Rahmen des Eröffnungsfestivals vorführen.

Florian Maaß traf sich mit Iveta Apkalna zu einem Gespräch.

Florian Maaß (FM): Wie sehen sie ihre Aufgabe als Titularorganistin der Elbphilharmonie?

Iveta Apkalna (IA): Zum Beispiel darin, was wir jetzt gerade tun: Mit Leuten über die Orgel zu sprechen. Ich soll dem Instrument ein Gesicht geben und eine Visitenkarte. Ich bin künstlerischer Leiter des Instruments, empfehle also, wer und was darauf gespielt wird. Ich bin auch verantwortlich dafür, dass das Instrument in gutem technischem Zustand ist, da ich aber nicht in Hamburg wohne, habe ich dafür zum Glück einen guten Assistenten und mir helfen mir auch zwei junge Organisten. Es geht nicht einfach darum, eine tolle Orgel hinzustellen und jetzt wird darauf gespielt. Die Orgel soll sich unterscheiden, es geht darum, wie sie sich präsentieren soll. Daher ist es wichtig, wer eingeladen wird, auf ihr zu spielen und dafür mache ich der Elbphilharmonie meine Vorschläge. Ich hoffe, dass auch ganz viele Komponisten eigens für die Orgel Auftragswerke komponieren und mein Traum ist, dass daraus nach zehn, fünfzehn Jahren ein Elbphilharmonie-Orgel-Repertoire entsteht.

FM: Sie begannen das Konzert mit einem Stück des langjährigen Rigaer Dom-Organisten Aivars Kalējs, was war ausschlaggebend dafür?

IA: Ich schätze Aivars Kalējs als Komponist und Organist sehr und darf sagen, dass wir inzwischen auch Freunde sind. Aber ich habe dieses Stück gewählt, weil es die Orgel am besten in 4,5 Minuten präsentiert. Es ging ja bei diesem Konzert in erster Linie darum, die Orgel vorzustellen. Und dafür ist das Stück perfekt. Ich wollte in den ersten Minuten zeigen, was diese Orgel kann, in ihrer ganzen dynamischen Klangbreite von piano pianissimo bis forte fortissimo. Das Stück ist wie die Visitenkarte der Orgel. Und auch meine, ich wollte auch mich zeigen. Das Stück, das bin ich. Und die Zuschauer sollten natürlich einen guten Konzertabend haben.

FM: Als ich Sie zuletzt in Riga erleben konnte, spielten sie auch Stücke Ihrer Landsleute Eriks Esenvalds und Arturs Maskats. Sehen Sie sich als eine Art Botschafterin der lettischen Musikszene?

IA: Ich bin was die Musik betrifft, schon sehr patriotisch und spiele sehr gerne die Musik meines Landes. Dass das am besten passende Stück dann noch von einem lettischen Komponisten ist: Umso besser. Ich war sehr froh, dass mein Vorschlag akzeptiert wurde.
FM: Sie spielten auch eine Komposition von Sofija Gubaidulina (geboren 1931, in der Sowjetunion war ihre Musik trotz Protektion von Schostakowitsch und später Gidon Kremer verboten) „Hell und Dunkel“. Einerseits interessant, da sie seit einem Vierteljahrhundert in der Nähe Hamburgs wohnt, aber dem deutschen Publikum immer noch unbekannt ist...

IA: Richtig. Das ist auch ein Gedanke, sie beim Hamburger Publikum bekannter zu machen. Leider habe ich sie noch nie kennengelernt und ich fürchte sie kommt auch nicht zum Konzert. Die ursprüngliche Idee war sogar, ein Werk bei ihr in Auftrag zu geben. Aber leider ist sie wohl nicht mehr bei bester Gesundheit und hat in den letzten Jahren auch nicht mehr viel Neues komponiert. Ich spiele zum einen gerne Werke lebender Künstler und dann besonders gerne von Komponistinnen. Und das Stück „Hell und Dunkel“ passt sehr gut in die Dramaturgie des Konzerts.

FM: ...es ist auch ein sehr intensives Stück klassischer Moderne, mit flirrenden hohen Tönen, die sich schon mal in den Gehörgang fräsen. Ging es darum das Publikum einzunorden, von Beginn an zu fordern, mit dem reinen Schönklang-Klischee der Orgel zu brechen?

