News-Port
Drucken
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ihre offiziellen Antwort auf die große Anfrage zur Situation der Jazzmusik in Hamburg kann vom Verband Hamburger Jazzmusiker »JazzHaus Hamburg« nicht unkommentiert hingenommen werden. Deshalb folgt in Kürze unsere Darstellung der Situation, die durchaus als Kritik an Ihrer sehr einseitigen und beschönigenden Beschreibung des Themas »Jazz in Hamburg« und Ihrer offensichtlichen partiellen Unkenntnis (»Der Senat hat sich hiermit nicht befasst.«) verstanden werden darf. In einer Studie von Roland Berger in 2007 zur Talentstadt Hamburg heißt es: »Die Politik ist für die Bedeutung von kreativer Vielfalt und Kreativwirtschaft bei der Umsetzung von politischen Entscheidungen stärker zu sensibilisieren.« Das möchten wir hiermit versuchen.
Scheut Hamburg seit der Roland Berger Studie in 2007 ein wenig das Benchmarking mit anderen Städten und geht deshalb auf den Vergleich mit Städten wie Paris, London, Kopenhagen und Amsterdam und auch deutschen Städten wie Berlin, Köln und München erst gar nicht mehr ein? (bezieht sich auf Antwort 2: »Die Jazzmusikszene Hamburgs weist Ausprägungen auf, die denen anderer großer deutscher Städte vergleichbar sind. Im Übrigen hat sich der Senat hiermit nicht befasst.«) Ein ernsthafter Vergleich hierbei wäre auch sofort verloren, weil alle der genannten europäischen Städte eine florierende Jazz- und Popularmusikszene von Weltruhm und eine exzellente Ausbildung an den jeweiligen Musikhochschulen und Konservatorien haben. Aber wozu nach den Sternen greifen... Ganz im Gegenteil vergleicht sich Hamburg bei der Rechtfertigung der geringen
Größe des Jazzstudiengangs an der HfMT (ca. 34 Studenten) lieber mit Bremen und Hannover (nicht mit Berlin und Köln, was der Einwohnerzahl nach angemessener wäre). Allerdings geht hierbei die Rechnung nicht auf, da Hamburg von 700 gesamten Studienplätzen mit 34 Jazzstudenten lediglich einen Anteil von 4,86% Jazz- und Popularmusikstudenten hat. Bremen liegt hier bei 7,45% (35 von 470) und Hannover bei 7,5% (90 von 1.200) [Quelle: Jazzinstitut Darmstadt].

In Antwort 4 wird die Bedeutung des Jazz in Hamburg auf die 1,7% am bundesweiten Gesamtumsatz der Phonoindustrie beschränkt. Jazz ist allerdings eine Live Musik und seine Szene ein musikalischer Kreativpool.
Die Kennzahl “Umsatzanteil am Phonomarkt” ist deshalb wenig aussagekräftig für die Bedeutung innerhalb der Stadt. Dass Umwegrentabilitäten in allen Kulturbereichen und auch beim Jazz eine sehr große Rolle spielen, muss hier erwähnt werden. Aber Hamburg fördert doch Live-Clubs. Der »Live Concert Account« wird erfreulicherweise mit 150.000 € ausgestattet. Lediglich die drei Jazzclubs (Cotton Club, Birdland und Stellwerk) profitieren allerdings von diesem Fonds, aber auch nur zu einem sehr geringen Teil, da die Clubs sehr klein sind und die GEMA Abgaben in Relation zu Knust, Übel & Gefährlich und Molotow kaum nennenswert sind. Ein Interesse und eine wirklich nachhaltige Förderung der Kunstform Jazz ist dadurch nicht einmal
annäherungsweise abzusehen. Zumal sich Jazz diesem Fall wieder einmal mit Popularmusik konkurrieren muss, die inhaltlich und wirtschaftlich ganz andere Ansprüche verfolgt.

