Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 1924 Gäste online

Neue Kommentare

Gerd Kruse zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo Frau Lampert,
ich war durch meine He...

Herby Neubacher zu Elbphilharmonie: Das perfekte Buch zum Bau: Absolut richtig. Ich habe das gabnze Drama Elbphi...
Giulio zu „Die Spur”. William Blake und die Rache der Eigenbrötler : Prost Neujahr! Und danke für die vielen schönen...
Hubert Hoffmann zu Elbphilharmonie: Das perfekte Buch zum Bau: Ein Prestige -Objekt für die oberen Zehntausend....
Feindt zu Hamburg: Ein Museum im Hafen: Ein schönes neues Museum und wo bleibt die Berü...

Lange Nacht der Museen Hamburg 2017

Hamburger Architektur Sommer 2015


Literatur

Der Rote Querdenker: Emil Carlebach

Drucken
(134 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 02. Juli 2014 um 08:53 Uhr
Der Rote Querdenker: Emil Carlebach 4.6 out of 5 based on 134 votes.
Emil Carlebach. Widerstandskämpfer und ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald

Ein dünnes Heftchen von 54 Seiten bringt es fertig, Hirn und Herz neuerlich auf Trab und die Seele ins Schwingen zu bringen:
„Emil Carlebach. Widerstandskämpfer und ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald.“ Das ist eine Dokumentation zum 100. Geburtstag dieses unbeugsamen Kommunisten, herausgegeben von der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora / Freundeskreis e.V., zusammengestellt und geschrieben von Christoph Leclaire und Ulrich Schneider.

altEs ist nicht so, dass diese Broschüre Neues erzählt von den Gräueltaten in den faschistischen Lagern. Bemerkenswert ist vielmehr, dass der am 10. Juli 1914 in Frankfurt am Main geborene Emil Carlebach auch nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus in Westdeutschland/BRD politisch mahnend vor neuer Kriegsgefahr gewirkt und die Geschichte der Bundesrepublik aus antifaschistischer Perspektive aktiv mitgeprägt hat, bevor er am 9. April 2001 in Frankfurt am Main verstarb.
Seine Botschaft: „Lasst nicht nach in eurer Wachsamkeit. Lasst euch durch schöne Worte nicht beruhigen. Unser Schwur gilt heute wie vor 50 Jahren: Für eine Welt des Friedens und der Freiheit.“ Dazu gehöre der Kampf gegen den Faschismus, gegen Antisemitismus und Herrenmenschentum, so Emil Carlebach. An anderer Stelle heißt es: „Wir, die Veteranen des antifaschistischen Kampfes, erinnern uns und warnen unsere Völker, vor allem unsere Jugend: Glaubt nicht den Schlagworten. Wir müssen in Wort und Tat der heraufziehenden Gefahr widerstehen. Das sind wir unseren gefallenen Kameraden und unseren heutigen jungen Mitgliedern schuldig.“

Der Rezensent sieht sie vor seinem geistigen Auge, die lahmgelegten Gleichgültigen, die von einem Großteil der bürgerlichen Medien verblendeten Unpolitischen, und wie sie abwehrend entgegenhalten: „Alles Schnee von gestern“. Was heute zähle, das sei das Individuelle, der Einzelne, der sich durchkämpfen müsse. Kollektivität? Jeder sehe zu, wie er mit der Marktwirtschaft zurande komme. Das Wort Solidarität zwischen den Menschen und Völkern – ade damit. Aber gerade dieses Wort, das solidarische Miteinander, das ist ein Wert, den der einstige KZ-Häftling Emil Carlebach den Heutigen mit auf den Weg gibt.

