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Peter Sellars spektakuläre Wiedergeburt von Purcells „Indian Queen“

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Freitag, den 12. Februar 2016 um 14:12 Uhr
Peter Sellars spektakuläre Wiedergeburt von Purcells „Indian Queen“ 4.7 out of 5 based on 91 votes.
Peter Sellars spektakuläre Wiedergeburt von Purcells „Indian Queen“

„The Indian Queen“ war das letzte, unvollendete Stück Musiktheater von Henry Purcell, komponiert 1695 kurz vor seinem Tod im Alter von nur 36 Jahren, geschrieben „schon mit einem Fuß in der anderen Welt“. Für Regisseur Peter Sellars war das 50-Minuten-Fragment eine Steilvorlage. Gemeinsam mit dem Barock- und Opern-Erneuerer Teodor Currentzis hat er für das exotische Conquista-Drama und die drei produzierenden Theater in Perm, Madrid und London eine völlig neue, packende Lesart gefunden. Eine faszinierendes, ein elektrisierendes Bühnenereignis, das jetzt endlich auf DVD vorliegt.

Wir erleben hier – in einer Aufzeichnung von 2013 aus dem Teatro Real in Madrid – nicht weniger als die Transformation und Wiedergeburt eines zu Unrecht wenig beachteten Stücks aus einem neuen Geist, aus einer völlig neuen Perspektive und aufgeladen mit Fragen, die unsere Zeit an das Geschehen der Eroberung Mittelamerikas durch spanische Conquistadores stellt. Sellars hat die ursprüngliche Handlung radikal entkernt und neu aufgestellt. Beim gesprochenen Text von Purcells Semi-Opera (einer Mischung aus Arien und Chören, Tanzsequenzen und gesprochenem Text) musste die ursprüngliche Geschichte von 1664 einer neuen Erzählung weichen, die Sellars aus dem 1992 entstandenen Buch „La niña blanca y los pájaros sin pies (The Lost Chronicles of Terra Firma)“ der nicaraguanischen Schriftstellerin Rosario Aguilar komponierte.

Sie berichtet vom Aufeinandertreffen zwischen spanischen Eroberern und eingeborenen Mayas. Die den Waffen der Spanier wenig entgegenzusetzen haben. In ihrer Verzweiflung setzen sie auf eine Kriegslist: Teculihuatzin, die Tochter eines Maya-Häuptlings, wird Don Pedro de Alvarado, einem der Kriegsherren, als Konkubine angeboten. So soll sie die Pläne der Fremden ausspionieren. Das führt zunächst zu unverhofftem Glück, denn die beiden verlieben sich und bekommen eine Tochter. Doch die Massaker an den Mayas gehen weiter. Die Liebe erkaltet, der Kriegsherr will eine Spanierin heiraten. Die Indian Queen verzweifelt und wendet sich in ihrer Not an die alten Götter um Hilfe.
Peter Sellars, Jahrgang 1957, macht daraus in entschiedener Radikalität mit seinen Mitverschworenen, dem Street Artist Gronk als hochexpressivem Bühnenbildner und Teodor Currentzis am Dirigentenpult ganz großes Theater. Der veränderte Fokus auf die Geschichte der drei Frauen (der Häuptlingstochter, ihrer Tochter Leonor – der ersten Mestizin, und Doña Isabel, der Ehefrau des Gouverneurs) öffnet andere Blicke auf die vielfach erzählte Geschichte von Landnahme, Goldrausch und Massenmord durch europäische Zerstörer, die sich auf das Christentum berufen. Es ist die Geschichte der zum Scheitern verurteilten Suche nach Verständigung, nach Integration, nach Humanität, die Geschichte einer tragisch verpassten Chance. Maritxell Carrero ist ihre großartige, fesselnde Erzählerin auf der Bühne, die jedes einzelne Wort so energiegeladen gestaltet und vorträgt, als wolle sie es in Stein meißeln.

Die wohl leidenschaftlichste Liebesnacht, die man in einem Opernhaus zeigen kann
Fast dreieinviertel Stunden – von denen keine einzige Minute zu lang ist – dauert der neu konstruierte Fünf-Akter nun. Sellars hat den postum nachkomponierten Schluss von Purcells Bruder Daniel weggeschnitten. Und hat neben dem neuen Text aus anderen, weltlichen wie geistlichen, Werken von Henry Purcell Arien und Instrumentalstücke zu Ergänzung herangezogen, die den Kosmos großer Emotionen beleuchten und vielfach spiegeln. Und aufs Neue beweisen, zu welcher Meisterschaft allerfeinster Nuancierung Purcell es kurz vor seinem Tod gebracht hatte. Das geht unter die Haut.

