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Zehntausende kenianische Kulturgüter lagern weltweit in Museumsarchiven, viele von ihnen wurden noch nie ausgestellt. In einem aufwendigen Forschungsprojekt wurden in den vergangenen zwei Jahren 32.000 historische kenianische Kulturgüter aus dreißig Institutionen weltweit erfasst und teilweise mit detaillierten Objektbiografien versehen. Das „International Inventories Programme“ (IIP) ist eine Initiative der Künstler*innen-Kollektive The Nest und SHIFT und wird zusammen mit dem Nationalmuseum Kenia, dem Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln, dem Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main und dem Goethe-Institut Nairobi durchgeführt. Die Ausstellung wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

 

Nanette Snoep, Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln, sagt anlässlich der Ausstellungseröffnung: „Bei IIP geht es um Abwesenheit und Verlust. Es geht um die traumatische Erfahrung, des eigenen kulturellen Erbes, der Geschichte, der Identität und der Erinnerung beraubt zu werden. Es handelt sich um eine Art innere Blutung. Die Ausstellung verhandelt die koloniale Gewalt. Sie reflektiert das koloniale Trauma, zeigt die schädlichen Auswirkungen des Kolonialismus, die tiefe Spuren im kollektiven und individuellen Gedächtnis hinterlassen haben. Während die Ausstellung in Nairobi von Abwesenheit und Amputation sprach, drückt sie hier in Köln Opulenz, Überfluss aus. Was bedeutet also diese epistemische Gewalt?

 

Die dreiteilige Ausstellungsreihe in Nairobi, Köln und Frankfurt versucht, das koloniale und ethnologische Narrativ zu demontieren, das oft viel zu einseitig ist. Die Online-Datenbank ermöglicht es den Kenianer*innen endlich zu entdecken, wo sich ihr Erbe in europäischen und nordamerikanischen Museen befindet. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dieses Projekt zu vielen weiteren postkolonialen Projekten in Afrika und in Zusammenarbeit mit deutschen Museen führen wird, die zukünftige Restitutionsprozesse ermöglichen, seien sie immateriell oder materiell.“

 

Carola Lentz, Präsidentin des Goethe-Instituts, betont: „In den letzten Monaten hat die Diskussion um die Rückgabe kolonialer Objekte an Fahrt aufgenommen – endlich bewegt sich etwas in den deutschen und europäischen Museen und kulturpolitischen Institutionen. Doch wir sind noch lange nicht am Ende. Um auch unser Denken und Handeln zu dekolonisieren sind Perspektivwechsel nötig, die uns mitten in das schwierige und mit Erinnerungen an Gewalt und Enteignung belastete Thema des kolonialen Erbes hineinführen. Damit daraus neue, zukunftsfähige Verbindungen werden können, braucht es einen langfristigen, respektvollen und ehrlichen Austausch zwischen Deutschland und den ehemaligen Kolonien, zwischen Europa und Afrika. Für einen solchen Austausch steht das Goethe-Institut. Mit dem ‚International Inventories Programme‘ haben wir gemeinsam mit Künstler*innen und Museen nicht zuletzt eine neue Art des kollaborativen Arbeitens erprobt. Ich freue mich daher sehr, dass die Früchte dieser intensiven Zusammenarbeit zwischen deutschen und kenianischen Partnern heute in Köln und in der Online-Datenbank öffentlich gezeigt werden können.“

 

Die Ausstellung wurde unter der kollektiven künstlerischen Leitung des Teams des „International Inventories Programme“ entwickelt – den Künstler*innenkollektiven The Nest und SHIFT, dem kenianischen Nationalmuseum in Nairobi, dem Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln, dem Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main und dem Goethe-Institut – und wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Sie wird 2021 an drei Standorten in variierenden Ausführungen gezeigt. Seit März bis Ende Mai ist sie im Nationalmuseum Nairobi zu sehen. Von 28. Mai bis 29. August wird die Ausstellung im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln gezeigt. Besuche im Museum sind je nach Infektionslage und entsprechend geltenden Regelungen möglich.

 

Bei der Ausstellungsumsetzung in Nairobi verdeutlichen leere Vitrinen die Abwesenheit der kenianischen Objekte. In Köln wird das Kurator*innen-Team nun die gesamte kenianische Sammlung von 82 Objekten präsentieren, die das Museum zwischen 1905 und 2006 erworben hat und von denen bis auf wenige Ausnahmen die meisten noch nie ausgestellt waren. Für einige dieser Objekte haben Wissenschaftler*innen des kenianischen Nationalmuseums in Nairobi erstmals gemeinschaftlich umfassende Objektbiografien erarbeitet. Zudem kommen unterschiedliche Repräsentant*innen lokaler Gemeinschaften in Videoarbeiten zu Wort. Über aktuelle Arbeiten beziehen die beiden Künstler*innenkollektive „The Nest“ und „SHIFT“ von künstlerischer Seite aus Position innerhalb der Ausstellung.

 

Seit 2019 werden im Rahmen des „International Inventories Programme“ in einer digitalen Datenbank die kenianischen Kulturgüter erfasst, die sich in Beständen oder Archiven von Museen des „Globalen Nordens“ befinden. Die Datenbank umfasst inzwischen über 32.000 historische kulturelle kenianische Objekte aus dreißig Institutionen weltweit und ist ab 27. Mai, 19 Uhr unter www.inventoriesprogramme.org/explore auch der Öffentlichkeit zugänglich.

 

Quelle: Goethe-Institut

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