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Hélène Grimaud: „Water“

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Dienstag, den 02. Februar 2016 um 11:27 Uhr
Hélène Grimaud: „Water“ 4.6 out of 5 based on 83 votes.
Hélène Grimaud

Sie geht ihren ganz eigenen Weg. Und jetzt, in ihrer neuen CD „Water“, überschreitet die französische Ausnahme-Pianistin Hélène Grimaud die Grenzen der Stücke, die sie aufführt: Sie wurden aufgenommen Ende 2014 in New York im Rahmen der eigens dafür geschaffenen Kunstinstallation „tears become... streams become...“ von Turner-Preisträger Douglas Gordon, bei dem Grimaud mit ihrem Flügel mitten in einer spiegelnden Wasserfläche konzertierte, nasse Füße inklusive. Auf der CD geht sie mit Nitin Sawhney wieder andere, spannende Wege.

Es sind Wasser-Musiken, tönende Facetten des Erlebnisses Wasser, dem Grundbestandteil des Lebens. Facetten, die zusammen genommen ein neues Kunsterleben möglich machen sollen. Und Hélène Grimaud ist – mehr als nur Virtuosin und Künstlerin – seine Schamanin am Klavier. Die für die Zeitdauer ihres Spiels einen ganzheitlichen Blick aufs Wasser erschaffen will, ein großes Fließen von Erinnerungen und Gefühlen. Wasser ist „Quelle des Lebens und der Inspiration, als Molekül und Metapher, als unwiderstehliche Kraft und – wie schon von Heraklit entdeckt – so konstant wie wandelbar“. So raunt es im Booklet, das neben dem frühen griechischen Philosophen auch noch Franz von Assisi zitiert. Grimaud will die Stimme der Natur hörbar machen, damit „wir zusammen die Stimme unserer Umwelt hören – der Natur wieder näherkommen. Und damit uns selbst. Denn wir sind Wasser.“
Im New Yorker Park Avenue Armory, einem früheren Waffenarsenal, das seit 2006 zu einer Art Kampnagel des Big Apple umgestaltet wird, ließ der Schotte Douglas Gordon in einer Bahnhof-großen Halle Vorrichtungen zum Fluten des Bodens bauen, so dass ein 5000 Quadratmeter großes spiegelndes Wasserfeld entstehen konnte. In dessen Mitte saß die Pianistin in fast völliger Dunkelheit während ihrer zehn Wasserkonzertabende, von denen eines für „Water“ live aufgenommen wurde. Eine fast spirituelle Konstellation, eine spektakuläre Erweiterung des Musikerlebnisses in Richtung bildender Kunst und Architektur.

Nitin Sawhneys „Transitions“ erweitern das traditionelle Konzerterlebnis
Hélène Grimaud: „Water“ CoverAuf der CD ist das natürlich nicht wirklich zu hören, auch wenn die Wasserfläche sicher Einflüsse auf die Raumakustik haben mag. Für den Tonträger hat sich Grimaud eine andere Grenzüberschreitung ausgedacht: Sie selbst spielt acht Wasser-Werke von acht Komponisten. Der preisgekrönte britische Komponist, DJ, Musiker und Produzent Nitin Sawhney setzt nahtlos zwischen diese Musikstücke kleine „Transitions“, kaum länger als 1’30“, die von einem Stück zum anderen führen. Sie nehmen auf, was gerade verklang und führen wie ein klanglich überraschender Reiseführer atmosphärisch hin zu dem, was kommen wird. So dass am Ende eine ununterbrochene musikalisch Meditation entsteht, bei denen die notentreu gespielten Klavierwerke immer andere Schlaglichter auf das verbindende Wasser werfen. Ein spannendes Experiment, in dem das herkömmliche Konzerterlebnis durch zeitgenössische Intermezzi aufgebrochen und substanziell erweitert wird, durchaus auch im Live-Konzert vorstellbar, ohne dass überall der Boden geflutet werden muss.
Hélène Grimaud beginnt das Recital mit dem „Wasserklavier“ von Luciano Berio: Vom ersten zarten Ton an webt sie eine dichte Atmosphäre, und lockt ihr Publikum in ein verzaubertes Land. Sawhney nimmt das nahtlos auf, mit perlenden Glöckchenklängen und einem dezent treibenden Pulsen. Das geht direkt über in Takemitsu verträumte „Regen Baum Skizze II“, in der das Durchatmen und die frische Luft nach einem Regen hörbar wird, eine Meditation, in der Kraft gesammelt wird. Ziepende Flageolett-Töne über fernem Raunen führen zu Gabriel Fauré Barcarolle No.5 in fis-Moll – eine durchaus spannungsgeladene Bootsfahrt, aufgewühlte Gefühle, rätselhafte Wendungen. Die Sawhney mit einer Art Seufzer hinter sich lässt und überleitet mit Gitarrenklängen und einem unruhigen Fließen und Plätschern zu Ravel „Jeux d’eau“, dem der Komponist 1901 die Szenenbeschreibung begab: „Der Flussgott lacht, weil ihn das Wasser kitzelt“. Man sieht die Wasserspiele vor sich und hört sie sprühen, sprudeln, glucksen.

