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Kopf-Hörer4: Europa und die Musik

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Mittwoch, den 06. Januar 2016 um 11:18 Uhr
Kopf-Hörer4: Europa und die Musik 4.4 out of 5 based on 71 votes.
Kopf-Hörer4: Europa und die Musik

Nikolaus Harnoncourt und die Beethoven-Symphonien – erstmals mit seinem Concentus Musicus. Simone Youngs Schlussakkord in Hamburg erscheint als Live-Mitschnitt: Franz Schmidts „Buch mit sieben Siegeln“. Hannu Lintu gibt Mahlers Erster schlanke Gestalt. Martin Haselböcks Wiener Akademie legt die siebente CD ihres Liszt-Projekts vor. Und das Bläserensemble Zefiro führt vor, wie sich Europa zu Mozarts und Rossinis Zeiten die Türkei musikalisch ausgemalt hat.

4-1-BeethovenBeethoven. Symphonies 4 & 5. „Meine körperlichen Kräfte gebieten eine Absage meiner weiteren Pläne.“ Mit diesen Worten gab Nikolaus Harnoncourt im Dezember in Wien seinen Rückzug vom Dirigentenpult bekannt – am 5. Dezember, dem Vorabend seines 86. Geburtstags. Mehr als sechs Jahrzehnte lang hatte er mit seinem Orchester eine Revolution des Musizierens und Hörens vorangetrieben. Worauf die Musikwelt künftig verzichten muss, demonstrieren das Originalklangorchester und sein Gründer noch einmal nachdrücklich mit ihrer neuen Aufnahme von Beethovens 4. und 5. Symphonie. Noch einmal stieg Harnoncourt dafür tief in die Quellen der Instrumenten- und Aufführungsgeschichte hinab. Um letzte Nuancen der Tempi, der Instrumentation, der Akzentuierung und des revolutionären Impetus’ von Beethovens Musik auszugraben. Wir erleben diese Symphonien als wahrhaften Dialog, als lebendige Auseinandersetzung der Musikinstrumente, eigen in vielen Details, die anderswo nicht einmal zu hören sind. Eine Zuhörerin wird von Harnoncourt im Booklet so zitiert: „Das war schon Beethoven, aber das war nicht unser Beethoven.“ Er fügt an: „Die Dame hat Recht, sie hat ganz richtig gehört.“
Beethoven: Symphonies 4 & 5
Concentus Musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt. CD Sony Classical 8887 5136 452


4-2-schmidtDas Buch mit sieben Siegeln. Zum Abschied nach zehn Jahren Hamburg an den Dirigentenpulten von Staatsoper und Laeiszhalle hatte sich Simone Young im Juni 2915 einen seltenen und dicken Brocken aus der Abteilung Oratorium ausgesucht: „Das Buch mit sieben Siegeln“, die Vertonung einer gekürzten Fassung der Offenbarung des Johannes. Jener Geschichte vom Welt-Ende, dem endgültigen Sieg über das Böse und der Errichtung des Reichs Gottes. 1935 bis 1937 an den Grenzen der Spätromantik komponiert und 1938 drei Monate nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland uraufgeführt. Kurz vor seinem Tod zieht Franz Schmidt alle Register. Die Löwenpartie überträgt er der Figur des Johannes. Quasi eine Evangelisten-Partie, die Klaus Florian Vogt in Hamburg mit stimmlicher Bravour und exzellenter Textverständlichkeit bewältigte. Georg Zeppenfeld darf sich als Stimme des Herrn auf wenige große Momente beschränken. Gewaltig gefordert sind der NDR-Chor und der Staatschor Latvija, die das Entsetzen der Menschheit im Angesicht des Endes und die Glorie Gottes gleichermaßen in höchst komplexen Chorstücken sehr präzise und präsent zum Ausdruck bringen, Dazu lassen sich die Hamburger Philharmoniker von ihrer scheidenden Chefin zur Höchstform antreiben. Schmidt tummelt sich orchestral nicht nur in den transzendentalen Sphären, die auch der späte Richard Strauss erreicht, er wagt sich viel weiter als jener ins atonale Neuland, ohne die Leitplanken der tonalen Harmonik aufzugeben. Ein grandios gelungenes Abschiedsgeschenk von Simone Young.
Franz Schmidt: Das Buch mit sieben Siegeln
Philharmoniker Hamburg, NDR Chor, Staatschor Latvia, Solisten u.a. Klaus Florian Vogt, Georg Zeppenfeld. Leitung: Simone Young. 2 CDs Oehms Classics OC 1840


