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Ein Spaziergang durch die kreative Kulturhauptstadt Europas: Riga

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Donnerstag, den 19. Juni 2014 um 08:58 Uhr
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Ein Spaziergang durch die kreative Kulturhauptstadt Europas: Riga

Die Luft trägt den Duft von Schokolade der angrenzenden Laimafabrik herbei und hinter den Ladentüren finden sich kleine Cafés, Kunsthandwerk und ein Pflanzenhotel: Wir sind in der Miera Straße (iela), in Rigas ruhigem Zentrum.
Die Miera Straße gilt als der Treffpunkt für junge Kreative in Riga. Seit drei Jahren wird das kreative Leben nun schon mit einem sommerlichen Straßenfest gefeiert: dem „Miera ielas Sommerfest“. Wir haben einen Ausflug gewagt und uns umgesehen.

Von der belebten Brivibas Straße, einer der verkehrstechnischen Hauptschlagadern Rigas, geht die Miera Straße in nordöstlicher Richtung ab. Schon nach einigen Metern zeigen bunte Wimpel an den Häusern, dass man hier richtig ist. Auf der linken Straßenseite befindet sich das Pflanzenhotel, laut Eline Berklava, Besitzerin des Bekleidungsgeschäfts M50 (Miera iela 50), der Geburtsort der Idee „Miera ielas republika“. Doch warum eigentlich der Zusatz „republika"? Während manche Besucher Assoziationen wie die litauische Künstlerrepublik „Uzupis“ haben oder das Viertel „Christiana“ in Kopenhagen, wird deutlich, dass selbst die Anwohner nicht sicher über die Namensherkunft Bescheid wissen.

Kristine Benke aus dem Laden „Buteljons“ auf der gegenüberliegenden Straßenseite meint, dass der Namenszusatz ausdrücken soll, dass es nicht nur um die Miera iela, sondern um das ganze Viertel geht. Im „Buteljons“ vertreibt sie Schalen, Becher und Uhren, die sie aus einem besonderen Rohstoff fertigt: alten Glasflaschen. Auffällig in der Miera iela sind an diesem Tag die vielen jungen Menschen mit ihren Kindern. Eline Berklava erklärt, dass sich um die Miera iela eine Art Mythos vom schönen, kreativen Leben gebildet habe.

Dass dies nicht immer so sei, merke man spätestens, wenn man im November wiederkäme und keinen Menschen auf der Straße träfe. Doch daran mag ein Besucher des Sommerfestes erst mal nicht denken.

In einer Seitenstraße ist eine erste kleinere Bühne aufgebaut. Während die Menschen bei Eis und Bier (oder auch Bier mit Birkensaft) auf Sandsäcken sitzen, lauschen sie einer Stepptanz-Beatboxperformance, später wird ein Elektroduo auftreten. Vormittags gab es in den angrenzenden Ateliers Workshops für Kinder und Erwachsene.

Auf einer Grünfläche ist ein kleiner Kreativmarkt aufgebaut, die Cafébesitzer haben Tische und Bänke auf die Bürgersteige gestellt und verköstigen die Besucher. Die Menschen sind ausgelassen und entspannt. In einem für den Anlass geöffneten Garten ist die Hauptbühne aufgebaut. Verschiedene Bands und DJ’s legen auf, unumstrittener Höhepunkt ist der Auftritt der Band „The Coconuts“ bei dem nicht nur auf, sondern auch vor der Bühne ausgelassen getanzt wird. Die Stimmung veranlasst eine junge, deutsche Medizinstudentin zu dem Ausruf: „Ich liebe die Letten im Sommer!“ Danach geht auch in der Miera iela das Licht aus. Ein paar Tage später besuchen wir Elina Berklava in ihrem Geschäft. Woher der Name Miera iela republika kommt, ist auch sie nicht sicher. Sie vermutet aber einen Bezug zu einem lettischen Kinderbuch aus den 1920er-Jahren namens Varnu ielas republika. Ein Absolvent der Kulturakademie hat zu diesem Buch einen Animationsfilm gedreht, der unter dem Titel „Pavasaris varnu iela“ im Internet zu finden ist. Eline selbst lebt seit zwölf Jahren in der Miera iela, den Aufstieg der Straße zum Kreativviertel beobachtet sie seit ungefähr 2009. Damals wurde über das Förderprogramm „Brigade“, eine Initiative des Lettischen Zentrums für Gegenwartskunst und der Soros Foundation, Finanzierung für kreative Ideen ausgeschrieben. Das gab vielen Menschen den Anstoß, ihre Ideen umzusetzen und sich selbstständig zu machen.

Das erste Ladenlokal dieser Art war der Blumentauschladen, der auch als Blumenpension fungierte. Mit der Zeit siedelten sich immer mehr Geschäfte in der Gegend an. Besonders ist dabei, dass sich die meisten Leute bereits vorher persönlich kannten und der Kontakt zwischen den Kreativen also nicht nur auf professioneller Ebene sondern auch in Form von Freundeskreisen besteht. Zu einem beliebten Treffpunkt wurde die Bar „Taka“.über die Bar begann man gemeinschaftlich Lebensmittel von lokalen Erzeugern zu beziehen, daraus entwickelte sich dann die Idee eines Sommerfestes. Als einmalige Aktion geplant, war schnell klar, dass das Festival nun regelmäßig stattfinden sollte. Dazu wurde eine Art Verein, bestehend aus den Ladenbesitzern gegründet.

Da der Organisationsaufwand seit dem ersten Fest deutlich gestiegen ist und alles auf ehrenamtlicher Basis abläuft, ist die Zukunft des Sommerfestes noch fraglich, zumal sich die Hauptorganisatorin aus dem Projekt zurückgezogen hat. Auch die Ladenbesitzer wechseln häufig, erzählt Eline Berklava. Manche gute Idee konnte sich nach dem Ende der Fördergelder nicht weiter finanzieren. Auf die Frage, ob, wie in vielen deutschen Medien berichtet, die Finanzkrise ein Auslöser für den Boom der Kreativindustrie in der Miera iela ist, möchte sich Elina Berklava nicht festlegen. Auf jeden Fall bestätigt sie aber den Impuls, den der Kreativfond „Brigade“ den Menschen gegeben hatte, ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Die Miera iela lohnt in jedem Fall einen Besuch. Für die Zukunft steht allerdings schon ein neues Projekt in den Startlöchern.

Rund um die Brasa Straße versammeln sich Kreative und einige der Pioniere der Miera iela um das neue Kreativviertel aufzubauen. Ein Name ist auch hier für schon gefunden: Brasalone, eine Kombination des Straßennamens mit dem lettischen Wort für Barcelona.

Ein 360-Grad Spaziergang durch die Miera iela, mit allen im Text genannten Geschäften
Trailer des Animationsfilms „Pavasaris varnu iela“
Mierielas republika


Abbildungsnachweis:
Header: Miela iela Signet
Galerie:
01. Tür in der Miela Straße
02. und 03. Glasobjekte von Kristine Benke aus dem Laden „Buteljons“
04. Konzert in der Miela iela
05. 3D-Stoffmuster von LINA
06. Stoffgürtel von Mazputniņš

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