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„High Life”. Claire Denis und die Ohnmacht der Begierde

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Dienstag, den 28. Mai 2019 um 08:28 Uhr
„High Life”. Claire Denis und die Ohnmacht der Begierde 4.5 out of 5 based on 289 votes.
High Life Claire Denis und die Ohnmacht der Begierde

Ihre Odyssee durchs Weltall möchte Regisseurin Claire Denis nicht als Science Fiction Film verstanden wissen. Die Grande Dame des französischen Arthouse Kinos inszeniert „High Life” als apokalyptische Vision selbstzerstörerischen Verlangens und unerträglicher Einsamkeit: Radikal, suggestiv, poetisch, kompromisslos, von manchmal betörend grausamer Schönheit.
Das implodierende Schuld- und Sühnedrama fordert den Zuschauer heraus wie kaum ein anderes Leinwand-Epos der letzten Jahre. Hier dominiert die Bewegung, der Körper. Seine Narben, Verletzungen, Zerfall, Sekrete, Blut, Sperma ersetzen Landschaften und Gefühle, entwickeln eine ureigene Sprache zwischen alttestamentarischer Parabel und den Traumata der Gegenwart.

„High Life” ist aber auch die Geschichte der Liebe eines Vaters zu seinem Kind: Ein ramponiertes Raumschiff schwebt steuerungslos durch die Tiefen des Weltalls jenseits unseres Sonnensystems. „Wir waren Abschaum, Dreck, der nicht ins System passte, bis jemand die tolle Idee hatte uns zu recyceln,” sagt die Stimme aus dem Off. Eine Gruppe von Schwerstverbrechern, einige schon im Todestrakt, hat das Angebot des Staates akzeptiert, lebenswichtige Energieressourcen in der unmittelbaren Umgebung des Schwarzen Loches zu erschließen, im Gegenzug wird ihnen dafür die Strafe erlassen. Ein trügerischer Deal. Für die Crew ist es eine Reise ohne Wiederkehr. Die einzig noch Überlebenden an Bord sind der Ich-Erzähler Monte (grandios Robert Pattinson) und seine kleine Tochter Willow (Scarlett Lindsey).

Claire Denis („Les Salauds”, „35 rhums”, „Beau travail”)) gleitet in der Zeitrechnung vor und zurück, schärft so unsere Konzentration, entlarvt die Illusion dieser Expedition vom ersten Moment an. Raumschiff 7 ist ein schwebendes Gefängnis in endloser Leere, die Astronauten werden zu Versuchsobjekten degradiert. Juliette Binoche als skrupellose Bordärztin Dr. Dibs lockt mit Drogen die Männer zur Sperma-Spende, befruchtet die Frauen gegen deren Willen. Nur Monte widersetzt sich den Experimenten, beharrt auf Enthaltsamkeit, verweigert den Gang in die Masturbationskabine, doch Dibs nimmt sich mit Gewalt, wonach ihr verlangt. Die Beziehungen untereinander sind von Misstrauen und Feindseligkeit zerfressen, Liebe ist unvorstellbar im Umfeld dieses grotesk perfiden Labors, das nur der Reproduktion und Ausbeutung dient. Was bleibt, ist Sex als rein narzisstischer Mechanismus oder tödliche Waffe. Die Isolation und die Auswirkungen der Schwerkraft treiben Männer wie Frauen von der Verzweiflung direkt in den Wahnsinn, eskalieren in Vergewaltigungen, Rache und Totschlag. Und doch sind es am Ende nicht die blutrünstigen oft wortlosen Szenen, welche wir erinnern oder der viel gerühmte, kunstvoll choreographierte Selbstbefriedigungs-Akt der Binoche auf einem silbernen Dildo, sondern das klägliche Weinen eines Babys, das in den Korridoren widerhallt. Die ersten tapsigen Schritte von Willow und das zärtlich zaghafte Lächeln Montes.

