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In der »Rede zum Exil« der Körber-Stiftung erklärte die mexikanische Investigativ-Journalistin Anabel Hernández am Montagabend, warum die gesamte Gesellschaft verliert, wenn Journalistinnen und Journalisten ins Exil gehen. Die Rede markierte zugleich den Auftakt zur Fachkonferenz »Exile Media Forum«.

 

 

Hamburg, 23. November 2020. »Ohne Informationen gibt es keine Freiheit und ohne Freiheit keine Demokratie, sondern nur eine Simulation davon«, mahnte die mexikanische Journalistin Anabel Hernández in ihrer »Rede zum Exil«. Wie gefährlich es für Journalistinnen und Journalisten sein kann, sich korrupten Politikern und dem organisierten Verbrechen in den Weg zu stellen, bezeugt ihre eigene Geschichte. 2010 hatte Hernández in ihrem Buch »Narcoland« Verbindungen zwischen Politik und Drogenkartellen aufgedeckt. Wenig später erfuhr sie, dass die Sicherheitskräfte ihre Ermordung planten. Trotz der steigenden Gefahr blieb Hernández zunächst in Mexiko, um weiter zu staatlicher Korruption und Gewalt zu recherchieren. Erst 2014 entschied sie sich zur Flucht ins Exil, nachdem Bewaffnete ihr Haus gestürmt hatten. Sie verließ Mexiko, weil ihre Arbeit Familie, Freunde und Nachbarn gefährdete. In der »Rede zum Exil« erklärte die vielfach ausgezeichnete Journalistin, warum es für sie nie in Frage kam, ihre Recherchen aufzugeben. Sie verstehe ihre Arbeit als einen Weg, um eines Tages zurückzukehren, »nicht nur in mein Heimatland, sondern an einen besseren Ort.«

 

Wenn staatliche Kräfte versagen, bleibt nur der Journalismus

Hernández‘ Heimat Mexiko zählt zu den gefährlichsten Ländern für Journalistinnen und Journalisten. Drei von ihnen sind allein seit Ende Oktober 2020 umgekommen. Mexiko sei ein Extremfall, sagte Hernández, aber dennoch ein Beispiel dafür, was in anderen Ländern geschehe. Die Strukturen seien immer dieselben: Machtkonzentration, Intransparenz, Straflosigkeit und schließlich ein steigendes Interesse, dass die Bürgerinnen und Bürgern keine wahrheitsgemäßen Informationen erhalten. Wenn Strafverfolgungsbehörden und Justiz versagten, werde ein unabhängiger, hartnäckiger und präziser Journalismus zum entscheidenden Gegengewicht, zum Mittel der gesellschaftlichen Selbstermächtigung.

 

Im Exil als Journalistin, Frau, Mutter, Tochter

Neben ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als Journalistin sprach Hernández auch über die Folgen des Exils für ihre persönlichen Lebensumstände. Sie beschrieb die Angst vor jeder Recherchereise nach Mexiko, ihre Kinder nicht wiederzusehen. Und sie schilderte, wie Zweifel und Schuldgefühle ihr Leben prägten: »Die Perversität des Exils wie bei anderen Arten von Missbrauch besteht darin, dass sich das Opfer schuldig fühlt und nicht der Täter.« Trotzdem lasse sie sich nicht zum Schweigen bringen, sagte Hernández mit Nachdruck. »Denn für mich als Journalistin, als Frau, als Mutter und Tochter ist erzwungenes Schweigen schlimmer als Exil, es ist wie lebendig zu sterben.«

 

Exile Media Forum stellt Pressefreiheit in den Mittelpunkt

Hernández‘ Rede markierte den Auftakt zum diesjährigen »Exile Media Forum« der Körber-Stiftung. Auf mehreren Live-Podien diskutieren exilierte Journalistinnen und Journalisten am 24. November ab 10 Uhr, wie sie ihrer Arbeit aus dem Exil weiter nachgehen können. Die Konferenz kann im Livestream verfolgt werden unter: www.koerber-stiftung.de. In Kurzpräsentationen und Lesungen stellen Medienschaffende Initiativen vor, in denen das bereits gelingt. Vom Wert der Diversität in Redaktionen bis hin zur Rolle digitaler Tools beleuchtet das Exile Media Forum 2020 die gesellschaftlichen und menschlichen Folgen der immer stärker bedrohten Pressefreiheit weltweit. »Kaum jemand weiß so gut wie exilierte Journalistinnen und Journalisten, welche Folgen es hat, wenn die Demokratie ausgehöhlt wird«, sagt Theresa Schneider, Programmleiterin Exil in der Körber-Stiftung. »Deshalb sollten wir ihnen zuhören und uns gemeinsam für demokratische Werte einsetzen. Und wir müssen alles dafür tun, dass sie im Exil weiter ihrer Arbeit nachgehen können.«

 

Webinar-Reihe unterstützt journalistischen Neustart im Exil

Praktische Hilfestellung bietet die Körber-Stiftung Journalistinnen und Journalisten im Exil ab 2. Dezember in der Webinar-Reihe »Deep Dives«. In jeweils 1,5-stündigen Schulungen erhalten Betroffene Hilfestellung für den beruflichen Neustart in Deutschland – von digitaler Sicherheit über Informationen zu Freiberuflichkeit und Finanzierung bis hin zu Tipps für das Netzwerken.

 

Das Fokusthema »Neues Leben im Exil«

Die Rede zum Exil und die Konferenz Exile Media Forum gehören zum Fokusthema »Neues Leben im Exil« der Körber-Stiftung. Einmal im Jahr diskutieren beim Exile Media Forum rund 100 Experten und Medienleute über Zukunftsfragen des Exiljournalismus, spüren neue Trends auf und tauschen Erfahrungen aus. Mit dem Fokusthema engagiert sich die Stiftung darüber hinaus für Menschen, die in Deutschland im Exil leben, hier ihre Erfahrungen von Krieg und Flucht, vom Verlust der Heimat und vom Ankommen in einer fremden Kultur reflektieren. Sie möchte die journalistischen, künstlerischen, wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten der Menschen sichtbar machen, ihnen eine Stimme im gesellschaftlichen Dialog geben und so den Zusammenhalt stärken.

 

Quelle: Körber-Stiftung

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