IA: Viele Zuhörer sortieren die Orgel in die Schublade für polyphonen Schönklang, verbinden sie zuerst mit Choralspiel. Ich will zeigen, dass Orgelmusik viel mehr als das ist. Orgelmusik kann auch sehr perkussiv, rhythmisch sein. Und die Orgel hat ein größeres Tonspektrum, viel mehr hohe und tiefe Töne, als man das vielleicht vom Choralspiel kennt. Da wird ja meist die Mitte des Keyboards bespielt, die zweite und dritte Oktave. Gubaidulinas Werk hat mehr Frequenzen. Und damit meine ich nicht nur rein die Tonhöhe, sondern auch, was die Farbe betrifft und die Lautstärke von ganz leise bis ganz laut, aber auch stilistisch. Aber es geht nicht darum, unbedingt was anderes spielen zu wollen, als erwartet wird, sondern ich liebe diese Musik. Nach meinem letzten Rigaer Konzert hat mich jeder auf das Stück angesprochen, es ist beim Publikum hängen geblieben. Das freut mich, denn es ist streng genommen nicht mehr absolut zeitgenössisch, es wurde in meinem Geburtsjahr 1976 komponiert.

FM: Passt das Stück besonders gut zur Elbphilharmonie-Orgel?

IA: Die Elphi-Orgel kann alles. Sie klingt sehr rund und warm und hat eine unglaubliche dynamische Breite. Sie kann wunderbar mit einem Orchester zusammenspielen und ist dabei immer noch hörbar. Sie hat einen Klang, der einen umarmt, der aber auch sehr deutlich ist. In einer Kirche ist es oft so, dass einen der Orgelklang umarmt, aber man versteht nichts. Hier versteht man ganz klar jede Note, ich kann jedes einzelne Register sprechen lassen. Die Orgel ist auch sehr gut in den Saal eingewachsen. Es sieht gut zusammen aus und klingt auch genauso. Ich muss mir keine besonderen Gedanken machen, da weiß ich, ich kann alle meine künstlerischen Ideen verwirklichen. Ich kann alles spielen, ob Bach, Renaissance oder Moderne. Bei vielen Kirchenorgeln ist das anders. Da muss man das Programm um die Orgel bauen. Bei 69 Registern muss man sich natürlich sehr schmal halten, die Register klug wählen und mischen. Aber das können und wollen hervorragende Organisten- und wir hoffen, dass wir die besten in die Elbphilharmonie holen und es wird ein großer Spaß sie zu sehen und hören, auch, wenn sie wiederkommen und die Orgel dann schon kennen.

FM: Ich frage auch deshalb, weil der Orgelbauer Philipp Klais sein Werk weniger vielseitig einschätzt. Er meinte, sie wäre eher für Zeitgenössisches als Bach gebaut..

IA: Jein. Philipp Klais sagte mir auch gleich: Ne-ne-ne, Iveta, das ist keine Orgel für Bach! Aber ich sehe es nicht so. Ich habe zum Kennenlernen der Orgel gleich als erstes Bachs Trio-Sonate gespielt und ich kann sagen: Bach klingt auch sehr gut in der Elbphilharmonie! Ich bin aber der festen Überzeugung, dass Bach auf jeder Orgel klingt. Wir müssen uns nur emotional jeweils einstellen und unsere Erwartungen anpassen, ob es eben eine Silbermann-Orgel ist oder diese in der Elphi. Es hat mit bestimmten Klangvorstellungen von Bach zu tun, wenn man sagt, er kann nicht in der Elbphilharmonie gespielt werden. Wir müssen als Musiker Bach nicht unbedingt ganz neu entdecken, denn seine Werke sind schon genial. Aber wir können doch neue Facetten in seiner Musik entdecken, andere Dimensionen erkunden, neue Register ziehen. Bach ist fast immer Teil meiner Programme, nicht nur in Kirchen, sondern auch in Konzertsälen. Ich weiß aber, dass viele Organisten meinen, seine Orgelmusik – im Gegensatz zu anderen seiner Werke- hätte nichts im Konzertsaal verloren. Aber ich sehe es eben anders, will, dass sie lebt. Das mag riskant sein und nicht jeder wird meiner Auffassung folgen, aber ich stehe dazu, Bach auf Konzertsaalorgeln zu spielen. Weil ich seine Orgelmusik liebe.