„High Lifes” plumpes Raumschiff ähnelt in nichts dem elegant aufgemotzten, meist selbstgefälligen Produkt Design der modernen Science Fiction-Blockbuster. Der dänisch-isländische Künstler Ólafur Elíasson, Experte für physikalische Phänomene in der Natur, entwarf das Vehikel, es erweckt eher die Assoziation an einen schrottreifen ausrangierten Container, innen mit engen Fluren und doppelstöckigen Betten wie in heruntergekommenen Notunterkünften. Und doch wirkt das Setting, ob Astronauten-Uniformen oder Schleusen-Technik, grade durch die Simplizität erschreckend real genau wie der Schmerz, die Hoffnungslosigkeit, der Selbsthass, die Depressionen, und schon überzeugt uns das klaustrophobische Weltall-Kammerspiel in seiner Trostlosigkeit mehr als jede Art von „Star Wars”. Dieses Kunststück gelang schon Andrei Tarkowski mit Bravour in „Stalker” (1979). Aber auch als Zivilisationskritik unterscheidet sich Claire Denis’ Endzeit-Drama grundsätzlich von Filmen wie Ridley Scotts „The Martian” (2015), Christopher Nolans „Interstellar” (2014) oder Alfonso Cuaróns„ Gravitiy” (2013). Es fehlt jene idealistisch versöhnliche Message, hier erscheint der Fortschritt ausschließlich als existenzieller Betrug an der Menschheit. Als wissenschaftlicher Berater unterstützte der französische Philosoph und Astrophysiker Aurelien Barrau das Projekt.

Ursprünglich hatte sich Claire Denis für die Hauptrolle in ihrem ersten englischsprachigen Film den Schauspieler Philip Seymour Hoffman erträumt, wegen seines Alters, seiner Müdigkeit, aber dann starb er. Sie war sehr traurig. Ein schottischer Casting Direktor schlug Robert Pattinson vor, zunächst dachte die heute 73jährige Regisseurin, er sei zu jung. Im Interview fügt sie hinzu: „Ich muss gestehen, seine Schönheit war einschüchternd.” Wie Millionen von Kinozuschauern hatte sie die „Twilight”-Folgen gesehen, war vor allem fasziniert von der Paarkonstellation: „Ich erinnere mich an eine Szene, als Kristen Stewart ihm offenbart, sie akzeptiere, dass er ein Vampir sei. Er antwortete: „Nein, ich kann nicht... Ich will dich nicht verletzen.” Denis kannte die Verwandlungsfähigkeit des Darstellers aus den Filmen, die er mit David Cronenberg gedreht hatte, „Cosmopolis” (2012) und „Maps to the Stars” (2014). Extremsituationen verinnerlicht Pattinson, als wären sie sein eigentlicher Lebensraum. In Don DeLillos provokanter Post-Kapitalismus-Vision „Cosmopolis” verkörpert er den 28-jährige Asset-Manager und Multi-Milliardär Eric Packer. Die Aktienkurse stürzen ins Bodenlose, auf den Straßen New Yorks demonstrieren hasserfüllte Globalisierungsgegner, der Verkehr bricht zusammen, trotzdem will er zu einem Friseur am anderen Ende der Stadt. In seiner weißen Stretchlimousine empfängt er Mitarbeiter, Arzt und Mätresse. Parker philosophiert angeregt, während draußen die Gewalt eskaliert und der Wagen sich im Schritttempo vorwärts bewegt. Nur hier, im schalldichten Hightech Luxus zwischen den pulsierenden polychromen Zahlen der Monitore fühlt sich der zynische Antiheld sicher vor menschlichen Gefühlen. Aber an diesem Tag beschließt er sein gesamtes Vermögen (und das seiner Frau) zu vernichten. Selbstfindung durch Selbstzerstörung?

