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Meinung

Wie human sind die Humanities?

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Geschrieben von Dagmar Reichardt  -  Samstag, den 18. August 2012 um 09:42 Uhr
Wie human sind die Humanities? 4.7 out of 5 based on 195 votes.
Wie human sind die Humanities? Erasmus von Rotterdam

Ein Gespenst geht um an Europas Universitäten – leider kein „Geist“. Denn die „Geisteswissenschaften“, Neudeutsch „Humanities“, erfahren auf dem Alten Kontinent derzeit einen institutionellen und intellektuellen Kahlschlag, der sich mit einer chinesischen Kulturrevolution messen lassen könnte.
Nur ohne Ideologie bzw. inhaltliche Vision. Es sei denn, politischer Sparkurs, schnelle Bedürfnisbefriedigung im Angebot-Nachfrage-Modus, hedonistischer Opportunismus und neoliberale Marktanbindung würden in einem posthumanitären Zeitalter als solche gelten.

Wie eine rezente Studie des Europaeum – eine Organisation, die zehn Eliteuniversitäten quer durch Europa vertritt – belegt, zeigt die Sparpolitik, die in den letzten zwei Jahren an den Universitäten in 13 europäischen Staaten aufgrund der Wirtschaftskrise in der Eurozone ausgeübt wurde, deutliche Auswirkungen. Vermeintliche Gewinner stehen vermeintlichen Verlierern gegenüber, wobei es den südlichen EU-Staaten tendenziell schlechter ergeht als den nördlichen. So ist Finnland 2010/11 federführend im Bereich der Erweiterung universitärer Budgets (12%) gewesen, gefolgt von der Schweiz (3%) und Deutschland (2%), während namentlich Italien und Portugal (und demnächst wohl auch Spanien) die härtesten Einbußen, nämlich 20% Budgetkürzungen, hinnehmen mussten.

Grundsätzlich hat einem Bericht von David Jobbins in den University World News vom 13.4.2012 zufolge die europäische Wirtschaftsflaute einen kurzfristig negativen Einfluss auf die Hochschulprogramme aller 13 Länder gehabt. Durch die Presse gingen insbesondere die Entwicklungen in Großbritannien (40% Haushaltskürzung in den kommenden Jahren sowie eine bereits erfolgte eklatante Anhebung der Studiengebühren) und in den Niederlanden. Finnland schnitt laut den University World News deshalb so vorteilhaft ab, weil es seit 2009 signifikante Reformen im Bildungswesen durchgeführt habe, die u.a. den Universitäten freiere Hand insbesondere bei Haushaltsaufbesserungen durch Privatspenden, Nachlässe und Stiftungen gewähren.

