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Offener Brief an den Senat der Freien und Hansestadt Hamburg

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Dienstag, den 13. April 2010 um 16:17 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ihre offiziellen Antwort auf die große Anfrage zur Situation der Jazzmusik in Hamburg kann vom Verband Hamburger Jazzmusiker »JazzHaus Hamburg« nicht unkommentiert hingenommen werden. Deshalb folgt in Kürze unsere Darstellung der Situation, die durchaus als Kritik an Ihrer sehr einseitigen und beschönigenden Beschreibung des Themas »Jazz in Hamburg« und Ihrer offensichtlichen partiellen Unkenntnis (»Der Senat hat sich hiermit nicht befasst.«) verstanden werden darf. In einer Studie von Roland Berger in 2007 zur Talentstadt Hamburg heißt es: »Die Politik ist für die Bedeutung von kreativer Vielfalt und Kreativwirtschaft bei der Umsetzung von politischen Entscheidungen stärker zu sensibilisieren.« Das möchten wir hiermit versuchen.
Scheut Hamburg seit der Roland Berger Studie in 2007 ein wenig das Benchmarking mit anderen Städten und geht deshalb auf den Vergleich mit Städten wie Paris, London, Kopenhagen und Amsterdam und auch deutschen Städten wie Berlin, Köln und München erst gar nicht mehr ein? (bezieht sich auf Antwort 2: »Die Jazzmusikszene Hamburgs weist Ausprägungen auf, die denen anderer großer deutscher Städte vergleichbar sind. Im Übrigen hat sich der Senat hiermit nicht befasst.«) Ein ernsthafter Vergleich hierbei wäre auch sofort verloren, weil alle der genannten europäischen Städte eine florierende Jazz- und Popularmusikszene von Weltruhm und eine exzellente Ausbildung an den jeweiligen Musikhochschulen und Konservatorien haben. Aber wozu nach den Sternen greifen... Ganz im Gegenteil vergleicht sich Hamburg bei der Rechtfertigung der geringen
Größe des Jazzstudiengangs an der HfMT (ca. 34 Studenten) lieber mit Bremen und Hannover (nicht mit Berlin und Köln, was der Einwohnerzahl nach angemessener wäre). Allerdings geht hierbei die Rechnung nicht auf, da Hamburg von 700 gesamten Studienplätzen mit 34 Jazzstudenten lediglich einen Anteil von 4,86% Jazz- und Popularmusikstudenten hat. Bremen liegt hier bei 7,45% (35 von 470) und Hannover bei 7,5% (90 von 1.200) [Quelle: Jazzinstitut Darmstadt].

In Antwort 4 wird die Bedeutung des Jazz in Hamburg auf die 1,7% am bundesweiten Gesamtumsatz der Phonoindustrie beschränkt. Jazz ist allerdings eine Live Musik und seine Szene ein musikalischer Kreativpool.
Die Kennzahl “Umsatzanteil am Phonomarkt” ist deshalb wenig aussagekräftig für die Bedeutung innerhalb der Stadt. Dass Umwegrentabilitäten in allen Kulturbereichen und auch beim Jazz eine sehr große Rolle spielen, muss hier erwähnt werden. Aber Hamburg fördert doch Live-Clubs. Der »Live Concert Account« wird erfreulicherweise mit 150.000 € ausgestattet. Lediglich die drei Jazzclubs (Cotton Club, Birdland und Stellwerk) profitieren allerdings von diesem Fonds, aber auch nur zu einem sehr geringen Teil, da die Clubs sehr klein sind und die GEMA Abgaben in Relation zu Knust, Übel & Gefährlich und Molotow kaum nennenswert sind. Ein Interesse und eine wirklich nachhaltige Förderung der Kunstform Jazz ist dadurch nicht einmal
annäherungsweise abzusehen. Zumal sich Jazz diesem Fall wieder einmal mit Popularmusik konkurrieren muss, die inhaltlich und wirtschaftlich ganz andere Ansprüche verfolgt.

