Zum Anfang

Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 847 Gäste online

Neue Kommentare

Friedrich von der Lange zu „Snowden” – Patriot oder Verräter? : Von keinem anderen, als von Ollie Stone hätte ic...
Hein Daddel zu „Alice und das Meer” – oder das Ende der Treue: Ein starker Film über eine starke Frau. Sehr gut...
Gerhard P. zu OKRA – Piano & Field Recordings: Wunderbar und spitzfindig geschrieben. Macht Spa...
Hans G. Gohlisch zu Chefredakteur von ZEIT ONLINE spricht über "Community Engagement und New Storytelling: Eigentlich habe ich einen Bericht über David Hoc...
adarompf@gmx.de zu „Mahana – Eine Maori-Saga”. Zwischen Tradition und Tyrannei : In allen Facetten genaue Beschreibung des Films, ...

Anzeige

Spezial - Lange Nacht der Museen 2016

Spezial - Hamburger Architektur Sommer 2015


Film

Backstage Las Vegas: “Liberace - Zuviel des Guten ist wundervoll”

Drucken
(387 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Anna Grillet  -  Montag, den 30. September 2013 um 12:20 Uhr
Backstage Las Vegas: “Liberace - Zuviel des Guten ist wundervoll” 4.8 out of 5 based on 387 votes.
Backstage Las Vegas: “Liberace- Zuviel des Guten ist wundervoll”

Michael Douglas spielt den exzentrischen schwulen Entertainer Liberace, Matt Damon dessen jugendlichen Lover.
Die stürmische wie tragische Beziehung der beiden inszeniert Regisseur Steven Soderbergh als ästhetisch virtuose Parabel über Einsamkeit, Macht und Glamour.

Der Thriller “Side Effects” sollte sein letzter Kinofilm sein, hatte der fünfzigjährige Regisseur erklärt. Der Abschied von der großen Leinwand scheint beschlossene Sache. Bitte nicht. Doch genau darum geht es in diesem oft bizarren aber meisterhaften Oeuvre, um Sterblichkeit, das Ende einer großen Liebe und eines großen Genies. Die fatale Attraktion des Showbiz ist gefährlich für beide Seiten, den Star, wie auch jene, die ihn vergöttern.

Was heute Elton John, Madonna oder Lady Gaga sind, war in den 70er Jahren Wladziu Valentino Liberace. Am Piano vollbrachte er Unglaubliches, sein artistisches Können grenzte an Zauberei, die Musikkritiker reagierten mit Süffisanz, während ein Millionenpublikum meist älterer Damen ihm zu Füßen lag. Auf der Bühne wie im Privaten erhob er exzessiven Luxus zur Maxime, schreckte vor keiner Geschmacklosigkeit zurück. Nicht ohne Stolz bezeichnete er seine Zimmerfluchten als Palast-Kitsch.

Markenzeichen seiner Performance: ein goldener Kandelaber mit brennenden Kerzen. Lee, wie er von seinen Freunden genannt wurde, trat im 750.000 Dollar teuren angeblich mit 100.000 Kristallen besetzten Hermelinmantel auf. Die Schleppe stellte jeden Sonnenkönig in den Schatten. 39 Flügel nannte er sein eigen, mit Diamanten besetzt, einer komplett verspiegelt. Riesige goldene Ringe schmückten seine Hände, alles sollte glitzern, die Kostüme, die Villa, seine Rolls Royce, sein Leben. Junge Männer, Drogen, Sex, Schönheit, Ruhm, Überfluss war seine wahre Leidenschaft, und wie er selber einmal sagte: “Too much of a good thing is wonderful”. Daher auch der (nur bedingt gelungene) deutsche Titel des Films.

Seine Homosexualität verleugnete der Entertainer in der Öffentlichkeit. Journalisten, die ihm eine Vorliebe für Männer unterstellten, wurden rigoros gerichtlich verfolgt. Nur wie passt Scott Thorson in dieses Weltbild? Eigentlich gar nicht. Der Junge ist Waise, wächst bei Pflegeeltern auf einer Farm auf, arbeitet als Tierpfleger, er träumt davon Veterinär zu werden. Muskulös, attraktiv, bisexuell, von entwaffnender Naivität, und damit perfektes Opfer für das Beuteschema des 40 Jahre älteren Liberace. Doch es geht hier um wirkliche Liebe.

Fünf Jahre dauert die Beziehung zwischen den beiden Männern, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Soderbergh gelingt ein atemberaubendes psychologisches Kammerspiel: obwohl zuweilen umwerfend komisch, schräge, durchsetzt mit fast schwarzem Humor, ist es aber vor allem zutiefst anrührend, traurig und ein Spiegel der gesellschaftlicher Realitäten jener Zeit. Ein Coming-out in den Siebziger Jahren hätte das Aus für jede Karriere in Las Vegas bedeutet. Und so muss der junge Thorson in der Öffentlichkeit den Chauffeur mimen, ein sogenannter persönlicher Assistent, herausstaffiert wie ein Page aus dem Märchenland. Auf der Bühne wie im gesellschaftlichen Leben bleibt er ein unbedeutender Statist, verliert seine Identität, Natürlichkeit, alles was ihn einst so liebenswert machte.

