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Hans Peter Klein: Abitur und Bachelor für alle – wie ein Land seine Zukunft verspielt.

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Montag, den 27. Mai 2019 um 07:55 Uhr
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Hans Peter Klein Abitur und Bachelor fuer alle – wie ein Land seine Zukunft verspielt

Politiker lieben große Worte, und ein großes Wort in diesen Tagen lautet „Bildung“. In eine „Bildungsrepublik“ wollen wir aufbrechen, so verspricht die Politik. Und sie verspricht es seit langem. Aber nicht alle glauben an diese bildungsbeflissene Rhetorik. Einer der Zweifler ist Hans Peter Klein, der eine Reihe gut begründeter Einwände in seiner sehr lesenswerten Polemik formuliert.

Ist ein solcher Untertitel alarmistisch oder gar hysterisch? Klein, Hochschullehrer aus Frankfurt, fürchtet nicht weniger, als dass unser „Land seine Zukunft verspielt“. Hat er recht, alle Alarmglocken zu läuten? Denn eben das tut er jetzt schon zum zweiten Mal, nachdem er bereits 2016 in „Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen“ eine vernichtende Kritik geäußert hatte – seinerzeit ging es vor allem um die PISA-Studien und um die Konsequenzen für die Schule.

Seit Jahrzehnten ist die Bildungspolitik eines der umstrittensten Gebiete der Politik überhaupt, nicht zuletzt ein Tummelfeld für Lobbyisten, Wichtigtuer und Aufschneider aller Art. Die Überlegungen der Fachleute dagegen bestimmen leider nur selten die Diskussion. Bestimmend sind eigentlich immer Studien und Kampagnen der OECD, nicht aber der UNESCO, also der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“, nicht der eigentlich zuständigen Kulturorganisation der UNO. Deshalb stehen, wie Klein in seinem ersten Buch deutlich machte, sowohl bei den stets groß in der Presse lancierten Studien als auch bei dem Umbau der Schulen und Universitäten ökonomische Interessen im Vordergrund, während kulturelle oder pädagogische Aspekte bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielen. Auf Bildung zielt das alles überhaupt nicht ab, sondern nur auf Berufsausbildung. Es geht um den Arbeitsmarkt, um nichts anderes, denn es sind Aktivitäten im Zeichen des Neoliberalismus. Aber obwohl er das Material für eine solche Analyse bereitstellt, geht der Autor auf diese Aspekte kaum ein, sondern es geht ihm allein um die Auswirkungen der Reformen und darum, wie man sie rückgängig machen könnte.

Als Pädagogikprofessor der Universität Frankfurt ist Hans Peter Klein ein Fachmann, der die Bildungspolitik der letzten fünfzehn, zwanzig Jahre unerbittlich und mit vielen guten Gründen angreift. In seinem ersten Buch ging es um die Absenkung der Anforderungen an Abiturienten und Studenten, die der Autor auf die Reformen der letzten Zeit zurückführte. Besonders wurden die PISA-Studien angegriffen, und überhaupt lag der Schwerpunkt dort auf der Schule, wogegen er sich in diesem zweiten Buch auf die Bologna-Reform und damit auf die Universitäten konzentriert, die er mit großer Schärfe kritisiert.

Während das erste Buch in den Kapitelüberschriften gelegentlich journalistisch-reißerisch daherkam, ist dieses zweite sachlich und dazu sehr klar strukturiert. Punkt für Punkt spricht Klein bedenkenswerte Punkte an: Die wuchernde Bürokratie, die Verschulung des Studiums, die Einebnung der Ansprüche an die Studenten, die dramatische Unterfinanzierung der Universitäten, die fehlenden Perspektiven für den akademischen Nachwuchs, die Vielzahl der Plagiate, die Ghostwriter-Agenturen in Diensten der Prüflinge, die Vervielfachung des Manuskript-Ausstoßes durch Wissenschaftler, die aberwitzige Anzahl an Studiengängen … In zwölf Kapiteln bietet der Autor eine zwar polemische, aber immer faktenorientierte, sorgfältig belegte Kritik der Zustände an deutschen Universitäten, welche die Dramatik des Untertitels absolut rechtfertigt.

