Anzeige

AktionsPort - Gewinnspiele

Wer ist online?

Wir haben 893 Gäste online

Neue Kommentare

Marlies Lampert zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo liebe Hüsungianer,
ich bin ca. 1999...

SingulART zu Kunstmuseum Wolfsburg: This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain: Grossartige Ausstellung war das! Wir haben unsere...
tommy zu Ensemble Resonanz zu Gast bei NEW HAMBURG: gute sache, dass sie mal aus ihrem bunker rauskom...
Lena Baal zu Zum Tode von Peter Härtling: Peter Härtling war nicht nur ein großartiger Sc...
Elisabeth Warken zu Gurre-Lieder in der Elbphilharmonie: Zu wenig Vertrauen in die leisen Töne: Die Kritik zu den Sängern kann ich nicht ganz ve...

Anzeige

Lange Nacht der Museen Hamburg 2017

Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

„Rodtschenko. Eine neue Zeit“

Drucken
(205 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 08. August 2013 um 10:12 Uhr
„Rodtschenko. Eine neue Zeit“ 4.8 out of 5 based on 205 votes.
Alexander Rodtschenko

Es waren stürmische, fieberhaft pulsierende Jahre.
Die Revolution hatte das Zarenreich hinweggefegt und für Alexander Rodtschenko (1891-1956) schien mit einem Mal alles möglich. Der junge Idealist glaubte fest daran, die Welt mit seiner Kunst umgestalten zu können. Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg stellt den russischen Avantgardisten nun als frühen Medienkünstler vor. Als Universalgeist, dessen Einflüsse bis in die Gegenwart reichen. Mit „Rodtschenko. Eine neue Zeit“ ist den Kuratoren Alla Chilova und Ortrud Westheider eine Ausstellung der Ausnahmeklasse gelungen, die pures Schauvergnügen garantiert.

Oftmals wird die russische Avantgarde mit der russischen Revolution gleichgesetzt. Darüber wird vergessen, dass die Futuristen, Kubisten und Suprematisten, allen voran Kasimir Malewitsch, der sein Schwarzes Quadrat auf weißem Grund bereits 1913 entwickelt hatte, Jahre vor der Oktoberrevolution mit künstlerischen Konventionen brachen. Der Unterschied: Vor der Revolution schockierte die Avantgarde das damals noch zaristische Russland, nach dem Umbruch wird ihre Ästhetik nicht nur akzeptiert, sie wird mit einem Mal gewollt. Es ist die Stunde null. Nichts soll mehr an das verhasste Zarenreich erinnern. Der Kunstmarkt wird zerschlagen, die Museen umstrukturiert, der Künstlerberuf neu definiert. Die Bolschewiki fordern eine radikal neue Bildsprache, geschaffen von universellen Gestaltern, die den rasanten Aufbau der jungen Sowjetgesellschaft in allen Fasern erfassen.

Es ist Rodtschenkos Stunde: „Arbeiten für das Leben – und nicht für Paläste, Tempel, Friedhöfe und Museen“, jubelt der 26-Jährige. „Die Zukunft ist unser einziges Ziel“. Der Künstler, der in Tatlin seinen Mentor gefunden hatte, glaubt an die Revolution. Und er ist berauscht von den technischen Errungenschaften, die den Agrarstaat mit einem Mal in die Moderne katapultiert. Die darauffolgende Euphorie, die Karriere als Gewerkschaftsmitbegründer, Hochschulprofessor, Museumsgründer und Leiter des Volkskommissariats für Bildungswesen, dauert kaum länger als eine Dekade. 1928 beginnen die Stalinisten ihre Verbalattacken auf Rodtschenko: „Bürgerlicher Formalismus“ lautet einer der Vorwürfe. Rodtschenkos Kunst passt nicht zum „Sozialistischen Realismus“. 1930 werden ihm alle öffentlichen Funktionen entzogen. Danach zieht er sich ganz auf seine Fotografie zurück und wird Sportreporter.