Dass bei dieser „stillen“ Revolution und Umwälzung des europäischen Bildungssektors die Verantwortung auf der Führungsebene liegt, d.h. sowohl bei der betreffenden Regierung als auch im Bereich der internen Mitarbeiterführung der einzelnen Universität als auch bei der Steuerung der Synergieeffekte aller Universitäten innerhalb eines Staates untereinander, veranschaulichen die neuesten curricularen Umstrukturierungen in den Niederlanden. An die 30 so genannte „kleinere“ geisteswissenschaftliche Studiengänge müssen in Folge der im Dezember 2011 öffentlich ausgesprochenen Forderung der niederländischen Regierung nach verstärkter Effizienz, akademischer Profilierung und transparenter interner Zielsetzung der Universitäten landesweit schließen. Ein Aufschrei ging durch die Medien, als im Februar d.J. bekannt wurde, dass die Universität Utrecht den Studiengang Portugiesisch als einzige holländische Studienmöglichkeit bis 2014 auf Grund wirtschaftlicher Erwägungen auslaufen lasse. Der Trost, man könne die Sprache ja noch im Seminar für Lateinamerikanische Studien an der nahe gelegenen Universität Leiden studieren, ist angesichts des bisherigen Weltrenommees der Niederlande im Bereich der Fremdsprachendidaktik schwach, so der Lusitanist Paulo de Medeiros von der Universität Utrecht (University World News vom 28.3.2012) .
In einem Artikel von Christopher F. Schuetze in der New York Times vom 8.4.2012 über die Zukunft der niederländischen Romanistik wird das neue Studienprogramm der alteingesessenen nordholländischen Universität Groningen beispielhaft skizziert: Der Fremdsprachenerwerb werde selbst an niederländischen Gymnasien abgesehen von Englisch seit Jahren vernachlässigt. Außerdem herrschen Sparzwänge und eine allgemein verminderte Nachfrage im Bereich der romanistischen Fächerwahl. Daher werde die Spezialisierung auf eine Philologie aufgegeben zugunsten eines erweiterten Bachelor-Studiengangs für „Europäische Sprachen und Kulturen“ sowie einer „konsolidierten“ Zusammenführung diverser europäischer Sprachen, die bereits im bevorstehenden akademischen Jahr d.h. ab September 2012 eingeführt werden. Von „pan-europäischen“ Inhalten und erhöhter Diversität sei die Rede. In Wirklichkeit wird der Internationalisierungsaspekt der Universität Groningen, 1614 von dem deutschen Theologen, Historiker und Pädagogen Ubbo Emmius gegründet, einer sprachlichen Regionalisierung des Studienprogramms, das vorrangig auf Niederländisch unterrichtet werden soll, untergeordnet. Die New York Times legt das monetäre Interesse der Hochschulen offen, denn tatsächlich geht es – wer hätte das gedacht – doch nur um Sonderförderungen von 80 Mio. Euro, die in 2012, und 325 Mio Euro, die 2016 auf die Universitäten in Holland verteilt werden sollen. Nachdem die geisteswissenschaftliche Fakultät der Universität Groningen 2,5 Mio. Euro einsparen muss und die öffentlichen Sonderfinanzierungen für vermeintlich minoritäre Studiengänge gestrichen worden sind, wohl eher eine verwässernde Notmaßnahme denn eine substanzielle Qualitätsanhebung der höheren Bildung, wie der Staatssekretär für Bildung, Kultur und Wissenschaft Halbe Zijlstra in den University World News vom 28.3.2012 noch verlautbaren ließ. Die rechtsliberale Regierung hatte 2011 beschlossen, jährlich 200 Mio. Euro an Staatssubventionen für Kunst und Kultur einzusparen, woraufhin Zijlstra zwar keine Kulturrevolution, aber einen 2013-2017 zu realisierenden „Kulturellen Wandel“ ankündigte – Künstler und Protestler setzten diesem Vorhaben prompt den Begriff eines „Kulturinfarkts“ entgegen.

Bezeichnend an Schuetzes Bericht ist, dass ohnehin schon nur noch der pragmatische d.h. marktfähige Spracherwerb sowie die angehobene Anzahl der Studieninteressierten die Debatte beherrschen. Die von der Regierung geforderte Auflistung von Stärken und Schwächen der holländischen Universitäten entspricht genau dem sozialdarwinistischen – oder ideologiefreier formuliert: marktkonformen – Denkansatz, der sich hinter der so genannten Exzellenzinitiative in Deutschland verbirgt. Laut dem von Schuetze zitierten Präsidenten der Vereinigung der Universitäten in den Niederlanden Sijbolt Noorda, der das Abkommen mit den Universitäten unterzeichnete, käme der Impetus, unter den Universitäten untereinander zu „kooperieren“, von den Institutionen selber und sei diesen nicht von der Regierung aufoktroyiert worden.