Hans Peter Klein Abitur und Bachelor fuer alle – wie ein Land seine Zukunft verspielt COVERNehmen wir den Niveauverlust akademischer Arbeiten, der vom Autor besonders mit Blick auf die Dissertationen beklagt wird. Heute werden mehr junge Wissenschaftler als je mit immer besseren Noten promoviert, und dazu hat man sich Verfahren ausgedacht, die in früheren Zeiten niemals auch nur ins Auge gefasst worden wären. „Kumulative“ Dissertationen sind wohl das krasseste Beispiel dafür: man legt nicht eine große Arbeit vor, sondern einen Aufsatz hier, die Beteiligung an einer Studie dort… Dazu kommt die längst unüberschaubare Flut an wissenschaftlichen Veröffentlichungen in einer Vielzahl von Zeitschriften. „Jeder Furz“, schreibt Klein dazu, „wird separat publiziert.“ Denn im Lebenslauf eines Wissenschaftlers kommt es weniger auf die Qualität als vielmehr auf die Zahl der publizierten Titel an. Hauptsache Manuskriptausstoß!

Von dem Zwang, möglichst viel zu publizieren, leben neugegründete „Wissenschafts“-Journale, mit denen weltweit enorm viel Geld verdient wird. Nicht selten handelt es sich um schieren Betrug, und das im internationalen Maßstab. Beispielsweise stellen sich manche der Journale als Dokumentationen von Konferenzen dar – mit dem Text der Vorträge –, die tatsächlich nie stattgefunden haben; in einem besonders krassen Fall haben 313 (!!) Konferenzen, berichtet Klein, an einem einzigen Tag in einem Berliner Hotel stattgefunden. Das gab dann ordentlich dicke Bände…

An Faktenmangel leidet dieser Autor wirklich nicht, und so verzichtet er in seiner Kritik sogar auf Argumente, die ihm geradezu auf dem Silbertablett dargeboten werden. Klein wendet sich zwar mit vielen Gründen dagegen, je die Hälfte eines Jahrgangs auf die Universität zu schicken, argumentiert aber vorwiegend mit der Absenkung des Niveaus durch wenig begabte oder interessierte Abiturienten sowie mit dem Hinweis, dass ein Universitätsabschluss keinesfalls, wie gern behauptet wird, vor späterer Arbeitslosigkeit schützt. Aber eine andere Folge des Akademisierungswahns, die besonders in jüngster Zeit durch die Presse geistert, wird von ihm überhaupt nicht angesprochen: der von der Wirtschaft so beredt beklagte Fachkräftemangel. Ist er nicht eine logische Folge des Akademisierungswahns?

Es ist ein unbequemes Buch; oder es sollte unbequem insbesondere für die Verantwortlichen sein, falls diese sich überhaupt noch um die Folgen ihres Tuns kümmern. Viele der von Klein beklagten Mängel liegen offen zutage, aber es ist trotzdem sinnvoll, sie einmal zusammen darzustellen – dann leuchtet auch die Dramatik des Untertitels ein.

 


Hans Peter Klein: Abitur und Bachelor für alle – wie ein Land seine Zukunft verspielt.

Zu Klampen, Springe, 2019
Hardcover, 220 Seiten
ISBN-13: 9783866745933
ISBN-10: 3866745931
Weitere Informationen

Zum Autor:
Hans Peter Klein studierte Biologie, Chemie und Sportwissenschaft in Bonn. Lange Jahre unterrichtete er als Gymnasiallehrer. 2001 wurde er auf den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt berufen. Er ist Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften, Mitbegründer der Gesellschaft für Bildung und Wissen und Mitglied der Bildungskommission der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte.


Abbildungsnachweis:
Portrait Hans Peter Klein. © privat
Buchumschlag, Zu Klampen, Springe
 

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