Parker und Monte, gegensätzlicher können zwei Charaktere kaum sein, doch gemeinsam ist beiden, sie gehen auf Distanz, Nähe empfinden sie als Bedrohung. Die Vergangenheit der Crew-Mitglieder lässt die Regisseurin im Dunkel, das Drehbuch schrieb sie wieder zusammen mit Jean-Pol Fargeau. Die Musik komponierte Stuart A. Staples von den Tindersticks, der galaktische Sound ist sanft und voller niederfrequenter Feinheiten. Manchmal durchbrechen erinnerungsartige Impressionen die Handlung der Zeitebenen, es bellt ein Hund, ihn hatte Monte als Jugendlicher verteidigt, den Freund dabei erschossen. Willow ist zum Teenager (Jesse Ross) herangewachsen. Die Tage vergehen mit Reparaturarbeiten und den täglichen Statusreports an die Erde. Unaufhaltsam nähern sich Vater und Tochter ihrem letzten und unausweichlichen Ziel, dem Schwarzen Loch, dem Ende von Zeit und Raum. Jeder Funken Hoffnung entlarvt sich als Enttäuschung, ein anderes Raumschiff dockt an, es ist nichts weiter als Weltraumschrott zwischen dem sich knurrende Hunde balgen, sie haben überlebt, in dem sie sich gegenseitig auffressen. Willow hätte so gern einen Hund, aber Monte sagt nein. Ohne weitere Erklärung. Was gibt ihm die Aura des Erlösers? Die Kraft, Liebe zu geben, ohne sie je selbst erfahren zu haben? Oder ist es die Kraft, jeder Begierde zu widerstehen. Die Kamera (Yorick Le Saux) ist nah an Pattinson, der hat mit Werner Herzog gedreht, James Gray, den Brüdern Safdie und Anton Corbijn, aber dies ist wahrscheinlich seine stärkste Rolle, nur wenige Worte aber die extremen wechselnden Situationen brechen ihn auf, er ist die hochexplosive Projektionsfläche des Verbrechens und zugleich auch deren Verweigerung. Diese Gefühlsspanne, die man sich von Helden wünscht aus Stärke und Verletzbarkeit, zeigt er hier auf dem abgewetzten Fußboden eines Korridors, während Willow ihre ersten Schritte macht.

Und das vor der Kamera waren auch Scarletts erste Schritte, sie ist die Tochter seines Freundes Sam, mit dem er zusammen aufwuchs und in die Schule ging. Pattinson hatte noch nie Windeln gewechselt oder ein Baby mit dem einem Löffel gefüttert, Denis war hingerissen: „Es ist gar nicht so schwer, mit einem Baby zu drehen. Wir richteten uns einfach nach ihrem Rhythmus- nach ihren Nickerchen- und Fütterungszeiten und nach ihren Weinanfällen.” Und doch ist „High Life” nie sentimental, bleibt Chronik der Ausgestoßenen, Entehrten. Nur irgendwann akzeptieren auch wir die Ausweglosigkeit als ein Teil des Daseins, begehren nicht auf. Das einzige, was im Raumschiff noch an die Erde erinnerte, war der Gewächshausgarten, um den sich Montes Kamerad Tcherny (OutKast Musiker André Benjamin) hingebungsvoll kümmerte. Es ist ein Moment unglaublicher Schönheit, verstörend und voller fremder Poesie, wenn Monte die Leichen der Crew Mitglieder entsorgt, sie taumeln, drehen sich, ein imaginärer Tanz des Abschied von diesem Dasein. Für Claire Denis ist die Strafkolonie im All, eine Art Phalansterium, Produktions- und Wohngenossenschaft, in der niemand wirklich Befehle erteilt, selbst die Ärztin nicht, deren Aufgabe darin besteht, Sperma wie eine Bienenkönigin zu sammeln. „..aber der wirkliche Anführer, der einzige absolute und unmerkliche Kommandant, ist das Raumschiff selbst, das dafür programmiert ist, sie alle in die Unendlichkeit, in ein Schwarzes Loch und damit in den Tod zu führen.”


Originaltitel Film: High Life

Regie: Claire Denis
Drehbuch: Claire Denis, Jean-Pol Fargeau, Geoff Cox
Darsteller: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Mia Goth, André Benjamin, Lars Eidinger
Produktionsländer: Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Polen, USA ,2018
Länge: 110 Minuten
Kinostart: 30. Mai 2019
Verleih: Pandora Filmverleih

Fotos, Pressemaerial & Trailer: Copyright Pandora Filmverleih
 

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