Sellars bringt starke Szenen auf die Bühne: die aufflammende Liebe zwischen Don Pedro und Teculihuatzin, die in die wohl leidenschaftlichste, glühendste Liebesnacht mündet, die man gerade noch in einem Opernhaus zeigen kann. Die Verzweiflung der Geliebten, als sie erfährt, dass ihr Idol ungerührt davon weiter mordet. Die Erfahrung, wie ihn seine Gräueltaten in seiner Gefühlswelt deformieren. Der Hilferuf bei ihrem Schamanen, der in einem magischen Ritual die alten Götter beschwört. Und der brutale Massenmord an ihrem Volk, der mit bitterer Konsequenz ausgespielt wird.

Es ist keine Propaganda-Kunst, die Sellars da schafft. Es ist Kunst, die mit großer Konsequenz Fragen stellt und das Publikum dazu einlädt, sie zu beantworten. Auch wenn das, wie bei der Premiere in Madrid – also im Land der Täter – noch immer Empörung hervorruft. Worauf Sellars erklärte, dass unvollendete Werk wolle eben seinen Weg mit schwierigen Tatsachen und einer komplizierten Geschichte mit dem Publikum zu Ende gehen. Das noch lange nicht erreicht ist, so lange die Auswirkungen der Conquista verdrängt im psychischen Untergrund diesseits und jenseits des Atlantiks weiterarbeiten.

Purcell, sagt Sellars, liefert dazu eine Musik, die das Geschehen in feinste Kapillaren auslotet. Eine Musik, „die nicht einfach Glaubensaffirmation und Dogma ist, sondern eine Musik des Suchens, des Zweifels und Fragens. Eine Musik, die verstehen hilft, was ein gewaltsam erzwungener neuer Glaube auslöst und wie man über Nacht einen neuen Gott anbeten kann, in dessen Namen am Tag zuvor das eigene Volk ermordet wurde. Eine Musik, die von Currentzis und der Schar seiner Jünger aus Perm, dem Präzisions-Ensemble Musicaeterna und dem Chor der dortigen Oper in wunderbar fein gewebtem Klang produziert wird. Wobei der Chor eine grandiose Spielleistung liefert, archaische Bewegungen und Gesten, mit denen Sellars Regie den Tönen noch eine weitere Ebene hinzufügt. So wie mit den vier Tänzern, die als Maya-Götter das Geschehen immer wieder begleiten und stumm kommentieren.

Es ist Musik von vollendeter Schönheit, die uns Purcell da geschenkt hat. Doña Isabels (Lucy Growe) Lament „O Solitude“, bei dem man fast das Atmen vergisst. Oder der Büßer-Chor „Remember not Lord, our offences“, mit dem der zweite Teil der Oper eröffnet wird und bei dem das Herz stockt, nachdem es das Massaker am Ende des ersten Teils miterleben musste. Das zynische Duett der Mörder „Oh, how happy are we“. Der strahlende Festchor „We come to sing“. Und „I attempt from love’s sickness to fly”, die Arie, in der sich das Elend und die Verzweiflung der verlassenen Indian Queen wie unter einem Brennglas konzentrieren.

Sellars schuf ein Gesamtkunstwerk ähnlich den Ballets Russes
Man kann angesichts dieser Aufführung die Wirkung verstehen, die Anfang des 20. Jahrhundert etwa die Ballets Russes gemacht haben müssen. Sellars hat ein stringentes Gesamtkunstwerk geschaffen. Dessen packenden optischen Eindruck gestaltet wie in vielen Sellars-Arbeiten Gronk, ein Street Artist und Graffiti-Künstler aus Los Angeles, selbst ein Mann mit mexikanischen Wurzeln, der inspiriert von Maya-Kunst, von Graffiti der mexikanischen Befreiungsbewegungen und von deutschen Expressionisten wie Max Beckmann Leinwände von überwältigender Ausdrucksstärke geschaffen hat.