Selbstverständlich sind die Grenzen zwischen Jazz und Pop fließend und nicht genau abzugrenzen. Das heißt aber nicht, dass man ein Genre einfach übergehen darf. Jazz ist eine eigenständige Kunstform, die eines gewissen Respekts und einer Wertschätzung bedarf und nicht als 1,7% am Gesamtumsatz abgetan werden kann. Städte wie Köln, Dortmund und München machen hierbei einen sehr guten Anfang mit der Förderung von Stadtgarten, Domicil und der Unterfahrt. Demgegenüber wird ein ebenso bundesweit und international renommierter Hamburger Club wie das Birdland keine Chance haben, wenn der ehrenamtliche Betreiber Dieter Reichert eines Tages in den »Club-Ruhestand« geht. Kleine Clubs, wie es die meisten Jazzclubs
sind, funktionieren finanziell leider vollständig anders und eine Gewinnabsicht kann ihnen eigentlich niemals unterstellt werden, solange sie nicht die Musik als Kunstform vernachlässigen wollen. Genau hier muss eine Förderung ansetzen und nachhaltig die schon seit Jahrzehnten geleistete Arbeit wertschätzen und unterstützen.

Dabei ist der »Live Concert Account« für Jazzclubs nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Jazz ist vor allem eine Musik, die mit und vom Publikum lebt. Und das Publikum interessiert sich zahlreich für diese Musik und all seine vielfältigen Verzweigungen. Das zeigen die 580 Veranstaltungen, die die drei Hamburger Clubs (Cotton Club, Birdland, Stellwerk) schon allein im letzten Jahr präsentiert haben. Die schwierige wirtschaftliche Lage der Jazzclubs ist kein Zeichen für eine zu geringe Auslastung oder ein mangelndes Interesse des Publikums, sondern Resultat einer Vielzahl struktureller Veränderungen in den letzten Jahren [vgl. (Über-)lebenkunst Live-Club (Michael Langkamp)/ Grin 2010]. Dem Publikum ist es nach wie vor ein gesellschaftliches Bedürfnis ist, sich mit inhalts- und anspruchsvoller Musik auseinanderzusetzen.
»Die zuständige Behörde hat die allgemeine Förderung von Übungsräumen für die Pop- und Jazzszene 2003 eingestellt, unter anderem weil die Nachfrage nach Mitteln zum Ausbau und zur Herrichtung in den vorangegangenen Jahren stetig abgenommen hatte. [...] Mit Wirkung vom 1. März 2010 wird auch die Kreativagentur bei der Vermittlung von Übungsräumen unterstützend
tätig sein können.«

Die bedauerliche Tatsache, dass die Nachfrage abgenommen hat, liegt allerdings ganz sicher nicht daran, dass es keinen Bedarf gibt, denn der ist nachweislich größer denn je; vor allem in Stadtteilen wie Eimsbüttel, Sternschanze, St. Pauli sind unzählige dort wohnende Musiker auf der Suche nach geeigneten Proberäumen und Studios ebenso wie Künstler auf der Suche nach Ateliers sind. Aber das Leerstandsproblem wurde von den Initiativen um das Gängeviertel und NIONHH bereits ausgiebig diskutiert. Es bleibt jedenfalls zu anzumerken: Bei den vielen Proberäumen und Studios ergeben sich ähnliche Kostenprobleme aufgrund von Wärmedämmung, Immissionsbestimmungen (Lautstärke), etc. wie bei Live Clubs, so dass es ganz sicher keine positive
Entwicklung für die gesamte Hamburger Musikszene ist, dass jegliche Übungsraumförderung eingestellt wurde. Ein Übungsraum ist für einen Musiker ist wie ein Atelier für einen Künstler. Es ist ein Arbeitsraum in dem sich viele Musiker täglich mehrere Stunden aufhalten. Übungsräume in stinkigen Kellern oder verschimmelten unbeheizten Bunkern - teilweise zu horrenden Mietpreisen (10€ pro m2 und mehr) oder gar hohen Stundenmieten - stellen eine unwürdige, unangemessene und verbesserungswürdige Arbeitssituation dar.


 
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