Werbung

Neue Kommentare

Hamburger Architektur Sommer 2019

News-Port
Christoph Schlingensief hat über seine Krebserkrankung ein öffentliches Tagebuch geschrieben. Er hat den drohenden Tod zu Theater gemacht: Eine seiner Arbeiten zeigt dort, wo sonst in der Monstranz die Hostie steckt, ein Röntgenbild der Lunge. Man möchte die Formel vom "öffentlichen Sterben" gebrauchen, aber das trifft es schlecht. Schlingensief, der Umstrittene, hat das Gegenteil getan, er hat dem Sterben etwas entgegengesetzt: fast bis zuletzt sein sichtbares, trotziges Leben, dessen Grundpfeiler bekannte Größen waren: entwaffnende Offenheit und künstlerischer Wagemut.

Der Tod eines Menschen ist kein Kommentar-Thema. Aber Christoph Schlingensiefs Tod lässt einen Blick auf diese Gesellschaft zu, auf ihre Überforderung hinsichtlich eines Themas, das alltäglich sein sollte, aber so weit davon entfernt ist wie nie zuvor. In der Antike beschrieb man Tod und Schlaf noch als Zwillinge. Und der Dichter Matthias Claudius hat im Tod einen Freund gesehen. Das sind Vorstellungen, die unmöglich geworden sind für unsere Zeit, in der eine Größe stört, die nur für eines steht: das Ende. Christoph Schlingensief hat das sehr ehrlich und fast humorvoll benannt: "Ich bin nicht verbittert, aber ich bin beleidigt." In einer Gesellschaft, in der sich nicht nur die Kunst grenzenlos ausleben kann und der Mensch das Maß ist, fällt dem Tod eine Außenseiterrolle zu, die er früher nicht hatte. Er ist die Disziplin, die wir nicht beherrschen, die letzte unbekannte Größe. Täglich verlängern wir das Leben - ahnungslos, vor wem oder was wir Aufschub erlangen.

Seltsame Koexistenz von Tabu und Faszinosum: Dieselben Menschen, die über Wochen in aller Akribie das Sterben eines Papstes oder das Todesmysterium des King of Pop verfolgen, halten die Gegenwart eines verstorbenen Angehörigen keine Stunde aus. Es kann gar nicht schnell genug der Bestatter vorfahren. Zugleich prosperiert ein Markt, der noch im Tode Bedürfnissen von Unverwechselbarkeit Rechnung trägt, um nur nicht gegen den großen Gleichmacher zu verlieren. Wir gehen im Designer-Sarg und originellen Beisetzungs-Kreationen. Oder so, als ob wir gar nicht dagewesen sind: anonym. "Es kann doch nicht sein, dass nichts von einem bleibt, wenn man tot ist", war ein verzweifelter Satz, den Christoph Schlingensief zuletzt oft gesagt hat. Er hat alles getan, damit etwas blieb. Sonntagnacht schrieb jemand ins virtuelle Kondolenzbuch: "Hab' das Genie zu spät erkannt." Ein Satz, der auf tragische Weise passt in Schlingensiefs wütende Chronik eines zu frühen Abschieds.

Quelle: Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Mehr auf KulturPort.De

Am Sonntag, den 18. Oktober 2020, lud die Hamburgische Architektenkammer ihre Mitglieder zu einem ungewöhnlichen und besonderen Event: dem „Wandeln auf den Rampen“...

Es ist eine umfassende Würdigung des britisch-amerikanischen Filmregisseurs, der zugleich Drehbuchautor, Filmproduzent und Filmeditor war. 1899 im nördlichen...

Pablo Larraín kreiert „Ema” als hochexplosiven Mix aus Familiendrama, Tanzperformance, Selbstfindungstrip, Zorn, Zärtlichkeit, Erotik und Feuer. Der chilenische...

Der finnische Architekt und Möbeldesigner Alvar Aalto (1898-1976) gilt als „Vater des Modernismus“. Er schuf ikonische, organisch anmutende Gebäude, darunter...

Die wenigen Vorteile für Kulturbühnenbesucher in Corona-Zeiten sind bekannt: Das immer gleiche Angebot wird häufiger durchbrochen von Unbekanntem, von Stücken also...

Zunächst die gute Nachricht: Die Welt trägt nicht nur Maske – ein in COVID-19-Zeiten global als zivilisatorische Errungenschaft der Menschheit unerlässlicher...


Home     Blog     Kolumne     Reisen     NewsPort     Live

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.