Im Bucerius Kunst Forum steht Alexander Lawrentjew, Nachlassverwalter und Professor für Visuelle Kommunikation in Moskau. Lächelnd hält er die alte Leica in den Händen, mit der sein Großvater die schwindelerregenden Aufnahmen aus Frosch- und Vogel-Perspektive schoss. Ikonen der Fotografie, wie die zu einem Linienmuster stilisierte „Treppe“, der Pionier-Trompeter (1930) oder das stille, intensive „Porträt der Mutter“ (1924), die Rodtschenkos Weltruhm begründeten und wohl sein bedeutendstes Vermächtnis sind. Sie hängen ganz am Ende des Rundgangs und wirken gleichsam etwas an den Rand gedrängt, denn sie stehen ausnahmsweise mal nicht im Mittelpunkt einer Rodtschenko-Schau.

Die Hamburger Ausstellung, laut Lawrentjew „selbst ein Kunstwerk“, fokussiert den „Höhenflug“ des jungen Künstlers 1918-1928: Die zehn Jahren, in denen der von Technik und Luftfahrt faszinierte Künstler seine Schaffenskraft mit Feuereifer in den Dienst der Revolution stellte und eine unglaubliche Vielfalt an Dingen entwarf: Architektur, Arbeitskleidung, Anstecker, Buchumschläge, Fotocollagen, Flugzeuge, Geschirr, Möbel, Plakate, Stoffmuster, bis hin zur Zigarettenreklame. „Jedes Werk ein Experiment“ (Rodtschenko) – dynamisch, propagandistisch, utopisch.

Der Rundgang beginnt im oberen Stock mit einem noch von Picasso beeinflussten kubistischen Akt des Kunststudenten von 1915. Auf der zweiten Wand dann etwas völlig anderes: Tusche-Kompositionen mit Lineal und Zirkel, auch von 1915. Rodtschenko entdeckt die Linie als bildnerisches Mittel, um Licht, Raum und Bewegung darzustellen. Sie wird Dreh- und Angelpunkt seines konstruktiven Schaffens.

Aber welcher Besucher folgt in dieser Schau brav der Chronologie? Zu stark ist die Anziehungskraft des begehbaren blau-weißen Kubus‘, mit dem Ausstellungsarchitekt Gunther Maria Kolck hier einen Raum in den Raum gesetzt hat und der den Blick auf „Rot. Gelb. Blau“ (1921) an der Stirnseite lenkt. Für Rodtschenko war dieses Triptychon die Quintessenz der Malerei – und gleichzeitig das „Ende der Tafelmalerei“. Im Kubus selbst hängen die legendären „Schwarz auf Schwarz“-Kompositionen von 1918, die der Künstler in einer Zeit malte, in der er fast verhungert wäre.

So puristisch streng und kühl die Inszenierung im Obergeschoss ist, so spielerisch leicht präsentiert sie sich im Erdgeschoss. Wie Planeten oder Moleküle kreisen hier die Nachbauten verloren gegangener Holz-Mobiles im Zentrum des Oktogons, ausgeschnitten aus den geometrischen Formen Kreis, Quadrat, Dreieck, Ellipse und Sechseck. Auch sie sind lineare Versuchsanordnungen im Raum – und zeigen als faszinierendes Schattenspiel auf den großen, gespannten Leinwänden, zu welch komplexen Körpern sich die Grundelemente auffächern können.

Alexander Rodtschenko überlebt den Stalinismus – einsam, verbittert und verarmt. In seinem Tagebuch notiert er: „Ich bin absolut nutzlos, ob ich arbeite oder nicht, ob ich lebe oder nicht. Ich bin jetzt schon so gut wie tot…Ich bin ein Unsichtbarer“.
Irrtum! In den Werken der Neo-Avantgarde, der Op-Art, Farbfeldmalerei und kinetischen Kunst, sind seine Impulse bis heute lebendig.