FM: Jede neue Orgel ist ja wie ein neuer Partner. Haben sie auch schon Macken kennen gelernt?

IA: Nein, die Elbphilharmonie-Orgel und ich wir sind noch frisch verliebt, wir sehen uns noch durch eine rosarote Brille (lacht). Aber wir sind auch schon im alltäglichen Familienleben angekommen, ich experimentiere schon, ändere Register gegenüber der Anfangszeit. Ich denke, wir haben noch eine lange Liebe und ein langes Familienleben gemeinsam vor uns. Ich glaube, meine Wertschätzung drückt sich darin aus, dass ich diese Orgel immer noch respektvoll sieze. Wie in einer aristokratischen französischen Familie. Diese Orgel ist außergewöhnlich, ich möchte sie auch nie so sehen, mich nicht zu sehr an sie gewöhnen. Ich spiele auch nie volle Pulle, alle Register, gehe nicht über die Geschmacksgrenzen. Und man muss sie genießen können, nicht in die Falle tappen, immer wieder was Neues finden zu wollen, so wie in einer Gummibärchentüte.

FM: Viele ihrer Berufskollegen sind glücklich als Schattenwesen, verstecken sich gerne hinter der Kirchenbalustrade. Sie haben immer die Aufmerksamkeit gesucht und für die Orgelmusik eingesetzt. Man wird sie auch in der Elphi kaum an der festen Orgel sehen, oder?

IA: Viele Organisten finden es sehr komfortabel, nicht gesehen zu werden. Es ist etwas anderes, nur die Musik zu präsentieren oder auch sich als Person. Es ist eine Extra-Belastung, aber für mich eine positive. Ich kann verstehen, wenn Kollegen nicht gesehen werden möchten, es vorziehen, wenn keiner die Bewegung ihrer Augenbrauen und Hände verfolgt. Wir ziehen uns emotional aus, sind nackt auf der Bühne. Das ist nicht immer einfach. Wenn ich durch Musik mit dem Publikum spreche, ist es mir aber sehr wichtig, auch wirklich da zu sein, dem Publikum ins Auge zu sehen, die Reaktionen zu spüren. Und umgekehrt soll das Publikum sehen, wie ich funktioniere, wie ich atme, wie ich die Musik fühle. Es geht nicht darum, dass man mir Fehler leichter verzeiht, wenn ich eine hübsche Bewegung mache und dabei nett aussehe. Ich sitze nie in Konzertsälen am mechanischen, festen Spieltisch. Ich sitze da, wo auch ein Dirigent oder Pianist seinen Platz einnehmen würde, ganz mittig. Es ist sehr wichtig, Musik gleichzeitig zu atmen. Wenn wir atemlos sind auf einer Fermate, dann sind wir zusammen, Orchester, Dirigent und ich. Und es ist wichtig, den Augenkontakt zu haben. Nur wenn wir rein physisch zusammen sind, fühlt es sich für mich echt an. Wenn ich in Kirchen spiele, etwa dem Kölner Dom, wähle ich ein anderes Programm als in der Elbphilharmonie. Programme zusammenstellen ist ein ganz wichtiger Teil meiner Arbeit.

FM: Seit einer frühen FAZ-Kritik gelten sie als diejenige, die die Erotik in die Orgelmusik gebracht hat. Ein anderes Klischee, das der barfüßigen Organistin, rührt auch daher. Nerven sie diese Bilder inzwischen?

IA: Es ist ok, wenn der Autor es damals so gesehen hat und er vielleicht dieses Element in der Orgelmusik vermisst hat und es ihn glücklich gemacht hat. Aber Klischees sind immer schwierig, denn man findet auch in Schwarz noch ein bisschen Weiß...
Das ist auch 10 Jahre her und seitdem ist viel passiert, auch ich habe mich weiterentwickelt. Kurz zuvor hatte ich ein Werk zur Walpurgisnacht barfuß gespielt, ich wollte so ein bisschen wie eine Hexe auftreten. Seitdem bin ich „die barfüßige Organistin“, obwohl ich sonst dramatische Auftritte meide und nur in Schuhen spiele.

FM: Die Orgel hat im Bewusstsein etwas Sakrales. Sind Sie religiös und muss man es als Organist sein?