In Interviews betont Michael Douglas immer wieder, erst seine Krebserkrankung, die Nähe zum Tod, habe ihm das Selbstvertrauen, die Sensibilität für die Rolle des exaltierten Entertainers gegeben. Es gehört Mut dazu: er, der sonst meist den klassisch gestylten Machotyp verkörperte ob als Gordon Gekko in “Wallstreet”, Richter Wakefield in “Traffic” oder als Abenteurer Colton in “Die Jagd nach dem grünen Diamanten”, verwandelt sich nun in einen schillernden Paradiesvogel, selbstverliebt, feminin kapriziös, leicht verwundbar. Ein flamboyanter ältlicher Charmeur, grotesk gerissener Verführer und selbstgefälliger Pfau nicht ohne Selbstironie, der sich seiner Macht sehr wohl bewusst ist genau wie seiner Schwächen. Er versteht zu manipulieren, Herzen zu brechen, verspricht Scott Vater, Bruder, Geliebter und bester Freund zu sein.

Soderbergh und sein Drehbuchautor Richard LaGravenese achten darauf, ihre Protagonisten nie der Lächerlichkeit preis zu geben, damit sie nicht als überdrehte plumpe Travestieparodie im Stil von “Ein Käfig voller Narren” enden. Ein Hauch von Camp Komödie am Anfang ja, doch dann wird aus der Doppelmoral ein Doppelleben: Abgeschirmt von den Blicken der Außenwelt etablieren sich Liberace und Thorson im hochherrschaftlichen Kitsch wie ein spießiges altes Ehepaar, das nie ausgeht, gemütlich vor dem Fernseher Popcorn in sich reinstopft und in trauter Zweisamkeit langsam Fett ansetzt. Hier auf dem Sofa aneinandergekuschelt sind sie keine Außenseiter, scheint Starkult oder Reichtum keine Bedeutung zu haben.

So könnte Glück aussehen aber nicht im Showbusiness. Der Entertainer will ein neues Image, jünger sein, eine Schönheitsoperation folgt der nächsten, Scott soll kosmetisch zum Ebenbild des einst jungen Liberace stilisiert werden, ein gespenstisches Unterfangen. Hier haben sich Regisseur und Drehbuchautor von ihrer Vorlage, Thorsons 1988 erschienener Biographie “Behind the Candelabra” einige literarische Freiheiten genommen, um die Abhängigkeiten und Mechanismen innerhalb der Beziehung eindringlicher charakterisieren zu können. Mit besitzergreifender Eifersucht wachte der alternde Star über seinen zukünftigen Adoptivsohn, erlaubt ihm keine Freiheit, keinen Spielraum, kein Vergnügen, die beiden gehen nie aus, Partys, Discos sind tabu. Plötzlich jedoch, begeistert von seinem neuen chirurgisch kreierten Äußeren will Liberace zurück auf die Piste, dank Penis-Implantat ist sein Hunger auf Pornographie, Sex und Selbstbestätigung unerschöpflich, ein jüngerer Lover muss her.

Würdeloser könnte das Ende einer großen Liebe nicht sein, alle Versprechen und Zusagen entpuppen sich als Illusion oder Lüge. Eine Klage auf Unterhalt hat wenig Erfolg. Liberace zeigt sein wahres Gesicht. Rücksichtslos, gierig, gefühllos, ohne jede Spur von Loyalität oder Mitleid (außer für Pudel). Seine Mutter (Debbie Reynolds) über ihn: “Schon in der Gebärmutter wollte er mehr als jeder andere”. In diesen Moment erinnert der Film an Clint Eastwoods “J. Edgar”. Die Rolle des narzisstischen Entertainers und tragischen Anti-Helden auf seiner verzweifelten Suche nach Bestätigung scheint auf den ersten Blick die glamourösere Rolle in diesem Melodram, doch Matt Damon spielt seinen Part so subtil, zurückhaltend, aber unendlich ergreifend, dass ihm am Ende unsere Sympathien gehören. Thorson ist weder ein Opportunist noch dümmlicher Trottel, sondern lediglich in eine Falle geraten. Das Showbusiness zerstört ihn, Drogen, Diätpillen, Intrigen, Exzesse. Matt Damon, grade noch widerwilliger Kämpfer in “Elysium” verkörpert hier einen naiven, ehrlichen etwas unsicheren Jungen vom Lande, Ende 19, Anfang 20 , wie ihm das mit 42 Jahren gelingt, ist bewunderungswürdig. Sein Gesicht spiegelt jede Regung wider. In dem alternden Star hoffte er den Vater gefunden zu haben, nach dem er sich immer sehnte und war bereit für ihn jedes Opfer zu bringen. Liberace stirbt 1987 an Aids.