Selbstverständlich sind die Grenzen zwischen Jazz und Pop fließend und nicht genau abzugrenzen. Das heißt aber nicht, dass man ein Genre einfach übergehen darf. Jazz ist eine eigenständige Kunstform, die eines gewissen Respekts und einer Wertschätzung bedarf und nicht als 1,7% am Gesamtumsatz abgetan werden kann. Städte wie Köln, Dortmund und München machen hierbei einen sehr guten Anfang mit der Förderung von Stadtgarten, Domicil und der Unterfahrt. Demgegenüber wird ein ebenso bundesweit und international renommierter Hamburger Club wie das Birdland keine Chance haben, wenn der ehrenamtliche Betreiber Dieter Reichert eines Tages in den »Club-Ruhestand« geht. Kleine Clubs, wie es die meisten Jazzclubs
sind, funktionieren finanziell leider vollständig anders und eine Gewinnabsicht kann ihnen eigentlich niemals unterstellt werden, solange sie nicht die Musik als Kunstform vernachlässigen wollen. Genau hier muss eine Förderung ansetzen und nachhaltig die schon seit Jahrzehnten geleistete Arbeit wertschätzen und unterstützen.

Dabei ist der »Live Concert Account« für Jazzclubs nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Jazz ist vor allem eine Musik, die mit und vom Publikum lebt. Und das Publikum interessiert sich zahlreich für diese Musik und all seine vielfältigen Verzweigungen. Das zeigen die 580 Veranstaltungen, die die drei Hamburger Clubs (Cotton Club, Birdland, Stellwerk) schon allein im letzten Jahr präsentiert haben. Die schwierige wirtschaftliche Lage der Jazzclubs ist kein Zeichen für eine zu geringe Auslastung oder ein mangelndes Interesse des Publikums, sondern Resultat einer Vielzahl struktureller Veränderungen in den letzten Jahren [vgl. (Über-)lebenkunst Live-Club (Michael Langkamp)/ Grin 2010]. Dem Publikum ist es nach wie vor ein gesellschaftliches Bedürfnis ist, sich mit inhalts- und anspruchsvoller Musik auseinanderzusetzen.
»Die zuständige Behörde hat die allgemeine Förderung von Übungsräumen für die Pop- und Jazzszene 2003 eingestellt, unter anderem weil die Nachfrage nach Mitteln zum Ausbau und zur Herrichtung in den vorangegangenen Jahren stetig abgenommen hatte. [...] Mit Wirkung vom 1. März 2010 wird auch die Kreativagentur bei der Vermittlung von Übungsräumen unterstützend
tätig sein können.«

Die bedauerliche Tatsache, dass die Nachfrage abgenommen hat, liegt allerdings ganz sicher nicht daran, dass es keinen Bedarf gibt, denn der ist nachweislich größer denn je; vor allem in Stadtteilen wie Eimsbüttel, Sternschanze, St. Pauli sind unzählige dort wohnende Musiker auf der Suche nach geeigneten Proberäumen und Studios ebenso wie Künstler auf der Suche nach Ateliers sind. Aber das Leerstandsproblem wurde von den Initiativen um das Gängeviertel und NIONHH bereits ausgiebig diskutiert. Es bleibt jedenfalls zu anzumerken: Bei den vielen Proberäumen und Studios ergeben sich ähnliche Kostenprobleme aufgrund von Wärmedämmung, Immissionsbestimmungen (Lautstärke), etc. wie bei Live Clubs, so dass es ganz sicher keine positive
Entwicklung für die gesamte Hamburger Musikszene ist, dass jegliche Übungsraumförderung eingestellt wurde. Ein Übungsraum ist für einen Musiker ist wie ein Atelier für einen Künstler. Es ist ein Arbeitsraum in dem sich viele Musiker täglich mehrere Stunden aufhalten. Übungsräume in stinkigen Kellern oder verschimmelten unbeheizten Bunkern - teilweise zu horrenden Mietpreisen (10€ pro m2 und mehr) oder gar hohen Stundenmieten - stellen eine unwürdige, unangemessene und verbesserungswürdige Arbeitssituation dar.