Er hat es erlebt, dieses menschliche Füreinander, sonst hätte er die Lagerqualen – und mit ihm zig andere Häftlinge, nicht überstanden. Nicht ohne Grund trat er nach 1945 in Westdeutschland und in der BRD als politischer Journalist, als Gewerkschafter, als Mitglied der DKP, als Gesprächspartner mit Jugendlichen in Aktion. Emil Carlebach wirkte als Aufklärer, als Geschichtslehrer. Seine Themen: Die Ursache für das Entstehen des Faschismus (so sein Buch „Hitler war kein Betriebsunfall“) sowie die Warnung vor neuem Unheil in Form des Großkapitals und neuer Machtansprüche, wobei er die damalige DDR „als das bessere Deutschland angesehen hatte…"

Während einer Ansprache am 9. April 1995 zum 50. Jahrestag der Selbstbefreiung auf dem Appellplatz in Buchenwald schmettert Emil Carlebach der heutigen Elite entgegen: „Sie haben die neue Wehrmacht aufgebaut – nach zwei Weltkriegen zum dritten Mal. Sie beziehen Pension und tragen ihre Hitler-Orden weiter, denn sie haben ja `wohlerworbene Ansprüche` an den Staat, der schon wieder dabei ist, seine jetzige Wehrmacht weltweit einzusetzen. Weltweit!“

In Westdeutschland musste er nach einem täuschenden Neubeginn erleben, „dass ein antifaschistischer Neuanfang mit den Vorstellungen der amerikanischen Militärbehörden nicht konform ging“. Als Mitbegründer der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) in Frankfurt, in Hessen und auf gesamtdeutscher Ebene in den Jahren 1946/47 machten er und seine kommunistischen Mitstreiter Front u.a. gegen die Rehabilitierung alter Nazis und gegen die Restaurationspolitik in der BRD, was zu Konflikten mit der Obrigkeit führte.

In einem Interview des Autors dieser Schrift, Christop Leclaire, bekennt Emil Carlebach, wie schwer der Kampf gegen Krieg und Gewalt und für mehr Menschlichkeit geworden ist, denn es habe „viele Rückschläge gegeben, vor allem nach der Annexion der DDR“. Es sei ein bitterer Kampf, weil man mit soviel Dreck, „mit so viel Gesinnungslumperei sich auseinandersetzen muss und nicht etwa mit Argumenten“. (S. 34) Auch sei das, was die ehemaligen KZ´ler zu sagen haben, in keiner Zeitung gedruckt worden.
Ein Beispiel: Wegen der Klage eines rechten Studenten im Oktober 1996, „der Widerstand ehemaliger Häftlinge der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau“ sei nicht „spezifisch und unmittelbar hochschulbezogen“, verurteilte das Oberverwaltungsgericht in Münster 1997 den Allgemeinen Studierenden Ausschuss (AstA) der Universität Münster wegen des Interviews zu einem Ordnungsgeld in Höhe von 500 DM. Der allgemeinpolitische Inhalt entspreche nicht den „fachlichen Belange(n) der Studierenden“. Fazit: Unbequeme bzw. kritische Verfolgte des NS-Regimes – vor allem Kommunisten – sollten nicht zu Wort kommen.

Emil Carlebach kommt aus einer bürgerlichen Familie, ein „Zugang zur Politik war in dieser Familie nicht angelegt. Aber ein Gefühl für Gerechtigkeit hatten ihm seine Eltern mitgegeben.“ Erst ein Justizmord in den USA Ende der 20er-Jahre war für den jungen Mann ein Anstoß, sich politisch zu organisieren. Mit 18 Jahren trat er in die Kommunistische Partei ein und war ab sofort das „schwarze Schaf“ bzw. „der Rote“ in der Familie. Seine Erfahrungen und die Zeit im Gefängnis und in den Lagern Dachau und Buchenwald, die er als „Schule fürs Leben“ bezeichnete, fasste er 1995 mit dieser Erkenntnis zusammen: Dass „Disziplin, Solidarität, Standhaftigkeit, Überzeugungstreue das Wichtigste im Leben sind. Und ich habe dort erlebt, was kollektiver Widerstand bedeutet“.

