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Hamburger Architektur Sommer 2019

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Werner Tübke (1929–2004) ist einer der wichtigsten Vertretern der Leipziger Schule. Er gilt als einer der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Künstler des letzten Jahrhunderts. Der „Malerfürst“ widmete sich in seinen Werken sowohl weltumspannenden Gesellschaftskonflikten aus historischer und religiöser Perspektive, als auch Harlekinaden, ltalienmotiven, Strandszenen und privaten Sujets wie Einzelfiguren oder Porträts.
Die Retrospektive zeigt eine Auswahl von ca. 90 Gemälden, die ein zeitlich umfassendes Panorama des malerischen Gesamtwerkes des Künstlers darbieten und den Facettenreichtum seines Schaffens deutlich vor Augen treten lassen. Gezeigt werden sowohl prominente Werke aus großen deutschen Museen wie auch weniger bekannte Bilder aus Privatbesitz. Die Werkschau zeugt von einer obzessiven Schaffenskraft und lädt dazu ein, Tübkes Werk neu zu verorten zwischen kultureller Erbedebatte und post-modernen Streifzügen durch die Geschichte.
Ein Schwerpunkt der Auswahl sind Werke historischer bzw. zeitgenössischer Thematik, darunter Fünf Kontinente (1958), Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (1961) und Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze (1965–1967). Für Tübke war der deutsche Allerweltsname „Schulze“ ein Synonym für alle Schreibtischtäter staatlich sanktionierten Terrors. Zwischen 1964/65 und 1967 widmete sich Tübke in 12 Gemälden, ca. 70 Zeichnungen und 16 Aquarellen dem Problem der faschistischen Unrechtsjustiz.
Es ist nicht nur sein bis dato umfangreichster Zyklus, sondern auch der motivlich, stilistisch und ausdrucksmäßig weitgespannteste. In der DDR galt die Bildfolge als sehr umstritten, da der Künstler in der Mitte seines Lebens sich das ungeahnte Tor einer neuen Gestaltungsfreiheit aufstieß.
Nicht selten hat die große Präsenz der Narren und Harlekine im Lebenswerk des Leipziger Malers und Grafikers Werner Tübke zu Verwirrung geführt. Die zahlreichen Gemälde mit toten, beweinten Harlekinen, visionären Narrenfiguren und Zauberern regen an, die Figuren einerseits als historische Verrätselungen, Allegorien der Ratlosigkeit oder ganz allgemein als theatrale, tragische Gebärden zu verstehen. Hinter den Narren und Harlekinen verbirgt sich jedoch auch ein Schlüssel für das Verständnis seiner künstlerischen Selbstwahrnehmung. Mitte der 1950er Jahre hatte sich die SED-Führung nach den so genannten Formalismusdebatten 1948/49 bis 1953 auf das künstlerische Vorbild eines nationalen ‚Kulturerbes’ des Sozialistischen Realismus eingeschworen, der sich an der deutschen Renaissance mit Hans Holbein d. Ä. und d. J., Albrecht Dürer und der deutschen ‚realistischen’ Kunst des 19. Jahrhunderts, vor allem an Adolph Menzel, Ludwig Richter, Wilhelm Leibl und Anselm Feuerbach orientierte.
Zwei Reisen hatten auf die stilistischen und inhaltlichen Intentionen von Werner Tübke nachhaltigen Einfluss. 1961/62 reiste er durch kulturhistorisch bedeutende Städte der Sowjetunion, wonach ca. 150 Zeichnungen entstanden. Vor allem die bäuerlichen
Figurenstudien haben in ihrer zeichnerisch minutiösen Formensprache eine an Pieter Brueghel d.Ä. erinnernde Intensität. Die Landschafts- und Architekturmotive sind ganz vom unmittelbaren Augenerlebnis bestimmt und eröffneten dem Künstler eine völlig neue Dimension des Naturempfindens. Nach diesen Studien schuf er die Gemälde: „Selbstbildnis in Samarkand“ (1962), „Bildnis des Viehzuchtbrigadiers Bodlenkow“ (1962) und „Bauernmarkt in Samarkand“ (1963). Die zweite prägende Reise unternahm Werner Tübke nach Italien, als im Mai 1971 die Galerie del Levante in Mailand die erste Tübke-Ausstellung im Ausland eröffnete und ihm zum internationalen Durchbruch verhalf.

Von 1983 bis 1987 malte Tübke zusammen mit fünf ausgewählten Assistenten in Bad Frankenhausen an dem 14 x 123 m großen Panoramabild „Frühbürgerlichen Revolution in Deutschland“. Die Ereignisse der Revolutionen zur Zeit der Bauernkriege sollten als ideologisches Vorbild des DDR-Systems am historischen Ort ein Denkmal bekommen.
Werner Tübke machte sich den staatlichen Auftrag, dessen Geschichte bis in die 70 Jahre zurück reicht, zueigen. Er bestand darauf, das Werk in seiner eigenen Malweise und nach seiner eigenen Auffassung von Geschichte und Kunst auszuführen. Sieben Einzelwerke aus dem Zusammenhang seiner Beschäftigung für das Monumentalgemälde werden in der Ausstellung gezeigt. Diese Gemälde zeigen wie auch das Revolutionsbild dichte Personengeflechte und sind im gleichen thematisch Zusammenhang zu verorten.
Zahlreiche Selbstbildnisse oder die Bühnenbildentwürfe zu Carl-Maria von Webers Freischütz runden die konzentrierte Auswahl ab. Mitte der 1990er Jahre bot der Intendant der Bonner Oper, Gian-Carlo del Monaco, Werner Tübke an, die komplette Bühnenausstattung für seine Neuinszenierung von Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ zu übernehmen. Del Monaco beabsichtigte eine Synthese von Musik und Malerei. Tübke entwickelte keine übliche Kulissenmalerei sondern eine autonome Malerei die ganz dem Duktus der Tübkeschen Bildwelt entspricht. 1991/92 entstanden acht im Maßstab 1:20 ausgeführte Gemäldefassungen zur Premiere der Operninszenierung am 28. Februar 1993, die in der Tübke-Retrospektive zu sehen sind. Tübkes Bühnenbildentwürfe nehmen als intime Seelenlandschaften eine Schlüsselstellung zwischen dem Bad Frankenhausener Panoramabild und dem malerischen Spätwerk der 1990er Jahre ein.

Weitere Informationen unter: www.tuebke.org

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