IA: Man muss es nicht sein. Aber ich bin religiös. Jeder Künstler lebt in einer anderen Realität, die für manche sakral ist, für manche religiös, für manche einfach ein anderer Kosmos. Ich selber bin katholisch, wie die meisten in meiner Heimatregion Lettgallen. Mit 15 durfte ich ja schon für Papst Johannes Paul II. spielen, als er Lettland besuchte. Das war ein großes Erlebnis. Seinen Gesang zu begleiten, den Gottesdienst zusammen zu zelebrieren, war ein magischer Moment für mich! Als Kind zu Sowjetzeiten durfte ich nicht in die Kirche. Es war toll, dann in der Unabhängigkeit mit meinen beiden Großmüttern regelmäßig in die Kirche zu gehen und zu lernen, was man in der Kirche macht. Auch wenn ich jetzt in Berlin seltener in die Kirche gehe, bin ich dennoch religiös, spüre ich, dass eine andere Welt in mir ist, mir Sauerstoff gibt.

FM: Hatten Sie damals auch eine Privataudienz, haben sie sich kennengelernt?

IA: Nein, leider nicht, obwohl ich das natürlich gehofft habe. Aber da haben sich dann die Frauen die Sponsoren in den Vordergrund gedrängt, die vorher nie in einer Kirche waren- aber das ist wieder eine andere Geschichte...

FM: Sie sind Lettgallin, das Zentrum der Katholiken in Lettland, einem ansonsten protestantischen Land.

IA: Ich habe auch das Vaterunser auf Lettgallisch gelernt. Bei uns wird oft noch immer in der Kirche so gebetet. Die katholische Religion hat mich auch meiner Heimat nähergebracht.

FM: Eine ganz andere Welt als Riga.

IA: Oh ja, da haben Sie recht. Es ist eine andere Mentalität. Es war für mich schwer, als ich mit 18 zum Studium nach Riga kam, eine fremde Welt, Riga kam mir ein bisschen hochnäsig vor, ich war das Provinzmädchen. Aber ich bin sehr stolz, dass ich aus Lettgallen komme. Gerade als Musikerin. Denn viele Musik-Weltstars, ob Andris Nelsons, Elina Garanca oder Kristine Opolais, kommen aus meiner Region. Auch in Lettland bekannte Schauspieler und Politiker. Soziologen müssten mal erforschen, warum, was Lettgallen so besonders macht.

FM: Andere kulturelle Einflüsse vielleicht, weniger deutsch-protestantisch, dafür mehr östliche?

IA: Ja, das ist wohl ein Grund, wir haben mehr weißrussische und russische Familieneinflüsse, es hat sich sehr vermischt. Wenn Sie eine Radtour machen und Sie fragen nach einem Wasser. Dann werden Sie im Zentrum Lettlands ein Wasser bekommen – bei uns bekommen sie dazu aber noch Milch, Fleisch, Sahne und ein frischbezogenes Bett angeboten. Ich finde es gut, dass wir Lettgallen so sind!

FM: Wie erklären Sie sich den hohen Anteil herausragender klassischer Musiker?

IA: Wir sind eben das Land, das singt (der offizielle lettische Tourismus-Slogan)... Im Ernst: Auch meine Tochter hat erst gesungen, sogar mit Text und dann erst gesprochen. Und es hat auch mit der musikalischen Früherziehung zu tun, die bei uns zum Glück noch sehr ernsthaft ist, das stammt wohl noch aus Sowjet-Zeiten. Es wird auch gelacht und mal ein Eis dazwischen gegessen, aber der Unterricht ist eben ernsthaft, auch mit Strenge und Verboten. In Deutschland soll alles spielerisch erlernt werden. Oh, ich kann das Wort schon nicht mehr hören! Entweder lernt man etwas oder nicht. Und wenn man dann etwas gelernt hat, kann man damit spielen. Aber wenn die Hauptsache von Anfang an nur der Spaß ist... Mit Freude, aber ernsthaft, haben wir, Garanca, Nelsons oder ich, Musik machen gelernt. Mein Problem war, dass ich nur eine halbe Stunde gebraucht habe, wenn meine Mitschüler vier Stunden lernen mussten. Deswegen musste ich erst später dann lernen, wie man lernt und übt.

FM: Wie viel Prozent sind Talent, wie viel Handwerk?