4-3-MahlerMahler. Symphony No.1. „Mahlerfreunde und Mahlerhasser“ hätten sich 1889 bei der Uraufführung von Mahlers 1. Symphonie in Budapest „eine heftige Schlacht geliefert“, berichtet Karl Kraus. Das muss der finnische Dirigent Hannu Lintu mit dem Finnish Radio Symphony Orchestra (FRSO) kaum befürchten. Das vom Komponisten in langen Jahren unter Schmerzen geborene Werk ist längst kanonisiert. Und Lintu, seit 2013 Chefdirigent des FRSO, gibt nur wenige Hinweise darauf, was damals das Publikum gespalten hat. Dafür ist seine Interpretation einfach zu schön und brav. Zwar ist auch bei ihm zu hören, wie Mahler kecken Widerborst in die Klanggespinste der Spätromantik einwebt. In Lintus ultratransparentem, sehr glattem Klang – den die SACD-Aufnahme noch unterstützt – wirkt das allerdings kaum aufmüpfig. Lintu verweigert sich jeder Überwältigungsästhetik, kleistert Brüche nicht mit Pathos zu. Das schafft er, dabei bleiben aber auch die großen Kämpfe etwa des vierten Satzes in ihrer ganzen Leidenschaftlichkeit auf der Strecke. Es klingt so, als würde er Kampf spielen, Widersprüche hintupfen, akkurat, präzis, aber kaum bewegend. Und bliebe immer besorgt, Mahler könne seinen großen finnischen Bewunderer Sibelius überflügeln. Nur selten gelingen ihm, wie bei der „Lindenbaum“-Erinnerung im zweiten Trio des dritten Satzes, seelentiefe Momente. PS. Der von Mahler für seine Erste verworfene zweite Satz mit dem Titel „Blumine“ ist als Bonus-Track an fünfter Stelle auf dieser SACD dabei.
Gustav Mahler: Symphony No.1 und Blumine
Finnish Radio Symphony Orchestra, Leitung: Hannu Lintu. SACD Ondine ODE 1264-5


4-4-lisztThe Sound of Weimar. Als Liszt-Experte gilt Martin Haselböck zu Recht, die 52 Orgelwerke Liszts hat der Wiener Organist und Orchestergründer bereits zweimal komplett eingespielt. Aktuelles Projekt seines Ensembles „Wiener Akademie“ ist neben „Resound Beethoven“ (der Aufnahme aller Symphonien an den Uraufführungsorten) die Aufnahme sämtlicher Orchesterwerke von Franz Liszt in der Reihe „The Sound of Weimar“. Die siebente CD präsentiert vier Transkriptionen von Schubert-Werken – Liszt hat viele von dessen Liedern für Solo-Klavier umgeschrieben. Hier sind es nun drei Märsche, die zu großen Orchesterstücken wurden – fast schon sind es Sätze ungeschriebener Schubert-Symphonien. Genau wie Liszts ebenfalls in seiner Zeit als Weimarer Hofkapellmeister (1843-1860) entstandene Orchesterfassung der viersätzigen Wanderer-Fantasie, die Schuberts „Klavierkonzert ohne Orchester“ organisch zu einem eigenständigen Werk komplettiert. Aus Liszts römischer Zeit nach 1860 datieren zwei Traueroden, Nachklänge auf den Tod zweier seiner Kinder. Und – eine Weimarer Ausgrabung von Haselböck, hier erstmals aufgenommen – den auf einer gregorianischen Melodie basierenden Kreuzeshymnus „Vexilla regis prodeunt“. Die Wiener Akademie spielt auf Originalklang-Instrumenten der Zeit von Liszt. Haselböck erschafft damit einen ungeheuer transparenten, vielschichtigen Klangkosmos. Ein fesselndes Hör-Erlebnis.
The Sound of Weimar 7. Schubert: Märsche, Wanderer-Fantasie op.15 (Transkriptionen: Franz Liszt), Liszt: Traueroden, Kreuzeshymne
Orchester Wiener Akademie, Leitung: Martin Haselböck. CD Alpha Classics, Alpha 471


4-5-turquerieHarmonie & Turquerie. 1683 waren die Türken zum zweiten mal an der Eroberung von Wien gescheitert, aus der Bronze der zurückgelassenen osmanischen Kanonen gossen die Wiener die größte Glocke im Stephansdom. Aber so eine exotische Kultur ist, wenn man sie nicht mehr fürchten muss, auch irgendwie attraktiv. Und so zogen mit ordentlich „Wumm“ und „Tschingderassasa“ etliche Instrumente der Janitscharen-Musik ins europäische Musikleben ein. Orientalisches Klang-Gewürz sozusagen, das auf den Trend traf, mit Holz- und Blechbläserensembles Harmonie-Musiken das Beste der eben aktuellen Opern zur höfischen Unterhaltung zu spielen. Sultane wanderten als Figuren in manche Oper und wurden mit Bläsern, Trommeln und Glockenspielen illustriert (und gern auch veralbert). Das italienische Bläserensemble „Zefiro“ hat solche „Harmonie & Turquerie“ zusammengesucht – neben Harmonien von Joseph Haydn, Mendelssohn, Schubert und Gaetano Donizetti auch Michael Haydns „Marcia Turchesca“, wo es ordentlich rumst und scheppert, einen Janitscharen-Marsch, den Mozart für die „Entführung aus dem Serail“ komponierte, die Ouvertüre zu Rossinis „Turco in Italia“, etliche Sätze in Louis Spohrs Notturno. Und den „Marcia di Mahmoud“, den Donizettis turkophiler Bruder Giuseppe komponierte, der als Musikchef des Sultans in Istanbul lebte und dort mit dem Titel „Pascha“ geehrt wurde. Dieser Marsch wurde lange als osmanische Nationalhymne gespielt.
Harmonie & Turquerie. Musik von Donizetti, Haydn, Mendelssohn, Mozart, Rossini, Schubert, Spohr, Witt
Zefiro, Leitung Alfredo Bernardini. CD Arcana A 391

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