Ein interiorisiertes, von oben kritiklos angenommenes Harakiri-Verfahren also? Wie ist es möglich, dass die Basisstrategien der US-amerikanischen Hochschulpolitik, die auf einem Zwei-Klasse-System (öffentliche und private Universitäten) sowie im privaten Sektor auf einem hochprofessionellen Unternehmensmanagement beruht, über den Umweg der in Europa als maßgeblich erachteten britischen Universitäten von der abendländischen Intelligenzija so gänzlich unintelligent imitiert, nämlich rettungslos merkantil denkend und offenkundig kopflos übernommen werden? Was in den USA Erfolg verspricht, wird keineswegs automatisch an Europas Universitäten reüssieren, und im Übrigen haben auch die Universitäten in den USA unter der Schuldenkrise zu leiden. Die einst so Kultur verbundenen und wissenschaftlich zukunftsweisenden Staaten unseres Kontinents zeigen gerade zu Zeiten wirtschaftlicher Engpässe, dass Verschulung und Kleingeist auf dem Bildungssektor und in der Kulturpolitik längst die Oberhand gewonnen haben. In einem schleichenden Prozess, der in der 1999 unterzeichneten Bologna-Reform gipfelte, sind scheint’s seit fünfzehn, zwanzig Jahren auch die Hochschulpolitiker zu Krämerseelen verkommen, die neben der radikalen Marktwirtschaft keine idealistischen, freigeistigen Maximen anerkennen. Humboldt adieu, könnte man denken, oder Ade, ihr Zöpfe der Loreley!, wie der italienische Germanist Cesare Cases bereits kurz nach dem Mauerfall 1994 in der Tageszeitung La Stampa spöttisch titelte und im Untertitel etwas nüchterner, doch ebenso weitsichtig hinzufügte: „Das neue Vaterland heißt D-Mark“.

Im Euroland massakrieren sich die Geisteswissenschaften seitdem selber. Statt geschichtlich Gewachsenes institutionell breitenwirksam hoch zu halten und einst klassischen Kulturkreisen wie denen der Griechen oder Italiener, auf die der europäische Humanismus zurückgeht, unabhängig vom politischen und wirtschaftlichen Tagesgeschehen einen zentralen Ort im westlichen Bildungsideal einzuräumen, findet eine scheinbar selbst verordnete Nivellierung der Kulturen und ein bereitwilliger Ausverkauf derselben statt, die dem Niveau eines Italiens unter Berlusconi in nichts nachstehen. Kunst und Kultur werden nach US-amerikanischem Vorbild auf Film und Filmsprache reduziert und alle Philologien, die Europas ganze kulturelle Vielfalt und einzigartigen geistigen Reichtum ausmachen, in Anbetracht etwaiger beruflicher Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt nun also in einen Bachelor-Topf geworfen.

Wäre es geschichtlich nicht so fatal, könnte man diese programmatische Verdummung der Massen und der Jugend ja belächeln: Getreu dem amerikanischen Motto von der Universität als Firma, werden die arbeitsklimatisch eher dem Militär als einer modernen Unternehmenskultur entsprungenen Machtstrukturen innerhalb von Europas Bildungsstätten jetzt flugs auf Wirtschaftstauglichkeit poliert. Dabei handelt es sich um kein hochschulinternes Geheimnis, dass die Personalnutzung hier eher zunehmend unwirtschaftlicher gehandhabt wird. So werden die Professoren seit Beginn des (in einem integrierten Europa grundsätzlich dringend erforderlichen) Bologna-Prozesses, statt ihren spezifischen, die Studenten potenziell enthusiasmierenden und originellen d.h. die Forschung voran treibenden Qualifikationen gemäß lehren zu dürfen, immer öfter von ihren fachlichen Steckenpferden gestoßen und – den Regeln des co-teaching folgend mit zwei oder drei weiteren Dozenten für ein und dieselbe Lehrveranstaltung – in eine thematisch standardisierte Zwangsjacke gepresst. Neben sinnloser Verschwendung geistiger Ressourcen fallen insbesondere die fehlenden Managerkompetenzen in den hierarchischen Riegen der Hochschulleitungen auf, die jedem verantwortungsbewussten Manager in der freien Wirtschaft das Fürchten lehren würden. Während in den USA auch im Hochschulbereich vielerorts ein Starkult regiert, der auf Eitelkeit und Eigennutz basiert und dem Kern einer humanistischen Idee entgegen steht, übernimmt Europa das star-system aus Übersee, um Kultur und Bildung für die Politik zu instrumentalisieren – an Stelle einer verantwortlichen Bildungspolitik überwiegen Show, Schein und Intrige wie zu Zeiten des schieren Absolutismus.