IA: Wahrscheinlich würden da viele widersprechen, aber ich denke, das Talent macht 70% aus. Ich kenne so viele, bei denen es umgekehrt war. Es tut mir leid, egal wie hart man arbeitet: Ohne Talent geht es nicht. Man muss mit Schwierigkeiten umgehen. Aber wenn es nur noch schwierig ist, ist es keine Kunst.

FM: Sie sind Perfektionistin. Bei einer Orgel mit all ihren Reglern, Tasten, Registern, Pfeifen, ist es fast unmöglich, dass kein Ton während eines Konzerts anders klingt als gedacht. Brauchen Sie die daraus resultierende kreative Spannung?

IA: Technisch gesehen ist es eine große Maschine, auch wenn ich nicht gerne von einer Orgel als Maschine spreche. Wenn man mal hineingeschaut hat und sieht, was für ein komplizierter Bau das ist, versteht man, dass jeden Moment ein Ventil, eine Membran, eine Leiste abbrechen kann. Deswegen ist es besonders wichtig, dass zumindest ich keinen Fehler mache und dass ich, wenn ein falsches Register aufgeht oder ähnliche Fehler passieren, sofort in Millisekunden richtig reagiere, wie ein Formel 1-Pilot. Ich vergleiche eine Orgel tatsächlich gerne mit einem Formel 1-Boliden. Viele Einzelteile müssen perfekt eingestellt sein. Ich selber muss so gut sein, im Vorfeld alles so perfekt gemacht haben, dass ich die Technik dann vergessen kann. Nur dann kann ich mich beim Auftritt wohlfühlen und 100% geben. Dass in einer Sonate mal ein Paar Noten neben dem Takt gespielt werden, ist nicht so schlimm. Für uns Organisten ist natürlich ein zusätzliches Problem, dass wir zuhause meist keine richtige Orgel haben, also auf einer digitalen Orgel üben. Und dann ist jede Orgel anders, ich weiß oft vorher nicht, was mich bei einem Konzert erwartet. Ja, vielleicht ist diese Spannung, das Ungewisse, der Adrenalinkick, immer fünf, sechs Schritte voraus denken zu müssen als Organist, der Grund, warum ich mich für dieses Instrument entschieden habe (Anm.: Apkalna studierte Klavier als gleichberechtigtes Hauptinstrument).

FM: Obwohl in den letzten Jahren einige junge Organistinnen die Szene bereichern, ist die Orgel noch immer eine Männer-Domäne. Dabei geht es doch um Multitasking, die Füße machen oft etwas völlig anderes als die Hände – man sagt das fällt Frauen leichter...?

IA: Hahaha, schön wäre es. Leider ist es ja auch eine Art Leistungssport, man braucht eine sehr gute physische Kondition, das fällt Frauen eher schwerer. Ich fühle mich sehr wohl eine Frau zu sein, aber es spielt für mich beim Orgelspiel eine absolute Nebenrolle. Ich drücke aus, was ich als Mensch fühle. Wenn jemand sagt, es hat einen femininen Touch, stört es mich nicht. Aber darum geht es mir nicht.

FM: Hören sie privat nur klassische Musik? Bach ist auch das Vorbild vieler Rockmusiker.

IA: Ja, da haben Sie recht. Ich höre zuhause fast nur andere Musik, etwa Prince oder Jazz. Wir können viel von Rock und Pop lernen und umgekehrt. Ich verabscheue allerdings Crossover! Man sollte jede Musik so spielen, wie sie gedacht ist, anstatt alles zu vermischen.

FM: Sie wurden vor kurzem 40. Ein Anlass, Bilanz zu ziehen?

IA: Ja, aber hauptsächlich durch die Dinge die von außen auf mich zukamen. Ich muss mich nicht mehr beweisen, ich kann jetzt das wirklich genießen, was ich kann. Und ich weiß auch, was ich nicht kann. Ich fühle mich nicht mehr wie ein Leistungssportler, eher wie ein Gärtner, der schon lange gepflanzt und geackert hat und jetzt auf die Blumen und Magnolien guckt und das genießt. Philosophisch und musikalisch. Das Angebot der Elbphilharmonie als Hausorganistin war das schönste Geschenk. Aber auch das anstehende Konzertprogramm eröffnet mir eine neue Dimension meiner Karriere, ich spiele mit Orchestern und Dirigenten an Orten, von denen ich vor 10 Jahren nur geträumt habe. Und ich werde Werke spielen, bei denen ich erst jetzt davon überzeugt bin, dass ich sie auch richtig interpretiere. Besonders freut es mich, dass für mich komponiert wird. Mit dem mir gewidmeten Werk eines weltbekannten Komponisten- den Namen darf ich noch nicht nennen- gehe ich nicht nur in Europa, sondern weltweit auf Tournee. Daran wird gerade noch komponiert, mein Geschenk, mein Opus, das ich als erste in der Musikgeschichte spielen darf und das mich lange begleiten wird. Das sind große Momente, in denen ich viel Dankbarkeit empfinde.