Aktueller Jazz ist weit entfernt von reiner Unterhaltungs- und Tanzmusik und hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer Kunstform entwickelt, in denen Musiker technisch und musikalisch höchste Ansprüche verwirklichen. Aufgrund dieser höchsten Ansprüche sind all diese Musiker eben genau so exzellent ausgebildet, dass sie darüber hinaus in den verschiedensten Popular- und Kunstmusikgenres agieren können und das auch tun. Jazzmusiker von der HfMT und aus der Hamburger Szene sind bei allen großen Hamburger Musicalproduktionen zahlreich zu finden, sowie in Projekten der »Neuen Musik« und ebenso in Popbands wie Jan Delay, Fettes Brot, Rosenstolz, etc. Prof. Kerschek, Leiter der Fachgruppe Jazz an der HfMT, arrangiert für
Barbara Schöneberger, Annette Louisan, Roger Cicero, uva. Nicht zuletzt deswegen ist es unmöglich Jazzmusiker
von anderen Musikern klar abzugrenzen. Eine solche Grenze kann und darf es gar nicht geben, weder bei der KSK noch sonst irgendwo. Ein Jazz-Artist finanziert sich in der Regel durch einen Einkommensmix aus musikpädagogischen Tätigkeiten, Orchesterarbeit bei Shows, Bigbands u.ä., Projektverträgen für verschiedene Produktionen und Touren und Konzerten eigener und fremder Bandprojekte. [vgl. “Selbstmanagement für Jazzmusiker” (Roman Schuler)/ KMM 2008].
Die Bezeichnung einer »musikalischen Instrumentalelite« wäre gegenüber den zahlreichen großartigen im Popund Rockbereich ausgebildeten Musikern aus Hamburg vermessen, aber man kann mit Sicherheit sagen, dass Jazzmusiker ein technisches und musikalisches Niveau haben, dass es ihnen ermöglicht Akteure in verschiedensten Genres zu sein, weil sie ein enormes kreatives Potential bündeln. Auch für die musikpädagogische Arbeit und den musikalischen Nachwuchs ist es sehr wichtig Instrumentallehrer auszubilden, die Popularmusik kompetent und stilsicher unterrichten können, denn das beste JeKi Projekt nützt nichts, wenn die Instrumentallehrer ihre Instrumente nur auf Amateurniveau beherrschen. Musiker, die aktiv ihre Kunst ausüben und
gelebte Erfahrung weitergeben können, sind letztendlich immer die besseren Lehrer. Darum ist es für eine
“Musikmetropole” unerlässlich gerade in diesem Bereich eine ausgezeichnete Ausbildung und Förderung der
Szene zu garantieren, um auch weiterhin im gesamten Popularmusikbereich ein hohes qualitatives und vor
allem innovatives Niveau mit ausgezeichneten Musikern halten zu können. Deshalb ist es bitter nötig, die
Kunstform Jazz an sich stärker zu unterstützen, um die Szene kreativ und inhaltlich zu stärken.
Die Veränderungen der Musikindustrie im letzten Jahrzehnt gehen vor allem zu Lasten der kleinen Labels.
Zahlreiche Jazzlabels fallen hierunter. Die Promotion- und Marketingfunktionen, die ein Label mit Hilfe seiner
Netzwerke für einen Jazzmusiker hierbei übernommen hat, fallen somit also bis auf wenige Ausnahmen weg.
Produktionen und Veröffentlichungen an sich sind im Jazz um einiges kostengünstiger und unkomplizierter
als in der übrigen Popmusik und werden ohnehin schon in der Regel von den Musikern selbst übernommen.
Aber um Auftritte zu akquirieren müssen immer wieder neue Veröffentlichungen publik gemacht werden und
kompetent beworben werden, um bei den Veranstaltern wahrgenommen zu werden: eine Aufgabe, die mit
der notwendigen Professionalität kein Musiker selbst übernehmen kann. Ein professionelles nationales und
internationales “Exportbüro”, zur Promotion und Vermarktung für Jazz aus Hamburg, würde nicht nur den
Musikern helfen ihre Veröffentlichungen besser publik zu machen und dadurch auch noch Auftritte zu generieren,
sondern würde auch die Außendarstellung der Stadt Hamburg für einen wichtigen Teilbereich der
“Musikmetropole” verbessern. Dass Herr Langners guter Markenname an dieser Stelle ausreicht, ist wohl eher
Wunschdenken. Auch eine bessere Vernetzung der eigentlichen Szene mit dem NDR könnte hier schon wichtiger
Faktor sein. Die für derartige Aufgaben geförderte Hamburger Institution wird allerdings voraussichtlich
für solche Aufgaben nicht geeignet sein.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Unterstützung des neuen »Elbjazz« Festivals besonders begrüßt wird und sich das Festival hoffentlich als feste Institution in der Hamburger Kulturlandschaft etablieren kann. Kulturelles Entrepreneurship dieser Art muss viel mehr bei engagierten Initiatoren und auch bei Künstlern selbst verstärkt und gefördert werden. Denn nur dann kann sich eine vielseitige und bunte Szene entwickeln.
Einzel- und Leuchtturmprojekte, wie der Austausch mit Dubai und Shanghai, sind allerdings unserer Meinung nach bestenfalls »nett« und haben mehr mit Stadtmarketing als mit Kulturförderung zu tun. Das Geld hätte
wesentlich nachhaltiger investiert werden können.
Auf die Antworten bezüglich Fragen zum Jazzbüro und zur HfMT soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangenwerden, da die Antworten z.T. von den Institutionen selbst geschrieben wurden, stark subjektiv und voller Worthülsen sind (»Perspektivisch will das Jazzbüro den Jazz in und aus Hamburg räumlich und zeitlich noch stärker ausdehnen.«). Die Institution Jazzbüro, eine an sich gute Idee, hat sich strukturell sehr weit von seiner ursprünglichen Konzeption entfernt und ist leider, allem Engagement in Ehren, kein Sprachrohr der Hamburger Jazzszene (auch wenn das in den Selbstdarstellungen gerne so dargestellt wird), sondern lobbyistisch schwach aufgestellt und szenefern, was schon allein an der Anzahl und Zusammensetzung der
Vereinsmitglieder auszumachen ist.