Die Ausstellung „Rodtschenko. Eine neue Zeit“ ist bis zum 15. September im Bucerius Kunst Forum zu besichtigen. Rathausmarkt 2, 20095 Hamburg, Öffnungszeiten Mo-So 11-18 Uhr, Do bis 21 Uhr. Ein Katalog ist erschienen.

Bildnachweis: Alexander Rodtschenko (1891-1956)
Header: Detail aus Treppe, 1929, Sepherot Foundation, Liechtenstein, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
Galerie:
01. Alexander Rodtschenko im Arbeitsanzug, 1922, Photographie von Michail Kaufman, Sammlung Rodtschenko/ Stepanowa, Moskau, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
02. Alexander Rodtschenko (1891-1956): Bücher. Werbeplakat mit dem Portrait von Lilja Brik für den Staatsverlag Lengis, 1925, Sammlung Rodtschenko/ Stepanowa, Moskau, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
03. An alle. Werbeplakat für "Dobrolet", 1923, Sammlung Rodtschenko/ Stepanowa, Moskau, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
04. Komposition Nr. 66 (86), Dichte und Gewicht, 1919, Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
05. Ausstellungsansicht "Rodtschenko. Eine neue Zeit". Foto: Ulrich Perrey
06. Ausstellungsansicht "Rodtschenko. Eine neue Zeit". Foto: Isabelle Hofmann
07. Ausstellungsansicht "Rodtschenko. Eine neue Zeit". Foto: Ulrich Perrey
08. Alexander Lawrentjew. Foto: Isabelle Hofmann.

Alexander Rodtschenko eine Geschichte

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Bildende Kunst > „Rodtschenko. Eine neue Zeit“

Mehr auf KulturPort.De

Mariano Pensotti: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“
 Mariano Pensotti: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“



Was für ein ungewöhnliches Stück! Eines? Nein: Was für drei ungewöhnliche Stücke – so intelligent, humorvoll und hintersinnig!
Mariano Pensottis „Lod [ ... ]



Vienna Vocal Consort: Nostre Dame
 Vienna Vocal Consort: Nostre Dame



Das Vienna Vocal Consort zählt seit Gründung im Jahr 2007 zu Österreichs renommiertesten Vokalensembles für Alte Musik. Deren neues Album „Nostre Dame“  [ ... ]



„Dalida”. Oder die Angst vor der Dunkelheit
 „Dalida”. Oder die Angst vor der Dunkelheit



Wie viel Tragik verkraftet ein Film in Zeiten von „Wonder Woman” oder „Atomic Blonde”? Tough ist angesagt, und viele Kritiker reagierten eher störrisch  [ ... ]



Chilly Gonzales in Lübeck – atemberaubend mitreißend
 Chilly Gonzales in Lübeck – atemberaubend mitreißend



Der Schlafrock war schwarz und nicht rot, wie am Vorabend in der Elbphilharmonie. Entsprechend seriös, ganz leise und melodisch der Einstieg.
Chilly Gonzales l [ ... ]



Sommerliche Musiktage in Hitzacker: Durchwoben vom ständigen Wandel
 Sommerliche Musiktage in Hitzacker: Durchwoben vom ständigen Wandel



Dass „die Tonkunst eine rührend-kurze Freude (ist), die aus dem Nichts entsteht und ins Nichts vergeht... eine kleine fröhliche Insel... die auf dem dunklen, [ ... ]



Kassé Mady Diabaté – ein Ausflug in die westafrikanische Musik
 Kassé Mady Diabaté – ein Ausflug in die westafrikanische Musik



„La parole des anciens est secrée.“ (Das Wort des Ältesten ist heilig)

Das Mandingo-Reich (Manding) wurde im 13. Jahrhundert vom sagenhaften Mali-Kaiser [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.