Die unbedingt für junge Leser zu empfehlende Dokumentation enthält neben der Einleitung eine kurze Biografie von Emil Carlebach, einen Erinnerungsbericht eines jungen Mitstreiters, ein Interview von Christoph Leclaire mit dem einstigen Häftling, einen Rückblick zur Geschichte des Interviews sowie Erinnerungen und Ansprachen von Emil Carlebach, Beiträge des Emil-Carlebach-Clubs, abgelichtete Lagerdokumente, einen Aufruf der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora / Freundeskreis e.V. zur Mitarbeit und Mitgestaltung zur Bewahrung des Vermächtnisses der politischen Häftlinge des KZ Buchenwald sowie einen Überblick über seine wichtigen Bücher und journalistischen Texte.
Bei einer Neuauflage dieses Büchleins empfiehlt sich, auch über das Leben und Wirken der beiden Autoren Christoph Leclaire und Ulrich Schneider zu informieren, ebenso über Lena Sarah Carlebach, die als Emil Carlebachs Enkelin das Geleitwort schrieb.
„Lasst nicht nach in Eurer Wachsamkeit", rief er mehreren tausend Kundgebungsteilnehmern auf dem Appellplatz zu. Das war 1995! Und 2014? Die Zeit erfordert mehr denn je mutige Leute, solche wie Emil Carlebach, den Roten Querdenker.

Christoph Leclaire / Ulrich Schneider: „Emil Carlebach. Widerstandskämpfer und ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald“.
Herausgegeben von der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora / Freundeskreis e.V.,
Pahl-Rugenstein-Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn,
4 Euro, ISBN 978-389144-468-9


Abbildungsnachweis:
Header: Emil Carlebach am Rednerpult in Buchenwald, anlässlich des 50. Jahrestages der Selbstbefreiung der Häftlinge 1995. Foto: Timo Schadt
Buch-Cover

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

avatar Wolfgang Haas
0
 
 
Was den Charakter von Emil Carlebach betrifft, so wird man angesichts einer brieflichen Beurteilung von Benedikt Kautsky (der mit ihm im Konzentrationslager war) aus dem Jahre1951, einige Abstriche von dem positiven Bild machen dürfen, welches hier von Chr. Leclaire gezeichnet wird. Auch die rückhaltlose Verteidigung Stalin's und die Herabwürdigung der Frau Buber-Neumann gehören hierher.
Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
Abbrechen
Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Literatur > Der Rote Querdenker: Emil Carlebach

Mehr auf KulturPort.De

Chris Gall Trio – Cosmic Playground
 Chris Gall Trio – Cosmic Playground



„There's something a cosmic playground and jazz have in common!"
Dieser Satz ist dynamisch-kursiv auf die Rückseite der neuen CD gedruckt und kann als Handl [ ... ]



James Rosenquist. Eintauchen ins Bild – vom Plakatmaler zur Pop-Art-Ikone
 James Rosenquist. Eintauchen ins Bild – vom Plakatmaler zur Pop-Art-Ikone



Speckstreifen fliegen durch das Weltall, rote Lippenstifte und Atompilze verkünden das nahende Inferno, Butterstücke zerfließen in einer Pfanne, Spaghetti mit [ ... ]



„Die dunkelste Stunde”. Winston Churchill und die Mobilisierung der Sprache
 „Die dunkelste Stunde”. Winston Churchill und die Mobilisierung der Sprache



Joe Wrights eleganter Politthriller „Die dunkelste Stunde” ist das Gegenstück zu Christoper Nolans überwältigendem Suspense-Epos „Dunkirk”. Zwei Filme [ ... ]



Die arabische Prinzessin – Von Leseratten, Fischverkäufern und einer Märchenoper, die nie geschrieben wurde
 Die arabische Prinzessin – Von Leseratten, Fischverkäufern und einer Märchenoper, die nie geschrieben wurde



Im Opernhaus in Hamburg schallen Kinderstimmen durch die Gänge: Es ist wieder opera piccola-Zeit!
Bevor die Kinderoper im Februar auf die Bühne geht, ist im H [ ... ]



Die Diktatur des Geldes – Finanz Tsunami
 Die Diktatur des Geldes – Finanz Tsunami



Ernst Wolff: „Finanz Tsunami. Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“
Es ist wie es einmal war und heute noch ist: Ein Ausspruch von Henry Ford, des  [ ... ]



Verdis „Rigoletto“ als Genderfrage inszeniert von Katharina Thalbach
 Verdis „Rigoletto“ als Genderfrage inszeniert von Katharina Thalbach


  War es Absicht, dass rund um das Fest der Liebe die Kölner Oper ausgerechnet Giuseppe Verdis Bühnenstück „Rigoletto“ – das 1851 den Wel [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.