Liszts Wasser-Werk und der Zugang zum Mystischen
So geht es weiter zu Albeniz’ „Almeria“, das die Stimmung im südöstlichen Seehafen Spaniens ausmalt, mit Folk-Rhythmen. nervöse leise Beats und liegende Akkorde bereiten das Ohr vor auf Liszt unfassbar virtuos glitzernde Wasser-Spielerei „Jeux d’eaux à la Villa d’Este“, das an der Grenze zwischen Liszts atemberaubender Virtuosität an den Tasten und der Spiritualität seines Spätwerks entstand, den er in die Noten explizit einfügte mit einem Satz aus dem Johannes-Evangelium. Geistige Überhöhung der Noten, die Grimaud in einem anderen Sinne nicht fremd ist. Ein Lieblingsstück der 46 Jahre jungen Pianistin, das „den Begriff von Metamorphose, Transzendenz und den Zugang zum Mystischen zum Ausdruck“ bringt. Der folgende Janacek stochert mit „In the Mists No.1“ melancholisch im Nebel eines ungewissen Schicksals, dann führt Sawhney mit melodischen Anklängen an ein Kirchengeläut zur sagenhaften „Untergegangenen Kathedrale“ von Claude Debussy – die finale Hommage an das Wasser, aus dem alles entsteht und in dem alles vergeht. Grimaud spielt das keineswegs nur verträumt und spielerisch, sie langt auch mal richtig hin, so dass auch die zerstörerischen Dimensionen des Wassers fassbar sind.
Grimaud und Sawhney ist mit ihrem Konzept-Album ein faszinierendes Experiment gelungen. Es macht einen Kontext zwischen dem Schaffen unterschiedlicher Komponisten greifbar, eine Reise durch ihre Gedanken und die Anstöße, die sie verarbeitet haben. Grimaud, die Schamanin an den Klaviertasten sagt: „Natur ist die ultimative Muse, eine unauslöschliche Quelle der Inspiration und gleichzeitig eine Brücke zur spirituellen Welt.“ Mit diesem Zugriff und Sawhneys minimalistischen „Transitions“ haben sie ein musikalisches Kontinuum von hoher poetischer Dichte und einer verzauberten Atmosphäre geschaffen, in dem die Gedanken und Gefühle frei fließen können. Ein Klangstrom, ein meditatives Gesamterlebnis von hoher Sogwirkung, das man sich gern ein zweites und drittes Mal anhört.

Hélène Grimaud: Water
(mit Nitin Sawhney). CD
Deutsche Grammophon,
4795 268
Videos:
- Water - Transition 5 & Franz Liszt Les Jeux d'eaux à la Villa d'Este
- Water (Teaser)

Hörbeispiel:
Water


Abbildungsnachweis:
Header: Hélène Grimaud. Foto: © Mat Hennek
CD-Cover

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