Man könnte noch viel hervorheben an dieser Ausnahme-Produktion. Vor allem die sängerischen Leistungen – die junge Julia Bullock als Teculihuatzin, eine echte Entdeckung, die ihr Gesangsstudium noch nicht abgeschlossen hatte, mit ihrem warmen Bronzeton in der Stimme und ihrem suggestiven, ja charismatischen Spiel, dem Noah Stewart als Don Pedro der ebenbürtige Widerpart ist. Beide nehmen Ohren und Blicke gleichermaßen gefangen. Die feinen, glasklaren und steinschneidenden hohen Counter-Stimmen von Vince Li und Christophe Dumaux in der Rolle zweier Maya-Götter. Und natürlich den Chor, der Purcells Partitur um tief spirituell empfundenes russisches Timbre bereichert.

Sie alle machen die Abgründe der Melancholie, das Herzbrechende der Handlung und ihren tief empfundenen Ernst fast physisch erfahrbar. Und die Tatsache, das dies alles nicht in aller Kürze abgehandelt werden kann. Die Gefühle brauchen ihre ausgedehnte Zeit, sich zu entwickeln und zu wirken. Man muss sich dem aussetzen und es durchstehen, wenn man ihre Wahrheit erleben will. „Das ist“, sagt Sellars, „eine epische Geschichte, und anders als extremistische politische Parteien, die alles vereinfachen wollen, möchte ich, dass die Leute kapieren, dass lange und komplizierte Historie auch als solche verstanden werden müssen.“

So wird aus der langen und komplizierten Geschichte der Conquista ein Requiem für alle Beteiligten – für die ausgelöschten Völker, aber auch für die Seelen der Mörder. Sellars gibt darin vor allem den Frauen eine Stimme, die eine große Rolle in dieser Geschichte gespielt haben, die aber in unserer Geschichtsschreibung so gut wie nicht vorkommen.

Sellars, Gronk und Currentzis haben aus all dem eine aufwühlende Opern-Performance geschaffen, eine, die bewegt und niemanden kalt lässt.

Henry Purcell: The Indian Queen – Peter Sellar’s new version
Musicaeterna, Leitung: Teodor Currentzis.
2 DVDs, Sony classical
8887 5049 519

YouTube-Videos:
Arie “I attempt”
Arie “O Solitude”


Abbildungsnachweis:
Header: Henry Purcell: The Indian Queen – Peter Sellar’s new version, Teodor Curretzis. Foto: Javier del Real
Galerie:
01. DVD-Cover
02. und 03. Szenen aus
Henry Purcell: The Indian Queen – Peter Sellar’s new version, Teodor Curretzis. Foto: Javier del Real
04. Teodor Curretzis in Perm. Foto: Alisa Kalipso

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avatar Herby Neubacher
0
 
 
Muss man eigentlich immer alles vergewaltigen um irgendwelche politisch-korrekten Konzepte auf die Buehne zu bringen?!

Was hat Sellars eigentlich damit zu tun Purcell Schnipsel zusammenstellen anstatt einen Purcell im Orginalklang auf die Buehne zu bringen.

Ein 50 Minuten Stueck auf ueber drei Stunden breitgetreten um seine 'Botschaft' unter Zuhilfenahme von Purcells gutem Namen loszuwerden.

Warum komponiert der Mensch nicht selbst anstatt Alte Musik - wie gesagt - fuer seine durchsichtige Political Correctness Kampagne zu misbrauchen.

Klare Antwort - seinen Kram will sicher keinen hoeren - sicherlich nicht noch nach mehreren 100 Jahren. Da muessen eben Alte Meister herhalten.

Ich aerege mich da schon lange darueber - auch bei Wagner.

Heute dienen ueberall bekannte und zu recht beliebte und beruehmte Orginalwerke dazu ausgebrannten Artisten der Neuzeit als Bettel fuer ihre tiefe Ideelosigkeit und mangelnde artistische Kompetenz.

Siehe die Ring Innszierung von Castorf in Bayreuth. Ein echt krampfhafter Mist, weil dem Mann nicht selber was einfaellt, benutzt er eben Wagner um Schlagzeilen zu produzieren oder sein armes Publikum zu provozieren.

Das Sellers-Opus scheint ein weiteres Beispiel - diesmal ist eben Purcell dran. Man kennt auch Beispiele von Haendelopern die so ‘auf modern’ tot-inszeniert wurden.

Die armen Komponisten koennen sich ja nicht mehr wehren ...
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