Im Resultat offenbaren sich typisch neoliberale Merkmale unserer Zeit: Bis auf zwei Stellen hinter dem Komma errechnete Leistungsstatistiken in der Lehre würden das Herz eines jeden Zahnarztes höher schlagen lassen, verspielen in Wahrheit aber die Chance des Lehrkörpers, mittels intellektueller Kapazität als persönlichkeitsbildendes, Orientierung gebendes Vorbild auf die Gesellschaft einzuwirken und sich über die Ebene einer Dienstleistung zu erheben. Statt das geistige Erbe der sechziger und siebziger Jahre erneuernd fortzuführen, wird der Arroganz von Macht und Kontrolle Tür und Tor geöffnet. Die Formel der Zukunft ergibt sich einerseits aus der Lehre der Leistungsgesellschaft, „Arbeite hart!“, die in Europa auf preußische Disziplin und calvinistische Tradition zurückblickt, und andererseits aus dem postmodernen Beliebigkeitsgebot eines „Anything goes“. Vieles ist heute an Europas Universitäten möglich, aber alles ist kurzfristig, einiges wirkt planlos und das meiste folgt keinem Wertigkeitskonzept mehr: Prekariat pur. Fragt man sich jedoch, was an den Humanities überhaupt noch human im Sinn des Menschlich-Allzu Menschlichen ist, so kommt man am Ende nicht umhin, das allgemeine Gewinnstreben mit dem Slogan „Denke merkantil!“ zusammenfassen zu müssen.

Jawohl, es herrscht der blanke Neoliberalismus, und an unseren Bildungseinrichtungen dreht sich alles nur noch darum, wie wirtschaftlich sie sind. Doch diese Frage verstellt den Blick auf das Wesentliche der Geisteswissenschaften. Wenn die Nachfrage das Studienprogramm bestimmt, hecheln die Gedankengänge künftiger Generationen den Marktgesetzen und keinen geistigen Höhenflügen mehr hinterher. Wenn blinder Lehraktionismus die Professoren in Atem hält und sie ihre Zeit nicht mehr vorrangig in ihre Forschungsinteressen investieren können, werden europäische Forschernamen unbekannt bleiben und künstlerische oder geistige Freiheit für junge Menschen Fremdwörter sein. Wenn schließlich unsere Universitäten keine Kaderschmiede für Nachwuchswissenschaftler mehr sind und die Studenten gemäß des Gesetzes von Angebot und Nachfrage das Geschehen bestimmen, dann dominiert eine Diktatur der Demokratie und der wirtschaftlichen Kräfte. Die Politik feiert in solch restriktiver Lage das Mittelmaß, indem wir unsere eigene humanistische Tradition – etwa die eines Erasmus von Rotterdam – marktschreierisch ausnutzen, anstatt sie intrinsisch zu stärken, um das Hervorbringen humanistischer Ansätze auch in Zukunft sicher zu stellen und der Bedeutung von Kunst und Kultur für ein gesundes Lebensklima wortwörtlich „Rechnung“ zu tragen.

