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John Scofield: Country For Old Men

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(100 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 23. November 2016 um 14:09 Uhr
John Scofield: Country For Old Men 3.8 out of 5 based on 100 votes.
John Scofield Country For Old Men

Ein Holzhaus irgendwo im Osten der USA aus starrer Adlerperspektive. Das Nachtlicht ist noch an. Tonspur: „Gute Nacht, John-Boy!“ – „Gute Nacht, Steve!“ – „Gute Nacht, Larry!“ – „Gute Nacht, John-Boy!“ – „Gute Nacht, Mama!“ Dolly Parton deckt Bill Stewart liebevoll zu. „Gute Nacht, John-Boy!“ – „Gute Nacht, Bill!“ Der Rezensent wacht schweißgebadet auf. John Scofield spielt Country. Muss das sein?

Mit „Mr. Fool“ geht es los. Und die Fußnägel des Rezensenten stellen sich unwillkürlich auf. Langweilen die Jungs sich dabei nicht zu Tode? „Ich liebe diese Country-Melodien, und ich spiele sie gern auf der Gitarre,“ stellt Scofield klar. „Country-Puristen werden das hassen, aber das ist schon in Ordnung.“ Ganz zu schweigen von Jazz-Puristen. Und Europäern, die traditionell mit dem Musikgenre der (Asphalt-)Cowboys so gar nichts anfangen können. Aber hören wir weiter hin!

Denn was John Scofield, kurz Sco genannt, mit Bill Stewart, Larry Goldings und Steve Swallow in „Country For Old Men“ unternimmt, ist ein selbstironisches Experiment. Das ist für uns umso leichter verdaulich, als Country nicht nur eine Verwandtschaft mit Volksmusik, sondern auch mit Bluegrass, Folk und Blues aufweist.

John Scofield: Country For Old Men CoverSo spielt Sco auf diesem Album den Blues seines Lebens: „Bartender’s Blues“, „Wayfaring Stranger“ und „Just A Girl I Used To Know“ werden hier nicht nur Lehrstücke einer über ein langes Übungsleben gewachsener akkurater Gitarrentechnik sondern – wie immer bei Scofield – Interpretationen von unermesslicher emotionaler Tiefe. Auch aus „Joeline“, Dolly Partons Ode der vernachlässigten Ehefrau an die überlegene Konkurrentin, holt Sco alles raus, was an Bluespotenzial drin ist.

Und dann sind da noch die wirklich geradeaus nach Country klingenden Country-Melodien. Die aber unterzieht das Quartett einer gründlichen Behandlung, der Country-Fan würde wohl eher von Missbrauch reden. „Mama Tried“ kommt zunächst als naives Liedchen daher. Wenn die vier losimprovisieren, unterscheidet die Musik sich nicht mehr von dem, was sie musikalisch sonst so treiben. Der Trick funktioniert mit vielen Stücken erstaunlich gut: „Faced Love“ bekommt ein Swing-Schlagzeug und einen Walking Bass und funktioniert nach obligatorischem Vorspielen der Melodie wie jeder andere Swingklassiker.

Mit diesem Programm tingelt die Jazzlegende Scofield jetzt durch die halbe Welt. Offenbar für das notorisch krawallige Publikum von „Bob’s Country Bunker“ (die Honky-Tonk-Bar in „Blues Brothers“, in der sie beides spielen, Country und Western) hat er „Red River Valley“ ins Programm genommen. Hier rumpelt das Quartett gröhlend los und – cut! – finden wir uns in feinstem Jazz wieder. Am Ende des Stücks wird dann nochmal losgerumpelt mit einer Eishockeyhallen-komplatiblen Schweineorgel – und das war’s dann auch mit Country.

Die Rückbesinnung auf eine einfache musikalische Basis bringt auch eine weitere Reduktion des Gitarrensounds mit sich. Er wollte nichts zwischen seiner Gitarre und dem Verstärker außer dem Kabel, bekannte Scofield. Das ergibt einen Scofield-Sound von warmer Schlichtheit. Damit aber die allzu plumpen Country-Melodien nicht gar so deppert daherkommen, reichert Sco sie unentwegt mit Verzierungen an. Kaum ein Ton ohne Vorschlag oder Dehnung. Das wäre nun wirklich nicht nötig, ist exemplarisch zu belauschen bei Shania Twains Hit „You‘re Still The One“ und verwundert bei einem Musiker wie Scofield, bei dem sonst keine Verzierung nur einfach eine Verzierung ist, sondern immer eine musikalische Bedeutung und Funktion hat.

Am Schluss aber setzt der Meister solo auf einer Ukulele mit Johnny Mercers Persiflage „I’m An Old Cowhand“ den Kontext des Albums, als wollte er uns sagen: „Hey Leute, nehmt das mit den Genres nicht so ernst. Das hier geht um Freude an der Musik und die Gefühle, die sie transportieren kann. Entspannt euch, und genießt.“
Na dann: Gute Nacht, John-Boy!

John Scofield: Country For Old Men
Larry Goldings, Steve Swallow, Bill Stewart
Label: Indigo/Universal
CD

YouTube-Video:
John Scofield / Country for Old Men (impulse!)

JazzMe - In Kooperation mit Christoph Forsthoff, Sabine Meinert, Sven Sorgenfrey und Willy Theobald. Weitere CD-Kritiken, Interviews und Informationen aus der Welt des Jazz unter AboutJazz.


Abbildungsnachweis:
Header: PR/Nicolas Suttl
CD-Cover

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