Der Regisseur stand wieder wie in all seinen Produktionen hinter der Kamera und ist auch für den Schnitt verantwortlich: Grandios die intimen Liebeszenen ebenso die spektakulären Bühnenauftritte. Soderbergh vermeidet jede Opulenz oder Übertreibung, ihn interessiert in erster Linie der Blick hinter die Kulissen. Seine Las Vegas Love Story ist zugleich Kritik an der Macht der Entertainment Industrie und einem Kapitalismus, der Menschen am Ende zerstört. Keine der großen Hollywood Studios wollte den Film finanzieren, das Thema Homosexualität in dieser Form, war zu riskant. Der Sender HBO sprang ein, in den USA lief “Behind the Candelabra” (so der Originaltitel) nur im Fernsehen und wurde kürzlich mit elf Emmys ausgezeichnet.



Originaltitel: Behind the Candelabra Regie: Steven Soderbergh Darsteller: Michael Douglas, Matt Damon, Dan Akroyd, Rob Lowe, Debbie Reynolds Produktionsland: USA Länge: 119 Minuten Verleih: DCM Filmverleih Kinostart: 3. Oktober 2013

Bildnachweis: Alle HBO Films
Header: Liberace (Michael Douglas) und Scott Thorson (Matt Damon)
Galerie:
01. Filmplakat
02. Bob Black (Scott Bacula) und Scott Thorson (Matt Damon)
03. Liberace on stage
04. Liberace (Michael Douglas) und Scott Thorson (Matt Damon)
05. Liberace (Michael Douglas)
06. Seymour Heller (Dan Aykroyd)
07. Dr. Jack Startz (Rob Lowe)
08. Steven Soderbergh und Michael Douglas

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Bücher & CDs – wissen was sich lohnt

OKRA – Piano & Field Recordings
Kultur Magazin



Die Okra, auch Gemüse-Eibisch, ist eine Gewächsart aus der Familie der Malvengewächse. Sie ist eine aus dem Hochland Ostafrikas stammende Pflanze, [ ... ]



Till Brönner: The Good Life
Kultur Magazin



Baba-bäää, baba-bo-bääääbää – die Trompete ist unverkennbar, der smoothe und doch intensive Sound auch. Till B [ ... ]



Neil Cowley Trio: Spacebound Apes
Kultur Magazin



„Dies ist ein Projekt, an dem ich lange gearbeitet habe. Es beinhaltet Themen wie Schuld, Angst, Verlust und Sehnsucht – mit ein paar überraschenden [ ... ]



Melt Trio: Stroy
Kultur Magazin



Die beiden Brüder Peter (Gitarre) und Bernhard Meyer (Bass) sowie Moritz Baumgärtner (Drums) bringen ihr drittes Album heraus: Stroy.
Die archaische V [ ... ]



Mehr auf KulturPort.De

„Snowden” – Patriot oder Verräter?
Kultur Magazin



Das Schlachtfeld heißt Cyberspace, und für US-Regisseur Oliver Stone ist sein Protagonist ein Widerstandskämpfer mit Vorbildfunktion. Ziviler Ung [ ... ]



Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch
Kultur Magazin



„Manchmal fotografiert man die Welt, um sie und sich selbst besser verstehen zu können, eignet sich Dinge durch Abbilder an, um sie sich zu gegebener Zeit [ ... ]



Saisonstart mit philharmonischem Glück und symphonischem Tiefgang
Kultur Magazin



Die Hamburger Philharmoniker mit Kent Nagano punkten bei ihrer Saisoneröffnung mit Brahms’ Erster. Die Symphoniker Hamburg holen mit Thomas Adè [ ... ]



Jonas Burgert – Hälfte Schläfe
Kultur Magazin



Die Hamburger Produzentengalerie in der Admiralitätsstraße zeigt bis zum 30. Oktober 2016 Werke von Jonas Burgert. Seit der Ausstellung „Geschichtenerzä [ ... ]



„Alice und das Meer” – oder das Ende der Treue
Kultur Magazin



Lucie Borleteau inszeniert die Odyssee ihrer Protagonistin ästhetisch virtuos als Chronik einer ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung: sinnlich, melancholis [ ... ]



Gilla Cremer auf der Spur der Geheimisse wahrer Freundschaft
Kultur Magazin



Was ist eigentlich Freundschaft? Wie entsteht sie? Was hält langjährige Freunde zusammen? Was kann sie trennen? Was ist bei Freundschaft anders als bei Liebe?  [ ... ]



Weitere aktuelle Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Events