Es gilt demnach, die Qualität der Lehre dadurch zu verbessern, dass die Priorität auf mehr Spiel- und Freiräume für Forschungsinteressen verlegt und somit nicht nur die Glaubwürdigkeit der Institution wieder hergestellt wird, sondern sie sich auch im weltweiten Wettbewerb rentiert und „lohnt“, wie das akademische Autorenduo Leif Edvinsson und Carol Yeh-Yun Lin (National Intellectual Capital: A comparison of 40 countries, Springer, 2010) aufzeigen. Intellektuelles bzw. Wissenskapital, so heißt es in ihrer Studie nämlich, sei ein bedeutender Faktor nationaler Prosperität. Selbst die Weltbank räumt laut einem Beitrag von Yojana Shama über diese Publikation (vgl. University World News vom 19.12.2010) ein, dass intellektuelles Vermögen das Leben eines Volkes verbessere und ihm ein höheres Einkommen beschere, da die Qualität der Bildung und die menschliche Erfahrung ein Training für das menschliche Gehirn darstellen. Wie Leif Edvinsson von der Universität Lund in Schweden betont, bringt die kulturelle Dimension dessen, was er Intellectual Capital (IC) nennt, Offenheit, Risikofreude und Erneuerungswillen hervor und bereichert die Gesellschaft durch Nachhaltigkeit, vorausschauendes Denken und Wertezuwachs. Das höchste Wissenskapital fand der Forscher im globalen Vergleich in Finnland, Schweden und der Schweiz vor, gefolgt von Dänemark, den USA, Singapur, Island (bis 2008), den Niederlanden, Norwegen und Kanada. Deutschland figuriert als Nummer 15, Frankreich als Nummer 20 auf der IC-Liste der weltweit führenden 40 Nationen. Singapurs Platzierung auf Rang 6 deutet mit Japan, Südkorea und Taiwan, die die Plätze 14, 21 und 17 einnehmen, sowie mit dem „aufsteigenden Stern“ Thailand auf die wachsende Bedeutung Asiens hin, obwohl China (Platz 36) und Indien (40. Platz) noch relativ schwach abgebildet sind. Auffallend sei, dass nordische Länder durchweg besser als südliche positioniert seien. Dieses Resümee deckt sich mit den eingangs erwähnten Untersuchungsergebnissen des Europaeum.

Obwohl Edvinsson von einer kulturellen Dimension spricht, hat er selbstredend nicht vorrangig die Kultur oder gar die Humanities im Fokus. Schon der Ausdruck des intellektuellen „Kapitals“ verweist auf seine ökonomische Betrachtungsweise. In einer Welt, in der Wohlstand und Wohlergehen jedoch rein wirtschaftlich bemessen werden, sind die Geisteswissenschaften nicht zu Hause. Solange innerhalb der europäischen Humanities das – zugegeben sehr humane! – „Nehmen ist seliger denn geben“- Prinzip praktiziert wird, waltet zwar der Neoliberalismus in Reinkultur, aber keine geistige Durchdringung der Dinge oder auf Menschlichkeit ausgerichtete Haltung. Wenn jenseits des „Ergatterns“, jenseits der radikalen Marktwirtschaft und auch jenseits jeglicher Ranking-Statistik das Geben im Sinn des Weiterreichens von Wissen, das aus innovativer, authentischer und marktunabhängiger Forschung resultiert, wieder in den Vordergrund rücken darf, dann kann vielleicht aus einem egoistisch konsumierenden Gespenst ein kritisch reflektierender Geist und am Schluss ein Solidaritätsgedanke (statt nur eines unbeliebten Solidaritätszuschlags) gedeihen. So könnten die Humanities wieder jene humanen Aspekte zum Leben erwecken, mit denen auch Humboldts Universitätsideal der Einheit von Forschung und Lehre einerseits, sowie seine zentralen Ideen vom autonomen Individuum und eines Weltbürgertums vereinbar wären. Einer humanen Globalisierung würde das geistig gut anstehen, einer seriösen, wirksamen und – wie der Fall Finnland zeigt – sowohl die Menschheit als auch die Universitäten stärkenden Geisteswissenschaft auch.

Ihre Dagmar Reichardt

(Dagmar Reichardt ist eine deutsche Literaturwissenschaftlerin, die über 50 Bücher sowie rd. 100 weitere akademische und kulturpolitische Publikationen geschrieben und herausgegeben hat. Sie schreibt seit 2009 für Kultur-Port.)
Bildcollage: Erasmus von Rotterdam schaut auf Europas Universitäten.

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