FM: Organisten sind oft auch gute Komponisten- dürfen wir da noch was erwarten?

IA: Ich habe dafür leider gar kein Talent. Ich mag auch keine Improvisation, denn ich bin, wie Sie schon richtig bemerkt haben, eben Perfektionistin. Ich mache das, was ich gut kann. Es gibt so viele geniale Improvisatoren und Komponisten. Das Leben ist viel zu kurz, um das auch noch gut zu lernen. Ich fühle mich wohl damit, wo ich bin und was ich bin.

FM: Dann wird es Sie wohl überraschen, dass mich Ihr Spiel und Auftreten an jenes von Barbara Dennerlein erinnert, Meisterin der Jazz-Orgel und der Improvisation. Kennen Sie sich und sehen Sie dennoch Anknüpfungspunkte?

IA: Oh ja, wir kennen uns. Ich genieße es, sie auf der Bühne zu erleben! Barbara Dennerlein ist ein phantastisches Beispiel, was man erreichen kann, wenn man etwas mit Liebe und Überzeugung macht. Und sie hat ihren ganz eigenen Stil. Was sie spielt, kann kein anderer Mensch so spielen. Und dann macht sie es mit so einer wunderbaren Ausstrahlung und immer mit einem Lachen. Ich verstehe, was Sie meinen. Das Verständnis und der Zugang zu dem, was wir machen sind sehr ähnlich. Wir haben eigentlich gar nicht über Musik gesprochen, als wir uns trafen, aber uns sofort zusammen wohl gefühlt- und das bedeutet auch viel. Ich mag Menschen, die mit Körper und Seele 100% geben bei dem, was sie tun. Das macht sie und das mache ich auch- ich bin privat viel weniger offen als auf der Bühne.

FM: Haben Sie auch überlegt, zusammen zu spielen, es könnte sich gut ergänzen?

IA: Ja, haben wir wirklich! Es ist nicht klar, was und wo. Aber das könnte wirklich passieren.

FM: Was ist lettisch an Ihnen?

IA: Naja, ich sehe doch schon mal ziemlich lettisch aus, oder nicht? Dann ist es die Musik, ich singe zwar nicht, aber meine Seele. Schon, wenn ich mit dem Flieger zum Landeanflug auf Riga ansetze, vibriert alles in mir. Und ich glaube in gutem Sinne die Sturheit ist typisch, die typisch ist für ein so kleines Land, wir sind nicht viele. Schon, dass wir immer noch diese Sprache sprechen! Es ist eine gute Sturheit, die Kraft und Stärke gibt. Ohne die lettische Mentalität hätte ich es nicht geschafft, mich in der Welt der Orgelmusik, einer Männerdomäne, durchzusetzen. Denn das ist gar nicht einfach gewesen.

FM: Ist Berlin auch schon Heimat?

IA: Natürlich, wo wir Eis essen und wir Freunde haben, unser Kiez, wie man in Berlin sagt. Mein Mann ist Deutscher, mit unseren beiden Kindern spreche ich zuhause Lettisch. Wir sind froh, zwei Heimaten zu haben, Lettland und Deutschland und zwei Wohnsitze, Riga und Berlin. Wenn ich Besuch habe, bemühe ich mich, dem auch das ganze Kulturleben Berlins zu zeigen. Aber ansonsten besteht Berlin für mich eigentlich nur aus Kinderaktivitäten.

Homepage von Iveta Apkalna

Abbildungsnachweis:
Header: Iveta Apkalna. Foto: Nils Vilnis
Galerie:
01. und 02. Orgel der Elbphilharmonie. Fotos: Maxim Schulz
03. Iveta Apkalna in der Elbphilharmonie. Foto: Maxim Schulz

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