Handlungsbedarf für den Hamburger Jazz gibt es also konkret bei der Instrumentalausbildung (HfMT), in der Wertschätzung und Förderung von etablierten Spielstätten (Birdland, Cotton Club, Stellwerk) und bei der Unterstützung der Musiker sich zu vermarkten und Konzerte zu akquirieren, sowie der Verbesserung der Proberaumsituation. Es fehlt also an Infrastrukturförderung an der richtigen Stelle, die nicht einmal teuer sein muss. Sie muss aber zuerst einmal überhaupt gewollt werden. Will die Stadt Hamburg eine angemessene, florierende und kreative Jazzszene?

Alles in allem läuft es offenbar darauf hinaus, dass der Senat dem Thema Jazz offenbar keinerlei Bedeutung abgewinnen kann und deshalb auch kein Interesse hat sich damit zu beschäftigen. (»Hiermit hat sich der Senat nicht befasst.«) Jazz wird als eine Art Nischengenre für Randgruppen und Individualisten angesehen. Das es ein integraler Bestandteil in der Musiklandschaft an der Schnittstelle zwischen Pop, neuer Musik und sogar Klassik ist und eigentlich eine instrumentaltechnische, musikalische (harmonische) und kreative Grundlage bildet für fast jegliche Popularmusik des 20. Jahrhunderts, wird hierbei übersehen. Da eine weiterführende nachhaltige Förderung aber offensichtlich nicht einmal in Ansätzen geplant ist, wird sich auch durch den oft
angeführten Haushalt 11/12 nichts ändern mit fatalen Folgen für die Szene der Stadt Hamburg - die weiterhin kämpfen wird, um ihre Musik spielen zu können, aber aus der die guten Musiker vielleicht doch lieber nach Berlin ziehen - und mit fatalen Folgen für die “Musikmetropole”, denn die muss das Potential des Jazz erst noch hinter den Glasfassaden der Elbphilharmonie suchen und für sich entdecken und wir hoffen, dass es dann nicht bereits zu spät ist, denn gehandelt werden muss jetzt.

Mit freundlichen Grüßen
Dirk Achim Dhonau / Michael Langkamp
Vorstand JazzHaus Hamburg e.V.